Mittwoch, 30. September 2015

Der Tango der Neu-Viktorianer



„Die Autorin von populären Frauenratgebern Sarah Stickney Ellis formulierte 1839 das bürgerliche Ideal der Ehefrau als ein hochmoralisches und geistig reines Wesen, das einen heimlichen, aber bedeutsamen Einfluss auf ihren in einer ‚getrennten Sphäre‘ lebenden Gatten ausübt. Wie viele andere Autoren sah sie das Lebensziel der Frau darin, zu heiraten, Kinder zu gebären und sie aufopfernd großzuziehen. Da Arbeit außerhalb des Haushalts als verwerflich galt, hatten Frauen der Mittelschicht meist keine andere Wahl, als diesen Weg anzustreben. Gesetzlich waren verheiratete Frauen ihren Ehemännern fast völlig unterworfen, insbesondere hatten sie kein Recht auf Eigentum.“
(Wikipedia: „Viktorianisches Zeitalter“)

Thomas Kröter, dem „Trüffelschwein des modernen Tango“, habe ich schon manchen interessanten Internet-Fund zu verdanken. Das Tangoblog, welches er neulich mehrfach bei Facebook verlinkt hat, ist sensationell gut: „Tangoforge“ nennt sich die Plattform des Tanzpaars Vio und Roberto, welches eine Vorliebe für Tango nuevo hat. Vio hat auf ihrer Seite eine Reihe von bemerkenswerten englischsprachigen Beiträgen verfasst. Glücklicherweise liegt zum Text „Warum benehmen sich junge Leute wie die Viktorianer?“ eine deutsche Übersetzung (von Karl-Artur Haag) vor. Es geht um die neokonservative Entwicklung im Tango der letzten zehn Jahre.

Vio schreibt dazu: 

„Vor ein paar Jahren schon setzten vereinzelt die Bestrebungen ein, Tango zu
beschneiden. (…) Diese 'Zurechtstutzung' macht sich in der Form eines extrem vereinfachten Tanzes bemerkbar, bei dem der Schwerpunkt nicht mehr auf interessanten Improvisationen liegt, sondern angeblich auf Musikalität. Im Besonderen auf rhythmischer Musikalität. Dazu gibt es recht engstirnige Behauptungen, die sich auf irgendwelche anderen Werte und Prioritäten beziehen, die beim Tangotanzen angestrebt würden. Dazu gehört eine extrem limitierte Teilmenge der Tangomusik, wobei kontemporäre Orchester oder Kompositionen, die jünger als aus den 50er-Jahren sind, und Welt-Musik außen vor bleiben. In Berlin
bekommt man den Eindruck, dass die Ordnung auf der Tanzfläche wichtiger ist,
als das, was jeder einzelne darauf macht. Es wird als ‚sozialer Tango‘ bezeichnet. Das ist das Formale. Aber ich glaube, der tiefere Grund dieser Limitierung
ist Sexismus.“


In der Folge zitiert sie einen Tanzpartner namens Andreas:
„Ich tanze seit etwa acht Jahren. Hier in Berlin gab es schon immer viel Kreativität beim Tanzen. Jetzt gibt es eine Tendenz, die Bandbreite der Bewegungen zu limitieren (…) Und das Eigenartige dabei ist, es sind vor allem die jungen Leute! Die Einstellung zum Tango in der ‚klassischen Szene‘ erinnert mich manchmal an eine Art Neo-Viktorianismus. Es wird jetzt angestrebt, die Beine nicht zu weit zu öffnen. Es sollen kleine, elegante und kontrollierte Bewegungen gemacht werden. Sie wollen sich nicht zu viel bewegen, keine zu großen, zu expressiven Bewegungen. Eine Konsequenz daraus ist, dass nicht mehr zu Piazzolla oder zur Musik jeglicher Tango Nuevo Maestros getanzt wird, oder gar zu Neotango-Musik. Dino Saluzzi? Gib ihm einen Konzertsaal, aber tanz nicht zu seiner Musik. Tanz nicht zu wild, benimm dich zivilisiert, sei elegant. Wie kann jemand in dem jungen Alter seinem Körper die Freiheit der Bewegung verbieten? Wie ist das möglich, nach der sexuellen Revolution? Und das hier, in Berlin!“


