Samstag, 31. Dezember 2016

Playlist der Wohnzimmer-Milonga am 30.12.16



Arminda Canteros: Tangos (zum Schuhe wechseln)
Flores negras
La Cumparsita
Verano porteño
Invierno porteño

Osmar Maderna
Inspiración
Escalas en azul
Aromas

Adriana Varela y piano
Por la vuelta
Garua
Por una cabeza

El último aplauso
Soledad
Ventarron
Volver
Romance de Barrio

Sängerinnen
Milonga sentimental (Lidia Borda, Brian Chambouleyron)
Que nadje sepa mi sufrir (Sandra Luna)
Paisaje (Lidia Borda)

Barracuda (Quartango)

Ariel Ardit: Gardel Sinfónico
Melodía de arrabal
Golondrinas
Cuando tú no estás
Rubias de New York

Cáceres: Tocá Tango
Tango negro
Como dos extraños
Tocá Tango
Serafin

Balladen
La moza donosa (Daniel Barenboim)
Years of solitude (Gerry Mulligan, Astor Piazzolla)
Poema valseado (Tango Mandrágora)

Leopoldo Federico: De antología
Tango del angel
Arrabal amargo
Desde el alma / Palomita blanca
Libertango

Sexteto Milonguero
Llorar para una mujer
Flor de lino
Reliquias porteñas

Beba Pugliese
La Beba
Capricho otoñal
Catire

Omara Portuondo
La sitiera
Ella y yo
No me vayas a engañar

Osvaldo Fresedo & Dizzy Gillespie: Rendezvous porteño
Capricho de amor
Vida mía
Adiós Muchachos

Louis Armstrong
La vie en rose
High Society Calypso
Winter Wonderland

Hyperion Ensemble: Remembranzas
Mí dolor
Condena
Buscandote
Torrente

Anja Stöhr: Preciso instante
Negra Maria
Milonga Triste
Siga cantando

Ariel Ardit
Lejos de Buenos Aires
El vals soñador
Mariposita

Tanda extraordinaria: Georg Kreisler
Tauben vergiften
Zwei alte Tanten tanzen Tango
Wie schön wäre Wien ohne Wiener

Das musikalische „Special“ stellte diesmal den Sänger Ariel Ardit vor. Er wurde 1974 im argentinischen Córdoba geboren und studierte lyrischen Gesang. Seit 1998 singt er Tangos, ab 1999 vor allem mit dem Ensemble „El Arranque“ und – seit etwa 10 Jahren – mit den Orchesterleitern Néstor Marconi, Ramiro Gallo und Andrés Linetzky. Wunderschöne Duette bot er auch mit der Sängerin Lidia Borda. Unter anderem gab es eine Kostprobe aus seiner neuen CD „Gardel sinfónico“, die heuer für den „Latin Grammy“ nominiert war.
Es spricht Bände über die deutsche Tangoszene, dass dieser Tonträger nicht einmal in Deutschland erhältlich ist. Mein Exemplar kam per Schiff aus den USA; Dauer: 6 Wochen!

Von dem Konzert zum 80. Todestag Gardels gibt es auch einen ausführlichen Mittschnitt:



Ab 2017 probieren wir wegen der großen Nachfrage einen dreiwöchigen Turnus – es wird also im kommenden Jahr voraussichtlich 17 Wohnzimmer-Milongas geben!

Wir starten ins Neue Jahr am 13.1.17 (19-22.30 Uhr) mit der Gast-DJane Sabine Redl-Thorbeck aus Ingolstadt!

Mittwoch, 28. Dezember 2016

Liebes Tagebuch… 32



Es gibt eine Milonga, auf die ich nicht vorwiegend wegen der Musik gehe – die schwankt zwischen annehmbar und todlangweilig. Und auch das tänzerische Niveau ist eher mäßig. Aber ich kann mich bei einem Besuch fast schon darauf verlassen, dass ich aus dem dortigen Kabarett (dessen Protagonisten mir ziemlich geläufig sind) die eine oder andere Idee für einen neuen Blogbeitrag mitnehme!

