Donnerstag, 24. Juli 2014

Damenqual!



„Tango ist ein Tanz der einfachen Leute, da sagt man ‚du’ zueinander – und es gibt auch keine ‚Damen und Herren’, sondern nur ‚Männer und Frauen’.“ So lernten wir das einst im Anfängerunterricht bei unseren gestrengen Tangolehrern in der sittlich gefestigten Oberpfalz, wo ein Gancho von den „Aborigines“ schon mal als „Baa stöll’n“ bezeichnet wurde. Und – beinahe noch selbstverständlicher – durften, ja sollten auch die Tänzerinnen auffordern: „Greif dir doch einen, sind ja genug da“, so die öfters wiederkehrende Ermunterung der „Frau Mutter des Salontango“ an einzeln herumsitzende Frauen angesichts beschäftigungsloser Männer. Körbe schloss sie von vornherein aus, und angesichts ihrer imposanten, von einem selbst gestrickten Zweimannzelt umflorten Prachtfigur hätte dies wohl auch niemand gewagt. Nach den ziemlich spießigen Verhältnissen beim Standardtanz war ich sehr froh, dass beim Tango der Begriff „Damenwahl“ bestenfalls die – völlig normale – Aufforderung eines Tänzers durch eine Tanguera bedeutete.

Erst Jahre später erlebte ich die Problematisierung dieses direkten und simplen Verfahrens. Die Anteil weiblicher Wesen, welche selber zur Tat schritten, nahm immer mehr ab, und in einer Zeitschrift war schließlich ein „Tango-Knigge“ zu lesen: Vielerorts gelte es „noch als Tabu oder gar als Aufforderung zu mehr“, wenn eine Frau auf diese Art und Weise die Initiative ergreife. Au weia! Hatte ich in meiner Vor- und Frühgeschichte eindeutige Angebote schlichtweg übersehen? Von einer Tangofreundin erfuhr ich schließlich, dass solche Warnungen einen realen Hintergrund hätten. Als sie es einmal allein in einer fremden Stadt wagte, einen Tanguero um einen Tanz zu bitten, erhielt sie die Antwort: „Du bist wohl nicht von hier? Bei uns ist es völlig unüblich, dass Frauen auffordern!“ Gnadenhalber tanzte er dann genau ein Stück mit ihr…

Beim momentanen Trend hin zu den geheiligten Tangotraditionen archaischer Männergesellschaften kann mich allerdings kaum noch etwas schockieren – warum nicht das schleppende Geplemper aus der „goldenen Epoche“ stilecht mit dem Verhaltensrepertoire südamerikanischer Vorstadtflegel komplettieren? Zum Machismo der Altvorderen passt doch die Mentalität, die Fräuleins hätten still und bescheiden ein Stühlchen zu dekorieren, bis das Herrchen sie ruft! Allerdings sollte man beim ebenfalls in diesen Kreisen propagierten, „Cabeceo“ genannten pubertären Geblinzel bedenken, dass solches kaum wirkt, wenn die Caballeros die Möglichkeit, von Frauen aufgefordert zu werden, völlig ausblenden. In diesem Fall kann nämlich auch eine Startänzerin den Augeninnendruck bis zum Grünen Star steigern, ohne dass dies auf Männerseite irgendwem auffällt!

Doch wenn die Not am größten ist, liegt die Rettung am nächsten: Neuerdings durfte ich es mehrfach erleben, dass ein Veranstalter bzw. DJ zu vorgerückter Stunde eine „Damenwahl“ ausrief, worauf stets schnulzig schleppende, sehr einfach zu tanzende Titel erklangen – offenbar sollten die Frauen für ihren Mut mit Stücken in ihrer Reichweite belohnt werden. (Ein argentinischer Tangolehrer nannte eine derartige Tanda vor Jahren im schönsten Hispanodeutsch „Kuseltango“.) Na, dann ist die Welt doch wieder in Ordnung, oder?

Die Welt der 50-er Jahre allemal. Für mich beinhaltet allerdings die Erlaubnis, die Tänzerinnen dürften einmal am Abend auffordern, ebenso die Vorstellung, dies sei in der restlichen Zeit für sie nicht schicklich. Dazu passen dann die seitenlangen, im Internet grassierenden „Tango-Knigges“ plus Schemazeichnungen mit gefühlten 38 Pfeilen zur vorgeschriebenen Parkettbenutzung. Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich gehöre noch zu der Generation, welche Damen in den Mantel hilft oder die Tür aufhält – aber nur, wenn sie selber gehen wollen! Wenn eine Milonga nicht mehr vom Sommerball des Golfclubs zu unterscheiden ist, wird für mich die Anarchie dieses Tanzes aus den Slums durch eine gespreizte Bürgerlichkeit ersetzt, unter welcher gelegentlich der Machismo umso üppiger gedeiht.

