Samstag, 29. Oktober 2016

Pörnbacher Tango-Knigge



Einige Gepflogenheiten für die Milonga, die du unbedingt verinnerlichen solltest! Manche davon erscheinen dir möglicherweise etwas antiquiert, sie haben sich jedoch lange bewährt, um eine Milonga zu einem Fest für alle Beteiligten zu machen.

Vor der Milonga

Da die Nachfrage bei unserer Veranstaltung sehr groß ist, empfehlen wir eine Anmeldung spätestens 60 Minuten nach Eingang der Einladungsmail!

Gender-Bilanz: Bitte gib an, ob du dich als „männlich“, „weiblich“ oder „sonstiges“ fühlst! Dies hat zwar keine Bedeutung für die Teilnahme an unserer Milonga, befriedigt aber die Neugier des Gastgebers!

Anmeldung unter Pseudonym ist möglich – wir senden dir dann eine Deckadresse des Veranstaltungsortes zu!

Kurzfristige Absagen machen den Veranstalter sehr böse! Als Begründung wird allenfalls der plötzliche Tod eines Verwandten ersten Grades akzeptiert!

Ob du Tango tanzen kannst oder nicht, spielt für die Teilnahme keine Rolle. Wir passen uns hier den üblichen Gepflogenheiten in der heutigen Szene an.

Beim Eintreffen

Pörnbach bietet als touristischen Anreiz fast ausschließlich Parkplätze. Wir bitten jedoch um soziales Parken, um eine Behinderung oder Irritation anderer Kraftfahrzeuge auszuschließen. Während der gesamten Anwesenheitsdauer bleiben die Reifen am Boden!

Bitte klingle nicht vor dem offiziellen Beginn – ansonsten wirst du unauffällig gebeten, nach Ende der Wohnzimmer-Milonga beim Aufräumen zu helfen. Merke: Wer zu früh kommt, den bestraft das Tangoleben!

Gastgeschenke sind stets willkommen und gleich in der Küche zum alsbaldigen Verzehr bereitzustellen!

Die Musik

wird in so genannten TTs (technischen Tandas) aufgelegt: Aus Bequemlichkeitsgründen sind es nämlich meist drei oder vier Titel von derselben CD. Achtung: Kann auch ein Sampler sein – daher selber auf die tänzerische Umsetzung achten!

Die TCs (technischen Cortinas) erkennt man daran, dass oft eine längere Pause eintritt, in welcher der DJ fluchend versucht, die ziemlich zickige Bose-Anlage zum Verzehr der nächsten Silberscheibe zu bewegen.

Unser DJ ist altersbedingt schon ziemlich schwerhörig. Daher wird er bei musikalischen Wünschen zwar freundlich nicken, jedoch anschließend unbeirrt bei seiner kruden Mischung moderner Klänge bleiben.

Gelegentlich wird er sogar Tangomusik spielen, jedoch keinesfalls bei der Schlusstanda, wo er meist untanzbare Relikte aus seiner Pubertät (wie Peter Alexander, Frank Sinatra, Rudi Schuricke oder Freddy Quinn) verwurstet. Bitte trotzdem anschließend applaudieren, sonst hängt er durch und legt beim nächsten Mal noch weit depressiver auf!

In der Küche

ist Raum für zeitweise Erholung von der Beschallung sowie die Führung beziehungsanbahnender Seelengespräche. In regelmäßigen Abständen wird diese daher vom Veranstalter geräumt.

Bei Nahrungs- und Getränkebedarf ist die so genannte K&K- (Kaffee- und Kuchen-) Mirada obligatorisch: Beim Auftauchen eines Mitglieds des Organisationsteams ist dieses so lange mit Blicken zu fesseln, bis es mit einem Nicken (Cabeceo) die Erlaubnis zum Verzehr erteilt, günstigstenfalls sogar bei dessen Beschaffung behilflich ist.

