Montag, 31. Juli 2017

Business Aires




„If you're going to San Francisco,
be sure to wear some flowers in your hair.
If you come to San Francisco,
Summertime will be a love-in there.“
(Scott McKenzie, John Phillips, 1967)

„Ja anno siebzig einundsiebzig
waren sie alle wieder da,
die Wandervögel, zogen dahin
auf Wallfahrt zum Big Zeppelin.“
(Franz Josef Degenhardt, 1971)

Im letzten Jahr veröffentlichte die Grazer Musikethnologin Dr. Kendra Stepputat einen hochinteressanten Text:

TANGO JOURNEYS – GOING ON A PILGRIMAGE TO BUENOS AIRES

Zu Deutsch: Kann man die massenhafte Reisetätigkeit von Tangosüchtigen aus aller Welt in die Metropole am Rio de la Plata als „Pilgerfahrt” bezeichnen?

Die Wissenschaftlerin kommt hierbei zu Aussagen, welche von mir sein könnten – nur würde dies dann von gewisser Seite mit höchster Skepsis aufgenommen. Daher habe ich Passagen ihres Texts aus dem Englischen übersetzt.

Eine solche Reise basiere nicht nur auf dem Wunsch, die heutigen Örtlichkeiten kennenzulernen, sondern sich mit der Vergangenheit zu verbinden, welche häufig romantisiert und idealisiert werde: In Buenos Aires seien Tangotänzer auf der Suche nach der Època de Oro: „In den meisten professionellen Milongas heute, überall in der internationalen Tangoszene, wird nur Musik aus jenem Zeitraum gespielt. Zusätzlich sieht man in den letzten zehn Jahren eine starke Zunahme der Tanzstile, die versuchen, Tanzweisen anzupassen, zu kopieren oder zu rekonstruieren, welche es vor den modernen Entwicklungen der späten 1980-er Jahre gab.“

Diese Tanzstile konzentrierten sich auf eine enge Umarmung, einen intensiven Körperkontakt und eher kleine Bewegungen. Derzeit folgten die meisten Tanzenden diesem Trend und intensivierten ihr Wissen um das Musikrepertoire aus jener Zeit: „Das Goldene Tangozeitalter stellt die idealisierte Vergangenheit der momentanen internationalen Tangokultur dar, eine Zeit, zu welcher der heutige Tangoanwender nicht gehörte, aber gerne gehört hätte.“    

Buenos Aires, wo das alles stattfand, biete sich geradezu als Bindeglied zu diesen versunkenen Zeiten an – hier zeige sich die wahre Bedeutung des Tango als immaterielles Kulturerbe.

Ich finde, Kendra Stepputat beschreibt das Elend ganz zutreffend: Der heute vorwiegend praktizierte Tango lebt von Nostalgie, ja geradezu Vergangenheits-Verklärung – natürlich aber „Tango light“ ohne die damalige autoritäre Klassengesellschaft, die Unterdrückung der Frauen, Diktaturen und Infektionskrankheiten… Lediglich das „Weltkulturerbe“ hat die UNESCO anders gemeint, da diese Organisation eindeutig auch das Multikulturelle und die neuen Tangoentwicklungen im Blick hatte.

Tangotanzende, welche in Buenos Aires waren, würden – bewusst oder unbewusst eine Steigerung ihres Selbstvertrauens erfahren. Dies könne sich durchaus auf das „tägliche Tangoleben“ auswirken, wie die Autorin aus eigener Erkenntnis zu berichten weiß: Nachdem sie 2015 drei Wochen in der argentinischen Hauptstadt verbracht hatte, sei sie daheim viel mehr zum Tanzen aufgefordert worden – auch wenn die Tänzer sie gar nicht kannten oder ihre Fähigkeiten beobachtet hätten. Dies entspreche auch den Erfahrungen von Tangobekannten ähnlichen Hintergrunds.

Rückkehrer aus Buenos Aires hielten sich wahrscheinlich anders, vielleicht aufrechter, mit einem festen Blick und einem „wissenden Lächeln“, basierend auf einem speziellen Stolz, nun zur Gemeinschaft derer zu gehören, welche diese Reise unternommen hätten. Diese Attitüde würde wohl den Eindruck bewirken, man sei ein besserer Tangotänzer.

„Schließlich entsteht ein signifikanter Wechsel im sozialen Status eines Tanzenden innerhalb der Tangogemeinschaft.“ Die Tangoszenen seien stets hierarchisch strukturiert, mit einem elitären lokalen und internationalen Netzwerk. „Der Rang eines Szenemitglieds hängt im Allgemeinen von seinen tänzerischen Fähigkeiten, seiner Rolle in der lokalen Szene und der Dauer seiner Zugehörigkeit ab.“ Wie die Mekka-Pilger im Islam würden die in Buenos Aires Gewesenen von ihrer heimischen Szene mit „mehr Respekt und höherer Achtung“ behandelt.

