Sonntag, 30. November 2014

Ariel Ardit - Mariposita (video oficial)



Zu meinen Weihnachtsgeschenk-Empfehlungen: Ariel Ardit mit "Mariposita"!

Samstag, 29. November 2014

Die ignorierten Musiker – Tipps für Weihnachtsgeschenke



Zum nahenden Christfest könnte der eine oder andere Tangomensch auf die gute Idee kommen, einem verehrten Tanzpartner bzw. gar sich selber ein Geschenk in Form von Tangoklängen zu machen. Immer wieder werde ich auf die Musikbeispiele in meinem „Milonga-Führer“ angesprochen. Groß ist oft das Erstaunen, was da alles zusätzlich zu dem auf landläufigen Milongas Gebotenen existiert.

Nach meiner Erfahrung tendiert der musikalische Überblick (um das harte Wort “Wissen“ zu vermeiden) des durchschnittlichen Tangotänzers gegen Null. Er nimmt halt das, was ihm auf dem Parkett zur bewegungsmäßigen Umsetzung vorgesetzt wird, und dies besteht an vielen Orten im Wesentlichen aus tausendmal abgenudelten Einspielungen von zirka zehn Orchestern aus der berühmten „Goldenen Epoche“ von 1935 bis 1955 – eventuell noch garniert mit einem Quäntchen Pop, welches meist mit dem Tanz vom Rio de la Plata wenig bis nichts zu tun hat.

Sicher mehr als zwei Drittel des musikalischen Schaffens im Tango werden hierzulande von Veranstaltern und DJs dem Publikum eisern vorenthalten – und was man nicht kennt, kann man auch nicht vermissen. Es wäre daher sicherlich eine gute Idee, die Erleuchtung des Christbaums mit einer musikalischen zu verbinden. Zwei Warnungen vorab: Wie jeder künstlerische Bereich ist dieser natürlich vom persönlichen Geschmack abhängig, allerdings gleichermaßen davon, sich solchen Eindrücken erst einmal auszusetzen. Ebenso wahr bleibt, dass moderne Arrangements sich meist schwieriger, vielleicht sogar „sperriger“ anhören – der Niveauunterschied zwischen Francisco Canaro und Astor Piazzolla ist eben nicht wesentlich kleiner als der Sprung von Dieter Bohlen zu Ludwig van Beethoven…

Die von mir empfohlenen Interpreten stellen nur eine kleine Auswahl dar, die sich fast beliebig vermehren ließe. Aber der Appetit kommt bekanntlich beim Essen, zu dem ich viel Vergnügen wünsche!

Beispielsweise könnte man sich einmal mit dem Sänger Roberto Goyeneche beschäftigen, welcher ab 1944 (also schon zu „EdO-Zeiten“) insgesamt mehr als 100 Schallplatten produzierte, mit berühmten Orchestern wie dem von Anìbal Troilo auftrat und zu seiner Zeit unzählige Fans hatte (nur nicht bei den deutschen DJs von heute). Grund dafür dürfte vor allem seine anklagende, heisere Baritonstimme sein – sie verkörpert die Zerrissenheit vieler Tangostücke mit hohem „Gänsehaut-Faktor“. Daher will man wohl vermeiden, dem bürgerlichen Publikum von heute solche „Stimmungskiller“ vorzusetzen. Aufnahmen gibt es dennoch wie Sand am Meer, z.B. die CD „Roberto Goyeneche – El único“ (mit dem Orchester Atilio Stampone, BMG Ariola Argentina, 1997).

Eine Art „Nachfolgerin“ stellt die ehemalige Rocksängerin Adriana Varela dar (auch hinsichtlich ihrer „Beliebtheit“ bei hiesigen DJs): Seit 1991 gibt sie mit ihrer rauchigen Altstimme vielen traditionellen Tangos das bittere, oft verzweifelte Gepräge, das in ihnen steckt. Als Beispiel sei die CD „Tango envivo“ empfohlen (Nueva Direccion en la Cultura 2003). Wie sie dort alte Kompositionen wie „Malena” oder „Los Mareados” interpretiert, ist Lichtjahre entfernt vom Timbre blankpolierter Tenöre früherer Zeiten, die sich bei diesen Werken in bewusster Verharmlosung des Inhalts über den Text hinweg mogelten.

Tango Amoratado: Das Duo aus dem Pianisten Fabian Klenzke und Jürgen Karthe (für mich derzeit der beste deutsche Bandoneonspieler) interpretiert vorwiegend Klassiker in modernen Arragements mit filigraner, einfühlsamer und technisch hochstehender Spielweise; eine Inspiration für Tänzer! Bisher gibt es drei CDs: „Tango amoratado“, „Romantica“ sowie „Corazón al Sur“ (auris-subtilis 2005, 2008 und 2013).

