Mittwoch, 27. Mai 2015

Die verbogenen Regeln einer Milonga



Derzeit vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo im Netz ein Beitrag zu den Códigos der Milonga veröffentlicht oder verlinkt wird. Gerade wieder hat dies ein bekannter Tango-DJ, der es früher mit ziemlich unbraver Musik so richtig krachen ließ, auf Facebook unternommen, da er inzwischen ins Lager der „Law and Order-Fraktion“ gewechselt ist. Der Jubel aus dem Netz war vorprogrammiert nach dem Motto: „Wir brauchen eine Anarchie – aber mit einem starken Anarchen!“
 
Es handelt sich um einen Text von Jean-Michel Ledeur, den der Schweizer Tangoblogger Patrick Rudin (nach wilder Salsa-Vergangenheit nun wohl ebenfalls ins Encuentro-Lager gewechselt) übersetzt und auf sein Blog gestellt hat:
http://tangoblog.ch/texte/regeln.html
Unter dem Titel „Die offensichtlichen sowie die verborgenen Regeln einer Milonga“ wird hier ein Konglomerat aus Selbstverständlichkeiten, ziemlich angreifbaren Einschränkungen und besserwissender Geheimnistümelei angeboten. Zum anfänglichen Statement, das sich durch den gesamten Artikel zieht, hat man nach bewährter Masche mal wieder einen „alten Milonguero“ aus dem Pflegebett gehoben und zum Sprechen gebracht: „Bailar bien no es igual que saber milonguear"  - soll heißen, gut zu tanzen ist nicht dasselbe wie zu wissen, wie man, na ja, „milongiert“. Dieser (kaum übersetzbare) Begriff umschreibt ein Verhalten, welches sich im Grunde erst den erleuchteten Mitgliedern derjenigen Loge von Tänzern erschließt, welche nach Verinnerlichung aller verborgenen Regeln eine höhere Bewusstseinsebene erlangt haben.

Leider muss ich schon an dieser Stelle die kalte Dusche aufdrehen: Fast jede Sekte arbeitet genau mit dem Trick – erst ab Erlangen einer „höheren Erleuchtung“ (selbstredend nach den Regeln der Gemeinschaft) wird einem die Weisheit von Floskeln klar, welche man vorher wahlweise für Banalitäten oder schlichten Mumpitz gehalten hätte.

Eine kleine Auswahl der „offensichtlichen und verborgenen Regeln“:
„Laufe nicht gegen die Tanzrichtung“: Äh, und wenn ich mich umgesehen habe (z.B. via Drehung) und da – im Gegensatz zu vorne – viel Platz ist?

„Bleibe in Deiner Spur: Vergleiche den Tanzfluss mit dem Autoverkehr: Stell Dir eine Autobahn vor, auf der ein Auto vor Dir dauernd die Spur wechselt…“ Na, das sagt mir was: Da gibt es ja diese gestrichelten Linien, welche man zum Überholen passieren darf – und das tun oft welche, sogar LKWs (den Kalauervergleich verkneife ich mir jetzt)!

„Lasse die Füße immer am Boden“: Was, immer beide? Ach, deshalb kommen so manche gar nicht vorwärts!

„Tanze nicht, wenn auf der Tanzfläche das Chaos herrscht.Hier wie an einigen anderen Stellen erkennt man, dass der Text bereits 2008 geschrieben wurde und daher noch Liberalitätsreste enthält. Die heutige Formulierung wäre: „Schmeißt alle raus, die Chaos verursachen!“

„Kleinräumige Platzwechsel: Führe die Tanzpartnerin an Deinen Platz, und tanze selbst an ihren Platz.“ Na prima, und wie wir dann trotzdem vorwärts kommen, lernen wir in der nächsten Lektion…

„Drehe punktgenau (…) und setze Deinen Schritt außerhalb des Fußes der Partnerin.“ Ja doch, das habe ich in der Tanzstunde schon gehört – der Dame auf den Fuß treten kommt nicht gut an!

„Beobachte die Umgebung beim Drehen (…) ich sehe so viele Führende, die nicht darauf achten, was um sie herum vor sich geht. Japaner scheinen für dieses Verhalten besonders anfällig zu sein.“ Na ja, aber dafür sind sie doch so klein und zierlich, was ihren Platzbedarf mindert! (Übrigens wird in dem Text auch eine Asiatin erwähnt, die viel zu hohe Boleos tanzt… Gut, dass der Artikel nicht von mir stammt – da wäre sowas purer Rassismus!)