Das Auffordern

Da unsere weiblichen Gäste keine Kellnerinnen sind, ist das obige Vorgehen zur Tanzanbahnung unpassend. Stattdessen wird eine Aufforderung per scherzhafte Ansprache gern gesehen: „Willst du dir den Tag versauen und mit mir tanzen?“ oder zumindest „Wollmermal?“

Wer dennoch einen Cabeceo versucht, muss wegen der meist oberbayerischen Provenienz der Tänzerinnen damit rechnen, die Frage zu erhalten: „Was schaugst’n so bled?“

Da speziell die anwesenden Damen wild entschlossen sind, mit jedem, der nicht schnell genug auf dem Baum ist, zu tanzen – und zwar egal wie und zu jeglicher Musik – muss mit Aufforderungen von dieser Seite jederzeit gerechnet werden! Der Veranstalter haftet hier nicht für Beschädigungen der empfindlichen maskulinen Psyche!

Tanze auch mit Partnern, welche deinem Tango-Niveau nicht entsprechen! Andere findest du bei uns eh nicht.

Körbe gibt es auf der Pörnbacher Milonga ausschließlich in der Küche zum Abstellen der leeren Getränkeflaschen.

Wenn Du ständig aufgefordert wirst, versuche auch wenn es nicht leicht fällt deinen Unmut zu verbergen!

Im Ruhebereich

Wir bitten unsere Besucher um „gender separated seating“: Da unsere Stühle schon etwas altersschwach sind, können sie ausschließlich von den Frauen benutzt werden – die Männer sitzen auf dem Sofa gegenüber.

In Gespräche vertiefte Tänzerinnen sollten umgehend aufgefordert werden, um sie daran zu erinnern, dass sie zum Tanzen und nicht zum Ratschen gekommen sind!

Auf dem Parkett

Achte auf Mund- und Körperhygiene deines Tanzpartners! Notfalls kannst du ihn auf die beiden Badezimmer im Haus hinweisen (Reisezahnbürste mitbringen). Achtung: Aus hygienischen Gründen werden die Toiletten videoüberwacht!

Solltest du unter Mundgeruch leiden, sprich nicht beim Tanzen! Wenn du keinen Mundgeruch hast, auch nicht.

Kaugummi kauen wird akzeptiert, falls man dem DJ auch einen anbietet!

Männer sollten Tänze nicht mit einem Rückwärtsschritt beginnen! Ausnahme: Wohnort im Großraum Regensburg, da man dort offenbar immer noch teilweise die „Kröniger-Gedächtnis-Basse“ lehrt. (Amtliche Meldebestätigung vorlegen – die Herren haben dann am Rücken das Schild „Vorsicht, Regensburger“ zu tragen.)

Eine Ronda gibt es bei uns nicht, da unser Wohnzimmer viereckig ist.

Bei der üblichen Zahl von mindestens 8 Paaren hast du auf den 20 Quadratmetern Parkett eine Tanz-Fläche von durchschnittlich 2,5 qm. Tanze einfach dorthin, wo Platz ist – du findest eh keinen!

Merke: Wenn es am Boden eng wird, ist oft in der Luft noch Raum! Hohe Beinaktionen können daher durchaus sinnvoll sein.

Noch immer wartet unser veralteter Röhrenfernseher auf einen beherzten Boleo-Tritt, welcher ihn ins Jenseits befördert. Diese Aufforderung gilt nur für Tanzende mit einer Haftpflichtversicherung!

Bewege dich rücksichtsvoll und tritt keinen, der es nicht verdient hat!

Hilf Männern, die nach dreißig Sekunden Musik immer noch herumstehen, mit einem beherzten Schubs zum Start auf der nächsten Eins!

Den Abstand der Tanzhaltung bestimmen ausschließlich die Frauen! Dennoch gilt es als wenig rücksichtvoll, empfindsame Männerseelen durch heftige Annäherung zu quälen.

Führe nicht, auf dass du nicht geführt werdest!

Die Cortina gilt als günstige Möglichkeit, einen unerwünschten Partner loszuwerden. Daher wird es als unfreundlicher Akt empfunden, nicht mindestens noch ein Stück weiterzutanzen! 

Im Garten

Bei schönem Wetter dient er als zusätzlicher Ruhe- und Erholungsraum. Der DJ wird die Musik dennoch so laut spielen, dass du auch im hintersten Winkel über deren Fortgang informiert bist!

Die Terrasse dient als zusätzliche Tanzfläche. Die kleinen Männchen an deren Rand sind aber keine Tangueros, sondern Gartenzwerge! Kennzeichen: Noch langsamer und spießiger als Traditionstänzer, eine Aufforderung ist somit zwecklos.