Das argentinische Geschwisterpaar Lidia und Luis Borda ist mir unvergesslich seit dem Film „12 Tangos – Adiós Buenos Aires“ (enja records 2005 bzw. als DVD von Sunfilm Entertainment 2010). Der Gitarrist und Komponist Luis Borda leitet darin ein „All-Star-Orchester“, das mit einer unglaublichen Intensität musiziert, und Lidia Borda gibt dem verträumten Vals „El Paisaje“ sowie dem schmelzenden Tango „Pampero“ ihre unverwechselbar sonore, einschmeichelnde Stimme. Das ist der Tango des neuen Jahrtausends!

„Der letzte Applaus“ (Arsenal Filmverleih GmbH 2009) ist ein dokumentarischer Film von German Kral, musikalisch wiederum von Luis Borda betreut. Zentrum ist die Vorstadtkneipe „El Chino“ in Buenos Aires, wo eine Reihe von Sängern und Musikern seit Jahrzehnten auftritt. Durch den Tod des Inhabers stehen die älteren Künstler nun auf der Straße und können ihre Leidenschaft für die Tangomusik nicht mehr ausleben. Ein letztes Mal inszeniert der Regisseur für sie mit dem jungen „Orquesta tipica imperial“ ein vielbejubeltes Konzert. Auch der Soundtrack des Films „El último aplauso“ (enja records, München 2009) ist eindrucksvoll: Man muss nur hören, wie die damals 85-jährige Sängerin Inés Arce den hierzulande ebenfalls vergessenen Gardel-Titel „Cuando tú no estás“ interpretiert, um zu begreifen, wie nahe der Tango dem Leben kommen kann!

Ein Ausnahmetalent ist sicherlich auch der Sänger Ariel Ardit, der mit der Gruppe „El Arranque“, aber auch mit anderen Formationen oder der Sängerin Lidia Borda umjubelte Konzerte gibt. Singen lässt man ihn im deutschsprachigen Raum zwar schon – wie ich aber selber erleben durfte, wählt man für die anschließende Milonga dann wieder Dudelmusik… Wenn man jedoch hört, wie er beispielsweise dem 1941 entstandenen Stück „Mariposita“ eine unglaubliche Mischung aus Dynamik und Zartheit verleiht, mögen andere dazu sitzen bleiben – ich kann es nicht (siehe das obige Video dazu)!

Der Film „Café de los maestros – Die großen Meister des Tangos“ (Kinowelt Home Entertainment, Leipzig 2009) beschreibt die Proben zu einem Auftritt im legendären „Teatro Colón“ in Buenos Aires, bei denen u.a. Musik-Legenden wie Luis Stazo, Leopoldo Federico, José Libertella, Emilio Balcarce, Virginia Luque und Mariano Mores mitwirken. Neben vielen Geschichten und Erinnerungen erlebt man, wie sich schrittweise ein unglaubliches Zusammenspiel entwickelt. Höhepunkt des Streifens ist ein Konzertmitschnitt, der atemlos macht. Was mich am meisten beeindruckte: Obwohl die „Maestros“ deutlich die Siebzig überschritten haben, strahlt ihre Musik eine Jugendlichkeit und Frische aus, welche Lichtjahre von dem Geplemper auf vielen deutschen Milongas entfernt ist!

Den 1930 geborenen Bandoneónspieler, Orchesterchef und Komponisten Luis Stazo habe ich vor einigen Jahren einmal live bei einer Tangoshow erlebt und zehre heute noch von diesem Eindruck. Die Dynamik und Frische, mit denen er und seine Gruppe traditionelle Stücke, aber auch Piazzollas „Libertango“ interpretierten, könnten doch den Bogen spannen zwischen der Moderne und Orchestern wie dem von Lucio Demare oder  Alfredo de Angelis, mit denen er in seiner Jugendzeit bereits auftrat! Als CD-Empfehlung: Sexteto Stazo Mayor - „Tango con Pasión“ (MS Produktion/Manuela Stazo 2008).

Zum berühmten Sexteto Milonguero, das ausnahmsweise sogar gelegentlich auf deutschen Milongas gespielt wird, gibt es eine osteuropäische Entsprechung: Das serbische Quintett „Beltango“. Auf seiner CD  „Beltango: Trilogia“ (ArtLab 2007) bietet es auf drei CDs traditionelle Titel, Piazzolla-Stücke sowie „Balkantango“. Die öfters vertretene Ansicht, moderne Tangomusiker kämen in der Spielqualität nicht an ihre „alten“ Vorbilder heran, wird hier grandios Lügen gestraft. Die Virtuosität, mit der Klassiker wie „Canaro en Paris“, „Nostalgias“ oder der Dynamik-Kracher „Nocturna“ von Julian Plaza dargeboten werden, ist unerreicht. Und die „Tanzbarkeit“? Ich würde hier eher das Prädikat „nicht dazu sitzbar“ verleihen…

