Samstag, 30. Juli 2016

Liebes Tagebuch… 23



Mit „Tangofreunden“ ist das so eine Sache. Gestern erreichte mich – als Antwort auf meine Einladung zu unserer „Wohnzimmer-Milonga“ – eine bemerkenswerte Mail:

„Hallo Gerhard,
kannst Du mich bitte von Deiner Verteilerliste nehmen?
Ich glaube nicht, dass Du mich mit meinem Verständnis von Tango wirklich in Deiner Milonga haben willst.
Schöne Grüße
(…)“

Den Betreffenden kennen wir schon viele Jahre von unseren Tangoausflügen in eine bestimmte Region – inklusive Verknüpfungen zu gewissen, ebenfalls mit uns bekannten anderen Tangomenschen. Gegenbesuche auf Milongas in unserer Nähe (oder gar auf unseren eigenen Veranstaltungen) sind mir nicht erinnerlich.

Von meinem Tangobuch weiß diese Person wohl seit 2010, und zumindest seine ehemalige Partnerin hat es bei mir gekauft. (Die tanzt übrigens alles andere als „brav“ – oder bin ich da auch nicht mehr auf dem neuesten Stand?) So sollten ihm eigentlich meine Sichtweisen seit Jahren bekannt sein. Dennoch begrüßte er uns stets sehr herzlich und tanzte auch gerne mit meinen Begleiterinnen. Und ich sah ihn durchaus auch auf Milongas, wo mehr aufgelegt wurde als traditionelle Musik.

Wer oder was hat sich da eigentlich geändert?

Meine Beantwortung seiner Mail fiel ebenfalls relativ knapp aus:

„Hallo (…),
ok, mache ich natürlich.
Allerdings darf bei uns jede/r ganz ohne ‚Gesinnungskontrolle‘ mitmachen - und tanzen, was und wie er will.
Beste Grüße
Gerhard“

Wider Erwarten erhielt ich doch noch eine weitere Reaktion:

„Hallo Gerhard,
als typischer Encuentro-Tänzer kann ich das kaum glauben.
Sehe mich da in Euren Posts eher als Ziel von zynischem Hohn und Spott.
Es gibt ja Gott sei Dank genügend Veranstaltungen, wo jeder ‚seinen‘ Tango so genießen kann, wie er ihn versteht.
Schöne Grüße (…)“

Meine Antwort:

„Hallo (…),
dass Du mittlerweile ein ‚typischer Encuentro-Tänzer‘ bist, wusste ich nicht. Wir kennen Dich als langjährigen Gast ‚normaler‘ Milongas.
Ich wüsste nicht, dass ich Dich in meinen Texten einmal persönlich angegriffen hätte. Dass Encuentros nicht die Veranstaltungen sind, die meinem Tangoverständnis entsprechen, ist klar und den satirischen Grundton meiner Veröffentlichungen finden die einen witzig, die anderen zynisch Geschmackssache. Jeden Einzelnen zu verdammen, der an solchen Veranstaltungen teilnimmt, ist jedoch nicht meine Sache.
Wenn ich mich zu einem solchen Treffen anmelden würde, wäre meine Erwartung, dass man mich nicht wegen meiner Artikel ausschließt so wie ich mich in dem Fall selbstredend an die dortigen Gepflogenheiten halten würde.
Und jeder, der sich zu unserer Wohnzimmer-Milonga anmeldet, muss natürlich mit unserer Musik klarkommen. Welche Einstellung er ansonsten zum Tango hat und was er von Leuten wie mir hält, ist seine Privatsache und wird von uns nicht hinterfragt.
Insofern bitte ich, meine allgemeinen Überzeugungen nicht auf mein Verhältnis zu individuellen Personen herunterzurechnen.
Andere mögen so denken und das dann auf mich projizieren - umgekehrt ist dies aber nicht der Fall.
Beste Grüße
Gerhard“

Danach: Sendepause – und das war es dann wohl auch…

Ich würde mich freuen, wenn man bei meinen Veröffentlichungen zwei Punkte trennen könnte:

·         Kritik an einzelnen Menschen – diese setze ich lediglich in zwei Fällen ein: Bei Personen, die anonym oder unter Pseudonym schreiben. In diesem Fall gibt es ja keine Privatsphäre, die ich verletzen könnte. Oder wenn der Betreffende für sich öffentlich wirbt, besonders, wenn diese Darstellung eher aggressiv oder hoheitsvoll daherkommt.
·         Allgemeine Überzeugungen, welche – zugegebenermaßen – bei mir häufig mit einem kräftigen Schuss Satire versehen sind (die man je nach Geschmack lustig, unterhaltsam oder böse bzw. zynisch nennen kann). Dass sich dann jeder Einzelne – gerade, wenn wir uns privat kennen und mögen – diesen Schuh anziehen muss, ist jedoch absolut freiwillig und seine Entscheidung.