Weiterhin befasst sich Vio mit den „Ursprüngen dieses langweiligen, befremdlichen und eher negativen Phänomens“: Neben „Susannah Millers lukrativer Erfindung des ‚Milonguero-Stils‘ 1995 und ihre verkaufsfördernden Ansprüche in Bezug auf seine angebliche „Authentizität  sieht sie vor allem „die Bestrebungen der jungen Argentinier in den Jahren hin zu 2010, Tango als ihr väterliches Erbe zu schützen. Die Milongas in Buenos Aires wurden von ausländischen Touristen überrannt, von denen viele erschreckend meisterlich tanzten; Ausländer gewannen zu viele Spitzenplätze bei der Campeonato Mundial/Weltmeisterschaft (...) Dieser Protektionismus kam in der Form daher, dass der Schwerpunkt von leistungsorientierter Virtuosität fortgenommen wurde zu Gunsten leichter zugänglicher Tanzpraktiken, die sozialer und anspruchsloser sind, um junge Argentinier anzusprechen und zu unterstützen. Auch wurden damit die Touristen von manchen Milongas ferngehalten.“ Eine weitere Ursache sieht die Bloggerin darin, dass vorher der Tango nuevo „ganz bedeutend die Rolle der Frau in diesem Tanz verstärkte.“

Die Folge dieser Rückentwicklung: „Der Tanz der Milongueras war in zehn Jahren flüssiger und unabhängiger geworden und ist jetzt wieder da angelangt, wo die Tänzerinnen wie ungeübte Kleiderpuppen erscheinen.“

Vio sieht den Bezug zur Kleidung darin: “Die Ausstattung der neu-viktorianischen Milongueras kommt in zwei Ausführungen daher, beide gleich ausufernd in sexistischer Limitierung. Die erste ist ‚prüde Hausfrau‘. Die zweite arschbetonender Minirock. (…) Ein anderer Freund hatte mich darauf hingewiesen, dass in den Zeiten von Naveiras Einfluss sich Weltklasse-Schautänzer oft androgyn kleideten. Die Frauen trugen Hosen, und die Einstellung der Tanzpartner zueinander war gleichberechtigend. Dieser Tage sei das Image der Frau, das durch Weltklasse-Tänzerinnen verbreitet würde, ein sexy Frauenkörper, der in orgiastischer Verzückung ihrem Meister folgt.

Die Miniröcke sind bei Rückwärtsschritten ein anregender Anblick (…) Sie hat keine Chance, einen großen Seitschritt zu machen, oder einen Voleo oder Gancho. Die Frauen, die Miniröcke tragen, scheinen nicht mit solcherlei Wissen belastet worden zu sein, deshalb wird es ihnen niemals in den Sinn kommen, dass diese Art Garderobe denkbar ungeeignet für ein Tango-Repertoire sein könnte.“
Subjektiv, aber sehr treffend verbindet Vio Ursache und Wirkung:
„Als die Rolle der Frau virtuoser wurde, wurde es für die Männer wichtig, sich eine kompetente Partnerin zu sichern. Die Auswahl an Tanzpartnerinnen war beschränkt, es konnte zu Engpässen kommen, und so mussten sie sich um die Beziehungen zu den Frauen bemühen, die auf der gleichen artistischen Stufe standen, wie sie selbst. Vielleicht war es einfach besser, einen Tanz zu tanzen, der weniger vom Können der Frau abhing?
Die neu-viktorianischen Frauen sind nach den Standards, die noch vor fünf Jahren galten, keine guten Tänzerinnen (…), aber den Männern scheint das nichts auszumachen. Es scheint, dass Miniröcke eine größere Attraktivität besitzen als tänzerisches Können. Um mit dieser Situation klar zu kommen, halten die Männer den Tanz extrem einfach. Die ‚prüden Hausfrauen‘ scheinen etwas bessere Tänzerinnen zu sein als die Miniröcke, haben aber immer noch ein sehr limitiertes Repertoire. Ein Tanz, der für unausgebildete Frauen überarbeitet wurde, vermehrt die Anzahl der potentiellen Tänzerinnen und stellt sicher, dass Männer gebraucht und für ihre Bemühungen belohnt werden, auch wenn die Leistung sehr anspruchslos ist."