Gerne gestehe ich, ein überzeugter Fan der Gruppe Las Sombras zu sein: Auf ihren CDs „Tango Café“ sowie „Casino Tango Noir“ (GLM Music GmbH 2010 bzw. 2012) bietet das Quintett völlig eigenständige, energiegeladene Interpretationen von traditionellen Tangos, aber auch Stücke moderner Autoren und Eigenkompositionen. Die Querflöte als ursprüngliches Tangoinstrument wird wiederentdeckt und kontrastiert mit dem hier ungewöhnlichen Saxophon. Dass die Gruppe eher Konzerte gibt als auf Milongas spielt, ist meines Wissens nicht deren Schuld. Ein Musikbeispiel habe ich hier im Blog bereits vorgestellt: die mitreißende Interpretation der „Milonga de mis amores“ (ebenfalls ein Klassiker von Pedro Laurenz aus dem Jahr 1938).

So, nun hoffe ich, dass der Weihnachtswunschzettel voll ist! Übrigens kann man sich von fast allen vorgestellten Beispielen „Gustoproben“ auf „YouTube“ ansehen. Ich möchte daher die vielen weiteren Beispiele, die sich mir aufdrängen, schweren Herzens unerwähnt lassen. Auch die Frage, warum man eigentlich hierzulande nicht auf die wunderschönen Aufnahmen von Carlos Gardel tanzen darf, möchte ich erst nach Normalisierung meines Blutdrucks behandeln…

Sonntag, 23. November 2014

Stets zu unserer vollsten Zufriedenheit



„War das jetzt der falsche Fuß?“
„Du hast nur zwei, such‘ dir einen aus – nur wenn du einen dritten hättest, wäre der falsch!“

Durch eine Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts wurde ich diese Woche daran erinnert, dass der obige standardisierte Wortlaut in Arbeitszeugnissen sozusagen die Note Eins bedeutet. (Die sprachliche Monstrosität des „Deppen-Superlativs“ lassen wir einmal beiseite – „voll“ ist halt bis zum Rand, mehr geht nicht.)

Variiert begegnete mir diese Formulierung kürzlich (wieder einmal) beim Tango. Ich forderte eine mir unbekannte, noch wenig routinierte Tänzerin auf. Dabei erlebte ich ein mir leider nur allzu bekanntes Reaktionsmuster: Statt sich mit mir in den Flow der Musik zu begeben, beobachtete ich ständige Versuche, kopfgesteuert meine „Führung“ zu entschlüsseln – aha, Signal zum Rückwärtsocho – gefolgt von einer möglichst zackigen und angestrengten Ausführung in deutlich überdrehter Weise nebst Aufbäumen nach oben. Noch schlimmer: Mein Bewegungsimpuls nicht identifizierbar – hektische Panik statt ruhigen Abwartens, Zusammenbruch der Achse inklusive. Das Ganze natürlich verbunden mit Anklammern am Partner statt zarter Umarmung.

Auf ihren fragenden Blick nach dem ersten Tanz schlucke ich die Bemerkung hinunter: „Mädchen, ich will nicht mit dir raufen, sondern tanzen!“ und sage stattdessen: „Alles gut – du brauchst dich aber gar nicht so anzustrengen, bleib locker und übereile nichts!“ Ihre Antwort war mir nicht neu: „Ich will ja nur, dass ich alles richtig mache und du zufrieden bist.“ Etwa zehn Sekunden nach Einsetzen der nächsten Musik hakte sie dann nach: „Ist es jetzt besser?“ „Lass uns halt noch ein bisschen Zeit“ war alles, was mir dazu einfiel. Tatsächlich verliefen die restlichen Tänze etwas weniger verkrampft, die Angst vor „Fehlern“ war allerdings weiterhin deutlich spürbar.

Ist es die vornehmste Pflicht der Tanguera, ihren Tänzer „zufriedenzustellen“? Beim Verlassen der Milonga schilderte ich meiner Begleiterin die Episode mit der Bemerkung: „Ist doch irre, oder?“ Ihre Reaktion gab mir auf dem gesamten Heimweg zu denken: „Du solltest mal drei Wochen als Frau leben, dann würdest du verstehen, wie schwer es für uns ist, aus diesem Reaktionsmuster auszubrechen.“ O weia, ist tatsächlich das „Funktionieren Müssen“ eine Basis der weiblichen Existenz? Nun gut, auch wir Männer leiden an erblichen Defiziten wie dem „Hahnenkampf-Gen“ (merke ich immer an den feindseligen Reaktionen auf mein Tangobuch – Frauen sind da nur spärlich vertreten…). Beide Geschlechter haben ihre offenen Baustellen.