"Nutze die Ecken der Tanzfläche oder Löcher in der Menge für großräumige Bewegungen. Das bringt Dir und Deiner Partnerin Entspannung und gibt Euch die Gelegenheit, die Figur zu tanzen, die ihr so sehr liebt." Auch hier sieht man, dass der Text längst überholt ist: In eine sich bietende Lücke zu navigieren, heißt inzwischen „Haifischaktion“ und ist selbstredend genauso generell verboten wie großräumige Bewegungen!

"Sei geduldig und warte auf den Tanzfluss: Außer natürlich, das Paar vor Dir hält sich nicht an die Regeln :-) ...in diesem Fall musst Du einen Weg finden, ihm verständlich zu machen, dass es weitergehen kann." Au ja, darf ich dann rempeln? Die gelbe Karte zeigen? Das Verhalten dem Veranstalter melden? Oder einfach sagen: „Wenn dich das Stück überfordert, dann hör doch auf!“ Habe ich bisher alles nicht gemacht, sondern vorsichtig überholt – da muss ich wohl noch viel lernen…

Satirisch hochinteressant ist auch die den Regeln vorangestellte Beschreibung der Lieblingsmilonga des Autors, welche das beste Tanzniveau aufweise, im Gegensatz zu Veranstaltungen wie Nino Bien, Salon Canning und sogar Club Sunderland“, welche „im Verlaufe der letzten paar Jahre zu einem ‚Zirkus‘ geworden“ seien, „das Tanzen macht dort keinen Spaß mehr“ (na, das wird die Betreiber dieser Traditionsmilongas bestimmt freuen…). In der Milonga „Cachirulo“ fänden 160 Gäste Platz, und dies bei einer Tanzfläche von 72 Quadratmetern – was bei vorsichtig geschätzten 60 Tanzpaaren einen Bewegungsraum von 1,2 qm pro Paar ergibt und so wohl automatisch die Bewegung von den Füßen zur Brust lenkt, was in dem Artikel ebenfalls als Vorzug des „Milonguero-Stils“ gepriesen wird.

Das Schönste aber kommt noch! Die Rolle der Gastgeber wird wie folgt beschrieben: „Norma begrüßt Dich, Hector weist Dir Deinen Platz zu, dieser ist abhängig von Deinen Tanzkenntnissen und Deiner Beliebtheit.“ Na, da kommt auf uns europäische Exiltänzer wohl noch einiges zu – ich würde als „Hardcore-Cabeceo-Verweigerer“ wahrscheinlich auf den Platz vor der Klotür verbannt oder gar nicht erst reingelassen… „Cachirulo“ bedeutet im Spanischen übrigens „Kopftuch“ bzw. „Schnapsflasche“ – auch hierzu verbeiße ich mir tapfer jeden Kalauer…

Hochinteressant ist auch der Aufhänger fürs Ganze: Dramatisch wird beschrieben, dass dieser Hort der gepflegten Lebensart eines Abends von einem wilden Haufen furchtbarer Tänzer ‚überfallen‘“ wurde – „besser gesagt von Leuten, die nicht wissen und auch nicht wissen wollen, wie man sich auf einer Tanzfläche benimmt.“ „Böse Buben“ hätten das Parkett in ein „Schlachtfeld“ verwandelt. Dies ist wiederum eine ganz sektentypische Masche: Der Verfall der Sitten (oder die um sich greifende Gottlosigkeit, der Untergang des Abendlandes etc.) erzwinge geradezu eherne Regeln.

Unser Altmeister Kurt Tucholsky schrieb einmal, wenn Hunde keinen Anlass zum Bellen hätten, würden sie sich einen erbellen. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass es vor zehn Jahren auf Milongas häufiger zu Notarzteinsätzen oder zumindest zum Herbeirufen von Kriseninterventionsteams gekommen wäre. Allerdings verfestigt sich bei mir der Eindruck, dass es heute mehr Menschen zum Tango zieht, welche sich neurotischerweise gemeint fühlen, wenn in zehn Metern Umkreis einer lacht. Bei solchen Persönlichkeitsstrukturen freilich wird das Husten eines Flohs problemlos zum Donnergrollen…

Na, tanzt du noch oder milongierst du schon?

