Dienstag, 26. August 2014

Das Blog der Scientangologen



„Organisationen, die sich in Verbindung mit höheren Sphären erleben und einen Aufstieg des einzelnen Menschen in diese geistigen Bereiche lehren, finden Anklang insbesondere bei Personen in den mittleren Lebensjahren, die sich in einer beruflichen und privaten Sackgasse-Situation erleben. Diese Konstellation ist derzeit derartig häufig, dass sich (…) auf einen Sektenbeitritt eines jungen Menschen mindestens fünf Beitritte von Menschen in den mittleren Lebensjahren zu Gemeinschaften der geschilderten Struktur ergeben.“
(Georg Schmid, Evangelische Informationsstelle Kirchen - Sekten - Religionen  

In dem bekannten Internetforum, wo Tangothemen in allen möglichen Tonlagen, jedoch gewiss nicht „plaudernd“ abgehandelt werden, geht es derzeit besonders hoch her: Nachdem dort seit Jahren Andersdenkende mit falschen Tatsachenbehauptungen, persönlichen Verunglimpfungen und sozialen Ausgrenzungsversuchen bedacht wurden (siehe meine früheren Beiträge), hat nun das jüngste Ziel solcher Attacken erstmals juristische Schritte angedroht: Ein (ausnahmsweise persönlich auftretender) Kommentator, der dort seit langem mit predigtartigen Beiträgen und verbalen Ausfällen agiert, soll wegen „Rufschädigung“ und „Kreditschädigung“ hinsichtlich Schadenersatz rechtlich belangt werden, der Blogbetreiber gleichfalls wegen Beihilfe dazu (die entsprechenden Wortmeldungen des Beschwerdeführers werden dort inzwischen gelöscht).

Persönlich glaube ich nicht, dass in solchen Fällen ein Urteil erwirkt werden kann – und zwar nicht nur wegen der unterschiedlichen Staaten, in denen die hier Beteiligten ihren Wohnsitz haben. Sektenartige Gruppierungen sind meist sehr geschickt darin, in rechtlichen Grauzonen zu operieren, und während man früher anonyme Briefe wenigstens noch auf Fingerabdrücke und Speichelspuren untersuchen lassen konnte, bietet das weltweite Netz digitale Verschleierungsmöglichkeiten, welche gegen Paragrafen weitgehende Immunität garantieren.

Denn darum geht es natürlich zunächst beim Verbergen der realen Person (in solchen Blogs der Regelfall): Man möchte für seine Äußerungen die rechtliche Verantwortung nicht übernehmen, sondern dem Gegner via Hinrotzen einiger Sprüche gefahrlos eins auf die Mütze geben können – wobei die Wortwahl mit zunehmender Entfernung von den Tatsachen immer drastischer gerät. Weiterhin ist dies natürlich ein gutes Mittel, möglichst viele Kommentare zu erhalten: Wenn man nichts riskiert, kann man leichter einmal das ablassen, was man für „freie Meinungsäußerung“ hält. Zudem ist diese „Geheimbündelei“ in sozial eher zweifelhaften Zusammenschlüssen nicht ganz unüblich – ob man nun Pseudonyme, Strümpfe, Kapuzen oder Augenmasken verwendet wie einstmals Walt Disneys „Panzerknackerbande“. Insofern ist es bizarr, wenn solche Akteure angeblich das „soziale Miteinander“ im Tango anstreben, jedoch nicht einmal als konkrete Person auftreten! Aber bei spätpubertärer Regression ist es wohl auch weit romantischer und abenteuerlicher, einander nicht mit „Paulchen Müller“ und „Fritzchen Pasulke“ anzusprechen, sondern mit „Maulwurf 1 ruft Elster 2“… Und schließlich weicht man so der Gefahr aus, als realer Mensch auf dem Parkett eher als kleines Licht denn als „geheimnisvoller Erleuchteter“ zu wirken.