Ich stelle mir einmal vor, wie mit der obigen Person ein entsprechender direkter Dialog auf einer Milonga verlaufen wäre. Vielleicht so:

„Wo treibst du dich denn derzeit im Tango rum?“
„Seit einiger Zeit eher auf Encuentros, aber auf die bist du ja wirklich nicht gut zu sprechen.“
„Na ja, das ist nicht die Szene, wo ich den Tango finde, welcher mich fasziniert. Aber wenn’s dir Spaß macht…“
„Da fühle ich mich von deinen Texten aber schon auch persönlich angegriffen.“
„War nicht meine Absicht, einzelne Menschen herunterzumachen. Übrigens, wenn du mal auf unsere Wohnzimmer-Milonga kommen möchtest – gerne!“

Beim nächtlichen Grübeln über diese Auseinandersetzung fiel mir ein Zauberauftritt ein, den ich vor vielen Jahren im Kloster Scheyern hatte: Da stand ich im ehrfurchtgebietenden Kapitelsaal vor dem versammelten Kollegium der Patres und Fratres mit dem Herrn Abt in der Mitte. Angesichts der ungewöhnlichen Situation stach mich gewaltig der Affe (vor zwanzig Jahren war ich noch weit krasser drauf als heute) – und so ließ einige ziemlich harte Anspielungen auf die katholische Kirche los: Für das, was ich hier triebe, so bekam die werte Geistlichkeit gesagt, hätte man mich wohl vor ein paar Jahrhunderten an gleicher Stelle verbrannt. Und selbstredend ließ ich es mir nicht nehmen, Wasser in Wein zu verwandeln – mit entschuldigendem Blick nach oben: „War nur Spaß…“

Und wie reagierten die Klosterbrüder? Sie lachten sich schlapp, ich erhielt nicht nur großen Applaus, sondern eine fette Gage sowie eine handschriftliche Widmung vom Abt persönlich.

Diese Erfahrungen habe ich mit Ordensleuten öfters gemacht. Nie vergessen werde ich auch eine Faschings-Zaubervorstellung in einem katholischen Waisenhaus, bei der die leitende (noch recht junge) Ordensschwester sich in ein ziemlich heißes Kostüm mit Netzstrümpfen geworfen hatte und nach dem Auftritt noch ein Tänzchen mit mir wagte. Warum auch nicht? Gefährdet das ihren Glauben oder die Profess?

Ich glaube, das Schlüsselwort für beide Fälle lautet „Souveränität“ – eine Sache zwar überzeugt zu vertreten, sich aber nicht für jeden Käse persönlich haftbar machen zu lassen, den der eigene Laden halt auch zu bieten hat (oder hatte). Und über (sogar mal deftige) Anspielungen im Zweifel lieber herzhaft zu lachen als die – ziemlich unattraktive – beleidigte Leberwurst zu geben.

Und bei aller Kritik an unseren christlichen Kirchen: Wie wäre es mir bekommen, wenn ich bei einem Auftritt in einer Moschee ähnlich freche Sprüche über den Islam gerissen hätte?

Was halten unsere bayerischen Politiker da eigentlich jedes Jahr auf dem Nockherberg aus? Und die Attacken dort sind sogar wirklich höchstpersönlich! Natürlich steckt da nicht nur der (zumindest fallweise zu vermutende) individuelle Humor dahinter, sondern auch das schlaue Kalkül, die eigene Sache dadurch attraktiv zu machen, indem man lieber lächelt, statt in zornige Grimassen zu verfallen.

Dies vielleicht als nützlicher Tipp an unsere Freude der geschlossenen Tangoveranstaltungen – ein bisserl weniger „Wagenburg-Mentalität“ würde euch mehr Sympathien einbringen!

