Donnerstag, 30. Oktober 2014

Stille Tangonacht



„Im übrigen ist der Mensch ein Lebewesen, das klopft, schlechte Musik macht und seinen Hund bellen lässt. Manchmal gibt er auch Ruhe, aber dann ist er tot.“
(Kurt Tucholsky)

Ich hatte von „stillen Milongas“ schon öfters gelesen, aber bisher noch keine Gelegenheit gehabt, eine solche zu besuchen. Kürzlich konnte ich auch dieses Erfahrungsdefizit beseitigen.

Ein Tangoabend, bei dem niemand spricht, die Musik daher voll wirken kann, ohne das branchenübliche schrille Gegacker exaltierter „Tangosociety-Ladies“, welche eine Freundin stets so charakterisiert: „Die reden doch nur, damit die Luft scheppert!“ – wahrlich eine traumhafte Aussicht!

Klar, dass ich mir dies nicht entgehen ließ. Bereits an der Eingangstür zur Milonga machte uns auf einem Plakat ein weißbebarteter alter Herr mit Finger vor dem Mund auf das Schweigegelübde aufmerksam. Zudem ging es ja schon auf den „traurigen Monat November“ zu, in dem laut Heinrich Heines „Wintermärchen“ „die Tage trüber“ werden – wie passend!

Obwohl wir also kurz vor Allerheiligen standen, waren etliche von ihnen nicht da – sprich, diverse Zentralfiguren der dortigen Szene hatten sich wohl andernorts eine Redezeit genehmigt. Und das, obwohl ein hundertprozentig traditionelles Musikprogramm (zur erstrebten Trauerstimmung sogar besonders meditativ ausgelegt) ihren Geschmack sicherlich bestens getroffen sowie ihre tänzerischen Fähigkeiten nicht überfordert hätte! Aber wahrscheinlich kommen wir nicht um das Balzverhalten der Singvögel herum, bei dem ja zur Sicherung der Rangordnung die Farbreize des Gefieders noch vom schmetternden Gesang (hier allerdings der Männchen) komplettiert werden müssen.

Auffallend war ferner, dass auf dieser Milonga ein leichter Männerüberschuss herrschte, was natürlich wieder alle Macho-Vorurteile hinsichtlich der verbalen Überlegenheit des weiblichen Geschlechts zu bestätigen scheint. Obwohl diese Einzelbeobachtung selbstredend statistisch nicht abgesichert ist, wage ich schon die Vermutung, dass die Herren der Schöpfung in diesen Abendstunden ihre durchschnittlich fünfhundert Wörter pro Tag bereits aufgebraucht hatten, während die Damen für den Rest des zehnfachen Vokabulars noch dringend Abnehmer suchten.

Und – wurde tatsächlich nicht gesprochen? I wo! Nun ist es natürlich schwierig, die Information „Schatz, ich kann jetzt nicht mit dir tanzen, der Mann dort hinten hat mich gerade aufgefordert“ in Mimik und Gestik umzusetzen. Dennoch entging meinem geübten Pädagogenauge nicht, dass etliche Anwesende „Schweigen“ chronisch mit „leisem Reden“ verwechselten, wobei erstaunlicherweise die Gespräche im paarweisen Kontakt mit dem anderen Geschlecht dominierten. Offenbar kann das passende weibliche Beuteschema beim männlichen Gegenüber Vokabular-Reserven aktivieren, die eigentlich erst für die kommenden Tage oder Wochen vorgesehen sind. Aber schon das im Titel zitierte Weihnachtslied belehrt uns ja, dass rundum (ob der gebotenen Klänge) alles schläft, natürlich außer dem einsam wachenden „trauten, holdseligen Paar“

Erstaunlich, dass sich selbst „Tangolehrer“ von eigenen Gnaden dem Trend zur Partnerbeschallung (sogar während des Tanzes) nicht entziehen können, obwohl doch der Unterricht in diesem Metier hierzulande ein Höchstmaß an Disziplin und die Beachtung allfälliger Regeln voraussetzt. Aber vielleicht muss man den ab einem gewissen Alter essentiellen Tatbestand der Inkontinenz nicht nur den ableitenden Harnwegen, sondern ebenso den aufsteigenden Luftwegen zuordnen.