Ich meine, wir brauchen keine neue Definition, was „gutes Tanzen“ bedeutet. Rücksichtnahme und soziale Intelligenz waren hierin schon immer enthalten. Selbst in der Endrunde eines Tanzturniers kommt es bei den Wertungsrichtern schlecht an, wenn ein Paar in das andere rauscht. Und bei einer Ballettaufführung würde es der Primaballerina nicht gefallen, wenn ein Tänzer sie per Rückwärtsschwung in den Schwanensee befördert. Und schon gar nicht benötigen wir Regelaufsteller, die gegenüber Menschen mit einem individuellen Tanzstil eine bemerkenswerte Intoleranz beweisen. Auch hier würden die Zehn Gebote (und vielleicht no a bissel was von der Bergpredigt) reichen!

P.S. Mich gemahnen diese frommen Gesetzlein an die meist in der ersten Person Plural gehaltenen Wandtafelaufschriften in Grundschulen: „Wir schwätzen nicht.“ „Wir rufen nicht dazwischen.“ Mir fehlt dabei stets noch der Satz: „Wir stechen unseren Nachbarn nicht mit dem Zirkel in den Hintern.“  Muss doch alles mal gesagt werden…

Montag, 25. Mai 2015

Tangoshows – was wir trotzdem daran lernen können



Wenn auf einer Milonga wieder einmal vollmundig ein „Showtanzpaar“ angekündigt wird und ich es versäumt habe, mich rechtzeitig unauffällig nach draußen zu verdrücken, kommt mir meist nach einer Minute Vorführung auf dem Parkett der Gedanke: „Na und? Im Prinzip sollte das doch jeder hinkriegen, der halbwegs begabt ist und einige Jahre intensiv Tango tanzt!“ Ich gebe allerdings zu: Man könnte beim Zugucken schon eine Menge lernen – insbesondere diejenigen Personen, welche sich in der heimischen Szene gerne als „Tangolehrer“ ausgeben.

Bevor man mich nun (wieder einmal) der „galoppierenden Selbstüberschätzung“ zeiht: Natürlich weiß ich, dass die Paare, welche sich bei den gängigen „Showacts“ dem zahlenden Publikum präsentieren, oft nur halb so alt sind wie der Durchschnittsgast. Selbstredend darf man daher noch eine höhere Sportlichkeit, Kondition und Körperbeherrschung voraussetzen, zumal wenn die gemeinhin als „Profis“ apostrophierten Akteure – hoffentlich – zumindest noch eine Stunde täglich zum Üben kommen. (Die Abhaltung von Tangokursen lassen wir hierbei nicht gelten, da bei dieser Tätigkeit traditionell fast ausschließlich die Sprechmuskulatur trainiert wird.)

Weiterhin ist mir selbstverständlich klar, dass man mittels Pomade, maskenhaftem Makeup, Nadelstreifenanzug und geschlitztem Kleid (wahlweise auch „Harems-Bumbelhose“) beim Zuschauer (falls der nicht geschmacklich etwas heikel ist) durchaus mehr Eindruck schinden kann als der „Normaltänzer“ mit Jeans, T-Shirt oder ausgebleichtem Haiwaiihemd. Wenn schon der Schein trügt, tut es das Design allemal! Und schließlich genießt man beim Vortanzen das Privileg, endlich einmal genug Platz zu haben und daher nicht im Slalomkurs arthrotisch umherstaksende Paare umkurven zu müssen (soweit einem nicht eh die ideologische Verblendung ein Überholverbot auferlegt).

Was Vortanzpaare übrigens zunehmend selten demonstrieren, ist stilistische Variabilität: Immer öfter besteht die musikalische Begleitung aus klassischen Tangostücken in den Tempi langsam, noch langsamer, mittelschnell und ganz langsam. So entstehen Tänze nach dem Motto „Kennst du einen, kennst du alle“: Sollte überhaupt ein Vals geboten werden, erkennt man die choreografischen Tangoelemente fast unverändert wieder. Und eine Milonga, gar ein modernes Stück mit weiterem Abstand im Paar oder gelegentlicher Auflösung der Tanzhaltung? Oft Fehlanzeige – da wird das Marketing hervorragend umgesetzt: Tango de Salon verkauft sich halt derzeit am besten! Immerhin wählt man häufig Stücke aus der Pugliese-Abteilung, da diese Musik dem Showpaar das liefert, was DJs dem gemeinen Volk heute vorenthalten: Dynamik.