Oder schreibt’s doch mal eine wirklich gelungene Satire über den Gerhard Riedl…

P.S. Und seit gestern Abend hätte ich unserem ehemaligen Tangofreund wegen der „Wohnzimmer-Milonga“ eh absagen müssen: Wir sind mal wieder mehr als „ausgebucht“!

Freitag, 29. Juli 2016

Gerlinde übt jetzt Tango



Bekanntlich achtet man im traditionellen Tango streng darauf, dass die ausgewählte Musik ja nicht zu schwülstig, dynamisch oder gar sinnlich daherkommt. So legt man, wenn überhaupt, von sehr gefühlvollen Tangos stets die bravste Version auf.

Ein Problem, dem man sich allerdings dringend einmal stellen müsste, sind die Texte. Es hilft ja nichts, wenn das EdO-Orchester wunderbar dramatische Titel in einen konstant dudelden (und damit „tanzbaren“) Vierviertelrhythmus zwingt und der Sänger in ja nicht abweichender Metrik dazu seinen Text knödelt – genau der enthält ja meist Aussagen, welche alles andere als nett und spießig sind: Da wird von Armut, Verzweiflung, Eifersucht, Mord und Totschlag erzählt, dass es eine wahre Freude ist!

Somit eröffnet sich die große Aufgabe, die Worte der Tangos der heutigen, konservativen Szene anzupassen.

Im Bewusstsein meiner Gesamtverantwortung habe ich nun den ersten Schritt dazu getan und den allseits bekannten Tango „Malena“ (von Lucio Demare und Homero Manzi) aus dem Jahr 1942 (also sowas von EdO) bearbeitet.

Zum Hintergrund:

Die „Malena“ des Stückes hieß in Wirklichkeit Elena Tortolero und machte unter dem Namen „Helena de Toledo“ in Brasilien Karriere als Unterhaltungssängerin. Neben anderen Genres nahm sie auch Tango in ihr Repertoire auf. Auf einer Reise hörte Homero Manzi sie in einem Nachtclub und war so fasziniert von ihrer Ausstrahlung, dass er umgehend den Text verfasste und ihn an den Komponisten Lucio Demare schickte. Das fertige Produkt erhielt dann der Orchesterchef Aníbal Troilo, der das Stück zur Karnevalssaison (gesungen von Francisco Fiorentino) herausbrachte. Angeblich erfuhr Elena Tortolero von ihrer Beziehung zu dem Titel, machte davon aber nie werbungsmäßig Gebrauch.


Zunächst nun der Originaltext:   

Malena canta el tango como ninguna                  
y en cada verso pone su corazon.                         
A yuyo del suburbio su voz perfuma,                   
Malena tiene pena de bandoneon.

Tal vez, alla en la infancia, su voz de alondra    
tomo ese tono oscuro del callejon,                     
o acaso aquel romance que solo nombra          
cuando se pone triste con el alcohol.
                
Malena canta el tango con voz de sombra;
Malena tiene pena de bandoneón.
                   
Tu cancion
tiene el frio del ultimo encuentro,
tu cancion
se hace amarga en la sal del recuerdo.

Yo no se                                                                  
si tu voz es la flor de una pena,
solo se que al rumor de tus tangos, Malena,
te siento mas buena,
mas buena que yo.
                                                
Tus ojos son oscuros como el olvido,               
tus labios, apretados como el rencor,
tus manos, dos palomas que sienten frio,
tus venas tienen sangre de bandoneon.

Tus tangos son criaturas abandonadas
que cruzan sobre el barro del callejon,
cuando todas las puertas estan cerradas
y ladran los fantasmas de la cancion.

Malena canta el tango con voz quebrada;
Malena tiene pena de bandoneon.

Nun die von mir bearbeitete deutsche Übersetzung (wegen der Metrik mit einigen kleinen „dichterischen Freiheiten“):

Malena singt den Tango wie keine andere,
in jeden Vers legt sie ihr Herz hinein.
Nach Unkraut in der Vorstadt duftet ihre Stimme,
Malena hat den Schmerz des Bandoneóns.
  
Vielleicht in ihrer Kindheit nahm ihre Lerchenstimme
den dunklen Ton der Gasse auf einmal an,
oder war es die Romanze, die wir nur hören,
wenn Alkohol sie wieder ganz traurig macht.

Malena singt den Tango mit Schattenstimme,
Malena hat den Schmerz des Bandoneóns.

Dein Gesang
hält die Kälte der letzten Begegnung,
dein Gesang
schmeckt das bittere Salz der Erinn’rung.