Nach der Milonga

solltest du den Organisatoren auf jeden Fall versichern, wie schön es war – auch wenn du das nicht ganz erst meinst. Keine Sorge: Sie auch nicht!

Cave: Das Liegenlassen von Ausstattungsdetails wie Jacken, Fächern oder Kuchen-Containern führt nicht automatisch dazu, wieder eingeladen zu werden!


Liebe Leser,

diese Ansammlung von über 35 Regeln mag gegenüber den Zehn Geboten ziemlich üppig wirken und schon eher an eine EU-Verordnung zur vorschriftsmäßigen Bananenkrümmung erinnern.

Mein Vorbild war jedoch eine Aufstellung von 54 Paragrafen, die man hier findet:
http://www.tangoneon.org/typolight/tango-knigge.html

(Edit: Der obige Link wurde inzwischen gelöscht. Kommt ja öfters vor, wenn ich etwas kritisiere...)

Die „Präambel“ ganz oben in meinem Beitrag habe ich wörtlich von der Salzburger Website kopiert.

Und das Schlimmste: Der Text des österreichischen Tangovereins ist wohl – im Gegensatz zu meinem – ernst gemeint…

Freitag, 28. Oktober 2016

Was Ihnen Ihr Tangolehrer nicht erzählt… 10



Heute die Fortsetzung von Manuela Bößels Tipps für die tango- (und lebens-)taugliche Ausrichtung unseres Gestells.

Die Autorin verfügt über die Begabung, Geschichten zu erzählen, welche völlig verrückt klingen und dann unerwartet in grundvernünftige, lebensnahe Tipps münden.

Ich bin sehr stolz darauf, meinen Lesern somit Texte zu bieten, die sie von ihrem Tangolehrern wirklich noch nicht gehört haben (und auch nicht hören werden)!

Das Wort hat nun die Gastautorin:

Pimp dein Gestell ganz schnell - Teil 4: Dich spüren lernen

Life hacks für eine gute Haltung: Im eigenen Körper daheim sein, denn...
... du kannst nur gut bewegen,was du spürst!
... du kannst nur gut spüren, was du bewegst!

In den ersten drei Folgen von "Pimp dein Gestell ganz schnell" hast du gelernt, wie du in verschiedenen Regionen deines Körpers entspannte Aufrichtung antriggern kannst: ausgehend von deiner Mitte, deinem Kiefer, deinen Schultern oder von ganz unten - deinen Füßen.

Nicht jeder Pimp wird immer gleich gut funktionieren - das ist ganz normal und tagesformabhängig. Je mehr im Alltag geübte Möglichkeiten du deiner Bewegungssteuerungszentrale anbieten kannst, umso einfacher und wohliger wird die artgerechte Benutzung deines Körpers beim Tango tanzen (oder was auch immer).

Bei der Auswahl und Umsetzung der heute passenden Methode samt Wirkungskontrolle brauchst du unbedingt eine gute Körperwahrnehmung!
Ohne feine Sensorik keine feine Motorik!

Und genau hier beginnt manchmal schon das Problem.

Drum kümmern wir uns heute ums Spüren:

Wie geht das - sich selber spüren?
Wie können wir das sensomotorisches Feedback, das wir ja sowieso dauernd bekommen, besser oder überhaupt wahrnehmen?

Stell dir vor...

du bist zu Gast auf einem alten Schloss. Der Besitzer ist mit sämtlichen Domestiken unterwegs. Er hat dich alleine zurückgelassen mit einem dicken Schlüsselbund und einer langen Liste Handlungsanweisungen, z.B. wann die Katze zu füttern sei.

Dich friert's wie einen Hund, dein kleiner Abendhunger bohrt Löcher in die Magengegend, eigenartige Geräusche flirren durch dunkle Gänge und zu allem Überfluß fliegt die Sicherung raus. Dunkelheit umschließt Augen und Gemüt. Gott (oder wem auch immer) sei Dank: Dein Handy funktioniert!

