Was Ihnen Ihr Tangolehrer nicht erzählt… 23


Seit vielen Jahren staune ich immer wieder, was sich Männer alles ausdenken, um die Auswahl ihrer Tänzerinnen zu kontrollieren. Auf Gedeih und Verderb wollen sie verhindern, mal mit einer unbekannten Frau auf dem Parkett zu landen – schlimmstenfalls zu einer Musik, welche sie noch nicht hundertmal gehört haben. 

Anders lässt sich das erbitterte Gezerre um das „richtige“ Auffordern im Tango nicht erklären. Ansonsten könnte es einem doch zumindest egal sein, in welcher Weise andere zum Tanz bitten. Aber nein – dieser Sektor muss zur Vermeidung unerwarteter Ereignisse und des Sittenverfalls strengstens normiert und überwacht werden! So hat sich bei unserem Tanz geradezu eine Wissenschaft um das rituell korrekte Blinzeln entwickelt. Auch meine eigenen Erfahrungen belegen: Häretische Zweifler an solchen Verfahren werden in den sozialen Medien mit einer Aggressivität niedergemacht, als ginge es ums Leben. 

In der etwas milderen Variante bekennen Herren der Schöpfung zumindest, sie hätten eben ihre speziellen Lieblingspartnerinnen, mit welchen sie genau die Aufnahmen eines bestimmten Orchesters zu interpretieren wünschten – sozusagen also eine „D’Arienzo-Susi“ und „Di Sarli-Mandy“.

Aus langjähriger Erfahrung weiß ich: Dazu müssten die Tangoleute die betreffenden Orchester schon mal zuordnen können. Auf den durchschnittlichen Milongas aber haben locker geschätzte 99 Prozent aller Anwesenden davon nicht die Spur einer Ahnung (den DJ öfters eingeschlossen – aber bei dem steht‘s ja auf dem Bildschirm). Zweitens müsste man dazu tänzerisch in der Lage sein. Auch da: Fehlanzeige – in der Praxis sehe ich vorwiegend dieselbe Schrittchen-Schleicherei, egal zu welcher Musik. 

Daher meine ich: In Wahrheit ist es einfach die panische Angst von Männern, mit einer unbekannten Frau, die es wagt, sie einfach direkt aufzufordern, zu einer Musik, die ihnen eventuell nicht vertraut ist, auf die Piste zu müssen – und dort jämmerlich zu versagen. Vielleicht sogar, weil die Dame ziemlich selbstständige Sachen macht, anstatt sich willenlos dem zu ergeben, was viele Männer unter „Führung“ verstehen. Und alle rundherum sehen, welche Pappnase da gerade grandios scheitert

Ich muss bei diesem Thema stets schmunzelnd an eine Situation aus meiner Anfängerzeit denken, als mich auf einer Münchner Milonga unversehens eine junge, glutäugige Türkin aufforderte. Was dieser Wildfang in den nächsten zwölf Minuten trieb, werde ich nie vergessen: Grob gesagt (und das muss man hier) hat sie mich gnadenlos übertanzt, mich mehr als Ballettstange denn als lebendes Wesen benützt. Dabei war sie eine hervorragende Tänzerin, die halt mit einer gigantischen Energie zu Werke ging. Und vor allem schien sie vorauszusetzen, ich sei ein ebenso guter Tänzer!

Ich habe in dieser knappen Viertelstunde mehr gelernt als in allen Kursen zusammen – und möchte einiges davon weitergeben: 

 

Tipps zum Krisentango 

1.    Geben Sie in einer solchen Situation keinen Korb! Die Männer rundum, welche einen solchen Tanz wohl abgelehnt hätten, werden Sie dafür bewundern.

2.    Klar, man wird in der Folge erkennen, wo die Grenzen Ihrer tänzerischen Fähigkeiten liegen – nur: Das sieht ein Kenner auch, wenn Sie mit Ihrer Frau eine Dudeltango-Runde drehen – vielleicht sogar noch deutlicher.

3.    Bleiben Sie selbstbewusst und souverän! Irgendwelche Eiertänze, ob Sie es nun wirklich wagen sollten, sind kontraproduktiv. Erst recht Bekenntnisse, Sie seien noch Anfänger. Das wird eine erfahrene Tänzerin nach wenigen Schritten eh merken – oder sie hat Ihnen vorher bereits zugeschaut und weiß, worauf sie sich einlässt.