Dennoch fürchte ich, dass der Druck auf die Tänzerinnen durch den hierzulande üblichen, weitgehend grauslichen Tanzunterricht gefördert wird. Die Bewegung zur Musik wird allzu oft auf eine Folge von „Figuren“ reduziert, welche die Frauen stets durch die entsprechende „Führung“ des Mannes zu erkennen und sodann exakt umzusetzen haben. Dieser gefährliche Blödsinn wird immer weniger hinterfragt – es lebe die Wiedergeburt des Machismo, zurück zu den Wurzeln… „Das habe ich aber nicht geführt“ ist eine durchaus übliche Kritik, die sich weibliche Wesen Jahrzehnte nach den Anfangserfolgen der Emanzipationsbewegung allen Ernstes noch anhören müssen. Die geniale Antwort hierauf hat mein Tangofreund Peter Ripota einmal so formuliert: „Das habe ich aber getanzt!“ Erst gestern hörte ich von einer Bekannten die Lobpreisung eines argentinischen Tangolehrers, welcher sofort das Tanzen unterbrechen würde, sollte einer Partnerin etwas „nicht Geführtes“ einfallen. Mein Kommentar hierzu: „Na, soll er doch – Gerhard Riedl jedenfalls würde weitermachen!“

Wie immun ich inzwischen gegen Schulungen dieser Art bin, fällt mir immer wieder auf, wenn von weiblicher Seite die verunsicherte Frage kommt: „War das jetzt richtig?“ oder „Was hätte ich da gerade machen sollen?“ Abgesehen davon, dass ich mit den Begriffen „richtig“ oder „falsch“ beim Tango kaum etwas anfangen kann: Tanzen ist für mich eine Sache des Augenblicks – woher soll ich einige Takte später noch wissen, was genau wir gerade getanzt haben? Schlimmer noch: Es würde mich komplett überfordern, ständig zu planen, was meine Partnerin zu tun hat – mir reicht es vollkommen, mich auf die Musik und meine eigenen Bewegungen zu konzentrieren sowie zu spüren, wie die Tänzerin sich fühlt. Welchen Fuß sie jeweils belastet, kriege ich mit, falls ich es brauche – aber was sie im Einzelnen macht, ist ihre Sache. Dazu kommt, dass beim Tango die Füße meist „außen herum“ gehen – bis auf Inside-Positionen im Parallelsystem ist die Kompatibilität der Schritte ein eher geringes Problem.

Es scheint über den Horizont der deutschen Tangopopulation (insbesondere von deren Lehrpersonal) zu gehen, dass der Paartanz einen Dialog zweier gleichberechtigter Personen darstellt. Wenn ich einen Bewegungsimpuls gebe oder einen Freiraum hierzu eröffne, ist das eine (in Körpersprache formulierte) Frage, auf die mir die Tänzerin antwortet. Darauf muss ich eingehen und nicht etwa stur weiterreden! Oft genug konnte ich bei einer Anfängerin die Nervosität schon durch meine Bemerkung senken: „Mach, was du willst, ich tanze das dann einfach mit!“ Mein Fokus beim „Führen“ liegt also nicht auf dem, was meine Partnerin machen soll, sondern auf ihren tatsächlichen Aktionen, die ich sanft begleite; dabei kann ich ja versuchen, sie noch mehr „in die Spur“ (und natürlich in die Musik) zu bringen.

Wie andere Zwiegespräche hängt das Tanzen davon ab, wie gut man die Grammatik (sprich: Technik) beherrscht und welcher Wortschatz (also choreografische Elemente) zur Verfügung steht. Den Klang, die Modulation der Sätze bestimmt das musikalische Empfinden. Man kann einander aber auch in sprachlich nicht korrekten und einfachen Sätzen sowie zu simpler Beschallung (heutzutage der Normalfall) viel Schönes mitteilen! Dies ist jedenfalls immer noch besser als das, was ich landauf, landab auf dem Parkett sehe: reine Monologe – der Mann führt, die Frau folgt. Übrigens setzt ein solches Verfahren auch die Herren der Schöpfung gewaltig unter Stress: Sie müssen ihr Gegenüber ja unablässig „zutexten“ – wahrlich keine männliche Grundkompetenz… (obwohl selbsternannte „Tangopädagogen“ dies gerne auf dem Parkett in Worten versuchen).