An diesem Abend wurde mir endgültig klar: Es geht heute nicht mehr um Varianten des Tango, sondern um zwei verschiedene Tänze. Der Unterschied erinnert mich an diverse „Kellerpartys“ in meiner Jugendzeit: Da wurde zunächst auch recht munter getanzt, und viele versuchten dabei durchaus, ihre Tanzstunden-Kenntnisse bei einem Cha-Cha, einer Rumba oder gar einem Jive umzusetzen. Dann, sobald die Kontrollbesuche der betreffenden Eltern offenbar eingestellt waren, wurde unter dem Kichern hoher Stimmen und den Bravorufen eine Oktave tiefer das Licht maximal gedimmt, und das Tempo der Musik sank beträchtlich: Man tanzte sodann „Stehblues“…

Na gut, der auch auf dieser Milonga praktizierte „Tango-Blues“ hat einen Vorteil: Ich merke mir zu Beginn der Musik, wo jedes Paar steht, und komme dann gut um alle rum!

Wahrlich, der „alte Tango“, den wir früher getanzt haben, stirbt allmählich aus. Noch treffe ich gelegentlich eine Tänzerin, die in ihrer eigenen Balance steht, ohne sich an mir festklemmen oder auf mich stützen zu müssen – die in jeder Zehntelsekunde präsent ist, blitzschnell auf rhythmische Kapriolen, plötzliche Impulse oder Verzögerungen reagiert, ihr eigenes Ding dreht und dennoch ständig mit mir verbunden bleibt.

Und die anderen – na gut, I’ll do my very best, und solange man das tanzt, was alle tanzen, kommt man einigermaßen durch. Es amüsiert mich aber jedes Mal wieder, wenn mir eine kleine Verrücktheit einfällt und sofort der Ganzkörper-Schock fühlbar wird: Access denied, 404 not found.

Der Kabarettist Dieter Nuhr erzählte in einem seiner ersten Programme eine wunderbare Geschichte, die mir an diesem Abend bei einer solchen Tanzrunde wieder einfiel:

Er habe sich jetzt ein elektronisches Notizbuch mit einem Handschriften-Erkennungsprogramm zugelegt. Da gebe er beispielsweise ein: „Morgen Bernd anrufen“ – und sein Notebook verstehe „Buenos Aires“. Und wenn er dann am nächsten Tag „Buenos Aires“ lese, falle ihm natürlich ein: Ja klar, er wollte doch den Bernd anrufen!

Mit Tänzerinnen der neuen Art ist es umgekehrt: Ich schreibe „Buenos Aires“ – und auf ihrem Display erscheint: „Bernd anrufen“…

Und bei solchen Gedanken muss man ohne Heiterkeitsanfall weitertanzen! Tango ist schließlich eine erste Sache...

Aber man soll die Milonga nicht vor dem Heimgehen loben:

Ich war allein in der Garderobe, als ein mir unbekannter Tänzer sich neben mich stellte und mich immer wieder ansah. Kein Zweifel, er hatte etwas auf Lager! Ich sollte mich nicht täuschen:

„Ich habe dir öfters beim Tanzen zugesehen, und ich muss sagen, du hast heute Abend deine Partnerinnen sehr glücklich gemacht, mit der Art, wie du tanzt.“

Huch, was soll man dazu sagen, noch dazu jemandem, den man gar nicht kennt? Nach kurzer Verlegenheitspause rang ich mir den Satz ab: „Na, wenn beim Tango die Frauen mit einem zufrieden sind, hat man doch das wichtigste Ziel erreicht.“

Doch der Herr war noch nicht fertig: Ja, das hast du sicher. Ich habe zwar nicht mit allen gesprochen, aber das sieht man. Und eine Frau hat es mir direkt gesagt: „Es sieht vielleicht nicht so aus, aber er führt großartig.“

Gott sei Dank kam kurz darauf meine Frau dazu, und ich verabschiedete mich – zur Vermeidung weiterer Bekenntnisse ziemlich rasch.

Doch seit diesem Abend beschäftigt mich ein einziger Gedanke:

WAS SIEHT DA NICHT SO AUS??

Samstag, 24. Dezember 2016

Tangotexte – müssen nicht sein?



Mein letzter Artikel über die Tangotexte hat sehr großes Interesse gefunden: Allein auf Facebook wurde er über 450 Mal aufgerufen und auf meinem Blog ist er der am meisten angeschaute Beitrag in den letzten 7 Tagen mit momentan 12 Kommentaren.

Es scheint also in der Szene (wie ich schon vermutet hatte) einen ziemlichen Nachholbedarf in diesem Bereich zu geben: Kein Wunder, die wenigsten Tangotänzer sprechen spanisch – und wenn, dann haben sie oft dennoch Probleme, die auf eher hohem Sprachniveau formulierte Lyrik zu verstehen.