4.    Versuchen Sie keinesfalls, Ihre Partnerin zu kontrollieren! Das ist, falls sie gut und selbstbewusst tanzt, völlig aussichtslos. Wenn Sie ihr zu nahe kommen oder sie gar an Ihre Heldenbrust pappen, liegt die Aussicht, dass es hakt, bei hundert Prozent. Halten Sie lieber Abstand und geben ihr dadurch Freiräume für ihre Gestaltungsideen.

5.    Versuchen Sie zu erspüren, wie die Partnerin die Musik hört. Bei einem Leistungsgefälle sollten Sie sich daran anpassen.

6.    Denken Sie ja nicht an Ihre eigenen Schritte! Je mehr im Tango der eine Partner macht, desto weniger Choreografie sollte der andere einsetzen. Glücklicherweise sind ja viele Tangobewegungen nicht spiegelbildlich.

7.    Erspüren Sie, auf welchem Fuß die Dame jeweils steht, und bieten Sie ihr auf dieser Basis simple Bewegungsoptionen an. Was sie dann daraus macht, ist ihre Sache.

8.    Lassen Sie sich nicht auf ein hektisches Gerenne ein! Tanzen Sie nur die Hauptschläge und bieten Sie Pausen an. So haben Sie bessere Chancen, die Übersicht nicht zu verlieren und stabil zu bleiben.

9.    Halten Sie den Kontakt – aber nicht mittels Klammerns, sondern indem Sie auf Abstand erkennen, wohin die Reise geht. Diese Mischung aus Freiheit und Miteinander ist eine Droge, auf die wirklich tolle Tänzerinnen stehen.

10. Natürlich wird bei diesem Wagnis einiges schiefgehen. Bleiben Sie konzentriert, statt irgendwelche Entschuldigungen zu stammeln – eine sehr gute Tanguera legt darauf überhaupt keinen Wert, weil sie mit allen Sinnen beim Tanzen ist. Und sie wird auch keine Belehrungen versuchen.

11. Unbedingt sollten Sie die räumliche Übersicht bewahren, damit es bei aller Turbulenz zu keinen Zusammenstößen kommt. Eine erfahrene Tänzerin wird Sie dabei unterstützen.

12. Vergessen Sie nicht die Außenwirkung! Bei allem, was passiert, müssen Sie so gucken, als hätten Sie es geführt. Da viele Tangueros glauben, die Frau dürfe nur das tanzen, was sich der Mann einbildet, werden Ihre Konkurrenten Sie hemmungslos beneiden! 

Falls Sie es noch nicht gemerkt haben: Klar, bei solchen Tänzen führt vorwiegend die Frau. Na und? Ich bin immer froh, wenn ich mir nicht auszudenken brauche, was meine Partnerin macht, sondern kreativ darauf reagieren kann. Sie müssen sich nur von der Zwangsvorstellung befreien, alles kontrollieren zu müssen. Ganz viel Krampf und Frust auf dem Parkett resultieren genau daraus.

Dieses Konzept hat wenig mit dem zu tun, was Sie bislang im Tangounterricht gelernt haben? Stimmt. Genau deshalb haben ja viele Männer eine panische Angst davor, mal mit einer fremden Frau zu ungewohnter Musik zu tanzen. Das ließe sich ändern.

Ich hatte im Tango einige Schlüsselerlebnisse dieser Art. Zu meinen Anfangszeiten sah ich einmal im Deutschen Theater eine Tangoshow von Martha Giorgi mit einem angeblich berühmten argentinischen Milonguero. Der war locker an die Achtzig, mindestens einen Kopf kleiner und kugelrund. Mein spontaner Reflex: Der Arme – wie will der das ohne Blamage schaffen? Sein Bewegungsvermögen war tatsächlich geriatrisch eingeschränkt, aber: Er behielt stets die Übersicht, begleitete mit winzigen, aber genial musikalischen Impulsen das Feuerwerk, das seine Partnerin abbrannte. Irgendwie „führte“ er schon, aber ohne sich im Mindesten darum zu kümmern, was die Tänzerin im Detail machte. Die beiden verstanden sich dennoch blind, der Eindruck war eine perfekte Harmonie.