Na eben: Bei musikalischer und choreografischer Schlichtheit ist es ebenfalls für Männer leichter, an die "Lizenz zum Kuscheln" zu kommen!
 
Erfrischend klar räumt Vio mit einigen Sprechblasen in diesem Bereich auf:
"Die Tänzer, die weiterhin ihr gesamtes Tango-Repertoire einsetzen, werden beschuldigt, dass ihnen die Verbindung und die Emotionen im Tanz egal seien. ‚Die Musik bestimmt alles‘, sagen die Neu-Viktorianer, eine von mehreren Gemeinplätzen, mit denen sie einfachsten Tanz glorifizieren.

Ein weiterer Gemeinplatz (…): ‚Es ist sehr wichtig, vorsichtig zu sein und den Tanzfluss zu respektieren.‘ Diese Grundsätze sind aber tatsächlich maßgebend für alle Tangotänzer, und deren Fehlen ist immer ein Mangel des persönlichen tänzerischen Niveaus. Darüber hinaus macht es keiner dieser Grundsätze notwendig, Bewegungen zu verbannen. Der einzige Grund, der ein limitiertes tänzerisches Vokabular rechtfertigt, ist eine Folgende, die nur mit sehr wenig zurechtkommt (…) Die Neu-Viktorianerinnen wollen Sinnlichkeit und die Aura des Mannes erleben, ohne zu eigener Weisheit zu gelangen und die geteilte Verantwortung für ihr Tun anzunehmen.“

Ihr Resümee ist beeindruckend und könnte daher von mir sein:
"Was mich bei den Milongas der Neu-Viktorianer stört, dass sie allen Kontrast beseitigt haben. Tango-Musik und Tanz wird durch die Veränderung des Tempos interessant, des Maßstabs, der Form und der Emotionen. Ein guter Tanz braucht einige dieser Kontraste, von schnell zu langsam, von enger zu loser Umarmung, von großen zu kleinen Schritten, von zackigen Bewegungen zu kleinen, wirbligen, von dramatisch bis verspielt, von süß bis ernst. Neu-Viktorianische-Musik bleibt in einem begrenzten Rahmen (…), die Schrittgröße ändert sich nicht, die Umarmung bleibt gleich, und die Emotionen sind immer dieselben.“

Abschließend zitiert die Autorin ein Gespräch zwischen zwei Männern um die Dreißig: Einer bemängelt, der DJ einer rein traditionellen Milonga (!) habe Musik mit „zu viel Energie“ aufgelegt. Ihr Kommentar:

„Zu viel Energie? Für einen jungen, agilen Mann? In Berlin? Bei einer Party?
Vielleicht zu viel Energie, um so zu tanzen, dass ein Minirock nicht verrutscht und immer gut aussieht.“


Da kann ich in meinem mehr als doppelten Alter nur hinzufügen: Recht hattse!

Originaltext: http://tangoforge.com/neue-victorians/

Dienstag, 29. September 2015

Tango oder Freundschaft



„Lieber Gerhard,
schön mal wieder zu sehen, was Du für tolle Dinge machst!
Da ich jedoch (…) verlassen werde, bitte ich Dich, mich aus Deinem Verteiler zu nehmen.
Ich wünsche Dir weiterhin viel Freude und Erfolg bei Deinen Unternehmungen und vor allem natürlich Gesundheit, um weiterhin das Leben zu genießen!
Liebe Grüße
(…)“

Diese E-Mail erhielt ich gestern von dem, was ich noch vor Jahren als „Tangofreundin“ bezeichnet hätte. Dazu muss man einiges wissen:

Es war die Beantwortung einer Werbung für mein neues Zauberblog. Diese Nachricht erhielten alle meine „Zauberkunden“ – also auch sie, da ich vor Jahren einmal für die Organisation aufgetreten war, für welche die Schreiberin arbeitet. Dafür erhielt ich eine Flasche Rotwein, unverpackt, ohne Dankeskärtchen oder ähnliches Dekor. („Freundschaftshalber“ hatte ich auf eine Gage verzichtet.) Und wenn man nun aus unserer geografischen Nähe an einen weiter entfernten Ort umzieht: Kann man dann nicht trotzdem ein Blog lesen bzw. darin kommentieren?