Ich weiß nicht,
ist deine Stimme nur Blume des Unglücks,
ich weiß nur, bei dem Klang deiner Tangos, Malena,
fühl ich, du bist besser,
viel besser als ich.

Deine Augen sind so dunkel wie das Vergessen,
deine Lippen eng und hart wie ein Groll.
deine Hände wie zwei Tauben, kalt und frierend,
in deinen Adern fließt das Blut des Bandoneón.

Deine Tangos sind verlass’ne Kreaturen,
kreuzen im Schlamm der Gasse deinen Weg,
wenn alle Türen versperrt dir bleiben,
und die Gespenster bellen in deinem Lied.

Malena singt den Tango in gebroch’nen Tönen,
Malena hat den Schmerz des Bandoneóns.


Es ist demnach klar erkennbar, dass dieser hitzige, exhibitionistische Text rein gar nichts auf einer traditionellen Milonga verloren hat. Daher nun meine für die heutige Tangoszene viel passendere Version:

Gerlinde übt jetzt Tango in der Volkshochschule,
und sie macht nun gar schon den zweiten Kurs.
Nach Seife duften sie, die dort’gen Räume,
bei grellem Neonlicht und Schrammelklang.

Gerlinde wollt schon immer das Tanzen lernen,
doch das mit dem Ballett ging früher schief,
und auch vom blöden Tanzkurs in ihrer alten Schule
erzählt sie nur beim Pegel ab zwei Promille.

Gerlinde übt den Tango mit viel Verspannung,
Gerlinde hat’s im Kreuz, wenn sie es tanzt.

O, dein Tanz
ist ein Aufguss von vielen Figuren,
o, dein Tanz
klappt halt nur, wenn man dich führt zu jedem Schrott.

Ich weiß nicht, ob der Kurs wirklich so einen Sinn macht,
ich weiß nur, beim dem Gestolper deiner Tangos, Gerlinde,
fühlst du dich weit besser,
viel besser als ich.

Deine Augen sind so leer, bist nicht musikalisch,
die Lippen eng und hart so wie ein Groll.
deine Hände wie zwei Tauben, kalt und frierend,
ich kriege einen Herzschlag, wenn du so tanzt.

Deine Tangos sind blutleere Kreaturen,
die dir dein Lehrer hat so beigebracht.
So ist er mit schuld an deinen Tänzen,
ich fürchte leider schon, er hat’s vergeigt.

Gerlinde tanzt den Tango mit viel Gestolper,
ich glaub‘, ich meld mich ab jetzt von diesem Kurs!

Abschließend noch ein Vergleich der historischen Version von „Malena“ mit einer modernen (welche man selbstredend auf deutschen Milongas kaum hört):


Dienstag, 26. Juli 2016

Hausverbot und Boykottaufruf durch Cassiel


„Immer noch werden Hexen verbrannt auf den Scheiten der Ideologie. Irgendwer ist immer der Böse im Land, und dann kann man als Guter und die Augen voll Sand, in die heiligen Kriege ziehn.“
(Konstantin Wecker: „Hexeneinmaleins“)

In der laufenden Diskussion auf dem „tanzmitmir-Forum“ hat Kollege Cassiel nun ein neues Thema entdeckt: Ich würde ein System von Drohungen oder eigener Prominenz im Tango etablieren wollen“.

Hintergrund ist mein Artikel „Finger weg von den DJs!“, in dem ich die Möglichkeit andeute, einmal Ross und Reiter zu nennen, falls weiterhin Druck auf Leute ausgeübt wird, die nicht hundertprozentig traditionskonform auflegen. Hierzu noch einmal zur Klarstellung: Kein Mensch verbietet es einem Veranstalter, die ihm genehmen DJs zu wählen und das Musikprogramm zu bestimmen. Die Auswüchse, die ich in meinem Text (und im obigen Diskussionsstrang) beschrieben habe, sind im Einzelfall allerdings skandalös. Und, auch das ist für mich selbstverständlich: Persönliche Bezüge würde ich nur veröffentlichen, falls ich dazu das Okay eines DJs bekäme, sein diesbezügliches Erlebnis zu schildern.