Ebenfalls fest vorprogrammiert sind der tosende Applaus des Publikums sowie das Erklatschen von zumindest einer Zugabe, welche ja vorher schon fest eingeplant wurde. (Mein Traum wäre hierbei ein Zwischenruf von der Sorte: „Nee, lasst mal!“) Diese stereotypen Reaktionsmuster der Zuseher beweisen, dass es hier kaum um eine individuelle Leistung geht. Vielmehr bestätigt man sich gegenseitig in der Wichtigkeit und Exklusivität des Erlebten – welchen Schatten würfe es auf die eigene Rolle, den persönlichen Geschmack, wenn man an etwas Minderwertigem beteiligt gewesen wäre? Na denn: ein Hoch auf uns alle!

Der endgültige depressive Absturz ereilt mich allerdings, wenn anschließend das Parkett wieder für die Allgemeinheit freigegeben wird: Kaum ein DJ orientiert sich an der gerade erlebten Expressivität der Musik – auf dem Programm steht nun wieder lustloses Dahinplätschern, welches mit spannungsarmem Umhergeschiebe im Rollatortempo beantwortet wird. Auswirkung auf die eigene Tangoentwicklung folglich: null. Schließlich haben Bühnen- und Salontango überhaupt keine Berührungspunkte…

Wirklich nicht? Die Tanzlehrerin Mary van Elst meint dazu: „Die Streitereien um den einen, den richtigen Stil sind ein Zeichen von Unsicherheit. Gute Tangotänzer beherrschen mehrere Stile, setzen diese im selben Tanz situationsbedingt spontan ein.“ (Quelle: Tangodanza 2/2005, S. 8-10).

Gott sei Dank nimmt sich kaum eine andere Branche den Tango zum Vorbild: Millionen junger Fußballspieler können ihre Blicke nicht von Ronaldo, Müller und Co. lassen, fühlen den glühenden Wunsch, einmal so zu spielen wie diese Vorbilder – und viele Karrieren basieren auf dieser Triebfeder. Glücklicherweise sagt ihnen kaum ein Jugendtrainer: „Na ja, das ist Champions League, die hat aber mit dem Fußball, den wir hier spielen, nichts zu tun.“

Da ich fürchte, Ihre Tangolehrer werden Sie auch weiterhin nicht darauf aufmerksam machen, rate ich Ihnen, beim nächsten Showtanzpaar einmal die folgenden Aspekte zu beachten:

Andruck über den Oberkörper: Egal, wie eng oder weit die Tanzhaltung auch ist – wenn dieses entscheidende Verständigungselement fehlt, können schnelle und präzise Impulse kaum in Bewegung umgesetzt werden. Das erfordert eine Neigung beider Tänzer nach vorne – auf normalen Milongas sieht man dagegen flächendeckend eine senkrechte oder sogar nach hinten hängende Position, man tanzt lieber mit den Füßen voraus. Weiterhin entfiele dann das branchenübliche Klammern und Gekralle.

Dissoziation: Schauen Sie bei einer Tangoshow einmal nicht (wie üblich) auf das Gewirbel der Beine, sondern auf die Ruhe in den Oberkörpern; deren Position voreinander verändert sich kaum! Dadurch reißt der gegenseitige Informationsfluss nie ab – egal, welche Turbulenzen über die unteren Partien entfacht und auf das Parkett gezaubert werden.

Klarheit der Bewegungen: Die Schritte exzellenter Tänzer sind stets genau definiert, was Richtung, Länge und Tempo betrifft. Es geht eben exakt nach vorne oder zur Seite und nicht irgendwie ein bisschen schräg entlang. Und auch Vorwärtsschritte werden auf den Ballen angesetzt – das Gegenteil führt gerne dazu, wieder mit den Beinen voraus und dem Oberkörper hinterher zu marschieren. Ebenfalls sind Drehungen wirklich rund und „eiern“ nicht, was Stabilität kosten würde.