Unverschlüsselt würde daher die obige Botschaft wohl wie folgt lauten:

„Lieber Gerhard,
es nervt kolossal, immer wieder in Mails von Deinen Unternehmungen lesen zu müssen, die mich inzwischen kein bisschen mehr interessieren. 
Da ich nun an einen entfernten Ort umziehen werde und somit die Möglichkeit, dass ich Dich nochmal brauchen könnte, sehr unwahrscheinlich wird: Sei so nett, mir das Wegklicken Deiner Botschaften zu ersparen.
Gestatte mir abschließend noch ein bisschen Alibi-Gedöns, damit Du nicht behaupten kannst, ich sei unfreundlich oder gar undankbar.
Liebe Grüße
(…)“

Unsere „Tangobeziehung“ liegt schon Jahre zurück und bestand vor allem darin, dass die Dame, chronisch Single, aus Gründen des Umweltschutzes über kein Auto verfügte und daher die ökologisch günstigere Variante wählte, sich von uns auf Milongas fahren zu lassen. Der Umweg über ihr Kuhkaff kostete uns, Hin- und Rückfahrt zusammengerechnet, eine Dreiviertelstunde mehr Fahrtzeit.

Ich habe für die vielen Touren im Zeitraum von etlichen Jahren weder Geld noch Schlimmeres von ihr verlangt und fühlte mich nie als Wohltäter: Sie war eine hervorragende Tänzerin und versprühte rundum Nettigkeit sowie Charme. Das war doch ein Deal!

Mit der Zeit allerdings wuchsen die Zumutungen: Zu- oder Absagen in letzter Minute inklusive längerer Telefonate über ihre derzeitigen Probleme respektive Gesundheitszustand und dessen Eignung für Milongabesuche oder Bergtouren. Als sie uns zur Krönung des Trends einmal mit einer fast dreistündigen Verspätung erfreute, führte dies zu einer Krisendiskussion. Mein Angebot, Tangoabende gerne weiter gemeinsam zu besuchen, allerdings mit Eigenverantwortung für An- und Heimreise, schien ihr wohl nicht lukrativ genug. Hinfort herrschte, bis auf seltene zufällige Begegnungen, Funkstille. Inzwischen ist sie offenbar aus der Tangoszene verschwunden und beschäftigt sich, neben der Ökologie, mit esoterischen Themen in Richtung des Umarmens von Bäumen. Na, die können wenigstens nicht weglaufen…

Aus „alter Verbundenheit“ schickte ich ihr weiterhin Einladungen zu unseren Veranstaltungen. Eine Reaktion hierauf erfolgte nie. Einmal lud sie mich zu einem Event ein, in dem sie im Mittelpunkt stand. Ich bin hingegangen – ohne darauf je ein positives Feedback zu erhalten.

„Wie du mir, so ich dir“ ist – beim Tango wie im Leben – keine verlässliche Formel. Auch für eine dreistellige Zahl von Gratistanzstunden kann man keineswegs das Eingehen auf die eigenen Themen erwarten, bleibt jedoch weiterhin ein Adressat für Wünsche der Gegenseite – und dies sogar, wenn die Person nicht aus Nordrhein-Westfalen stammen sollte (für mich die Untergrenze der bundesdeutschen Empathie-Skala). Der Fakt, anderen Veranstaltern hundert Mal das Geld auf deren Events getragen zu haben, verpflichtet natürlich in keinster Weise zu einem Gegenbesuch! Gerade hierbei muss man Entfernungen relativistisch betrachten: Der Weg von A nach B ist nicht zwingend gleich dem von B nach A, sondern oft deutlich weiter. Depressionen werden jedoch durch kabarettistische Erlebnisse gemildert: Ertappt man beispielsweise Personen, die wegen „privater Verpflichtungen“ zu bestimmten Zeiten keinesfalls zum Tango gehen können, dann beim Besuch einer anderen Milonga, kann das personifizierte „schlechte Gewissen“ sehr unterhaltsam wirken. Damit aus dem Text kein Buch wird, verzichte ich lieber auf weitere Beispiele…