In unseren Breitengraden (und die liegen ja durch das immense Latino-Lehrpersonal südlicher als man glaubt) scheint mir der Tangounterricht von einer inversen Relevanz geprägt, will sagen: Je unwichtiger eine Fähigkeit für das Tanzen ist, desto heftiger wird sie trainiert. Auf Platz eins der „Charts“ stehen immer noch Schritte und Figuren, dann gerne auch rhythmische Kapriolen, neuerdings immer öfter „Tanzen auf engsten Raum“ (für mich vergleichbar mit Piet Klockes „Nichtschwimmer in vier Wochen“).

Oft genug bin ich auf Milongas zu Gast, bei denen vorher unterrichtet wurde. Was ich dann anschließend von den Schülerpaaren erlebe, treibt mich zu Fragen wie:

Hat denen schon mal einer gesagt, sie sollten miteinander tanzen statt voreinander her?
Hat man den Männern schon jemals davon abgeraten, ständig optisch die Zahl der Füße der Partnerin zu überprüfen? (Info: Es sind konstant zwei, alles andere wäre rettungstechnisch ein Notfall!)
Hat irgendwer den Frauen schon mal den Unterschied zwischen einer Umarmung und Festklammern erklärt?
Könnte ein Tangolehrer sich wenigstens einmal zu der Botschaft hinreißen lassen, dass die Bewegungsimpulse aus der Körpermitte kommen und nicht von den nach vorne stelzenden Beinen?
Hat man gewissen Kerlen schon einmal geraten, nur dann zu tanzen, wenn man die Nähe von Frauen angenehm findet?

Es ist gespenstischer als in „Des Kaisers neue Kleider“: Alle sind nackt, und keiner sagt’s ihnen. Leider steht mir meist führerscheinhalber nicht die ausreichende Alkoholmenge zur Verfügung, um das Schauspiel zu meiner „zufriedensten Vollheit“ zu ertragen…

Also, liebe Anfängerin, mit der ich demnächst vielleicht einmal tanze: Du bist nicht schuld, falls irgendwas nicht klappen sollte – schließlich hab ich dich aufgefordert, nicht umgekehrt! Und ich werde dir daher auch sicher kein Arbeitszeugnis darüber ausstellen, welchen Grad an Zufriedenheit du bei mir bewirkt hast. Tango ist immer ein Wagnis, an dessen Ge- oder Misslingen beide Seiten zu genau fünfzig Prozent beteiligt sind. Vor allem aber: Er ist ein wunderbares Freizeitvergnügen. Arbeiten kannst du dann wieder am nächsten Morgen.

P.S. Da von diversen Kritikern immer wieder bis zur Besinnungslosigkeit behauptet wird, ich würde meine Meinungen als „unumstößliche Wahrheiten“ darstellen:
Die obigen Äußerungen zum Thema „Führen“ stellen die privaten Ansichten des Verfassers dar. Eine Haftung bei deren Befolgung wird ausdrücklich ausgeschlossen. Sollten Sie zu anderen Standpunkten gelangen, bitte sehr: Es ist Ihr Tango, nicht meiner. Allerdings bitte ich dann im Misserfolgsfall vom Ausweinen an meiner Brust Abstand zu nehmen.

Tanzkarte für Tangueras:
Ausdrucken, ausschneiden, in den Ausschnitt stecken und bei Bedarf blank ziehen! (ggf. spanische Übersetzung einholen und auf der Rückseite notieren)

Sonntag, 16. November 2014

Allein stehende Frauen



Anekdote: Bei unseren Ausflügen ins südlichste Bayern treffen wir ab und an einen österreichischen Tänzer. Als dieser zum ersten Mal meine Frau aufforderte, sprach er nach dem ersten Tango mit seligem Blick und im Idiom seiner Heimat: „Mei… a Wunder… a Frau, die selber stehen kann!“ 

Vor einiger Zeit hatte ich auf einer Milonga ein Déjà-vu-Erlebnis: Wir trafen ein Paar wieder, das wohl fast so lange tanzt wie wir. Offenbar bewegen wir uns weitgehend in unterschiedlichen Tangokreisen, da wir einander nur höchst sporadisch sehen.

Die beiden sind hervorragende Tänzer, und deshalb war meine Frau sehr glücklich, alsbald von dem Mann zu einer längeren Runde gebeten zu werden. Klar, dass ich eine entsprechende Aufforderung seiner Frau folgen ließ. Meiner Erinnerung nach tanzten wir zunächst eine traditionelle Tanda zu Ende und probierten dann noch etliche moderne Aufnahmen. (Für die im „neuen Geist“ erzogenen Tangomenschen: Ja, das geht!)

Mein Gefühl von Anfang an, und bei den „abgedrehteren“ Stücken erst recht: Da war etwas, das ich beim Gros der heutigen Tänzerinnen nicht mehr finde! Als Erstes schon einmal dieser Andruck, die klare Belastung nach vorne, eine Präsenz im Oberkörper, welche sich nie abschwächt oder gar abreißt. Und das – für’s staunende Publikum von heute – trotz sich laufend verändernder Abstände im Paar! Weiterhin eine blitzsaubere Technik, die dafür sorgte, dass die Kräfte stets in der Mitte zentriert blieben, ein riesiger Fundus choreografischer Erfahrung inklusive.