Für Cassiel natürlich die willkommene Gelegenheit, mein Blog als „Internetpranger“ zu bezeichnen – wobei ich da ja nur beim Erfinder lernen könnte: Wer trommelt denn seit sechs Jahren gegen meine Tangobücher, gegen jedes Video, das ich ins Netz stelle, gegen viele meiner Blogtexte, lässt bis heute auf seiner Internetpräsenz Beleidigungen und falsche Tatsachenbehauptungen dazu stehen? Aber nein, das ist selbstredend kein Pranger, sondern nur ein Blog, auf dem sich rechtschaffene Menschen respektvoll über Tango austauschen…

Aktuell hängt sich der Schöpfer der sachlichen Debatte nun an einen Kommentar von mir auf, den ich kürzlich auf der Seite des Bloggers Yokoito eingestellt habe. Der beklagt sich in seinem letzten Beitrag (https://tangoblogblog.wordpress.com/2016/07/24/alles-fit-im-tangoschritt/) über gewisse Schattenseiten seines Pseudonyms. Er habe schon daran gedacht, es aufzugeben, andererseits aber habe er „keine Lust, Leuten in meinem Umfeld irgendwie das Gefühl von Potentiell-beobachtet-werden zu verpassen“.
 
Meine etwas launige Antwort dazu war: „Die Leute in meinem Umfeld kommen mit der Möglichkeit, beobachtet zu werden, ganz gut zurecht. Manche DJs legen aus Verzweiflung sogar mal eine moderne Tanda auf – also, ich kann die Unanonymität nur empfehlen!“

Morgenluft witternd stellte mir Cassiel dazu (auf dem obigen Forum) die Frage:
Vielleicht erklärst Du Deine Zeilen bei Yokoito noch einmal näher (Zitat siehe oben). Geht es jetzt darum, durch Deine Anwesenheit und durch die Drohung, Dein Blog zu einem Internetpranger umzubauen, die DJs (aus 'Verzweifelung') dazu zu bringen, Deine bevorzugte Musik zu spielen?“

Meine Antwort:
„Allerdings – und niemanden hat das mehr überrascht als mich – habe ich, seit mein Blog eine ziemliche Verbreitung hat, manchmal den Eindruck, man wäre seitens der Organisatoren einer Milonga noch netter zu mir als früher – und die DJs würden sich manchmal noch mehr Mühe geben. Ist eh nicht beweisbar, und in der zugegeben etwas flockigen Formulierung nur für den verständlich, der bei der göttlichen Ausgießung des Humors nicht völlig leer ausgegangen ist. Und was soll's, mich freut's - und ich muss doch eh aufpassen, dass sich mein Tango nicht negativ verändert...
Selbstredend übte und übe ich keinen Druck auf DJs aus – würde sonst den Sinn meines Blogtextes komplett auf den Kopf stellen. Die von mir engagierten Gast-Aufleger kriegten und kriegen null Vorgaben. Wenn andere aber ihr Mobbing auf diese Leute nicht einstellen (und ich erhielt erst in den letzten Tagen wieder eine entsprechende Nachricht), wird es allerdings in der Hinsicht Ärger geben – versprochen!“

Nun war für den „Erfinder des Tango-Internetprangers“ die volle Fahrt erreicht:

„Du drohst also mit Veröffentlichung von Dir nicht genehmen Umständen unter Nennung von Namen und Ort (also kurz: dem Internetpranger). Gleichzeitig meinst Du wahrzunehmen, Du würdest von Veranstaltern hofiert und DJs würden sich ‚mehr Mühe geben‘. Und Du bist tatsächlich der Meinung, das würde nur aus ehrerbietenden Motiven passieren? Nicht etwa, weil Du drohst, angebliche Missstände öffentlich zu machen? Das finde ich interessant."

Schon interessant: Was ich eher witzig meinte, nimmt Freund Cassiel nun bierernst. Nach seiner Ansicht sind etliche Milonga-Organisatoren wohl angepasste Kriecher: Nur um Verrisse von mir zu verhindern, würden sie mich nett behandeln. Nein, werter Mitblogger, da habe ich schon ein positiveres Menschenbild in unserem heißgeliebten Tanz! Und bei der Kausalität beißt's sich auch: Obigen Eindruck habe ich schon ein, zwei Jahre - und den betreffenden Text veröffentlichte ich vor einigen Tagen. Aber was nicht passt, wird halt passend gemacht...