Wenn man sich diesem Zirkus schon 16 Jahre lang aussetzt, muss man mit solchen Erfahrungen umgehen können. Das ist wohl der Grund, warum ich beim Tango oft etwas reserviert wirke: Gerade die „Bussi, Bussi- und herzallerliebste Grüße-Mimikry“ in sozialen Netzwerken wirkt auf mich wie eine besonders zynische Tangosatire, von der sogar ich lieber die Finger lasse. Und ich werde nervös, wenn manche Tangofeste zu einem stundenlangen Spießer-Palaver am „Stammtisch“ entarten, während im Hintergrund die Musik dudelt. Da gehe ich lieber aufs Parkett und tanze zu Geschichten, die von Neid, Eifersucht und Hass erzählen, und wo am Ende beide Rivalen, jeweils mit dem Messer des anderen im Bauch, ihr Leben aushauchen. Ich empfinde das, weil ehrlich, als weitaus harmloser.

Zugeben muss ich, selber das Wort „Tangofreunde“ öfters unbedacht benutzt zu haben. In Wahrheit besteht zwischen den beiden Wörtern dieses zusammengesetzten Begriffs eine Schnittmenge von weniger als einem Promille. Was bleibt, ist „Tango“. Und in zahlreichen anderen Fällen bekommt man ja Zuwendung von Menschen, bei denen man es nie erwartet hätte. Dennoch gehe ich mit dem Begriff „Freundschaft“ bei zunehmendem Alter immer zögerlicher um.

Der von mir sehr geschätzte Autor Peter Ripota hat mir einmal in einem Interview erklärt: „Von Astor Piazzolla stammt der Titel ‚Drei Minuten mit der Wirklichkeit‘. Die wahre Welt ist somit die Zeit, in der man einen Tango tanzt, und der Rest ist ein Traum.“ Wieso dann zwischen den Tangos so viel Zeit verschwenden?

„‚Ich verstehe das nicht‘, erwiderte er genervt. ‚Wie kommst du darauf? Tango ist Leidenschaft, Temperament, Wollust. Der erste Tanz, bei dem Mann und Frau sich öffentlich umarmen.‘ ‚Das schon‘, erwiderte sie. ‚Aber es ist auch die erste Umarmung, die folgenlos bleibt.‘“
(Wolfram Fleischhauer: „Drei Minuten mit der Wirklichkeit“)

P.S. Ich bitte um Verständnis dafür, dass bei nahendem Herbst die Balkongeländer niedriger werden. Aber sollte das Antidepressivum anschlagen, schreibe ich demnächst bestimmt mal wieder was Witziges!

Sonntag, 27. September 2015

Maja Günther: Haltung zeigen



Lange ist es her, dass in unserem wöchentlichen Tangokalender die Münchner Milonga „El Corazón“ einen festen Platz einnahm. Maja Günther und Daniel Kopper hießen damals die Veranstalter – als Tangolehrer und Tanzpaar sehr gefragt.

Maja hat inzwischen andere Wege eingeschlagen: Basierend auf ihrem Soziologiestudium arbeitet die Autorin nun im Seminar- und Coachingbereich, wo sie sich vor allem mit Einflüssen von Lebensgeschichte, Einstellungen und Emotionen auf die Körperhaltung beschäftigt. Mit dem Untertitel „Wege zu mehr Souveränität und innerer Stärke“ hat sie nun das obige Buch herausgebracht.

Im Gegensatz zu früheren Zeiten ist „Haltung“  heute ein überkommener Begriff: Formale Normen wie etwa beim Militär oder bei offiziellen Anlässen sind einer individualistischen Auffassung gewichen. Desto wichtiger ist es daher, sich über die Bedeutung der eigenen Haltung klar zu werden.