Nach einigem Zögern rufst du doch den Schlossherrn an und schilderst ihm dein Leid. Er kennt das alte Gemäuer wie seine Westentasche und lotst dich schrittweise von einer Problemlösung zur nächsten:

Wo du Holz zum Anschüren der Kamine und des Küchenofens findest ("Taste dich an der Wand entlang, in die Richtung, wo es kälter wird und leicht bergab geht..".)
Wie du dort Feuer entfachst (als Zentralheizungsgewöhnter scheint dir dieses Abenteuer fremd)
Wo du in der kühlschrankfreien Zone die Eier findest ("Jawoll, im finsterkühlen Keller - nicht in der Speisekammer, im Regal neben dem Sicherungskasten! Obacht, die dritte Stufe von oben ist niedriger als der Rest der Stiegen, und benutze die dritte Pfanne von rechts, die mit dem hölzernem Griff...")
Wie du die Rohrleitungen entlüftest und welche Fensterritzen du mit Strickwürsten abdichtest (wegen der komischen Geräusche)
und welches Futterbeutelchen die Katze heute wünschen wird (wegen der komischen Geräusche)

Mit dem Telefon am Ohr befolgst du eine Anweisung nach der anderen. Irgendwie schon zielführend, gewiss, aber ein zeitaufwändiger, anstrengender "Blindflug".

Ein Jahr später wohnst du immer noch im Schloss. (Warum, weiß ich auch nicht.)
Du kennst inzwischen jeden Winkel, hüpfst sicher die schiefen Stiegen hinauf und hinab - sogar im Dunklen!  Die Schlosskatze, die sich täglich unter deinem Federbett verkriecht, entfernst du daraus inzwischen blind-routiniert. Anfeuern gelingt mit jedem Tag Übung noch besser. Du weißt inzwischen die Vorzüge einer handgeschmiedeten, nicht rostfreien Eisenpfanne zu schätzen. Manchmal singst du sogar mit dem Schlossgespenst ein Duett.

Du hast dir quasi das Schloss zu eigen gemacht, sinnlich übend begriffen. Jeden Tag ein bissel mehr. Nun weißt du einfach, welche Türen sich mit welchen Schlüsseln öffnen lassen, und was du dort vorfindest. Ohne groß(hirnig) darüber nachzudenken. Die Finger finden den Schlüssel am Bund tastend von allein. Dein Rücken weiß inzwischen, unter welchem Türsturz du dich bücken solltest.

Höchstwahrscheinlich fühlst du dich jetzt wohl im Schloss.

Dein Körper mit seinen wunderbaren, schon installierten Bewegungsmöglichkeiten ist auch eine Art Palast! (oder Bungalow, Alpenhütte, Villa - wie's beliebt)
Du wohnst dort!
Erkunde ihn!
Erforsche und begreife!

Gönne deinem Körperpalais spürende Bewegungserfahrungen!

So oft wie möglich, einfach während deiner Alltagsroutine - nur dann bist du in der Lage, diese Muster beim Tango (oder was auch immer) fix und fertig abzurufen!

Aus dem Stand losrennen: Sei ehrlich, wann hast du das letzte Mal gemacht? Borg' dir hierfür - falls nicht vorhanden - Katze, Hund oder Kind aus. Ballwerfend auf einer Wiese herumtollen mögen alle drei Fraktionen. Mitspielen ist zwingend ;)

Hängend die Schwerkraft spüren: Schau, der alte Baum da drüben! Dein Leihkind erklimmt schon mutig die unteren Äste. Der starke Querausleger würde sich doch hervorragend eignen, dich mal beherzt dranzuhängen? Spürst du die Dehnung im Rücken? Und ja! Tatsächlich! Die Schulterblätter sind wirklich flexibel befestigt und gleiten. Deine Beine baumeln völlig locker - total entspannt!

Jetzt hast du dich total eing'saut auf der herbstmatschigen Wiese? Macht nix! Die Waschmaschine erledigt das schon: ab in den Waschkeller!

Treppen hinunterhopsen: Dein Rumpf "schwebt" über den Stufen, deine Beine tanzen fröhlich lässig mit, ballentapsend-federleicht und herzensfroh! Hinein in den Boden. Genau dieses Gefühl darfst du abspeichern und beim nächsten Tango aktivieren.

In der Hocke die Waschmaschine befüllen: Deine Knie und Hüftgelenke sind maximal gebeugt. Ob du auf den Zehenspitzen oder der ganzen Fußsohle stehst, ist egal. Probiere beides aus, wobei auf dem ganzen Fuß die Hockstellung halten lange Routine erfordert und eher für Fortgeschrittene (oder Asiaten) zugeschnitten ist. Funktioniert am besten mit lockeren Hinterbacken. Dein Beckenboden erfährt natürliche Dehnung.