Ein weiterer Trick bei der Rekrutierung von Anhänger nutzt die Tatsache, dass der Tango und die Situation auf einer Milonga schon sehr speziell sind und gerade bei Anfängern leicht zu Unsicherheit und Irritation führen. Da erscheint natürlich ein Guru, welcher einfache, leicht verständliche Glaubenssätze liefert, für nicht wenige Tangomenschen als Erlösung von allen Übeln. Man fühlt sich aufgehoben in einer virtuellen Gemeinschaft, muss nicht nachdenken, seinen eigenen Weg zum Tango finden oder gar Entscheidungen selber verantworten – es gibt ja Regeln, Códigos und Glaubenssätze für jeden Bereich, ob nun Aufforderung, Tanzstil oder „richtige“ Musik. Sekten beziehen ihre Attraktivität von Gegenwelten – je abstruser die Vorstellungen, desto größer die Anziehungskraft für entsprechend Gepolte, welche dann in hymnischen, eher tatsachenfreien Kommentaren die „Niederkunft des reinen Tangogeistes“ bei sich preisen. Auch der Blogger selbst schildert immer wieder seine „Erweckungserlebnisse“, welche ihn vom entarteten zum „wahren“ Tango geführt hätten. (Selbstredend wird eine Entwicklung in der Gegenrichtung ausgeschlossen.) Viele Behauptungen muss man halt einfach glauben, beispielsweise, dass nach 1955 keine tänzerisch interessante Tangomusik mehr gespielt wurde oder es genau vier „große Orchester“ der EdO gebe – in Wirklichkeit ebenso Ansichtssache wie die Dreifaltigkeit von Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Das Ködern von Anhängern wird unterstützt durch ein Exklusivitäts- und Elitedenken – man ist etwas Besonderes, gehört zu einer privilegierten Gruppe. Bestes Beispiel sind die „Encuentros“ (siehe meinen früheren Beitrag), die nach strengen Regeln ablaufen, zu denen man nur bei rechter Gesinnung eingeladen wird und für die bereits „Initiationsriten“ diskutiert werden. Das ist doch viel aufregender als die örtliche Tanzveranstaltung, zu der jeder kommen kann!

Hinsichtlich Offenheit und Toleranz wird eine sehr geschickte Doppelstrategie gefahren: Entsprechenden Vorhaltungen begegnet man meist mit dem Bekenntnis, man wolle ja niemandem seine Einstellungen aufzwingen, sondern lediglich dem eigenen Tangogeschmack frönen. Oft auf der gleichen Seite liest man aber dann das Urteil, der Weg eines Andersdenkenden „führe nicht zum Tango“, er sei vielmehr ein „Geisterfahrer“, welcher sich quasi als Einziger dem Trend verschließe, dem alle „anspruchsvollen“ bzw. „aufrichtigen“ Tangoanhänger längst folgten. Besonders verräterisch ist dabei das Besetzen von Begriffen: Menschen, welche für eine vielfältige Tangomusik plädieren, würden einen „erweiterten Tangobegriff“ benutzen – selbstredend ist das Gegenteil richtig! In allen Musiklexika ist z.B. von „finnischem“ oder „deutschem Tango“ die Rede, von „Piazzollas Tango“ – und nicht von „Stücken, welche von Verwendern eines erweiterten Tangobegriffs als Tango bezeichnet werden“! Ebenso entlarvend ist die Forderung, solche Abweichler mögen ihre Tanzabende nicht „Milonga“, sondern „Tango-Disco“ nennen. In Wahrheit haben selbstredend diejenigen einen „verengten Tangobegriff“, welche über neunzig Prozent des künstlerischen Schaffens dieses Weltkulturerbes als musikalisch und tänzerisch wertlos abtun.

Gleichfalls anmaßend ist die oft gestellte Forderung, die Veranstalter von Tangoabenden hätten im Vorfeld klar zu verkünden, ob sie denn nun zu hundert Prozent EdO-Musik auflegten oder nicht – und wehe, man höre dann auch nur ein einziges Stück mit andersartigen Klängen! Dies würde zur Rückforderung des Eintrittsgeldes führen. Ja, wo sind wir denn? Anders als beim Handel mit Frischeiern gibt es hier keine Normen oder EU-Richtlinien: Jeder Organisator darf auf seine Einladungen schreiben, was er will! Man muss jedoch sehen, dass dieses Blog sehr oft gelesen wird (bislang über 600 000  Aufrufe) – nach meiner Einschätzung beugten sich zunächst viele Tangoanbieter diesem Druck, wie man an den um sich greifenden Prozentangaben der Musikverteilung in der Werbung sah. Weiterhin, so wird munter verlautbart, sei auf traditionellen Milogas ein gewisser Tanzstil vorgeschrieben, den man schon mal mit Hausverboten durchsetzen könne. Solchen Menschen geht es nicht ums Tanzen, um ein wunderbares Hobby, sondern um Machtspiele, für die sie das Thema Tango missbrauchen. 