Dem auf den schulischen Sitzplänen gemeinhin „Pult“ genannten Experten konnte es auch nicht entgehen, dass sich – wie in jedem Klassenzimmer – die Unruhe eher auf den hinteren Bänken breitmachte. Dies bestätigt wieder einmal die Vermutung, dass es sich bei der Pubertät nicht um eine zeitliche menschliche Entwicklungsphase handelt, sondern um die Diagnose einer Persönlichkeitsstruktur. Die Störungen abstellen könnte man wohl auch hier nur durch negative Verstärkung, sprich Strafen – im Tangozusammenhang vielleicht: „Wer noch einmal schwätzt, muss Piazzollas ‚Libertango’ allein vortanzen!“ – oder wahlweise, je nach Interessenlage: „Dann leg’ ich halt jetzt nur noch Canaro auf.“

Insgesamt bestätigte sich wieder einmal, dass die heutige Tangopopulation eben vor allem kopf- und nicht emotionsgesteuert ist. Während für intuitive, gefühlsbetonte Signale die unteren Gehirnregionen zuständig wären, dominiert bei den „Schritteanwendern“ die Großhirnrinde, und in der sitzt nun mal das Sprachzentrum. Blicke, Gesten oder gar Berührungen werden vom „Regierungssprecher“ im obersten Dachbereich gnadenlos per Verlesung des vorbereiteten Kommuniques zugedröhnt.

Bringt eine solche „stille Milonga“ eine neue Qualität des Miteinanders? Darüber müssten wir nochmal ausführlich reden – und ich fürchte, das wird auch geschehen. Immerhin ist sie eine weniger vernichtende Alternative zur Möglichkeit, die der Kabarettist Georg Schramm einmal so beschrieben hat: „Man kann doch nicht jede Woche einen Wolkenkratzer einäschern, nur damit diese Spaßgesellschaft einmal die Klappe hält!“  Das entscheidende Problem einer solchen Veranstaltung besteht für mich aber darin, dass die Musik besser zu hören ist – und das kann sich durchaus verheerend auswirken…

„Der eigene Hund macht keinen Lärm, er bellt nur.“ (Kurt Tucholsky)   

Sonntag, 26. Oktober 2014

Ein Jahr "Gerhards Tango-Report"



Am 26.10.13 (übrigens pünktlich zur ersten öffentlichen Lesung des neuen „Milonga-Führers“) hatte mein Blog Premiere mit dem Beitrag: „Zunächst die Antwort auf die entscheidenden Fragen:  Warum und wie?“

Mein Vorhaben, dort gelegentlich einen Artikel zum Tango zu posten, in der Hoffnung, damit den einen oder anderen Leser zu finden, hat sich in einer Weise erfüllt, die ich nicht für möglich gehalten hätte!

Ein Blick in die Statistik des heutigen Tages liefert dazu die nüchternen Zahlen: Bislang gab es auf das Blog zirka 21000 Zugriffe, täglich also knapp 60  - wobei die Raten deutlich steigen. Derzeit schalten sich pro Tag fast 100 Leser ein! (Die eigenen Klicks werden ausgeblendet, sind also hierin nicht enthalten.) Dem Jubiläum entsprechend ist dies der 52. Beitrag. Die Zahl der Kommentare liegt insgesamt bei 166, also etwas über 3 pro Artikel.

Nun gibt es auch beim Tango Internetforen mit deutlich mehr Leserbeiträgen, wohl in erster Linie deshalb, weil man dort ohne wahren Namen schreiben darf. Sehe ich mir allerdings an, was dabei herauskommt, wenn Anonyme ihre Aggressionen ablassen, bin ich mit meiner „garantiert unanonymen“ Verfahrensweise sehr zufrieden. Zudem lade ich ja Kommentare nur dann hoch, wenn sie keine persönlichen Verunglimpfungen enthalten – dies war aber dank der Verpflichtung, Äußerungen namentlich zu verantworten, kaum einmal ein Problem. (Nebenbei: Wer sich unter Pseudonym äußert, verzichtet riskanterweise auf den Persönlichkeitsschutz – ein digitales Konstrukt ist nicht „beleidigungsfähig“, aber auch da habe ich mich zurückgehalten…)