Dein unterer Rücken darf und soll in dieser Haltung rund werden! So haben ihn die göttlichen Baumeister konzipiert. Die herumgeisternde Aufforderung, die Wirbelsäule in jeder Lebenslage gerade zu halten und auf keinen Fall zu beugen, ist biomechanisch gesehen gefährlicher Quatsch!

In der Brustwirbelsäule drehen: Wieder stehend suchst du das Waschmittel. Ach ja, im Seitregal hinter dir! Anstatt deinen Körper walzengleich mit einer Parkinson-Pirouette zu wenden, drehst du dich einfach in der Brustwirbelsäule etwas oberhalb der Taille. Eine Schulter führt dich in die Drehrichtung. Die Beine samt Beckengürtel bleiben weiter nach vorne zur Waschmaschine ausgerichtet.

Falls dein Auto keine Rückfahrkamera besitzt, hilft dir diese Bewegungsmöglichkeit beim Einparken. Schreibtischhelden können auch den Drehstuhl gegen einen normalen austauschen, sich selber zum Drucker hinüber wenden. Die Halswirbelsäule verdreht sich gar nicht gern.

Durchrütteln lassen: Ein besonderes Körperspür-Schmankerl bietet dir Freundin Waschmaschine. Setz dich einfach drauf, wenn sie schleudert! So viele somatosenorische Impulse erhältst du selten geschenkt! Und deine Propriozeptoren für die Eigenwahrnehmung werden jubeln!

Berührungsinformationen bewusst in verschiedenen Stärken wahrnehmen: Dem Strahl der Dusche kannst du abhängig von der Temperatur und Stärke zahlreiche Mitteilungen entlocken. Und anschließend feste abrubbeln, zärtlich eincremen, ...
Weitere Möglichkeiten, die Streichelsensoren zu aktivieren, überlasse ich deiner Fantasie ;)

Flach wie eine Flunder liegen: Zwischendurch platt auf dem Rücken liegend in die Unterlage hineinschmelzen entfaltet dein Gestell zur vollen Größe - vor allem, wenn du viel sitzt. Ganz Verwegene lassen Arme oder sogar den Kopf über die Bettkante herunterhängen.

Bestimmt fallen dir nach diesen Beispiel-Anfixungen zur Bewegungserfahrung im Alltag noch viele weitere ein.

Je vielfältiger, je bunter und vor allem bewusster du dich im Alltag bewegst, umso routinierter kann deine Steuerungszentrale diese Muster auch beim Tango (oder was auch immer) einsetzen!

Probier's einfach aus!
Spiele! Sei ungeniert kreativ!
Wünsche wohlige Bewegungsabenteuer und Entdeckungen.


Wie stets erscheint der Artikel (mit einem wundervollen Katzenbild) zeitgleich auf Manuelas Blog: http://im-prinzip-tango.blogspot.de/2016/10/pimp-dein-gestell-ganz-schnell-teil-4.html

Der Autorin meinen herzlichen Dank – und an die Leser die dringende Aufforderung, die tollen Ideen auszuprobieren!

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Drei Jahre „Gerhards Tango-Report“



Tja, den einen freut‘s, den anderen reut’s: Auf den Tag genau gibt es mein Tango-Blog nun drei Jahre!

Zunächst einen ganz herzlichen Dank an alle meine Leser (derzeit sind es im Schnitt an die 300 am Tag), welche – ob sie sich nun empören, informieren oder amüsieren wollen meiner Internet-Präsenz einen Besuch abstatten. Langweilig scheint man sie jedenfalls nicht zu finden!

Wenn ich auf meine ersten Texte zurückblicke, wird mir klar, dass ich in dieser Zeit schon einiges dazugelernt habe.

Das beginnt bei den formalen Dingen: Ich mache inzwischen mehr Absätze, hebe Wichtiges deutlicher hervor – und liefere vor allem auch Bilder (von meiner genialen Illustratorin Manuela Bößel oder auch passende Youtube-Videos). Mindestens zwei Drittel der Informationen erhalten die Menschen über den optischen Sinn: ein großes Problem reiner Text-Blogs.