Über die Dämonisierung angeblicher Bedrohungen wird sektentypisch der Zusammenhalt in der Gruppe gefestigt. Wenn man die apokalyptischen Schilderungen der Verletzungsgefahren bei „bewegungsfokussiertem Tanzen“ liest, hat man den Eindruck, der Notarzt wäre Dauergast auf Milongas, oder wenigstens ein Psychiater, falls exzessiv tanzende Paare die Seelenlage der Traditionalisten gravierend gefährden. (Mir wurde sogar einmal vorgeworfen, ich hätte durch eine Zauberdarbietung „eine eigentlich schöne Milonga zerstört“!) Und gar erst die Auswahl der Tandas, welche bei Misslingen zu „irreparablen Schäden“ führe – man wäre verloren, gäbe es da nicht den Guru, der seine Jünger vor schlimmen Erfahrungen bewahrt und Nestwärme bietet! Je furchterregender die Umwelt, desto nötiger die Sekte.

Kritikern wird mit einer Doppelstrategie begegnet: Rechnet man sich noch Chancen auf eine Missionierung aus, versucht man eine freundliche bis strenge Belehrung, um dem Adepten auf ein höheres Level der Weisheit zu verhelfen. Erweist sich der Andersdenkende jedoch mit der Zeit oder gar sofort als halsstarrig, kann dies nur auf Böswilligkeit beruhen – sonst müsste er ja von den lauteren und unumstößlichen Wahrheiten zu überzeugen sein! Zunächst prasselt meist eine Serie von Schmähungen auf das Opfer ein, welche der Blogger natürlich stehen lässt: Wegen seiner urliberalen Einstellung wolle er nicht „zensieren“, zudem habe der Widersetzling sich solche Reaktionen durch sein „absurdes Verhalten selbst zuzuschreiben“. Später werden dann immer mehr Forderungen laut, den Missliebigen aus dem Blog zu entfernen, da selbiger sonst in Kürze zugrunde gehe. Bei ganz sturen Gegnern überwindet man schließlich seinen Liberalismus und löscht deren Kommentare. Die Sekte… äh, das Blog muss geschützt werden. Bei namentlich bekannten Feinden setzt man sogar im wahren Leben auf Ausgrenzung: Mit ihm würde wohl auf Milongas keine Frau mehr tanzen, er müsse wohl ein sehr einsames und isoliertes Leben führen, man könne ja sein missliebiges Buch massenhaft mit Negativ-Rezensionen bei „Amazon“ belegen. Sollte diese Drohkulisse einmal nicht fruchten, erklärt man den Dissidenten schlichtweg für psychisch krank (siehe „Tourette-Syndrom“ oder neuerdings „ADS“).

Wahrlich, man kann froh sein, dass es in unserem Beispiel nur um einen Tanz geht, bei dem man im Endeffekt doch nicht allzu viel Schaden anrichten kann. Die Mechanismen allerdings sind gespenstisch. Im Internet (www.relinfo.ch/sekten/definition.html) habe ich einen „Fiebermesser der Sektenhaftigkeit“ von Georg Schmid und Joachim Müller gefunden, den ich auszugsweise wiedergebe:

  • Normaltemperatur: Die Gruppe ist etwas Besonderes / Ich engagiere mich, weil ich besser werden will / die Gruppe zum Erfolg kommen soll / Der Lehrer tritt mit dem Schüler in einen Dialog
  • Leicht erhöhte Temperatur: Ich bin / die Gruppe ist besser als alle anderen / Die Gruppe muss zusammenhalten / Die Leute sollen das nur merken / Identitätsstiftende Merkmale werden wichtig
  • Es wird fiebrig: Mein Meister lehrt ein neues Menschsein / Ich gehöre nun zur besten Gruppe / Was ich tue, sollen möglichst alle tun /  Ich muss andere davon überzeugen / Allein diese Gruppe ist die richtige / Ich kann neu in Hell (das jetzige Leben) und Dunkel (das frühere Leben) unterscheiden
  • Das Fieber steigt: Nur meine Gruppe hat die Wahrheit / Die Lehre ist vollkommen / Wer nicht mitmacht, ist verloren / neuer Name, spezielle Kleidung / Das Verhalten des Einzelnen wird kontrolliert / Jede Kritik ist für die Gruppe gefährlich / Strafmaßnahmen werden verfügt
  • Vom Fieber zum Kollaps: Wir als Gemeinschaft sind allein selig machend / Ungläubige sind zu meiden, ja zu bekämpfen / Unglaube ist Dämonie, Verschwörung gegen die Gruppe / Isolation der Gruppe von der „Welt“ wird verlangt

Tja: Manche mögen’s heiß!   

Mittwoch, 20. August 2014

Die Scheinheiligen der letzten Tage



In den letzten Tagen muss sich mein verehrter Mitbewerber-Blogger (ja, der, welcher sich pseudonym und „ohne Eitelkeiten im Tango bewegen“ möchte), mal wieder mit „verbalen Entgleisungen“ eines Kommentators herumschlagen.

Bemerkenswerterweise greift er neuerdings immer öfter zur Ultima Ratio im Internet, indem er Beiträge löscht. Mit deutlichem Kreidetimbre lauten hierfür die Begründungen:

„…deshalb nehme ich das Recht in Anspruch, manche Anmerkungen, die nach meiner Einschätzung den friedlichen Umgang der Diskutierenden gefährden, zu löschen.“ „Ich möchte noch einmal einen freundlicheren Umgang und einen kooperierenden Stil beim Verfassen von Anmerkungen vorschlagen.“ (16.8.14)

„Beleidigungen von anderen Kommentierenden hier im Blog dulde ich nicht. Ich bitte um eine sachliche Diskussion – ohne persönliche verbale Attacken“ „…deshalb habe ich Deine schlimmsten Beiträge gelöscht. Ich mag so etwas nicht in meinem Blog stehen haben.“ (18.8.14)

„Übrigens bleibt hier alles stehen, was als ordentlicher Diskussionsbeitrag gesehen werden kann. Ich lösche nur dann, wenn Dritte irgendwie persönlich angegangen werden.“ (19.8.14)

Bevor mich nun vollends das „ZDF-Syndrom“ packt („zuviel des Fabulierens“) und ich in die ersten Sitze reihere, möchte ich zart darauf hinweisen, dass jener vom Gutmenschen kaum noch unterscheidbare Zeitgenosse bis heute folgende Kommentare über mich in seinem Blog stehen lässt:

„Ein furchtbares Buch, ein unangenehmer Mensch! (…) Er (…) merkt dabei gar nicht, dass seine Ausfälle eigentlich nur eine halbwegs gelungene Beschreibung seiner eigenen Psyche sind.“ „…andererseits finde ich es gut, dass es wenigstens einen gibt, der dem Typen das Handwerk legt.“
„Es ist schon wirklich erstaunlich, mit welcher Furchtlosigkeit sich Gerhard Riedl auf peinlichste Art und Weise der Lächerlichkeit preisgibt. Hat der keine Freunde?“ (19.10.12)

„Kann man diesen Gefahrenherd unter Quarantäne stellen, inklusive der Restauflage dieses fürchterlichen Buchs?“  (26.10.12)

„Mir geht dieser selbstgerechte Zeitgenosse unglaublich auf den Wecker. (…) So kann Gerhard R. weiter sein Unwesen im Tango treiben. (…) Hoffentlich wird der Autor reich, er wird sich nämlich zukünftig Taxitänzerinnen mieten müssen. Freiwillig wird hoffentlich keine Tanguera mehr mit ihm tanzen!“  (24.9.10)

Wie für das Cybermobbing typisch, wird hier die soziale Ausgrenzung einer namentlich bekannten Person betrieben – zusätzlich wird diese mit Diagnosen wie dem „Tourette-Syndrom" belegt. Dazu die Stellungnahme des Bloggers höchstpersönlich am 26.10.12:
„Ich distanziere mich ausdrücklich von Anmerkungen, die Gerhard und das Tourette-Syndrom in Zusammenhang bringen. Das Tourette-Syndrom ist eine schwerwiegende psychische Erkrankung, die den Betroffenen großes Leid verursacht. Diese Menschen nun zu verhöhnen, indem man Gerhards absurdes Verhalten mit ihrer Krankheit vergleicht, ist kein guter Weg.“

Eine Fülle weiterer Anmerkungen in dieser Preislage sind auf meiner Website nachzulesen.