Offene Geringschätzung gegenüber den „Nicht dort Gewesenen“ gebe es zwar nicht, aber die „Insider-Perspektive“ zeige sich ja schon in persönlichen Berichten über dortige Milongas und Tanzschuh- sowie Kleiderkauf. Dies führe natürlich zu einem Aufstieg im Ranking.

Ein Muss schließlich sei die Pilgerfahrt für diejenigen, welche eine Karriere als Tangolehrer oder Showtänzer vorhätten. Nur so werde ihr Status als „fortgeschrittene, kenntnisreiche und ernsthafte Tangotänzer“ legitim und authentisch. Natürlich aber sei Authentizität in der Kunst „kein messbarer, objektiver Begriff“ – im Gegenteil: „Die Anwesenheit oder Abwesenheit von Echtheit ist eine verhandelbare Einheit, die auf dem Urteil und der Bewertung sowohl des Praktizierenden als auch des Beobachters beruht.“

Im Tango argentino jedoch nehme man meist an, „dass Lehrer aus Buenos Aires über größere Fähigkeiten verfügen, da sie eingebettet in die ‚originale' Szene und die empfundene Nähe zum Ursprung des Tango sind. Wenn Lehrende kein solche ‚Ursprungs-Zertifikat‘ vorweisen können, ist die nächstbeste und einzige Option, nach Buenos Aires zu reisen.“  

Mit religiösen Pilgerfahrten vergleichbar sei schließlich auch das Mitbringen von „Reliquien” wie Tanzkleidung und besonders vielen Schuhen. Ein bisschen zum Selbstschutz fügt sie hinzu: „Tangoreisen nach Buenos Aires weisen bestimmte Merkmale weltlicher Pilgerreisen auf, obwohl Tangueros und Tangueros dies nicht so empfinden mögen.“

Na, da hat die Autorin die Kurve ja gerade noch gekriegt, um – trotz ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit – nicht doch von der Grazer Tangoszene exkommuniziert zu werden. Dennoch ist ihre kabarettistische Begabung unübersehbar!

Da mich Verbannungen bekanntlich nicht schrecken, darf ich ihre Gedanken noch etwas geradliniger weiterführen: Offenbar geht es ja gar nicht so sehr um die tatsächliche Anwesenheit in der Welt-Tangometropole, sondern um Selbstvertrauen und Ansehen, welche einem ein solcher Besuch beschert.

Eine auch hinsichtlich der Kohlenstoffdioxid-Bilanz vorteilhaftere Lösung wäre für mich die Schaffung europäischer „Tango-Disneylands“: Versierte Architekten und Bühnengestalter könnten doch sicherlich sowohl berühmte Milonga-Örtlichkeiten als auch malerische Potemkin-Kulissen von La Boca eins zu eins nachbauen – und die Veranstalter entsprechende Kleindarsteller eher fortgeschrittenen Alters auf Ein-Euro-Job-Basis als bejahrte Milongueros beschäftigen, welche fortgesetzt von den guten alten Zeiten brabbeln. Das Ganze natürlich garniert mit Halbweltdamen und dreimal täglich von Stuntmen aufzuführenden kreolischen Messerduellen sowie Knistermusik-Dauerbeschallung aus extra schlecht eingestellten Erb-Anlagen. So käme auch der geringverdienende Tango-Aficionado zu seinem exklusiven Mekka-Erlebnis. Ein zertifiziertes Tango-Diplom (im Fileteado-Stil) wäre natürlich im Eintrittspreis enthalten.

Nur zur Sicherheit: Ich beanspruche hiermit die exklusiven Nutzungsrechte für das Label „Business Aires“!

Hier der Originaltext:
http://www.dancetangomusic.com/pub/Stepputat-Paper-Tango-Pilgrimage-2016.pdf

Sonntag, 30. Juli 2017

Playlist der Wohnzimmer-Milonga am 30.7.17



Arminda Canteros: Tangos
De rincón a rincón
Vida mía
A media luz
Flores negras

Osvaldo Fresedo
Única
El entrerriano
Triunfal

Astor Piazzolla
Villeguita (Astor Piazzolla Qinteto)
Marrón y azul (Sexteto Mayor)
Lo que vendrá (Quinteto Àngel)
Fuga y misterio (Sexteto Mayor)

Buena Vista Social Club
Chau chau
De camino a la Vereda
Dos gardenias
Murmullo 

Martin Dausch: Uno
Adoración
Abandono
Tu pálida voz

Cuarteto SolTango: Tango extreme
Arrabal
Milonga del sentimiento
La cachila
Buen amigo