Selbstredend konnte vom „Führen“ im klassischen Sinne nicht die Rede sein, vielmehr war es ein intensiver Dialog mit dieser Gratwanderung zwischen beiderseitigen kreativen Vorschlägen und dem ständigen Achtgeben auf den anderen – halt Tango wie dereinst! Dazu die Musikinterpretation Lichtjahre entfernt vom gleichförmigen Heruntertanzen des Rhythmus, vielmehr ein ständiges Spiel mit diesem, spannende Experimente damit, welches Instrument wir nun gerade als führend oder interessant empfanden und uns daher in dessen Duktus begaben. Und besonders die bedingungslose Hingabe an die Emotionen dieser Klänge sowie – man verzeihe mir das heute hart klingende Wort: Leidenschaft.

Zum Schluss beiderseitiges Sternchenfeuerwerk in den Augen – ja, es war überirdisch, vielen Dank, bis zum nächsten Mal!

Ich habe damals auf dem Heimweg und auch noch später viel über diese Tanzrunde nachgedacht. Was war eigentlich der zentrale Punkt, damit das alles so gelingen konnte? Ergebnis: Diese Tanguera gehört einer heute aussterbenden Spezies an – den „allein stehenden Frauen“. Will sagen, ich hätte sie mitten in der wildesten Bewegung sich selber überlassen und mir etwas zum Trinken holen können, sie hätte in genau dieser Pose auf mich gewartet (würde ich natürlich nie tun – wenn’s doch grade so spannend ist…).

Leider wird die Fähigkeit, die eigenen Bewegungen hundertprozentig im Griff zu haben, heute kaum noch von den Tänzerinnen verlangt. Stattdessen tanzt man bekanntlich in der allein selig machenden Klemmgriff- und Schraubstockhaltung, welche den weiblichen Part auf „Folgen wie Lumpi dem Herrchen“ reduziert.

Anekdote: Mein Vater, von dessen Tanzgenen ich wohl profitiere, erzählte mir oft von einer Showtanznummer, die er bei einem Ball Ende der 30-er Jahre vollführte: Eine sehr schmiegsame Puppe hatte er in ein Kleid gesteckt und mittels Gummibändern an seinen gamaschenbewehrten Füßen befestigt. Völlig synchron, wenngleich etwas unselbstständig, vollführte diese „Muñeca brava“ mit ihm dann die wildesten Figuren, die Begeisterung des Publikums kannte keine Grenzen!

Wenn ich diese Nummer mit dem heute Gebotenen vergleiche, stelle ich einen absolut identischen Grad an Passivität fest – nur das entsprechende Hochgefühl bleibt aus. Die modernen Tanzpuppen zwingen den Partner nämlich in eine monotone Bewegung. Da sie ja kaum die eigene Balance erproben, geschweige denn festigen konnten, fallen sie bei jedem Taktschlag auf den schon längst dringend benötigten nächsten Fuß – da kann die Musik klingen, wie sie will: zart verklingendes Ritardando… trab… Sänger, der vier Ganztöne hintereinander aushält… trab… atemlose Pause vor dem nächsten dynamischen Impuls… trab… plötzlicher Stakkatoeinwurf… kein Trab, da noch zu früh... feine rhythmische Spielereien… blubb (nix gehört)!

Ein einfacher Test besteht für mich darin, bei passender musikalischer Gelegenheit einmal die Tanzhaltung weiter zu öffnen. Fast stets spüre ich die sofort um sich greifende Panik: Huch, mich hält ja keiner mehr! Dass der sich nunmehr bietende Freiraum so nicht zur Gestaltung eigener Ideen genutzt wird, sondern zur Suche nach dem Gleichgewicht, versteht sich von selbst.

Umgekehrt wird es noch dramatischer: Sollte es einem gelungen sein, der Tanzpartnerin doch einmal ein höheres Tempo zu verleihen, muss man einen plötzlichen Stopp in der Musik mit Rücksicht auf die eigene Unversehrtheit ignorieren – oder haben Sie schon einmal versucht, eine in Fahrt gekommene Bergwerkslore ansatzlos aufzuhalten? Trotz eines Keils an den Rädern dürfte sich wohl außer einem schrillen Kreischen kein unmittelbarer Erfolg einstellen…