Anscheinend kommt es halt immer darauf an, wer etwas sagt und warum – und nicht, wie. Aufgrund meiner Erfahrungen rate ich allen, die irgendwie schon einmal eine gewisse Sympathie zu mir oder meinen Büchern bekundet haben, dringend davon ab, in jenem Blog zu kommentieren. In solchen Fällen packt der Wolf nämlich ganz schnell die Kreideschachtel ein und geht die Betreffenden frontal an. Auch hierzu ein Beispiel:

„Wer hat denn hier bitte behauptet, ‚Wir haben den wahren Tango gepachtet’? (…) Es ist eine altbekannte Unterstellung, und ich vermute inzwischen, dass es eher mit den Minderwertigkeitskomplexen der Menschen zu tun hat, die in ihrem Tango vor 10, 15 oder 20 Jahren stehen geblieben sind. Sie wehren sich vehement dagegen, dass andere sich in ihrem Tango weiterentwickeln.“ (18.8.14)

Sportliches Kompliment zum Schluss: Da sucht man als Satiriker mühsam nach Pointen, und dann kommt ein anderer und haut sie einfach so raus – da kann ich meinen Neid wahrlich kaum unterdrücken…

Freitag, 15. August 2014

Nicht nur zur Tangozeit



„Und als die Lampen gelöscht, die Kerzen angezündet waren, als die Zwerge anfingen zu hämmern, der Engel ‚Frieden’ flüsterte, ‚Frieden’, fühlte ich mich lebhaft zurückversetzt in eine Zeit, von der ich angenommen hatte, sie sei vorbei“.
(Heinrich Böll: „Nicht nur zur Weihnachtszeit“)

Zunehmend beunruhigend empfinde ich es seit Längerem, dass ich auf den üblichen Milongas immer öfter auf die Uhr schaue: Ingesamt und sogar beim Absolvieren einer Tangorunde: Oh, ist es erst so früh, darf ich noch nicht weggehen, muss ich einen vierten Tanz überstehen oder reichen drei?

Neulich, bei der Heimfahrt von einer solchen Veranstaltung (bei der ich einst selig die wunderbare Stimmung nachgeschmeckt hätte), war mir plötzlich die Parallele zu frühen Kindheitstraumata klar: Schon damals war es für mich ein Albtraum, bei diversen Verwandtentreffen stundenlang am Kaffeetisch sitzen zu müssen – schutzlos dem „Triple D-Gekicher“ (dick, diabetisch, doof) von Tantchen im geblümten Sommerkleid ausgesetzt, inklusive der stundenlang Blech labernden spießigen Onkels. „Gehen wir bald heim?“, fragte ich dann immer öfter und wurde irgendwann von meinen Eltern in strengem Ton belehrt, ich „verdürbe ihnen die ganze Stimmung“. Ja, welche Stimmung denn?

Jetzt, fast sechzig Jahre später, das Déjà-vu: eine ganz ähnliche Atmosphäre, der gleiche Menschenschlag, Tangostücke, auf die ich hunderte Male getanzt habe (und die mich schon beim ersten Versuch nicht begeisterten), auf dem Parkett rheumatische Gymnastik in Zeitlupe, auf Seiten des DJ konsequentes Ignorieren von fünfzig Jahren musikalischer Entwicklung, Rückzug in eine Scheinwelt. Die Faszination des Tango, Nostalgie, Leidenschaft, Trauer, Zorn, Fröhlichkeit – alles reduziert auf blutleeres bürgerliches Mittelmaß. Die Ironie des Schicksals: Dank Volljährigkeit bräuchte ich keine Erlaubnis mehr, heimzugehen – worauf warte ich noch? Dass der Tango aus meiner Anfängerzeit zurückkehrt? Dazu müsste man neunzig Prozent des Personals austauschen – reine Utopie!