Eine „Weichspülung“ in der Sache steht hingegen weiterhin nicht auf dem Programm: Bei Lob und Kritik bevorzuge ich Klartext – und für beides gibt es genügend Beispiele im Blog. Interessanterweise finden gerade die „negativeren“ Themen mehr Leser, beispielsweise die Rezension des Buches von Nicole Nau (Platz 2 in den „Charts“, wohl vor allem der Bekanntheit der Autorin geschuldet), ebenso die „Idiotologie im Tango“ (Platz 3), „Das Blog der Scientangologen“ (Platz 4) sowie der Artikel über Encuentros (Platz 5). Lustigerweise ist der mit Abstand populärste Beitrag aber einer, der aus einer Augenblickslaune heraus entstand: meine Vorstellung der großartigen Einspielung von „Vida mía“ mit Osvaldo Fresedo und Dizzie Gillespie (mit 32 Wortmeldungen auch der am meisten kommentierte). Und da sage nochmal einer, dass ungewöhnliche Tangomusik nicht die Gemüter bewegen kann!      

Besonders freut es mich, dass mein Blog international Beachtung findet. Zwar stammen die meisten Leser natürlich aus Deutschland (80 %), aber auch in Österreich (6 %), den USA (5 %), der Schweiz (2 %) und – wie schön – Argentinien (1,5 %) sowie in vielen anderen Ländern wird er zur Kenntnis genommen. Da die anderen deutschsprachigen Tangoblogs (aktueller Insider-Gag!) momentan beitragsarm bis belanglos vor sich hin dümpeln, wage ich arroganterweise die Behauptung, dass „Gerhards Tango-Report“ derzeit eine führende Rolle spielt. (Aber vielleicht kenne ich nicht alles – Gegendarstellungen werden per Kommentar gerne entgegengenommen.)

Hier zeigt sich natürlich der Einfluss des digitalen Zeitalters: Während meine Tangobücher inzwischen (in knapp sechs Verkaufsjahren) zirka dreitausend Mal erworben wurden, erfreute sich mein Blog - in nur einem Jahr - fast achtmal so vieler Zugriffe! (Den Einwand, Einschaltquoten seien nicht gleichbedeutend mit Lesern, lasse ich nicht gelten – wie ich aus leidvoller Erfahrung weiß, gilt dies ebenfalls für gedruckte Informationen!) Immerhin ist der „alte“ Milonga-Führer auf dem Markt kaum noch zu haben – für gebrauchte Exemplare wurden bei „Amazon“ schon bis zu 35 € geboten und bezahlt. Und das, obwohl mein Mitblogger Cassiel noch vor zwei Jahren behauptete, der Autor würde „durch die Provinz tingeln“, um „vereinzelt Exemplare seines Buches, die wie Blei in seinem Keller liegen, zu verhökern. Aber warum sollte er ausgerechnet da mal Recht behalten?   

Selbstredend werden meine verehrten Gegner nicht müde, mich (auch hier im Blog) als „Quertreiber“, „Lästerer“ oder „Querulanten“ darzustellen. Vielleicht hilft da ja ein Blick auf die Gründerzeit des Tango: Die Auswanderer, welche damals vor sozialer Not und politischer Verfolgung aus Europa flohen und am Rio de la Plata oft nichts Besseres vorfanden, waren sicherlich weder vornehm noch gebildet und schon gar nicht diplomatisch bis angepasst. Und es dürfte ihnen bei vielen Landsleuten keine Sympathien eingebracht haben, nicht die eigene Volksmusik zu pflegen, sondern von diesem komischen, multikulturellen Mischmasch namens „Tango“ fasziniert zu sein. Bürgerliche Spielregeln zur Parkettbenutzung hätten bei ihnen wohl heftiges Gelächter hervorgerufen, und auf eine hochnäsige bis aggressive Belehrung zur „richtigen“ Musik hin wäre dann schon mal das eine oder andere Messer gezogen worden. Nicht, dass ich mir diese Zeiten zurückwünsche – aber wenn ich heute von den seelischen Blähungen lese, welche bereits der Anblick eines exzessiv tanzenden Paars bei der jetzigen Spartänzergeneration auslöst, finde ich das einfach nur dämlich.  