Um hier einmal die Frage eines Traditionalisten neulich auf meinem Blog zu beantworten: Was Leute wie er mir eigentlich wegnehmen würden? Genau das: Zu meiner „guten, alten Tangozeit“ blieb schon Anfängerinnen nichts anderes übrig, als sich auf die vertracktesten Rhythmen, die abgefahrensten Klänge einzustellen, darauf, dass der Tänzer die Haltung erweiterte, ja vielleicht sogar zwischenzeitlich ganz aufgab, zu jedem Moment etwas Neues kommen konnte, eigenständige Aktionen willkommen waren. Heute dagegen reicht es völlig, im Klett-Verschluss mit der Partnerbrust im Langweiler-Vierviertel hintan zu schreiten. Die eigene Kraft zu entwickeln, sich auf die Energie der Körpermitte zu besinnen – im Tango wie im Leben? Viel zu schwierig, vergiss es, kommt auch bei den Männern schlecht an! Dass auf diese Weise junge, begabte und sportive Tänzerinnen in vielen Szenen schon eine Ausnahmeerscheinung darstellen, wird offenbar klaglos hingenommen. Reicht ja, im Altersbereich zwischen Delirium und Demenz in der „beschützenden Tanzwerkstatt“ etwas zu vollführen, was auf hundert Meter Entfernung einem Tango ähnelt. Die Ronda als „Senioren-Tanzkreis“ – „50+“ beschreibt hierbei nicht die Stundenkilometer…

Dies entkräftet hoffentlich auch den Vorwurf, ich hätte in meinem Beitrag „Frauenschelte“ geübt. Nein, das in dieser Hinsicht tatsächlich mal „schwächere Geschlecht“ ist – wie auch oft genug im realen Leben, ein „Opfer der Verhältnisse“.
Dass man diese allerdings als Frau verändern könnte, bleibt trotzdem wahr. Wie wäre es mit alleinigem Üben, aktivem Aufordern, Erlernen der führenden Rolle oder wenigstens dem Stellen lästiger Fragen, beispielsweise am DJ-Pult? Ich weiß: Viel zu anstrengend, da könnte man ja ins Schwitzen kommen!

Ich selber habe ja eher geringere Gründe, mich zu beschweren – bei meinem Privileg, mit Frauen das Parkett betreten zu können, die noch „tanzen wie früher“. Und da mir gerade einfällt, auf meinem Blog ja persönlich loben zu dürfen: Das herausragend tanzende Paar am Anfang meines Beitrags waren Georg und Annelie. Herzlichen Dank – wenn auch die Mauern brechen, die Erinnerung bleibt – und zum Tango gehört ja zwingend die Nostalgie!

Anekdote (böses Ende): Ich hatte noch nicht erwähnt, dass mein Vater bei seiner „Tanzshow“ (übrigens Langsamer Walzer und Tango!) die entscheidenden Rundungen seiner Puppe mittels unter dem Kleid versteckter Luftballons modelliert hatte. Zum Ende der Darbietung holte er heimlich eine Stecknadel aus dem Revers und ließ durch gezielte Stiche die Luft aus der Dame, welche sofort kläglich zusammenschrumpelte, worauf sie mein alter Herr weinend und klagend – sowie unter dem Jubel der Meute – ins Off transportierte.
Bei so mancher Traditionshulda neueren Zuschnitts habe ich mir nach drei Tänzen schon überlegt, was denn nun passieren würde, wenn ich gleichfalls und im Gedenken an frühere Zeiten ein kleines Nädelchen…
Nein, war natürlich nur Spaß – und man weiß ja auch nicht, wer spitzer ist!

Mittwoch, 5. November 2014

Elefants do remember

Es ist für mich immer wieder faszinierend, wie selbstverständlich und geräuschlos sich gewisse Herrschaften im Internet von zurückliegenden eigenen Meinungen verabschieden.

So las ich gestern vom verehrten Mitblogger Cassiel in seinen "Tangoplaudereien": "Wenn ich jemanden um ein Interview bitte, dann überblicke ich - zumindest in groben Zügen - seine Leistung und es erscheint mir sinnvoll, das mit meinen bescheidenen Mitteln einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen (ich werde bestimmt nicht ein Interview mit einem Menschen im Tango führen, dessen Ansichten ich überhaupt nicht teilen kann)."

Das klang in seiner E-Mail vom 21.7.10 an mich noch ganz anders:"Ich mache Dir folgenden Vorschlag: Ich werde das Buch" (gemeint ist der "Milonga-Führer") "besprechen und meine Meinung dazu deutlich schreiben. Wenn Dir das nicht passt, dann bekommst Du meinen Namen und kannst gegen meine Rezension vorgehen." (Natürlich purer Quatsch, ich weiß seinen wirklichen Namen bis heute nicht!) "Andernfalls mache ich mit Dir ein Interview in der Serie 'Tacheles mit Tangueros'. Da können wir dann über unsere unterschiedlichen Ansichten trefflich diskutieren."