Längst schon wurde die Herrschaft über die deutsche Milongawirklichkeit von den Menschen mit der Wohnzimmereinrichtung in Eiche rustikal und dem röhrenden Hirsch an der Wand übernommen. Deren Kreativität hält sich in engsten Grenzen, typisch ist eine „Wagenburgmentalität“ mit Angst vor jeglicher Veränderung. Bloß keine Unruhe oder gar Neuerungen – das endet bestimmt im Chaos…

Wie stets verrät allein die Sprache schon fast alles. Auf meinem verehrten „Mitbewerber-Blog“ erschien gerade wieder eine Gesetzes- und Vorschriftensammlung zum Thema Anordnung der Tandas in einer „klassischen Milonga“ (schon die Vereinnahmung des hochtrabenden Adjektivs spricht Bände). Eine kleine Zitatensammlung aus der Welt der Menschen mit Hosenträger plus Gürtel, die sich beim Nasenbohren anschnallen (aus einem einzigen Blogbeitrag!):

„bestimmte Regeln“
„gewisse Formalitäten (…) verinnerlichen“
„die zu vergebenden Tanda-Plätze“
„keine Experimente“ (siehe Adenauer in den Fünfzigern)
„weder Raum für Experimente, noch Platz für die Pflege persönlicher Präferenzen“
„mit guter, einfach strukturierter Musik“
„in wohldosiertem Maße“
„pro Milonga nur ein oder zwei Experimente mit ‚nicht-üblicher’ Musik verträglich“
„Schema TVTTMT“, „große Zyklen“
„mich persönlich irritieren solche Tandas als Tänzer“
„bei dem ‚richtigen’ Mischungsverhältnis“
„zu komplex und somit anstrengend“
„sehr gut tanzbare Titel“
„auch beim Tango bin ich vorsichtig geworden“
„vorsichtig dosiert“
„die große Gefahr, dass Tänzer ihre 7-Meilen-Stiefel auspacken und mit riesigen Schritten über die Tanzfläche jagen“
„ich bin vorsichtig, ihn zu früh am Abend zu spielen“
„etwas vorsichtig sollte man beim Spielen der späten Tangos (…) sein“
„kann zu Kollisionen auf der Tanzfläche führen“
„ganz selten wage ich es…“
„solides Repertoire“
„kann möglicherweise Tänzerinnen und Tänzer (…) überfordern
„rate ich instinktiv zu größerer Vorsicht“
„sehr sparsam dosieren“
„besteht (…) die nicht zu unterschätzende Gefahr, dass man (…) den Abend irreparabel zerstört“
„einen vorsichtigen Versuch wagen“
„so verbietet sich für mich beispielsweise…“
„die strenge Sortierung der Tandas“
„fundamentale ‚Fehler’ machen und diese sich später dramatisch auswirken“
 „eine zu energische Eröffnung“
„eine extreme Unruhe in der Ronda“
„haben sich Konventionen durchgesetzt“
„milongataugliche Titel“
„25 goldene Regeln“
„Durcharbeiten dieser Regeln“
„als quasi Pflichtlektüre“
„ich finde die gesungenen Tangos von Carlos Gardel beinahe untanzbar“
„bin ich vorsichtig geworden, die Tanzfläche zu betreten“
„das wird mir zu stressig“
„auf die Gefahr hin, dass ich jetzt die Spaßbremse gebe“ (aber nicht doch…)
„sichere Kandidaten“
„nicht zu energisch in den Abend einzusteigen“
„fast immer ein handwerklicher Fehler“
„die Tanzfläche wird zu unruhig“
„dass zu sorglos gewählte persönliche Präferenzen bzw. mutige Experimente (…) zu fatalen Folgen führen“
„bei der Wahl dramatischer Musik sehr vorsichtig geworden“
„verhindere ich Kollisionen“
„die (vielleicht gut gemeinten) Überraschungen können sich ziemlich schnell in böse Überraschungen für Tanguer@s verwandeln“

Fazit: „Allerdings sollte m.E. genau darauf geachtet werden, Tänzerinnen und Tänzer nicht mit anspruchsvoller oder unbekannter Musik zu überfordern.“