Und mir steht eine studierte Germanistin als Lektorin zur Seite: meine Frau Karin – ein Luxus, der auch nicht jedem zuteilwird! Apropos: Eine gute sprachliche Gestaltung ist für mich nach wie vor die Basis jeder journalistischen Arbeit. Formale Schlampereien drücken nicht gerade Respekt vor dem Leser aus!

Was mir immer mehr – auch beim Betrachten der Konkurrenz – einleuchtet: „Schnellschüsse“ mit 15 Zeilen bringen es nicht (es sei denn, man hat eine „Bomben-Idee“ – dann reicht eventuell ein Bild mit einer kurzen Überschrift). Im Normalfall sollte man ein Thema schon gründlich durcharbeiten statt bloße „Do it yourself-Anleitungen“ zu liefern. Das gilt vor allem für die Übernahme fremdsprachlicher Texte: „Übersetzt es euch mal selber“ ist kein guter Ansatz – kaum ein Schwein macht das, selbst wenn es ihm möglich wäre.

Dabei gibt es in englischer Sprache geschätzt über zwanzig Mal mehr Tangoblogs – und die enthalten die eine oder andere „Preziose“, welche der hiesigen Leserschaft verloren ginge, würde man sie nicht übersetzen. Das habe ich im letzten Jahr verstärkt unternommen, was große Beachtung fand. Ein Beispiel sind die herrlich subjektiven Texte der Kalifornierin Karen Kaye. Der Spitzenreiter:

Auf der Website „Affenblog“ findet man viele sehr nützliche Tipps. Einer lautet, man müsse Beiträge mit mindestens 1000 Wörtern schreiben (http://www.affenblog.de/blogartikel-mindestens-1000-woerter/).
Sieht man sich unter diesem Aspekt viele Blogs an, so weiß man schon auf den ersten Blick, woran diese vermutlich scheitern. (Ich habe natürlich selbstkritisch mal nachgezählt: Die letzten zehn Texte, welche von mir stammen, sind durchschnittlich 1093 Wörter lang… Na, passt doch!)

Klickt man heute den Online-Bereich eines Presseorgans an, so fliegen einem zunächst die Werbeanzeigen um die Ohren. Man braucht eine Minute, um sich den Blick auf den Text „freizuschießen“. Ich finde das entsetzlich! Daher wird mein Blog weiterhin werbefrei bleiben – bis auf das gelegentliche Angebot eigener Produkte oder die Verlinkung mit Blogger-Kollegen.

Ein Blog muss Nutzen für den Leser bringen: Sei es durch eine Gratis-Übersetzung, förderliche Informationen zur Musik (zum Beispiel die vielen Playlists von mir und anderen), Tipps zum besseren Tanzen (siehe meine neue Artikelserie „Was Ihnen Ihr Tangolehrer nicht erzählt“), Künstler-Porträts und Einladungen – oder schlicht pures Amüsement zu all den Abartigkeiten in der Tango-Szene. Nur die eigene Gemütslage zu bespiegeln reicht nicht (auch hier habe ich sicherlich dazugelernt…).

Meine werten Kritiker halten mir immer wieder vor, dass ich zu negativ schriebe – obwohl ich in fast der Hälfte meiner Texte für (aus meiner Sicht) positive Aspekte des Tango werbe. Ginge es mir nur um Zugriffszahlen, müsste ich noch viel aggressiver werden: Unter den „Top Ten“ der bislang insgesamt zirka 340 Artikel befinden sich acht, in denen es (auch durch die Kommentare) besonders hoch hergeht. Doch dies ist für mich kein Maßstab: Ich lobe sehr gerne, wenn es dafür gute Gründe gibt – werde aber weiterhin das kritisieren, was ich für abartig halte!