Dynamik und Kontrast: Tangoschritte werden schnell angesetzt, dann aber verzögert zu Ende geführt. Dies erfordert eine wichtige Fähigkeit, welche offenbar in Kursen keinerlei Rolle spielt: In guter Balance auf einem Bein stehen zu können. Diese braucht man nämlich dazu, mit dem freien Bein den Bewegungsweg zu verlängern bzw. zu verzögern und erst im allerletzten Moment zu belasten. Das nennt man übrigens „Schweben“! Die dahinter stehende Philosophie kann man in dem Satz zusammenfassen: „El tango pasa entre los pasos“ – der Tango geschieht zwischen den Schritten.

Die argentinische Tangolehrerin Susana Miller sagt dazu: „In der Musik tut sich eine ganze Welt auf zwischen einem Beat und dem nächsten. Und wenn du jemand in deinen Armen hältst oder in jemandes Armen liegst, fühlst du genau: Wie viel dieser Welt füllt er aus zwischen einem Beat und dem nächsten. Darum dreht sich so gut wie alles. Es ist eigentlich fast nichts. Aber der ganze Unterschied zwischen einem Tänzer, der ok ist und einem, der einfach ‚wow‘ ist, liegt darin, wieviel er weiß über diesen einen Beat und den folgenden. (…) Zwischen zwei Beats findest du eine ganze Welt. (…) Das ist es, was du in deinem Körper empfindest, wenn ein echter Tänzer mit dir tanzt.“ (Quelle: Tangodanza 1/2006, S. 73)

Durch das übliche „Einzählen“ im Unterricht werden schon Anfänger darauf konditioniert, auf jeden Taktschlag einen Schritt zu setzen. So entsteht das sattsam bekannte spannungsarme Herumgetappe. Gute Musikstücke bieten aber stets die Möglichkeit, Kontraste zu betonen: Je nach dem gerade dominierenden Instrument (oder der entsprechende Phrase) kann man die Geschwindigkeit verdoppeln oder halbieren, Pausen setzen, dramatische Impulse durch große oder feine Einwürfe durch winzige Schritte vertanzen. Eine abwechslungsreiche Musik schult solche Fähigkeiten natürlich besser als der Einheitsbrei, den Besucher üblicher Milongas heute vorgesetzt bekommen…

Was Sie bestimmt nicht brauchen, um die Qualität Ihres Tanzes näher an die von Showpaaren zu bringen, sind noch mehr „Figuren“. Ich gebe Ihnen hiermit die Garantie: Wenn Sie mit Geh- und Wiegeschritten, Ochos und einfachen Drehungen die obigen Kriterien umsetzen, fallen Sie mit Ihrer Tanzweise auf einem üblichen Tangoabend gigantisch auf – und ob Sie dies nun zur Befriedigung Ihrer Eitelkeit benützen oder in aller Bescheidenheit nur selber mehr Spaß haben wollen, überlasse ich natürlich Ihrer persönlichen Moral!

P.S. Näheres hierzu finden Sie – falls es Ihr örtlicher Tangolehrer nicht liefert – in meinem „Milonga-Führer“ auf den Seiten 138-187 (Schleichwerbung Ende). Übrigens sind meine persönlichen Lieblinge unter den Showtanzpaaren Sebastián Arce und Mariana Montes - solche Fähigkeiten kann man getrost unter "Champions League" buchen!

Montag, 18. Mai 2015

Nachkriegs-Bilanz



Nun habe ich die jüngsten Auseinandersetzungen mit der sich „traditionell“ verstehenden Fraktion des Tango für meine Unterlagen zusammengestellt. Die hat – auf den verschiedenen Foren – über 100 Beiträge veröffentlicht, mehr als 30 Vertreter dieser Zunft  haben sich geäußert. Im Gegensatz dazu blieben die Wortmeldungen derer, welche meinen Ansichten zumindest teilweise zustimmen, im einstelligen Bereich. Ist die „Schlacht“ verloren? Im Internet sicherlich. Wie schrieb ein Kommentator so schön? „Und betrachte die inzwischen lange Liste seiner Gegner – das sind bestimmt alles keine Idioten.“ Na eben.