Allerdings bin ich nicht mehr optimistisch genug zu glauben, man könne als Mann dem weiblichen Geschlecht die Emanzipation auf dem Silbertablett liefern. Immer wieder erlebe ich es beispielsweise, dass von mir aufgeforderte Tänzerinnen den Spruch bringen: „Ich bin aber noch Anfängerin.“ (Als ob ich das durch vorherige Beobachtung nicht längst gemerkt hätte!) Noch nie habe ich von einem Tanguero in vergleichbarer Situation die Frage vernommen: „Tanzt du mit mir, auch wenn ich noch Anfänger bin?“ Zur Erziehung der Wesen mit dem Bonsai-Chromosom gehört halt von klein auf: Niemals zugeben, dass man von einer Sache nichts versteht – was neben Milliardenpleiten beim Bau von Bahnhöfen und Flughäfen auch beim Tango zu sicherem Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit führt. Frauen dagegen bedienen tendenziell die „Herr, ich bin nicht würdig, dass Ihr mit mir tanzt“-Schiene: „Den Schritt kenne ich noch nicht – War das jetzt der falsche Fuß? – Du wolltest sicher etwas anderes führen“.

Liebe Tangueras, auch wenn Alice Schwarzer Steuern hinterzogen haben mag: An der Frauenbewegung war doch nicht alles schlecht! Um einen alten Machowitz zu fleddern: Sie sollte auch beim Tango mehr als rhythmisch sein. Erst recht gilt im richtigen Leben: Wenn ihr nicht selbstbewusst und laut verkündet, euch eine Aufgabe zuzutrauen – ja, die Beste für diesen Job zu sein, werden die Kerle die fettesten Bissen weiterhin unter sich verteilen. Lernt zu führen, nicht nur auf dem Parkett!

Ich empfinde es übrigens stets als hilfreich, von einer Tänzerin aufgefordert zu werden: Zumindest ist es eine nützliche Rückkopplung, ob man mit seiner eigenen Wahl richtig lag oder vielleicht der betreffenden Frau bei früheren Tänzen eher Stress als Wohlgefühl bescherte. (Die einschlägigen Lautäußerungen auf dem Parkett erlauben nicht immer eine sichere Unterscheidung zwischen glücklichem Seufzen und Ausatmung durch Kompression des Brustkorbs…) Freilich sollten solche Überlegungen auf beiden Seiten angestellt werden – wenn man einen Tänzer mehrfach engagiert, muss dessen reservierte Haltung nicht unbedingt von Schüchternheit zeugen – es könnte sich auch um eine gesunde Abneigung handeln…

Letztlich gehört für mich der Begriff „Damenwahl“ in dieselbe Klischee-Ecke wie die Schablone vom „Führen und Folgen“. Sieht man darin vorwiegend eine Aufteilung in „aktiv“ und „passiv“, ist der Abstand zum Tango bereits groß. In beiden Fällen bringt uns die Idee einer gleichberechtigten Kommunikation weiter. Wer dann den ersten Schritt tut, ist eher nebensächlich.

P.S. Abweichende weibliche Sichtweisen zum Thema sind mir spätestens seit gestern klar, als ich diesen Beitrag einer Tangofreundin zeigte. Ihr Kommentar „Damenwahl – was soll ich da überhaupt wählen?“ führte zu folgendem Wortwechsel: „Na, eine Dame, drum heißt das ja so.“ „Mach’ ich doch eh meistens!“ 

Sonntag, 13. Juli 2014

Das Wort zu diesem Sonntag

Hierzulande glauben nur noch Tangotänzer, dass es die Argentinier besser können...

Dienstag, 8. Juli 2014

Das Wort kann gehen – ein klassisches Trauerspiel Untertitel: Wie man eine Buchrezension dann doch bekommt



Dramatis personae
  • der Autor (eines nicht ganz unbekannten Tangobuches)
  • dessen Illustratorin (dem Autor nicht ganz unbekannt)
  • der Rezensent (im Zivilberuf ein nicht ganz unbekannter Musiker)
  • die Redakteurin (einer nicht ganz unbekannten Tangozeitschrift)
  • ein Tangoblogger (nicht ganz bekannt)

Dramaturgie
Rezensent, Redakteurin und Tangoblogger können durch Laiendarsteller besetzt werden!