Enrique Rodriguez: Valses
Fru fru
La mentirosa
Llora corazón
Siempre fiel

Hyperion Ensemble: Tango nueve
El puntazo
Este es el rey
Te aconsejo que me olvides
Mano brava

Richard Galliano Quartet & Gary Burton
L’ hymne à l’amour

Daniel Melingo: Maldito Tango
En un bondo color humo
Montmartre de hoy
Cuando la tarde se inclina

Adriana Varela y Sexteto Mayor: Trottoirs de Buenos Aires
Del 73
Uno
Verano Porteño

Fulvio Salamanca
Hasta siempre amor
Morena
La Polquita
Milonga sentimental

Valsecito amigo
Caserón de tejas (Pedro Laurenz)
Dichas que vivi (Rodolfo Biagi)
Cortando camino (Carlos di Sarli)
Flor de lino (Miguel Caló)

Raúl Garello
El caballito
La Guita
Yira, yira
Manual del enamorado

Ana Caram
Agua de beber
Close to you
Mas que nada

Leopoldo Federico: A gran orquesta
Norteño
Fibroso
Arrabal tanguero
Vislumbrando

Cuarteto SolTango: Cristal
Cristal
Buscándote
La cicatriz
Fuimos
Paisaje

Billie Holiday
You better go now
A fine romance
When your’re smiling
I’ve got my love to keep me warm

Nat King Cole (weil noch Zeit war)
Stardust

Als besondere Gäste begrüßten wir Alessandra und Peter Seitz aus Wien. Peter, ein „Urgestein“ der früheren Augsburger Szene, hat seine Erinnerungen schon einmal als Gastbeitrag auf meinem Blog veröffentlicht:

Die beiden veranstalten in Wien eine Neo-Milonga:
http://www.tan-do.net/edo/blog/

Und hier der Bericht von den beiden - herzlichen Dank!
http://tan-do.net/atango/2017/07/31/wohnzimmermilonga-in-poernbach/

Freitag, 28. Juli 2017

Mit Zitronen gehandelt



„Die Redewendung geht möglicherweise auf die Vorstellung zurück, dass man bei einer wirtschaftlichen ungünstigen Aktivität in ähnlicher Weise wie beim Verspeisen der sauren Zitrone das Gesicht verzieht.“

Die „Mittelbayerische Zeitung“ wusste vor anderthalb Jahren von einer „transatlantischen Lovestory“ besonderen Zuschnitts zu berichten:

Sie war früher ein Hippiemädchen, das „Tanzkurse furchtbar spießig“ fand und sich in der 68-er-Zeit lieber zum „Sit in“ (ohne Cabeceo) verabredete. Erst ab 2010 war sie dem Tango verfallen. 2015 kam sie auf einer Reise nach Buenos Aires in einer Milonga, die auch noch „El Beso“ („der Kuss“) hieß, gegenüber ihm zu sitzen: Ein Sohn indischer bzw. französischer Eltern (geboren auf La Réunion), „ein Mann mit Kirschaugen und einem Lächeln wie Harry Belafonte“, wie die Presse zu berichten weiß. Bereits seit 2008 lebte er in dieser Stadt, um „den Tango zu entdecken“. Natürlich funkte es zwischen den beiden, und „gegen alle Regeln“ tanzte man an diesem Abend mehrmals miteinander.

Doch, oh jemine, beinahe hätten sie einander wieder verloren, da sie sein hingenuscheltes „monday“ für den Tag des nächsten Treffens mit „sunday“ verwechselte – Romeo und Julia in der Großstadt! Doch vier Tage vor ihrer Heimfahrt klappte es doch noch, natürlich wieder im El Beso…

Seit letztem Jahr ist der Traumtänzer nun bei seiner Tanguera in einer nahen bayerischen Großstadt angekommen und gründete mit ihr eine Tangoschule – Entschuldigung, natürlich eine „Escuela de Tango Argentino“: „Naranjo en Flor“ („blühender Orangenbaum“) – logischerweise ein Tangotitel.


Gerade die hier mitlesenden Damen werden sich nun wohl – dank gestiegenen Oxytocinspiegels – spontan entschließen, Kurse zu buchen und es mir nie verzeihen, wenn ich nachfolgend etwas Wasser in den argentinischen Rotspon kippe. Aber es wirkt bei solchen legendären Angeboten halt meist etwas desillusionierend, wenn man sich die Webseite betrachtet und gar noch einiges recherchiert.

Dort ist fürwahr Erstaunliches zu lesen:

„Ganz bewusst“ verzichte man „auf eine komplizierte Einteilung von Levels oder Niveaus“, denn man verstehe „den Tango als sozialen Tanz, der für alle gleichermaßen offen“ sei: Anfänger (I und II), Intermediates und Fortgeschrittene würde reichen. (Nun, das ist die übliche Standard-Einteilung der Schulen!)