Dass in Richtung „goldenes Tangozeitalter“ die Oberschicht diesen Tanz via „Salontango“ in Frack, Nadelstreifenanzug und Abendkleid steckte, war nicht die Schuld der Proleten aus den Anfangsjahren – und schon gar nicht, dass jenes spießige Gehabe derzeit wieder fröhliche Urstände feiert. Deshalb bleibt der Tango der „Festival- und Workshopgesellschaft“ eine nette Begleitmusik zum „Ehepaartanzkreis“, mehr nicht. Wie jene Klänge eine Zuflucht aus Elend, Verzweiflung und Depression bieten, welche Glücksmomente sich aus ihren Widersprüchen ergeben können, wird man so nicht erleben. Die Füße im Schlamm der Straße und die Augen zu den Sternen gerichtet, das ist Tango – und nicht Musik und Personal eines Sommerballs im Golfclub.

Daher werden in diesem Blog auch in Zukunft gar lästerliche Artikel erscheinen, stets dem Querdenken und nicht der Stromlinienform verpflichtet!

P.S. Von Beileidsbezeugungen oder Freudenkundgebungen darf abgesehen werden – und wenn, dann bitte im Stil der „guten, alten“ UdSSR: „Das Zentralkomitee der kommunistischen Partei der Sowjetunion gratuliert dem amerikanischen Präsidenten schärfstens zu dessen Geburtstag mit sieben gegen vier Stimmen.“

Sonntag, 19. Oktober 2014

Tango-Verkehrsordnung



Auf den Tischen von Milongas sowie den Websites diverser Veranstalter findet man öfters einen Flyer, welcher sich „Tanzfluss im Tango“ betitelt. Damit ist allerdings nicht der Rio de la Plata gemeint – vielmehr erhalten wir auf zwei eng bedruckten Seiten Ratschläge zur korrekten Benutzung des Parketts.

Obwohl uns der Verfasser schon in der Präambel treuherzig (sowie stilistisch ein bisschen wacklig) versichert, „Tanzfluss im Tango wurde sich nicht nur so zum Spaß ausgedacht“, hatte ich beim Lesen einen heftigen solchen – leider fand sich im Text kein Hinweis darauf, ob dies gestattet sei… Was den Autor des Traktätchens umtreibt, ist die Sorge, sich beim Tanzen nicht „auf die Musik und den Partner konzentrieren“  zu können, „wenn man ständig vor Kollisionen auf der Hut sein muss und die Konzentration komplett für umherschweifende Paare verbraten wird“. Zugegeben – man kann sicher gehaltvollere Dinge in die Pfanne hauen als die (hier offenbar vermuteten) mentalen Fähigkeiten eines durchschnittlichen deutschen Tangotänzers! Zudem fasst der Autor sehr schön das generelle Elend des Paartanzes zusammen: Sich mit einem autistischen Partner von der Musik überfordert zu fühlen und sich auf dem Parkett nicht nur umherschweifenden Blicken, sondern der Anwesenheit einer größeren Zahl Gleichbegabter ausgesetzt zu sehen.

In der Folge erhalten wir eine Auflistung diverser Do’s und Don’ts (zur Verhütung intellektueller Überforderung mit Grün und Rot markiert), die durch zwei Pfeildiagramme illustriert werden. Trotz frappierender Ähnlichkeit stellen diese nicht die Fahrzeugbewegungen auf einem Aldi-Parkplatz zu Ruhe- und Stoßzeiten dar, sondern die erlaubten und verbotenen Wege auf der Tanzfläche. Die sicherlich gut gemeinten und mehrheitlich beinahe zutreffenden Regeln erinnern ein wenig an die Verhaltensrichtlinien, mit denen gutmenschige Grundschulpädagoginnen gerne die Wandtafel ihres Klassenzimmers schmücken. („Wir melden uns und rufen nicht dazwischen.“) Eine kleine Auswahl der tangomäßigen Sonderpädagogik:

„Spurbreite und Anzahl richtet sich nach Raumgröße und Paaranzahl.“ Echt? Und ich dachte immer, das hänge vor allem von Mondphase, Sternbild und Erdkrümmung ab…

„Tanzfläche betreten, wenn Platz ist“ Ach komm, macht doch viel mehr Spaß, wenn ich den Hintermann zu einem Hechtsprung über meine Tänzerin zwinge!