Ort, Zeit und Handlung
gemäß den aristotelischen Dramengesetzen stets geballt sowie verspätet auftretend

Prolog (Anno 2010)
Via späterhin noch häufiger benutzter Informationskette RedakteurinRezensentIllustratorin erfährt der Autor (wie stets als Letzter) von der geplanten Besprechung der Erstausgabe seines Buches in besagter Zeitschrift. Weitere Kontakte lassen zunächst lange auf sich warten. E-Mails mit Anfragen des Autors an den Rezensenten (ihm bislang persönlich unbekannt) nach dem Fortgang der Besprechung bleiben unbeantwortet. Erst eine ziemlich ultimative Botschaft gewährt dem Autor schließlich die Gnade einer hochnäsig-pikierten Replik des Rezensenten: Bei den Hunderten von Mails, welche er (respektive seine Musikgruppe) täglich erhalte, dürfe es einen nicht verwundern, wenn man per Spam entsorgt werde. Ansonsten neige man philanthropisch dazu, dem Autor seine Schroffheit wegen der besonderen emotionalen Beziehung zum eigenen Werk noch einmal zu verzeihen…

Im weiteren Verlauf darf er sogar noch etliche ziemlich einfältige Fragen des Rezensenten zu seinem Buch beantworten, welche dann fast ein Drittel der Besprechung ausmachen. Eine Zusendung des geplanten Textes unterbleibt; dieser enthält folglich einige Fehler (u.a. wird der Name des Autors im Titel falsch geschrieben) sowie passenderweise einen Hinweis auf die mangelnde Sorgfalt seines Verlags in Sachen Lektorat… Im Anzeigenteil der Zeitschrift ist der Buchpreis unrichtig angegeben. Auch das Versprechen der Redakteurin, der Autor bekomme nach Ablauf der Schutzfrist eine korrigierte Version des Artikels zur eigenen Verwendung, wird nicht eingehalten.

Nach Veröffentlichung in der Zeitschrift erscheint in einem plaudernden Tangoblog ein heftiger Verriss des Buches; in den über hundert Kommentaren dazu wird (neben Schmähungen aller Art) immer wieder behauptet, der Rezensent gehöre zum „persönlichen Nahfeld“ des Autors, und der habe sich bei der Tangozeitschrift lieb Kind gemacht. Dieser widersteht dreieinhalb Jahre selbigem Cybermobbing mit dem Erfolg, dass man inzwischen in jenen Kreisen seinen Namen (und den des Buches) nicht mehr auszusprechen wagt.

Exposition (Anno 2013)
Im Verlauf dieses Jahres wird auch die Tangozeitschrift Opfer eines diesbezüglichen Shitstorms (siehe „Taliban-Artikel“). Die allseits bekannte Gegenwehr des Autors und das Erscheinen der Neufassung seines Tangobuches tragen ihm den Kontakt mit der Redakteurin ein: Anfang November des Jahres wird ihm das Angebot zuteil, in der ersten Ausgabe 2014 eine Notiz zum neuen Buch und im folgenden Heft eine ausführliche Besprechung zu bringen. Ob es wieder derselbe Rezensent sein dürfe? Trotz heftigen Magendrückens sowie um des lieben Friedens willen ist der Autor einverstanden – zumal er nun plötzlich auch noch Beiträge fürs Blatt schreiben soll…

Erregendes Moment und Steigerung (Anno 2014)
Etwa einen Monat später erfährt der Autor von seiner Illustratorin, der Rezensent habe die Textdatei seines Buches bei ihr angefordert und erhalten. Trotz zunehmenden Bauchwehs (damit ist eine digitale Version in dritter Hand) nickt er auch dieses ab. Selbstverständlich liefert sein Verlag Rezensionsexemplare – und die Tangozeitschrift hatte bereits eines bekommen. Sollte man ein Buch, das man bespricht, nicht auch in der Hand haben?

Zudem war dem Autor von der Redakteurin inzwischen mitgeteilt worden, mit der Ankündigung seines Buches in Ausgabe 1/2014 werde es nun („aus Platzgründen“) doch nichts. Aber im folgenden Heft komme ja dann die Rezension – na gut, dem Reduktör ist nichts zu schwör… (Binsenweisheit aus Zeitungs-Entenhausen).

Inzwischen rückt der Redaktionsschluss (Mitte Februar) für die zweite Ausgabe näher – von einem Düsentrieb ist nichts zu spüren: Der Rezensent hüllt sich in gewohntes Schweigen, die Zeitschrift dito.

Peripetie (in Zeitnot)
Gut drei Monate nach Übernahme der Aufgabe, eine Druckseite Besprechung zu liefern, benachrichtigt der Rezensent die Illustratorin (ohne Information des Autors, also auf üblichem Weg), er habe versehentlich die Textdatei des Buches samt seiner Notizen gelöscht und benötige sie daher erneut. Nochmalige Versendung bei kolikartigen Magenschmerzen des Autors, als er davon erfährt – Nostalgieanfälle mit Fantasien von Printbüchern, Stiften und Notizblöcken werden tapfer unterdrückt.