Quelle: http://tangoplauderei.blogspot.de/2014/08/reihenfolge-oder-anordnung-der-Tandas-in-der-Milonga.html

Anekdote: Neulich forderte ich bei einer Milonga mit anspruchsloser und bekannter Musik eine Tanguera auf. Unser Tanzbeginn verzögerte sich etwas, so dass wir nur noch das letzte Drittel des Stückes hinbekamen. Darauf sie: „Schade, schon vorbei!“ Meine Antwort: „Macht nichts, die spielen es gleich nochmal.“

Daher finde ich den oben zitierten Blogbeitrag viel zu freigeistig: Am besten als Tanda dreimal denselben Titel hintereinander – oder gleich als einzige Beschallung des Abends, wir sollten doch konsequent bleiben!

Womit wir wieder bei Heinrich Böll wären:
Inzwischen ist es mir gelungen, dass die Kinder durch Wachspuppen ersetzt werden. Die Anschaffung war kostspielig (…), aber es war nicht länger zu verantworten, die Kinder täglich mit Marzipan zu füttern und sie Lieder singen zu lassen, die ihnen auf die Dauer psychisch schaden können.“

Die Gäste in Madame Tussaud-Manier zu ersetzen: Wäre dies nicht auch eine gute Idee für traditionelle Milongas? Oder – o Schreck – ist es vielleicht längst geschehen und ich hab’s noch nicht gemerkt?

Falls jemand dazu Bilder benötigt:

Mittwoch, 6. August 2014

Zehn Tipps für Tänzerinnen, die nicht von mir aufgefordert werden wollen



1. Stürzen Sie sich nach dem Betreten des Tanzsaals sofort auf Ihre besten Freundinnen, um mit diesen den neuesten Tangotratsch auszutauschen! Um Ihre Tangoschuhe können Sie noch kümmern, falls Sie jemand auffordern sollte. Da man sich bei lauter Musik schlecht verständigen kann, ziehen Sie sich am besten in eine ferne Ecke mit dem Rücken zum Parkett zurück. Welches Stück gespielt wird, werden Sie ja dann mitbekommen, wenn Sie jemand zum Tanz bittet. Nur nichts übereilen!
2.    Bringen Sie von vornherein Stimmung in die Bude – depressive Tangos sind eh nicht Ihr Fall! Fröhlichkeit ist ansteckend, also signalisieren Sie dem Rest der Besucher durch lautes Kichern und Kreischen, dass Sie sich bestens amüsieren. Die Rolle der Musik wird sowieso überschätzt, außerdem kann der DJ ja bei Bedarf lauter drehen.
3.    An einem Platz länger zu verharren, wirkt langweilig und uninteressant – zudem sind Sie mit Ihren Tangogeschichten und Kochrezepten bei Weitem nicht durch. Vergessen Sie niemals, ganz lange am Tresen des „Auflegers“ zu verbringen, der sitzt ja die ganze Zeit unbeschäftigt herum und freut sich bestimmt über eine kleine Abwechslung – und man kann so seine Stellung in der Szene betonen. Aufs Klo rennen Sie am besten während der Cortina, da herrscht eh viel Unruhe – und sollte jemand unbedingt mit Ihnen tanzen wollen, wird er Sie schon finden!
4.    Außen um die Tanzfläche herumzugehen zeugt von Schüchternheit und mangelndem Selbstvertrauen. Also nichts wie ab durch die Mitte, am besten bepackt mit einer Weinflasche und vier Gläsern, um den Tanzenden die Dringlichkeit Ihres Ortswechsels zu demonstrieren! Diese freuen sich sicher über die Gelegenheit, durch einen plötzlichen Stopp oder einen rasanten Richtungswechsel eine Kollision zu verhindern: Tango ist schließlich ein reiner Improvisationstanz.
5.  Unbeschäftigt herumzusitzen ist ein typisches Kennzeichen von Mauerblümchen! Sollten sich zeitweilig weder Tanz- noch Gesprächspartner finden, holen Sie Ihr Handy oder Smartphone heraus und lesen die neuen E-Mails oder loggen sich in Ihr Single-Chatforum ein. Vielleicht gelingt Ihnen auf den letzten Drücker noch das Herbeisimsen eines guten Tänzers. Vergessen Sie auch nicht, den Rufton Ihres Mobiltelefons laut genug einzustellen – schließlich müssen Sie trotz des Krachs rundum auf jeden Fall erreichbar sein!
6.   Sollte Ihr Wunschtänzer gar keine Notiz von Ihnen nehmen, gehen Sie zum Angriff über – selbst ist die Frau! Starren Sie dem Objekt Ihrer Begierde minutenlang ein Loch in die Stirn („Mi-Radar“) oder, noch besser, setzen Sie sich auf den freien Platz neben ihm und texten ihn so lange zu, bis dem Armen nichts anderes übrig bleibt, als Sie aufs Parkett zu bitten. Sollte er anschließend nach zwei Tänzen das Weite suchen: Er ist halt sehr schüchtern – also vergessen Sie auf der nächsten Milonga nicht, den Kontakt zu intensivieren!
7.    Wenn Sie noch Anfängerin sind, so teilen Sie dies Ihrem Tänzer unbedingt vor den ersten Takten mit, auch wenn er schon sehr lange zum Tango geht. Sicherlich hat er Sie vorher nicht auf dem Parkett beobachtet und auch ihr Bewegungsmuster und Schuhwerk übersehen. Daher ist dankbar für eine solche Warnung! Vergessen Sie ebenfalls nicht, ihn sofort zu informieren, wenn Ihnen ein Schritt unbekannt vorkommt oder Sie das Gleichgewicht verlieren. Worte sind einfach klarer als die Bewegungssprache! Bei Unsicherheiten dürfen Sie gerne auf den Soundtrack von Zeichentrickfilmen zurückgreifen – das wirkt lustig und originell. Zeigen Sie Ihr modisches Interesse auch durch Bekleidungstipps für den Mann („Schwitzt du nicht in diesem Pulli?“)
8.   Das Auge tanzt mit! Ihre neuen Glitzi-Glänzi-Stilettos und der kürzlich erworbene Tanzboutiquen-Fummel mögen die Balance verringern und per Einhaken der Absätze in den Maschenvolant das Sturzrisiko erhöhen, aber Ihr Tänzer freut sich sicherlich auf die Gelegenheit, Sie in seinen starken Armen auffangen zu können und so seine Souveränität zu beweisen! Außerdem ist die Selektion beim Tango gnadenlos: Frauen werden stets nach ihrem Aussehen gewählt, nicht nach ihren tänzerischen Fähigkeiten.
9. Kümmern Sie sich nicht um die Musik! Diese umzusetzen ist Sache Ihres Tanzpartners. Der ungefähre Rhythmus sollte Ihnen reichen, um die Schrittfolgen so herunterzumarschieren, wie Sie das im Tangokurs durch die Zählweise des Lehrers gelernt haben. Pausen, Verzögerungen oder plötzliche Impulse erzeugen nur Verwirrung! Vergessen Sie auch nicht, bei einem Schritt sofort den nächsten Fuß zu belasten, damit Sie das Gleichgewicht halten können – im Zweifelsfall stellen Sie sich lieber auf beide Füße gleichzeitig. Besuchen Sie daher ausschließlich Milongas mit „tanzbarer Musik“, welche experimentelle Risiken nicht aufkommen lässt!

     10. Körperbeherrschung, Fitness oder gar sportliches Training sind beim Tango vollkommen überflüssig. Wie Ihr Tangolehrer so richtig sagt, muss man bei diesem Tanz lediglich gehen können – und das beherrschen Sie ja schon seit einigen Jahrzehnten. Biophysik respektive das Verhältnis von Körpermasse zu Muskulatur sind etwas für Leistungssportler und somit kein Thema für das Parkett! Zudem tanzen Sie hervorragend, falls ein Tanguero Sie gut führt. Sollte es also auf einer Milonga nicht so gut laufen, liegt das nur an den Männern, die entweder schlecht oder gar nicht mit Ihnen tanzen. Und schließlich ist ja bekannt, dass die Typen am liebsten junge, schlanke Dinger wählen, möglichst mit kurzem Rock und tiefem Ausschnitt. Die Welt ist eben ungerecht!