Nicht so lange warten oder so langsam tanzen, dass man einen Stau verursacht.“ Nee, das find’ ich jetzt übertrieben, dann dürfte man ja keine Encuentros mehr veranstalten!

„Nicht zwischen den Spuren tanzen (‚Mittelstreifenfahrer’ sind extrem nervig, fast wie auf der Autobahn)“  Ja, fast! Nur dachte ich bisher, die fahren auf dem mittleren Streifen und nicht in der Mitte zwischen zwei Streifen. Immerhin entspricht der Vergleich von Tänzerinnen mit dem anderen männliche Prestigeobjekt, dem Auto, wohl der hierzulande typischen Verwechslung von „Führen“ mit „Fahren“…

„Nicht einfach in Lücken hineintanzen, wo gerade Platz ist. Das erzeugt nur Chaos.“  Genau! Wie bei anderen Menschenansammlungen gehen wir diesen nicht aus dem Weg, sondern stürzen wir uns mitten ins Gewühl, weil’s da sicher was Interessantes gibt. Und Chaos im Tango – igitt! Gerade dieser Tanz lebt von strengen Vorschriften, damit kein unkontrolliertes Vergnügen aufkommt!

„Nicht mit einem Rückwärtsschritt anfangen.“ Ja, schon, aber wieso sehe ich immer wieder Anfänger, welche die berüchtigte „Basse“ heruntertanzen? Gibt’s diesen Flyer eigentlich auch in Spanisch?

Insgesamt gehe ich mit dem Verfasser aber durchaus konform, wenn er feststellt: „Das Spuren-Konzept mag ominös erscheinen. Ist aber so.“ Jawohl!

Auf der Rückseite des Flyers erhalten wir weitere nützliche Tipps mit den zugehörigen Illustrationen, die in einem leichten „Wachturm-Stil“ gehalten sind. Wer beispielsweise noch nie ein sich drehendes Tanzpaar gesehen hat oder nicht weiß, dass man die Positionen benachbarter Paare mit den Augen wahrnehmen kann, ist hier bestens bedient.

Ein Ratschlag allerdings hat mich irritiert: „Damen: Ganchos und Boleos nur wenn ihr wisst, dass Platz ist oder ihr eurem Partner vertraut.“ Und ich dachte immer, beim richtigen Tango sei solche Akrobatik eh verboten! Aber vielleicht soll uns diese Sentenz ja nur an die Lebensweisheit erinnern, dass man einem Partner umso mehr vertrauen kann, je weniger Platz er hat…

Schön, weil rätselvoll, finde ich das abschließende Mantra: „Ein Rückwärtsschritt und eine Drehung können zusammen so viel Platz verbrauchen wie zwei Rückwärtsschritte.“  Nach stundenlanger Meditation drängt es mich noch, hinzuzufügen: „Und je öfter man den linken Fuß belastet, desto länger bleibt der rechte frei.“ Ommm…

Immerhin finden sich im Internet viele positive Äußerungen zu dem „Flyer“ (hier ein seltsamer Begriff) – ein Kommentator spricht gar von einer längst überfälligen „Tangoverkehrsordnung“. Kein Zweifel, in Deutschland muss jede Art von Verkehr geordnet verlaufen, ob nun auf der Straße, dem Parkett oder sonst wo. Und so ein Zettelchen passt ja noch auf den kleinsten Nachttisch…

Also, Uff erstmal! Es wird ja immer wieder überzeugend dargetan, dass diverse EU-Richtlinien (wie etwa zur Länge von Gurken oder der zulässigen Bananenkrümmung) ein Vielfaches der Wörter benötigen, welche sintemalen für die Zehn Gebote ausreichten. Wie wäre es in unserem Fall mit „Treib auf der Tanzfläche, was du willst, solange du anderen Paaren nicht zu nahe kommst. Und remple nur diejenigen, welche es verdient haben!“ Howgh, ich habe gesprochen!

Schleichwerbung: Meine weiteren Gedanken zur „Nutzung des Raums“ finden sich im „Milonga-Führer“ auf den Seiten 183-187. Und wer das Blättchen (sprich „Feuilleton“) nochmal in ganzer Schönheit bewundern will: Einfach nach „flyer tanzfluss im tango“ googeln!

Anekdoten (politisch völlig unkorrekt):

Meine Überzeugung, dass die Gefahren auf Milongas eher außerhalb des Parketts lauern, bewies sich in jüngster Vergangenheit gleich zweimal.