Ende Februar dann erster Anruf des Rezensenten beim Autor: Er möge bitte einige Fragen zum Buch (erst jetzt!) beantworten, außerdem brauche man Bildmaterial zum Artikel (auch das noch nicht da gewesen). Alles Benötigte wird ihm am selben Tag zugesandt. Aber der Redaktionsschluss sei doch längst vorbei? Keine Sorge, er habe da „Sonderrechte“. Wie schön! Und der Autor erhielte „selbstverständlich“ den Text vorab (noch schöner, aber bis heute unterblieben).

Katastrophe und Ende (zeitlos)
Anfang März wieder Anruf des Rezensenten bei der Illustratorin (Kommunikationsweg wie oben): Wenn man dem Artikel jetzt noch Bilder hinzufüge, werde wohl der Platz in der kommenden Ausgabe nicht reichen. (Späteres Eingeständnis: Er wusste dies schon seit einem Telefonat mit der Redakteurin einige Tage zuvor!) Da es aus seiner Sicht inzwischen mehr um GockelInnengehabe als um eine Buchbesprechung geht, storniert der Autor das Projekt per E-Mails an Zeitschrift und Rezensenten. Ein drohender Magendurchbruch wird so verhindert.

Erinnyen-Gesang zur Musik „Sombras nada mas“ (Insider-Gag)
In der Folge nun plötzlich hektische Kontaktanbahnungsversuche:

Der Rezensent weist auf seine schon getätigte „sehr viele Arbeit“ hin, für die er kein Geld erhalte (widerspricht eigenen Erfahrungen des Autors).

Die Redakteurin äußert zunächst, dessen Rückzug komme ihr „gerade sehr gelegen“, da man die Buchbesprechung in der nächsten Ausgabe wohl nicht mehr untergebracht hätte. Einen Tag später bittet sie jedoch, diesen Entschluss hinsichtlich des folgenden Heftes noch einmal zu überdenken, weil – festhalten, jetzt kommt’s – der Rezensent sich schon so viel Arbeit gemacht hätte!

Der Autor antwortet hierauf, es stünde Zeitschriften frei zu entscheiden, welche Bücher sie wann und von wem besprechen ließen. Dies stößt nun bei der Redakteurin endgültig auf Kopfschütteln: Es gehöre doch „zum guten Ton und Umgang miteinander“, sich „mit Autoren zu verständigen“… (Bumtä, bumtä, Narhallamarsch – und das zu Beginn der Fastenzeit!)

Epilog (hat Zeit)
Natürlich erscheint auch in der Ausgabe 3/2014 keine Rezension des Buches; ein bestellter Artikel des Autors wird zwar abgedruckt, allerdings der Name seiner Illustratorin in zwei Versionen falsch geschrieben.

Sehnlichst erwartet der Autor den nächsten Shitstorm im Internet: Er möchte wieder echte Feinde statt solcher Freunde…

Finaler Kalauer (wird auch Zeit)
Wieso zündete Nero Rom an? Weil er Bielefeld nicht kannte!

Dienstag, 1. Juli 2014

„Großes Hossa bis Huhu nur fühlbar echt mit dem DIDU!“

Neu, einzigartig, sensationell:


Digitales Dudlometer 
DIDU
(ges. gesch., Pat. angemeldet)

Zum Mitnehmen auf die nächste Milonga, passt in die flachste Hand- oder Hosentasche, ohne Kabel, Batterie oder Akku, ökologisch hundertprozentig abbaubar, manu-elles Spitzenprodukt!

Ermöglicht eine völlig individuelle Anzeige der gefühlten Musikqualität von
  • HOSSA (dynamische, abwechslungsreiche Beschallung zum Ausflippen auf dem Parkett, da singen die Engelein und pusten Endorphine ins Hirn und Herz)

  • DIDU (Digitalgedudel in der üblichen Ausführung, DJ nach Drücken der Enter-/Shuffle-Taste verschollen)

  • HUHU (unerträgliches Geschrammel zur Arthrose-Bewegungstherapie auch bei völligem Ausfall des Hörzentrums, akut gesundheitsgefährdend)

Stufenlose Anzeige mittels rechten Zeigefingers (also digital) zur subjektiv gefühlten Tanzbarkeit sowie als Feedback für Veranstalter und DJs oder zur Abstimmung mit prospektiven Tanzpartnern (Ausführung für Linkshänder in Planung). 
Durch die einfache Farbgebung auch für den Durchschnittstänzer auf einer der Norm entsprechend mäßig beleuchteten Milonga verständlich!

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Bitte beachten Sie die dem Produkt beiliegenden Warnhinweise! Für Schäden körperlicher oder seelischer Art übernimmt der Hersteller keine Verantwortung.