Eine wichtige Quelle der Einsichten Maja Günthers sind die Erfahrungen im Tangounterricht: Oft genug reichten tänzerische Mittel nicht aus, um Blockaden bei den Schülern zu überwinden, welche durch bisweilen lange zurückliegende, negative Prozesse entstanden. Erst wenn sich die innere Haltung verbessert, kann sich die äußere verändern – und, überraschend genug, auch umgekehrt: Positive Gedanken bewirken eine Veränderung des körperlichen Ausdrucks in diese Richtung. Ziel ist stets die Kongruenz zwischen innen und außen, mithin eine authentische Körpersprache.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ihr Buch enthält das, was auf dem Deckel steht. Man muss kein Tangotänzer sein, um Nutzen aus dem Werk zu ziehen – sollte man aber Tango lernen, sind die knapp 15 Euro für das Buch besser angelegt, als wenn  – zum mehrfachen Preis - einer der landläufigen „Kurse und Workshops“ gebucht wird und man am Ende zwar mit einer neuen „Tanzfigur“, aber denselben Haltungs- und Ausdrucksproblemen dasteht.

Wichtige Prinzipien des Tango lassen sich gut auf andere Bereiche übertragen: Improvisation, Rollenverständnis, Kontakt und Vertrauen. Wie gerade hier die Autorin immer wieder Querbezüge zwischen Tanz und restlichem Leben aufzeigt, gehört zu den besten Passagen des Buches. Und für einen „Aficionado“ ist genau dies das Faszinosum am Tanz vom Rio de la Plata!

Nachdrücklich plädiert Maja Günther für die Abkehr von den Begriffen „richtig“ und „falsch“ und bittet stattdessen, möglichst viele Graustufen zuzulassen und sich in die Lebenssituation des Gegenübers hineinzuversetzen. (Eine Wohltat, dies – nicht nur beim Tango – auch einmal von einem anderen Autor zu lesen…)

Im Zentrum des Buches stehen zwei große Abschnitte: die Analyse der eigenen Haltung samt diverser Faktoren und Bereiche, welche diese beeinflussen, sowie Ansätze und Ratschläge, sie zu verändern. Eingestreut sind immer wieder Anregungen („Impulse“) und praktische Übungen. Am überzeugendsten wirkt die Schreiberin immer dort, wo sie konkret wird und die Probleme beispielhaft aus ihrer  reichen Unterrichts- und Beratungspraxis darstellt. Etwas weniger farbig und manchmal auch weitschweifig geraten die allgemeinen Texte. Der Mensch lernt eben am Beispiel – zumal, wenn es spannend und humorvoll präsentiert wird!

„Ich bin so, wie ich bin“ ist für die Autorin kein zufriedenstellender Standpunkt: Mit großer Ehrlichkeit mahnt sie den Mut zu Veränderungen an. „Ich würde sogar sagen: Jeder muss sich verändern.“ Den Prozess hierzu beschreibt sie in vier Schritten:
·         Wahrnehmung der eigenen Haltung
·         Was wäre wenn? (Einsatz von Wunschvorstellungen)
·         Neues Verhalten ausprobieren
·         Neue Haltungen festigen
Die Angst vor dem Scheitern sollte man überwinden, indem man sich klar macht, dass der Versuch an sich schon einen Wert hat: „Genau betrachtet kann niemand von uns etwas wirklich perfekt. Es bleibt beim Ausprobieren. Also warum lernen wir nicht, das Ausprobieren selbst mehr zu schätzen?“ Irgendwann gerät man in den berühmten – nicht nur Tänzern bekannten – „Flow“, in dem die Dinge dann scheinbar von selber gelingen, ohne dass man noch die Einzelheiten beachten muss.

Allerdings ist das Werk ein "Arbeitsbuch", bei dem das einmalige Durchlesen keinesfalls reicht. Aber wenn man sich ernsthaft mit den Übungen und Reflexionen auseinandersetzt, sollte man den vorgestellten Zielen zumindest ein Stück näher kommen.

So endet die Autorin mit einem Resümee, das ich gerne unterschreibe: „In Balance zu sein ist das Ziel für das gesamte Leben. Nicht ausschnittweise, nicht zweimal im Jahr während des Urlaubs (…), sondern immer. Sie kennen durch die Arbeit mit diesem Buch Ihre Ressourcen. Mit ihrer Hilfe finden Sie zu innerer Stärke und Selbstbewusstsein – und bleiben auf Dauer gesund.“  

Leider übertrifft die Botschaft des Werkes deutlich dessen Aufmachung. „80 Prozent Haltung und zwanzig Prozent Inhalt“ – die optische Information wird also weit wichtiger genommen als die verbale: Diese Einsicht ist beim Verleger des Werkes nicht umfassend angekommen: Die verwendete Schrifttype ist sehr klein, und mit einem besseren Layout hätte man die Übersicht zwischen allgemeinem Text und Übungen erhöhen können. Nach meiner Überzeugung erfordert ein solches Thema Abbildungen, welche leider fast ganz fehlen. Aber das könnte man ja in einer Neuauflage beheben. Verdient hätte es das Buch!