Zunächst stürzte ich ziemlich spektakulär von einer grablichtbeschienenen Treppe im Hausflur einer Tangolocation. Dank der notfallmäßigen Erstversorgung durch eine begleitende Krankenschwester konnte einer drohenden längerfristigen Tanzunfähigkeit erfolgreich begegnet werden.

Im anderen Fall (!) erschien auf einer ziemlich vollen Milonga eine Tänzerin doch tatsächlich mit einem Rehpinscher, welchen sie samt Körbchen auf einem der raren freien Couchplätze neben uns platzierte und uns sodann mit dem hundeartigen Raubtier allein ließ, um als Herrchen auf der Piste eine Dame zu betanzen. (Grrr… Cassiel, fass!)          
Mit Blick auf das zaunlattendürre Vieh sowie den ziemlich voluminösen Veranstalter konnte ich mir die Bemerkung nicht verkneifen: „Wenn man die beiden kreuzen würde, käme ein ganz vernünftiger Body Mass Index heraus – die Nachkommen könnten zwar wohl nicht tanzen, aber man dürfte dann durchaus sagen. ‚Hund' san’s scho!’“

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Der große Milonga-Test


Im Zeitalter des Internet wird bekanntlich alles öffentlich beurteilt – da dürfen Milongas nicht fehlen! Bei manchen Tangomenschen hält sich bis heute hartnäckig das Gerücht, mein „Milonga-Führer“ enthalte eine Auflistung und Bewertung der deutschen Tangoveranstaltungen. Allerdings würde es meinen Etat übersteigen, ein Dutzend Anwälte mit den drohenden Unterlassungsklagen zu beschäftigen. („Die adäquate Musik für die Tangoszene in … besteht darin, die Anlage auszuschalten.“)

Aber Sie dürfen das! Wählen Sie im folgenden Test jeweils die Antwort, welche Ihrem Eindruck am nächsten kommt – getreu dem Motto: „Ein Manager entscheidet schnell, sicher und falsch.“ Präsentieren Sie das Ergebnis bei Ihrem nächsten Besuch dem Veranstalter und klagen Sie gegen das anschließende Hausverbot!


Wie zufrieden waren Sie mit Garderobe und Sitzgelegenheiten?
-          Der auf zwei Nägeln ruhende Besenstiel krachte irgendwann leider herunter, ich habe meine Jacke aber nach einer halben Stunde wiedergefunden!  (0 Punkte)
-          Ging schon einigermaßen, musste mich halt zum Wechseln der Schuhe auf den Boden setzen.  (1 Punkt)
-          Ich fand meist einen Stuhl, und wenn man den nicht voll belastete, blieb er auch ganz.  (2 Punkte)
-          Super – der Veranstalter persönlich hat mir aus dem Mantel geholfen!  (3 Punkte)


Hat der Veranstalter Sie als neuen Gast erkannt und angesprochen?
* Welcher Veranstalter?  (0 Punkte)
* Nein, er saß neben dem DJ und unterhielt sich mit diversen Tango-  
  Beauties!  (1 Punkt)
* Ja, er fragte mich, ob ich den Eintritt schon bezahlt hätte.  (2 Punkte)
* Ja, er (bzw. seine Partnerin) hat sogar mit mir getanzt!  (3 Punkte)


Wie anregend fanden Sie die gespielten Titel?
* Am wimmernden Geräusch der Lautsprecher war nicht auszumachen, ob  es überhaupt verschiedene Stücke waren.  (0 Punkte)
* Am besten gefiel mir die Salsamusik nach jeweils drei schleppenden Tangos, nur war die stets sehr kurz.  (1 Punkt)
* Gegen Ende des Abends wurde zunehmend Popmusik aufgelegt, was aber mehr Stimmung erzeugte als das Gedudel vorher.  (2 Punkte)
* Die Beschallung war sehr abwechslungsreich – ich hätte gar nicht gedacht, wie unterschiedlich Tangomusik sein kann!  (3 Punkte)