Ich habe über diesen Tanz lange nachgedacht – ebenso über den mit der glutäugigen jungen Türkin, die übrigens ganz zufrieden schien (oder halt höflich war). Was ich in solchen Momenten gelernt habe, ist mit Geld nicht zu bezahlen – und es kostete auch nur einen Milonga-Eintritt. Daher weiß ich: Bei solchen „Krisen-Tangos“ lernt man auf ziemlich heftige Weise – so wie ich übrigens auch das Schwimmen: Nachdem es meinem Vater nicht gelungen war, mich mit seinen Instruktionen weiterzubringen, schafften das meine Klassenkameraden mühelos: Mit einem Arschtritt, durch den ich im Freibad ins Schwimmerbecken flog und selber wieder aus dem Wasser kommen musste.

Glücklicherweise besteht ja momentan dank Corona nur eine geringe Gefahr, von einer fremden Tänzerin aufgefordert zu werden. Nutzen Sie diese Zeit! Ein Vorschlag dazu: Spielen Sie den folgenden, ziemlich schwierigen Vals täglich einmal ab, rollen Sie den Wohnzimmerteppich weg und versuchen Sie, dazu passende Bewegungen zu machen. Bereits nach wenigen Monaten sind Sie dann bereit zu einem „Krisen-Tango“. 

Den Einwand, nach der Zeit hinge Ihnen diese Musik zum Hals heraus, lasse ich nicht gelten: Das Problem habe ich  mit „Soñar y nada mas“ seit vielen Jahren. Also:

Schwimmflügel weg und Sprung!


Kommentare

  1. Ich empfehle den betroffenen Herren - zusätzlich zum obigen Text - Passionsblume: angstlösend und herzensberuhigend.
    Herzliche Grüße
    aus der Hexenküche
    Manuela

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    1. Herzlichen Dank für den Tipp!
      So hilfreich kann die Naturheilkunde auch beim Tamgo sein...

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    2. Eine orthografischer Fehler - auf Deutsch: Das, was bei Ihnen durchschnittlich dreimal pro Zeile vorkommt.

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  2. Hi Gerhard,

    fast Zustimmung. Nur der Punkt 12: "Vergessen Sie nicht die Außenwirkung!", nun ja, wie soll ichs sagen: die ist mir sch..egal ...

    Ciao, Robert

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    1. Lieber Robert,

      umso besser, dann musst du es nicht vortäuschen!

      Beste Grüße
      Gerhard

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    2. Und genau da fängt Tanz an: wenn mir die Außenwirkung egal ist und ich ganz bei mir bzw. uns und der Musik bin. Dann kommt Ausdruck in den Tanz. Im Idealfall das, was wir beide bei der Musik empfinden. Oder wenn ich Glück habe und einen Partner, der mir Luft lässt, dann eben mein Empfinden. Oder im worst Case eben seines....wenn ich mich darauf einlassen und mich führen lasse. Das fühlt sich dann nicht nur toll an, es macht auch Anderen Spaß beim Zuschauen. Weil es eben nicht darum geht, zu zeigen, was man für tolle Schritte und Moves man gelernt hat (das wäre für mich Außenwirkung 😉).
      Da können dann schon mal Kommentare kommen wie: "sooo schöön" oder: "da traut man sich fast nicht mehr hinschauen, ihr ward so versunken, da hatte man das Gefühl zu stören.....und das bei einem einfachen Eintanzen im Chaos hinter der Bühne vor einer Show.
      Und noch ein Seitenhieb auf meine Rollengenossinnen: ich finde es extrem arrogant und unverschämt, einen Tanzpartner spüren zu lassen, er wäre nicht gut genug. Ermuntern wäre zielführender. Wir wollen doch mehr gute Führende, also müssen die noch nicht so guten doch Chancen bekommen zu üben.

      Jm2c
      Carmen

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    3. Auf jedem Fall geht es zunächst um die Verständigung im Paar, die Außenwirkung ergibt sich dann - oder eben nicht. Das kann ich auf jeden Fall bestätigen.

      Und ja, ich finde es ebenso arrogant, einen Tanzpartner spüren zu lassen, er (oder sie) sei nicht gut genug. Generell ist Ranking oft der Beginn allen Übels.

      Herzlichen Dank für den Beitrag!

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