Nicht selten wird etwas, das man nicht kapiert, als unwesentlich dargestellt. So erreichten mich Kommentare dieser Richtung:

Hauptsache, man versteht die dem Gesang zugrundeliegende Information. Oberflächliche Betrachtungen interessieren mich da für den Tanz nicht. (…) Die Emotion / der Subtext. Wenn jemand ausdrucksstark singen kann, dann überträgt sich das auch ohne Sprachverständnis.“
Für ‚gerade ist mein Dackel gestorben‘ (ersatzweise ‚die missachtete Frau weggelaufen‘ oder ‚das Bandoneon deprimiert‘) fehlen mir ehrlich gesagt die tänzerischen Ausdrucksmittel“

Abgesehen vom netten Vergleich zwischen Vier-, Zwei- und Ohnebeinern: Wie ist das denn bei anderen musikalischen Formen, in denen es was zum Singen, wenngleich nicht immer zum Tanzen, gibt? Meine Recherchen im entsprechend versierten Umfeld ergaben: Grundsätzlich kann man dem Text keinen untergeordneten Rang zuweisen!

Kommt natürlich sehr auf das Genre an. Das Musiktheater (z.B. Oper) ist eher nicht damit vergleichbar: In der Arie werden selten Geschichten erzählt, da die Handlung ruht und der Sänger in kunstvollen Verzierungen und Wiederholungen seine Stimmung dartut. Dennoch ist es dort (zumindest unter den Fans) unstrittig, dass man vor dem Besuch einer Aufführung das Libretto gelesen haben sollte.
Eher bietet sich eine Ähnlichkeit mit Volks- und vor allem Kunstlied an.

Speziell der Bereich des Chansons liefert Entsprechungen:
Besonderes Merkmal des Chansons ist seine starke Konzentration auf die Textaussage, die Anforderung, in ‚drei Minuten‘ eine Aussage auf den Punkt zu bringen.
Prägend für das moderne Chanson ist die Arbeitsaufteilung in auteur (Textschreiber), compositeur (Musikkomponist) und interprète (Interpret).“  (Wikipedia)

Eine interessante Parallele zieht Susanne Köb in ihrem Buch „Tango macht glücklich“: Tango sei durchaus mit dem Wienerlied verwandt, wenn man folgende Kriterien bedenke:

·         Bezug auf bestimmte Örtlichkeit und Zeit
·         multikulturelle Entstehung (Donaumonarchie!)
·         Herkunft aus der Unterschicht
·         spätere Professionalisierung
·         derber bzw. sentimentaler Stil
·         Probleme werden mit Alkohol bekämpft
·         mundartliche Einschläge
·         begrenzte Thematik; Liebe und Tod vorherrschend
·         ursprünglich ähnliche Instrumentierung (Geige, Ziehharmonika, Gitarre)

Unterschiede bestehen vor allem in der Grundstimmung (Trauer und Nostalgie bzw. Beschaulichkeit sowie Lebensfreude) – das Wienerlied kommt fast ausschließlich In Dur daher, der Tango eher in Moll.

Eines steht jedoch fest: Ohne Text wäre ein Wienerlied nicht einmal die Hälfte wert!

In einem interessanten Interview stellt die internationale Startänzerin Nicole Nau fest:

Der Porteño hat einen Hang zum Jammern und sich selbst zu bemitleiden.(…) Es gibt entweder das große Drama oder Texte, die – und das sagt selbst mein Mann Luis – sind so weinerlich, dass es kaum zu ertragen ist. Männer, die ihre Frauen verlassen und nun darüber jammern.“

Nun, wenn es ihr Mann sagt, wird es schon so sein… und dieser Trend zeigt sich ebenfalls beim bekannten „Raunzen“ des Wieners. Dazu passend hat diese Stadt, zusammen mit Buenos Aires, die höchste Psychiaterdichte der Welt!

Auf jeden Fall stimme ich aber mit der aus Düsseldorf stammenden Wahl-Argentinierin darin überein: „Wenn man ein Stück für eine Show auswählt, muss man schon wissen, ob man es lieber gesungen oder instrumental nimmt. Wenn man sich für die gesungene Version entscheidet, muss man auch den Inhalt tanzen.“

Nun müssen wir für uns ja nicht die Maßstäbe von Showtänzern anlegen – aber mir war und ist es stets lieber, wenn ich bei einem Tangostück wenigstens ungefähr weiß, worum es geht.