Weitere Unterschiede sind auffällig: Während die Befürworter meiner Ideen durchaus nuancierte Standpunkte vertreten und sich einer Sprache bedienen, die vorwiegend die Ironie (gelegentlich auch den Sarkasmus) als Stilmittel verwendet, greift die andere Seite bedenkenlos zu Kraftausdrücken und Verbalinjurien. Eindrucksvoll zudem, wie straff man organisiert ist: Es herrscht eine Einheitsmeinung, welche gedankenlos die Besitzer wechselt – die „Schwarmintelligenz“ gibt vor, was man zu denken hat. Und: Ein differenziertes Eingehen auf meine Texte, gar meine Tangobücher, wird in der Regel als überflüssig erachtet. Und wenn doch einmal, dann liest man eher das, was man lesen wollte – ob es nun tatsächlich geschrieben stand oder nicht…

Theresa Faus immerhin hat eine längere Stellungnahme zu meinen Beiträgen veröffentlicht, obwohl ihre Fans Diskussionen eher als „unnütz“ sehen und fürs „Ignorieren“ plädieren, und sie hat sich – wenn auch halbherzig – für das Posten eines Nazi-Emblems entschuldigt. Ihre Gefolgschaft allerdings zeigt sich komplett einsichtsfrei hinsichtlich der Instinktlosigkeit, Anspielungen auf nationalsozialistische Slogans amüsant bis geistreich zu finden. Kritik daran sei „kontextfreies Kommentieren“, „schicke, selbstgerechte Empörung“: „Und diese Hakenkreuz-Geschichte… Alle auf die Couch“.

Mich treibt es jedoch vom Sofa, wenn die selbe Population „Respekt vor Traditionen“, „Regeln, die sich über viele Jahre hinweg bewährt haben“, „sinnvolle, bewährte Dinge“ und die „Achtung vor dem, was war“ einfordert und über „laissez faire“, „übersteigerten Liberalismus“, „u.U. freiheitliche Vorstellungen“ sowie „Reichsbedenkenträger“ herzieht. Die verbotene Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole wird relativiert, während man sich für „möchtegern-satirische“ Texte „Straf- und Schadenersatzzahlungen“ erhofft. Ich möchte hier keine Werturteile über Einzelpersonen treffen, doch die verwendete Sprache ist beileibe nicht „aufgeklärt-konservativ“, sondern eine reaktionäre Attacke auf die Errungenschaften der Aufklärung.

Gibt es noch einen kleinsten gemeinsamen Nenner im Tango? Aufschlussreich ist ein Dialog, der sich neulich auf dem Forum www.tanzmitmir.net zwischen mir und Cassiel ergab. Der hatte u.a. geschrieben:

„Ich denke, ein Veranstalter hat das Recht, seine Veranstaltung gemäß seinen Vorlieben auszurichten. Und er hat m.E. die Pflicht, das vorab möglichst deutlich und unmissverständlich zu kommunizieren.“

Meine Antwort hierauf war: „Die Ansicht, ein Tangoveranstalter habe die Pflicht, die genaue Ausrichtung seines Events (Musikart, möglichst in Prozenten, Beinhöhenhebegrade etc.) vorab bekanntzugeben, ist schon ein starkes Stück und zeigt, in welche Richtung es hier gehen soll.“

Der Angesprochene ging hierauf nicht ein, sondern stellte fest, es sei ja klar, dass ich „einmal mehr dagegen sei. Er schloss mit der Frage: „Hast Du (jenseits vom Dagegen-Sein) einen besseren Vorschlag?“

Ich antwortete hierauf: „Mein Vorschlag: Dass wir beim Tango die Widersprüche nicht aufheben, sondern ausleben, und zwar miteinander und nicht per Aufspaltung in Grüppchen. Dazu würde gehören, dass ich mal eine Runde Canaro tanze (was ich auch tue) und du danach Otros Aires, dass ich es toleriere, wenn mir schon wieder jemand im Weg rumsteht (kenne ich kaum noch anders) und du nicht in Ohnmacht fällst, wenn einen Meter neben Dir ein Boleo getanzt wird - und das auf ein und derselben, bunten und spannenden Milonga!“

Was ich dann lediglich zu lesen bekam, war: „Also Otros Aires ist für mich kein Tango. Wenn dazu jemand Tango tanzen möchte, dann kann er das gerne tun. Mich wird man bei solchen Veranstaltungen regelmäßig vermissen. Ich sehe nicht, warum eine Aufspaltung in verschiedene (Interessens-)Gruppen im Tango nun so schlimm ist.“

Für mich steht daher fest: Die andere Seite möchte nicht versöhnen, sondern spalten. Kompromisse werden als Zeichen von Schwäche betrachtet. Wichtig ist vor allem, eine Veranstaltung nach der anderen in den Griff zu bekommen – nicht nur hinsichtlich der „Pflicht zum Cabeceo“. Es geht nicht um Códigos, noch nicht einmal um Tango, sondern um Kontrolle und Herrschaft. Wenn man das so betrachtet, passt alles zusammen.