Aber offenbar hat seine neue Rolle als Ausrichter von Milongas seinem Ego sehr gut getan:
"Um nur kurz für mich als Veranstalter zu sprechen. Solltest Du zukünftig Einlass in eine von mir organisierte Milonga begehren, werde ich Dir freundlich an der Kasse erklären, dass ich keine Menschen in meiner Milonga möchte, die ein System von Drohungen oder eigener Prominenz im Tango etablieren wollen. Du wirst dann wohl umstandslos wieder gehen müssen. So einfach ist das …
Ich bin gespannt, ob ich der einzige Veranstalter bleibe, der so auf Dein Agieren reagiert.“

Aha, Androhung eines Hausverbots plus Boykottaufruf… Na gut.

Die Begründung finde ich possierlich: Ich wolle also ein System von eigener Prominenz im Tango etablieren“ – selbst wenn das meine Absicht wäre, würde mich das keinen Deut von der Masse der „VIPs“ hierzulande unterscheiden. Und „Drohungen“?

Bereits am 29.3.13 schrieb Cassiel auf seinem Blog:
„Ich gebe offen zu: Wenn ich Veranstalter wäre und jemand fiel durch übermäßig rücksichtsloses Tanzen auf, dann würde ich versuchen, diese Person diskret anzusprechen (und wenn es nach der zweiten oder dritten Bemerkung nicht besser wird, dann müsste ich den unangenehmen Weg gehen und diesem Störenfried sein Eintrittsgeld zurückzuerstatten und ihn bitten, die Milonga zu verlassen).“

Inzwischen scheint die Radikalisierung drastisch vorangeschritten zu sein: Nun langt es nicht mal mehr, sich auf einer Tangoveranstaltung regelkonform zu benehmen – nein, bereits eine aufrührerische Gesinnung reicht zum Rausschmiss!

Na gut, mal sehen, ob sich weitere Veranstalter dem anschließen – wenn nicht, würde der Gute allerdings sein Pseudonym gefährden…

Ich habe mir natürlich schon lange überlegt, was ich tun würde, wenn der „Fall der Fälle“ einmal einträte: „Umstandslos gehen“ sicherlich nicht. Da würde ich vor Ort schon mal geklärt haben wollen, ob die Veranstaltung öffentlich ist (also mit GEMA-Anmeldung und so…) und der Hansel an der Kasse tatsächlich berechtigt ist, das Hausrecht auszuüben. Dabei hilft sicherlich gerne die von mir dazu gebetene Polizei: Die klärt solche Fragen sachlich, nimmt ein Protokoll auf und führt den sogenannten „Adressenaustausch“ durch. Somit kriege ich vom Inhaber des Hausrechts eine ladungsfähige Anschrift für meine anschließende Zivilklage gegen diese Maßnahme inklusive Schadenersatzforderung für die Anfahrt.

Und ich hätte seitenweise neue Themen für mein Blog - und mein Anwalt die Aussicht, in die Rechtsgeschichte einzugehen. Einen solchen Fall dürfte es weltweit noch nie gegeben haben...

Der Vollständigkeit halber: Natürlich vergelte ich nicht Gleiches mit Gleichem – sollte der werte Blogger (und jetzt auch Veranstalter) sich einmal für unsere Pörnbacher Milonga anmelden (mit oder ohne Pseudonym), darf er selbstredend (so noch Plätze frei sind) gerne teilnehmen! Schließlich veranstalten wir keine „Gesinnungsmilonga“…

Und daher lassen wir lieber (siehe Schluss) den Wecker singen.

P.S. Was ich immer wieder besonders eindrucksvoll finde, ist mir gegenüber die Androhung sozialer Isolation, eine Klaviatur, welche Cassiel und Konsorten perfekt beherrschen: Übrigens kann ich mir kaum einen Veranstalter vorstellen, der große Freude an Prozesshanseln unter seinen Gästen hat (und Tangueras, die mit solchen Zeitgenossen gerne tanzen kann ich mir auch kaum vorstellen)."

Na ja, Prozesshansel... ich habe in 65 Lebensjahren nun genau einen Prozess geführt - zu einem beruflichen, tangofreien Thema. Und - o je, keine Möglichkeit mehr, zum Tanzen zu gehen, und auch mit den 72 Jungfrauen ist es nun Essig - und das nur durch ein Donnerwort aus Pseudonymistan... Schon schlimm! 

Quelle:
http://www.tanzmitmir.net/tanzpartner-boerse/viewtopic.php?t=18165&start=45