Was mich viel mehr freut: Von den zehn meistgelesenen Beiträgen stammt die Hälfte aus dem zurückliegenden Jahr:   

„Von der Feinsinnigkeit traditioneller Tangovertreter“ (29.11.15)

„Einfach abschalten?“ (8.5.16)

„Herz-Schmerz-Milonga“ (5.5.16)

„Gastbeitrag von Peter und Alessandra Seitz“ (6.6.16)

„Unter mütterlicher Überwachung“ (2.4.16)

(Auch hier befassen sich vier von fünf Texten mit den negativen Auswüchsen im Tango. Tja…)

Was ich inzwischen ebenfalls für wichtig halte: Blogger dürfen keine Einzelkämpfer sein. Daher habe ich mich in den vergangenen 12 Monaten verstärkt um Vernetzung bemüht: Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Gastbeiträgen aus oft unterschiedlichen Blickwinkeln, sei es von Peter Ripota, Manuela Bößel, Karin Law Robinson-Riedl, Peter und Alessandra Seitz oder einigen anderen. Und: Im Gegensatz zu den „Vertretern der reinen Tangolehre“ müssen wir ja nicht stets der identischen Auffassung sein: Wie schön!
Förderliche Kontakte gibt es auch mit Yokoitos Blog: https://tangoblogblog.wordpress.com/
Besonders eng ist die Zusammenarbeit mit Manuela Bößel, die seit einem halben Jahr ein eigenes Blog betreibt: http://im-prinzip-tango.blogspot.de/  – ihre Einsichten aus Medizin und Krankenpflege (und als routinierte Tanguera) bilden eine wunderbare Ergänzung.

Inzwischen ist so eine kleine „Allianz“ derjenigen entstanden, welche im Tango Kreativität und musikalische Vielfalt suchen: Sie reicht von Wien über das Salzkammergut (Peter Baumgartner), Freising, Ingolstadt (DJ Christoph Bos), Offenbach (DJane Annette) bis nach Berlin, wo Thomas Kröter unermüdlich neue Videos, Texte und Themen zum Tango ausgräbt. Oft komme ich mir vor wie ein Elfmeterschütze, der den aufgelegten Ball nur noch ins Netz befördern muss. Herzlichen Dank an Euch alle!

Nach meinem Eindruck sind in letzter Zeit die unterschiedlichen Standpunkte im Tango klarer geworden: Die Fraktion derer, welche unseren Tanz mit Vorgaben und Reglements überfrachten wollen, radikalisiert sich zunehmend. Ich habe dies an vielen Beispielen dokumentiert – siehe das „Manifest“ des amerikanischen Bloggers „Tango Voice“:
oder die Tatsache, dass es nun bereits Hausverbote für Gäste mit der falschen Gesinnung gibt:

Andererseits kapselt sich diese Population – typisch für Sektierer – immer mehr in geschlossenen Veranstaltungen ab und stört daher nicht besonders.

Nach einer Phase, in welcher Veranstalter reihenweise Código-Listen und Tanzflächen-Benutzungsordnungen abdruckten, scheint man inzwischen vorsichtiger geworden zu sein: Verbote erhöhen in unserer Zeit doch nicht die Beliebtheit und könnten Gäste vergraulen – deshalb hält man den Ball flacher. Immerhin!

Auf der anderen Seite kann ich bei „offenen“ Tangoveranstaltungen mit einem breiten Musikangebot einen deutlichen Zulauf feststellen, und das Geschäftsmodell „traditionelle Milonga“ ist keine Garantie mehr für wirtschaftliches Überleben – insbesondere, wenn sie sich auf das Abspielen von Internet-Playlisten beschränkt.

Dem manchmal sogar gut gemeinten Rat, mich nicht mehr mit diesem Reglementierungs-Stoff zu befassen, werde ich daher – aus voller Überzeugung – nicht folgen. Werner Schneyder antwortete einmal auf die Frage „Sie reden ja immer noch über Tschernobyl – ist das nicht ein alter Hut?“: „Dürfen die dort die Pilze schon wieder essen?“ Seine Schlussfolgerung: „Wir Kabarettisten müssen mit unseren Themen hartnäckiger bleiben – so wie die Katholiken mit der Erbsünde.“

Oft sind ja gerade meine kritischen Texte Reaktionen auf teilweise grotesken Unsinn, den andere verbreiten. Sollen wir an solche Leute die „Lufthoheit“ über den Tango“ abgeben? Ich denke nicht daran! Einen Mangel an neuen Ideen befürchte ich jedenfalls nicht - eher habe ich oft das Gefühl, von diesen verfolgt zu werden.

Im nahen Vorfeld meines „Schnapszahl-Geburtstags“ bin ich daher mit Udo Jürgens der Meinung:
„Mit sechundsechzig ist noch lange nicht Schluss!“