O-Ton Cassiel: „Für Deine Schmähungen: ‚Sektierer und Ideologen‘, bist Du noch immer Belege schuldig geblieben…“ Tja, wie überzeugt man einen Sektierer und Ideologen davon, einer zu sein? Das wird nicht funktionieren. Daher bin ich inzwischen zur leidvollen Überzeugung gekommen: Die Zersplitterung des Tango durch „Gesinnungsgruppen“ schreitet munter voran. Der „Tango für alle“ zieht sich, wenn überhaupt noch, auf Vorstadt- und Dorfmilongas zurück.

Es ist sicher wahr, was mir jüngst ein Kommentator schrieb: Autoren, die sich „von Kritik und Anfeindungen überschüttet sehen“, könnten „die Größe des schweigsamen Leserkreises nicht abschätzen“. Und ich errötete trotz meiner Eitelkeit, als mir neulich eine Tanguera nach einer Tanzrunde sagte: „Wenn diejenigen, welche im Internet über dich herziehen, mal mit dir tanzen würden, könnten sie diesen Unsinn nicht schreiben.“

Die Wahrheit ist jedoch: Ich will mit gewissen Menschen nichts mehr zu tun haben. Der formale Nenner „Tango“ ist mir da zu klein.

P.S. Wem mein Beitrag wieder mal zu „grantelig“ ist: Der nächste Text wird garantiert ein sachlich-unverfängliches Thema behandeln – versprochen! Und überdies ist meine zunehmende „Altersmilde“ doch deutlich auszumachen: Während ich mit 18 Jahren als Kriegsdienstverweigerer (sprich: „Drückeberger“) firmierte, gelte ich mit 64 lediglich noch als „Hardcore-Cabeceo-Verweigerer“. Die Betonköpfe, mit denen ich es zu tun hatte und habe, sind allerdings vergleichbar…

Donnerstag, 14. Mai 2015

Cassiels Predigt zum Vatertag



Liebe Brüder und Schwestern im Tango,

gerade in jüngster Zeit wird unser Glaube an den unverfälschten und reinrassigen Tango wieder einmal auf eine harte Probe gestellt: Die Propagandisten eines übertriebenen Freiheitsbegriffs schmähen unsere heiligen Códigos, welche wir in langem Gebet und Meditation auf dem Parkett verinnerlicht haben. Kürzlich erst musste sich Schwester Theresa für ihr Cabeceo-Ritual von einem Ungläubigen, dessen Namen ich vergessen habe, in übelster Weise diffamieren lassen. Diese Häretiker stellen alles in Frage, was uns wert und teuer ist, zweifeln an unserem tiefsten Glauben an die rituell zugelassene Musik, die allein selig machende enge Umarmung und die hehren Gesetze der Ronda im Kreise der wahrhaft Gottesfürchtigen.

Möge sie Shaitan dafür verdammen! Diese hartnäckig Lernresistenten sollen nur nicht glauben, die möchtegern-satirischen Äußerungen ihrer kruden Ideen wären durch die hierzulande sowieso zu lasch begrenzte „Kunstfreiheit“ vor Nachstellungen gefeit. Es ist an der Zeit, dass hier wieder ein anderer Wind weht! Für ihre üble Polemik und Beleidigung unseres Glaubens werden sie unsere Gerichte mit fünfstelligen Straf- und Schadenersatzzahlungen überziehen, wie es dem Stefan Raab für seine versauten Witze schon geschehen ist - und dem Dieter Nuhr leider nicht. Sie mögen sich in Acht nehmen vor unserem gerechten Zorn!