Und selbstredend: „Wir legen Wert darauf, unseren SchülerInnen von Anfang an die ‚códigos de la Milonga‘ und damit den ‚baile social‘ nahezubringen.“ Eindeutig setzt man auf die „Hundertprozent-Argentinien-Strategie“: „Als Meisterschüler von Mimi Lertora-Santapa, einer der letzten großen und anerkanntesten Maestras in Buenos Aires, unterrichten wir den Tango Argentino unverzerrt in seiner Reinform, dem ‚Tango Salón‘ und zentriert auf seine Herkunft, die ‚cultura de porteña‘.“ Das macht sicherlich Eindruck auf den Gemeinen Oberpfälzer…

Doch wird es bei der Nachforschung schon schwierig: Zuverlässige Internet-Quellen wissen kaum etwas von der Dame. Immerhin gibt es ein paar Tanzaufnahmen mit ihr:



Angeblich soll diese Person „seit 2009 die UNESCO-Botschafterin für das Weltkulturerbe ‚Tango‘“ sein. Doch auch hier erntete ich von Google nur Schulterzucken…

Und so geht es weiter: Der hier werbende Tangolehrer „schloss sein Studium an der Tango Universität Buenos Aires mit dem Diplom ‚Instructor deTango Danza de la CETBA‘ (Centro Educativo de Tango de BsAs) ab.“ Die „Mittelbayerische“ nimmt das zwar hin („ja, sowas gibt's“) – jedoch weiß auch hier das Internet wenig über diese Institution. Keinesfalls entspricht sie wohl dem, was man hierzulande unter einer „Universität“ versteht – eher handelt es sich offenbar um ein kommunales Kulturzentrum, in dem alle möglichen Kurse stattfinden:
Und „1386 Stunden“ dauerte die Ausbildung (ja, da nehmen es die Argentinier bekanntlich genau…).

Und über seine Partnerin erfahren wir: „Ihre Tangolehrer-Ausbildung (International TangoTeacherTraining) erhielt sie bei Melina Sédo und Detlef Engel (Saarbrücken).“ Äh ja, aber die Ausbilderin trägt halt ihren accent aigu auf dem „o“ – den Namen des Lehrers sollte man schon schreiben können…

Überwältigend ist vor allem das Kursangebot: Über 20 Lehrgänge konnte ich zählen, darunter solche Knaller wie „Estilo Carlos Gavito“ – ich warte wirklich auf die erste Musikschule, die „Geige im Stil von Menuhin“ anbietet (und zwar ebenfalls nach drei Jahren Spielpraxis). Und ob man bei Beachtung der hochgeschätzten Códigos Workshops wie „Voleos y Planeos“ (geeignet ab einem Jahr) überhaupt braucht? Schön ist auch die Erwartung, man könne nach ebenso langer Lernzeit die folgende Qualifikation erwerben:
„PUGLIESE, DI SARLI, D’ARIENZO, DONATO.....?
Tango ist nicht gleich Tango: jedes wichtige Orchester der Epoca d'Oro des Tango hatte seinen spezifischen Stil, seine kleineren und größeren Besonderheiten der Interpretation. Ziel dieses workshops ist es, diese Unterschiede herauszuhören und nicht nur die passenden Schritte und Figuren, sondern auch die Emotion und die Seele des jeweiligen Stückes in den Tanz zu integrieren.“
(Übrigens müsste man nach konservativer Lesart als viertes Orchester Troilo nennen!)

Übungsmöglichkeiten „in freier Wildbahn“ sind eher rar: Practica werden gelegentlich (zwei Stunden alle drei Wochen) angeboten, eine Milonga nicht. Da drängt sich mir der Vergleich mit einer Fahrschule auf, die zwar über Unterrichtsräume, nicht aber Autos verfügt… Aber immerhin wird ein Tangowochenende auf einem Barockschloss veranstaltet!

Man möge bei meiner Kritik nun nicht in die tangoübliche „Kultur des Beleidigtseins“ verfallen – ich weiß ja nichts über die Unterrichtsqualität, vielleicht ist sie sogar gut. Aber gerade dann empfehle ich, die Orangen am Baum zu lassen und uns mit Poemen vom „Land, wo die Zitronen blüh‘n“ tunlichst zu verschonen! Dieses Geplustere mit dem „wahren Tango“, der Meisterschülerschaft bei den letzten, fast hundertjährigen Zeitzeugen sowie der exotische Romantik-Schmus hat soo einen Bart!

Daher verwende ich als Schluss statt des üblichen argentinischen Zitats (irgendwas mit den Geigen und den Pausen) lieber einen herrlich schnoddrigen Spruch aus der bundesdeutschen Tangometropole:
   
Hamses nich 'ne Nummer kleener?

Weitere Infos: http://naranjoenflortango.com/index.html