Trotz meiner ziemlich deutlichen Ablehnung per Mail ("Glauben Sie im Ernst, dass ich mich mit Leuten, die nicht mal ihren wahren Namen nennen, auf Deals einlasse?") wiederholte Cassiel dieses Angebot via Facebook am 23.9.11: "Ich biete Dir ein Interview an. Du darfst mich zu meinem Blog befragen und ich Dich zu Deinem Buch. Dann diskutieren wir das aus. Das sollte doch unter erwachsenen Menschen kein Problem sein."

Hmm, wie war das mit dem Fuchs und den Trauben? Denn dass dieser Blogger "meine Ansichten überhaupt nicht teilen kann", hat er nun wirklich zur Genüge dargetan, z.B. auch auf der Tanzpartnerbörsen-Seite "Tanzmitmir" am 8.4.13: "Ich bin ebenfalls der Meinung , dass das Buch von Gerhard Riedl einen höchst bedenklichen Inhalt hat. Es führt m.E. nicht zum Tango Argentino, sondern in eine Sackgasse." Ach so, und in der wollte er mich wohl interviewen, da man dort besonders ungestört ist...

Diese Taktik hat Methode. Selbiger Kollege hielt mir einmal vor, ich hätte wichtige Zitate zum Tango im Buch nicht beachtet: "Von den dort" (auf seinem Blog) "zu findenden Gedanken habe ich nichts in Gerhards Buch gelesen. Und das hätte ich von einem Sachbuch schon erwartet." (Facebook 23.9.11) Als ich ihm dann per Seitenzahl die Zitate im "Milonga-Führer" belegte, kam die Antwort: "Vielleicht hast Du die Zitate gebracht, verinnerlicht hast Du sie jedenfalls nicht." Wohlgemerkt, das schreibt eine Person, die nach eigenem Bekunden dieses Buch "zweimal gelesen" hat!

Noch ein Beispiel, weil's so schön ist: Auf dieses Blog wurde ich per Suchmaschine überhaupt erst aufmerksam durch eine Wortmeldung des Chefs: "Üblicherweise ist Héctor Varela nicht unbedingt mein Lieblingsinterpret. Ich kann auch die Euphorie von Gerhard Riedl für die Interpretation des Tangos 'Fumando espero' von Varela nicht einmal ansatzweise teilen." (Es folgte die düstere Androhung der Rezension meines Buches, worauf ich von einem Kommentator schon mal als "Stümper" bezeichnet wurde.) Viel später entdeckte ich dann, dass Cassiel höchstselbst genau diese Aufnahme am 7.9.09 "für die neue Woche" vorgestellt hatte! Als ich ihn in einer Mail vom 10.7.13 darauf hinwies, kam die Antwort: "Dass ich Fumando Espero in der Interpretation von Varela früher mal gut fand und mittlerweile furchtbar finde, stört mich nicht weiter. Wahrscheinlich werde ich im Laufe meines Tango-Lebens noch einige Male meine Meinungen ändern müssen (aktuell habe ich eine Überdosis Canaro erlebt und kann ihn nicht ertragen)." Oje, so ein Satz könnte auf Encuentros schon mal zu einem heftigen "Toblersuchtsanfall" führen - aber es wird noch schlimmer: "So fand ich früher beispielsweise das Sexteto Mayor, die instrumentalen De Angelis-Titel, die späten Puglieses und Piazzollas usw. toll."

Auch bei Epigonen trifft man diese Reaktion auf den Vorhalt von Widersprüchen: So schrieb Johannes Kuhn auf meinem Blog: "Und warum soll ich mich rechtfertigen für etwas, was ich vor eineinhalb Jahren gesagt und geschrieben habe? Vielleicht habe ich es damals ja tatsächlich anders gesehen? Bin ich dann ein böser Mensch oder so?"

Meine klare Überzeugung: nein, vielleicht nicht, oder so. Eventuell wird man dann halt nicht in dem Maße ernst genommen wie erhofft. Und möglicherweise wäre es ratsam, auf solche Metamorphosen der Meinung einmal ungefragt hinzuweisen oder sie gar zu begründen - speziell, wenn man ansonsten mit in Stein gehauenen Statements um sich wirft? Und es wäre natürlich darauf zu achten, dass die veröffentlichte Textmenge zumindest in der Größenordnung der eigenen intellektuellen Kapazität entspricht.


Na gut, "schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort", sagt Schiller im "Wallenstein", "aus ihrem heißen Kopfe nimmt sie keck der Dinge Maß, die nur sich selber richten". Möglicherweise kriege ich irgendwann ja doch noch ein Interview. Ich werde vorsorglich schon mal einen Sprachkurs belegen: "Denglisch für Tangueros".