Aber, liebe Brüder im Geiste des einzig und allein wahren Tango, greifet nun nicht in rechter Empörung zu Peitsche oder gar Sprengstoffgürtel und hauet die ungläubigen Hunde nicht gar zu sehr, denn die gerechte Strafe unseres Herrn hat sie bereits ereilt! Ich, Cassiel, sein Erzengel der Einsamkeit, der Tränen und der Enthaltsamkeit aus der Kabbalah, verkünde euch das heilige Wort: „¡El tango te espera!“ Niemals wird der echte, erlösende Tango zu denen kommen, die ihn verleugnen, obwohl die Schellackplatte dreimal kräht. Der Herr wird ihre Augen blenden und sie auf die Geisterfahrt in eine Sackgasse führen, aus der es kein Zurück gibt. Sie werden auf ewig dazu verdammt sein, ihr Taktgehopse und Hupfdohlenrennen auf Veranstaltungen aufzuführen, die man „Tangodiscos“ nennt und jedem Rechtgläubigen selbstverständlich verboten sind. Schon durch ihre nötigende Aufforderungsweise, welche jede fromme Milongina nur mit dem empörten Schütteln ihres Schleiers beantwortet, wird ihnen der keusche Genuss eines Tanzes auf einem Encuentro für immer verwehrt bleiben. Aber auch mit gottlosen Weibern werden ihnen nur schlechte Tänze beschert.

Euch aber, meine geliebten Zeugen Tangos, sage ich:

Suchet lieber die fehlenden Wachsmodelnummern in der Diskografie von Rodolfo Biagi als den Splitter im Auge eures Nächsten, der doch ein Balken ist!

Liebe Schwestern, ertraget in Demut meine Anonymität, mit der ich mich ohne Eitelkeit im Tango bewegen kann, und lasset ab davon, in brünstiger Manier und per Kommentar Tänze mit dem digitalen Geistwesen, das ich nun einmal bin, zu verlangen – begnüget euch mit dem analogen Alter Ego, mit dem ihr vielleicht unwissentlich schon einmal mittelmäßige Tänze hattet!

Liebe Brüder und Brüderinnen, stärket einander im Glauben an die Vierfaltigkeit der Gran Orquestas unserer Heiligen D’Arienzo, Di Sarli, Troilo und Pugliese (und vergebet ihm seinen Kommunismus). Höret nicht auf Tandas mit mehreren Sängern oder Mischungen instrumentaler und vokaler Einspielungen, welche euren Glauben gefährden! Lasset euch nicht in Versuchung führen durch moderne Musik, die doch kein Tango ist und eurer tanzbaren Seele schadet! Vertrauet auf die Dreifaltigkeit von Cassiel als Blogger, DJ und unscheinbarer Milonguero, die Zweifaltigkeit von Mirada und Cabeceo und die Einfaltigkeit unserer Tänze!

Haltet fest am Sinne unserer Tanztradition gegen den Uhrzeiger im unendlichen Kreis, der uns zeiget, dass der Weg das Ziel ist, welches wir in dieser Orientierung nie erreichen! Übet euch, wie in der edlen fernöstlichen Kampfkunst, im Shosin, auf dass ihr, nach zwanzig Jahren des demütigen Einherlaufens im Caminar, vielleicht die Stufe des fortgeschrittenen Anfängers erreicht und die ersten Milongas besuchen dürft!

Lasset eure Füße am Boden und tretet nicht, auf dass ihr nicht getreten werdet! Gedenket der vielen Märtyrer unseres Glaubens, welche schon in Wadenhöhe von Neotango-Stilettos erdolchet oder durch vorbeieilende Gotteslästerer in ihrer Seele erschüttert wurden! Überholet nicht, auf dass euch keiner überholet! Bleibet in der Spur, auf dass euch eure Spurtreue vergolten werde!

Leset regelmäßig meine Traktate und kommentieret sie aus frohem Herzen und mit tiefster Zustimmung, auf dass ihr nicht anheimfallet dem gerechten Zorn eurer Schwest-ern und Schwest-sies!

Lasset uns nun auffordern mit Blicken und stille stehen in der Vertiefung unserer Umarmung, auf dass wir erkennen den Geist, falls er über uns kommen sollte!

Amen.

P.S. Cassiel selbst wurde leider am Abhalten dieser Predigt gehindert, da er auf dem „Vatertags-Encuentro der Freunde von Amigo-Affären“ plötzlich von einer Aura verklärt wurde und - unter Zurücklassung einer schwarzen Tangosocke als Reliquie - himmelwärts verschwand. Da seine Rückkunft sich eventuell bis zum Jüngsten Tag verzögern könnte, habe ich, da des Cassielitischen nach langer Erfahrung mächtig, diese Aufgabe (mit zugestandenem „Pennäler-Humor“) gerne übernommen!