Kamen Sie viel zum Tanzen?
-          Nein, nach drei Körben bin ich wieder heimgegangen.  (0 Punkte)
-          Zum Tanzen eigentlich nicht, aber einige Partner haben mich auf das Parkett geführt und an mir gezerrt.  (1 Punkt)
-          Ja, und nach diversen Belehrungen weiß ich jetzt auch, was ich beim Tango alles falsch mache!  (2 Punkte)
-          Hatte das Glück einiger Traumtänze mit einem exzellenten Partner – leider bin ich kurz darauf wieder aufgewacht.  (3 Punkte)

Wie ist Ihre Lust, diese Milonga ein weiteres Mal zu besuchen?
* Ich habe mich jetzt zu einem Volkstanzkurs angemeldet.  (0 Punkte)
* Solange sie mir meinen Führerschein nicht zurückgeben, habe ich wohl keine andere Wahl.  (1 Punkt)
* Bin recht motiviert, weil ich den einen, netten Tanzpartner wiedersehen möchte, und außerdem habe ich meine Schuhe liegen lassen.  (2 Punkte)
* Ziemlich groß, denn die anderen Milongas waren noch viel schlechter.  (3 Punkte)

(Das waren jetzt nur 5 von 10 Fragen – maximal gibt es insgesamt 30 Punkte!)

Auswertung

0 bis 6 Punkte: Bitte überprüfen Sie nochmals genau, ob Sie überhaupt auf einer Milonga waren! Vielleicht stand in der Einladung „Fango“ oder „Tanga“ und Sie haben es verwechselt? Selbst für die schmerzerprobte deutsche Tangoszene wäre eine derartige Veranstaltung schon eine herbe Zumutung, aber ich will da nichts ausschließen…

7 bis 12 Punkte: Sie sind auf einen Tangoabend geraten, welcher leider für die Verhältnisse hierzulande recht typisch ist. Am besten finden Sie sich damit ab, dass Musik und Tanz für das Gros der Besucher nicht die hauptsächlichen Beweggründe sind. Sollten Ihre sozialen Kontakmöglichkeiten noch nicht durch einen Kegelklub oder kirchlichen Gesprächskreis abgedeckt sein, ist so eine Milonga besser als nichts. Wenn Sie mehr wollen, müssen Sie lange Anfahrtwege einkalkulieren!

13 bis 18 Punkte: Diese Milonga überragt den deutschen Durchschnitt erheblich! Ich rate Ihnen dringend ab, etwas Geeigneteres finden zu wollen – das könnte sehr mühsam werden. Versuchen Sie lieber, möglichst viele Gleichgesinnte auf diese Veranstaltung zu lotsen, um über die Gruppendynamik Verbesserungen zu erreichen.

19 bis 24 Punkte: Sie Glückspilz sind tatsächlich auf einem Tangoabend gelandet, welcher in der hiesigen Szene eine rare Ausnahmeerscheinung darstellt. Aber Vorsicht: Qualität wirkt in der momentanen Population eher abschreckend – es könnte daher gut sein, dass es diese Milonga nicht mehr lange gibt. Unterstützen Sie daher die Veranstalter in jeder Weise, vor allem durch Empfehlungen und häufigen Besuch!
  
25 bis 30 Punkte: Ich rate Ihnen dringend, bei solchen Tests zukünftig ehrlicher zu sein! Von den über zweihundert Milongas, die ich kenne, fallen höchstens fünf in diese Kategorie, und es ist mehr als unwahrscheinlich, dass Sie bei einem Ihrer ersten Besuche auf eine solche geraten konnten! Aber vielleicht macht es Sie ja glücklich, sich die Verhältnisse schönzureden…

(Den vollständigen Test finden Sie in meinem Buch „Der noch größere Milonga-Führer".)

Samstag, 11. Oktober 2014

Das Wort zum Werktag

"Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und ein Stift können die Welt verändern. Bildung ist die einzige Lösung."

(Malala Yousafzai an ihrem 16. Geburtstag in ihrer Rede vor den Vereinten Nationen am 12.7.2013)
https://www.youtube.com/watch?v=3rNhZu3ttIU

Sie erhält in diesem Jahr den Friedensnobelpreis.

Samstag, 4. Oktober 2014

Las Sombras Tango live im Bayerischen Fersehen


Vorsicht, natürlich reine Konzertmusik, ja ned tanzen - könnte sonst zu unkalkulierbarem Anstieg des Endorphinspiegels führen...