Weitere Infos: http://www.maja-guenther.de/1.html

Donnerstag, 24. September 2015

Código-Workshop und Wohnzimmer-Milonga



Gut, dass es im Tango Alternativen gibt, die man auf Augenhöhe nebeneinander vorstellen sollte:

Einladungstext Theresa Faus auf Facebook:
In den Vorbereitungen für meinen zweiteiligen Workshop "Codigos" am Freitag in Innsbruck. (Anmerkung: Der Verein nennt sich lustigerweise „Libertango“.)
Für mich sind die "Códigos" gar nichts Moralisches, sondern praktische Hilfsmittel, um in gut besuchten Milongas Tanzpartner einzuladen und entspannt inmitten vieler Leute zu tanzen.
Das Respektieren der "Ronda" - Tanzen in der Tanzrichtung und in der Spur - kostet nicht viel Anstrengung und erhöht den Genuss aller erheblich. Wir üben einige Techniken dafür und arbeiten an Schrittqualität und Musikalitat, so dass für die Ronda keine Kreativität aufgegeben werden muss. Insbesondere üben wir elegant "bremsen"; eine Pause auskosten und mit der Musik wieder starten; genussreiche Bewegungen auf der Stelle; Feintuning des Drehgrades.
"Mirada und Cabeceo" ist eine faszinierende Methode, sich ohne Worte und aus der Ferne zu verständigen, dass man miteinander tanzen will. Und eine diskrete Methode, einen Korb zu geben oder zu bekommen. Wir üben, wie wir mit dieser Technik klar ausdrücken, was wir wollen und was wir nicht wollen, und was in verschiedenen Situationen zu beachten ist.
Wenn sich die Mehrheit der Besucher an die Códigos hält, kann eine magische Stimmung entstehen.
www.theresa-tango.de


Einladungstext von Gerhard Riedl zu seiner „Wohnzimmer-Milonga“ (am 18.10. mit Live-Musik: "Duo Tango Varieté"):

Wir halten es nicht für unmoralisch, keine „Códigos“ zu benötigen, da alle unsere Gäste über die praktischen Fähigkeiten verfügen, anderen aus dem Weg zu tanzen respektive nicht auf diese draufzurumpeln – und sich auch sonst von Natur aus benehmen können.

Da unser Wohnzimmer viereckig ist, verzichten wir auf eine Ronda, obwohl bei 17 Anwesenden auf 20 qm Tanzfläche eine gewisse Enge vorhersehbar ist (und unsere "Dorf-Kapelle" braucht ja auch noch Platz). Filigrane Techniken sowie ein Feintuning werden sich nicht vermeiden lassen. Dennoch hoffen wir weiterhin auf einen Gast mit Haftpflichtversicherung, der per Boleo unseren alten Fernseher schlachtet, auf dass wir uns endlich ein Flachbildschirm-Monster zulegen können, um Videos von Encuentros zu gucken!

Wer mit Cabeceo auffordern will, darf es gerne tun (falls er sich auf einen Meter Abstand nicht ein bisserl dämlich vorkommt). Allerdings habe ich bei uns bisher weder diskrete noch indiskrete Körbe erlebt, da unsere Gäste nicht so zieselig sind und gerne mit jedem tanzen. Und eine „magische Stimmung“ entsteht in der Wohnung eines Zauberkünstlers eh…

Daher können wir es uns leisten, im Vorfeld auf anderthalb Stunden Belehrungen zu verzichten und gleich mit dem Tanzen EdO-ferner Arrangements zu beginnen - vielleicht sogar zu "Libertango"...

Interessenten müssen wir allerdings auf die Folgetermine vertrösten – wir sind nicht nur gut besucht, sondern restlos „ausgebucht“!