Warum gerade im traditionellen Tangolager die Texte wenig gelten, verstehe ich überhaupt nicht: Speziell von dieser Seite hört man oft das Argument, um den Tango in seiner vollen Dimension zu verstehen, müsse man „in diese Kultur hineingeboren sein“. Ich bezweifle das zwar, da Menschen im tangotypischen Durchschnittsalter (Mitte fünfzig) selbst in Buenos Aires nicht mehr mit der Musik der „großen Tangoorchester“ sozialisiert wurden, sondern – wie hierzulande auch – eher mit Rock’n Roll oder der Beatmusik (bzw. auf dem flachen Land auch mit den vielen Volkstänzen).

Dennoch steht fest, dass ein Argentinier, wenn er einen Tango hört, ganz automatisch den Text versteht, weil er eben Spanisch kann (so wie über 400 Millionen Menschen auf der Welt – diese Sprache ist die vierthäufigste überhaupt). Wenn wir uns also ein bisschen in diese Kultur hineinbegeben wollen, ist es schon schwach, nur auf die Klangfarbe des Sängers zu achten…

Während die Finnen keinerlei Probleme damit haben, ihre Tangos ausschließlich in der Landessprache zu singen, gibt es nur wenige Interpreten, die es bei uns auf Deutsch versuchen. Spanisch hört sich halt einfach schöner an, zumal die Autoren ihre Worte oft eher nach dem Klang als der passenden Aussage wählen (was die Texte nicht eben weniger kitschig geraten lässt). Dennoch wäre es einen Versuch wert, hier einmal deutsche Nachdichtungen zu versuchen. (Bei „Malena“ habe ich es ja einmal probiert: http://milongafuehrer.blogspot.de/2016/07/gerlinde-ubt-jetzt-tango.html)

Schließlich gibt es aus den 20-er bis 50-er Jahren wunderschön kitschige bis skurrile deutsche Tangos mit Texten, die teilweise große Schlagererfolge waren. Nicht nur Louis Armstrong hat „Adiós Muchachos“ in Englisch („I get ideas“) eingesungen, sondern auch der Spanier Juan Llossas auf Deutsch – und das ist so wunderbarer Trash, dass ich es immer wieder gerne höre:



Eine Möglichkeit wäre auch, traditionelle Tangos mit zeitgemäßen spanischen Texten zu versehen oder Texte anderer Autoren zu vertonen (aus meinem Umfeld erhielt ich dazu Vorschläge von Heinrich Heine bis Jimi Hendrix). Und aktuelle Tangothemen wie „Sehnsucht nach der verlorenen Heimat“ fände man in Zeiten der Flüchtlingskrise genug! Warum es nicht einmal versuchen? Aber nein – das hieße ja, an Heiligtümern zu kratzen…

Moderne Tangoensembles kümmern sich leider wenig um gute Texte. Für mich reicht es jedenfalls nicht, wenn alle 30 Sekunden eine studiomäßig verzerrte Stimme „Bandoneón“ und „Corazón“ ins Fusions-Geplürre stöhnt.

Und wem es neu sein sollte: Es gibt genug Tangos mit wunderschönen Texten – so wie „Chiquilin de Bachin“ von Horacio Ferrer, der von einem kleinen Jungen berichtet, der vor der Kneipe „Bachin“ Rosen verkauft, während seine Mutter anschaffen geht. Die Melodie stammt von Astor Piazzolla:

„Wenn die Sonne den Kindern Lern-Schürzen gibt,
lernt er das komplette NICHTS,
das ihm zum Wissen fehlte.
Und er sieht seine Mutter,
wie sie hin und her geht,
aber er will sie nicht sehen.
(…)
Er ist ein seltsamer Mensch,
ein tausendjähriges Kind,
bei dem in seinem Inneren die Schnur verwickelt ist.
Kleiner Junge, gib mir einen Zweig der Stimme,
so gehe ich dann meine Scham verkaufen wie Blumen.
Beschieße mich mit 3 Rosen, die weh tun,
auf Kosten von deinem Hunger,
den ich nicht verstanden habe, Chiquilin.“
(Quelle: http://www.tango-rosetta.com/indexDe.htm)

Erneuerer gab es übrigens auch beim Wienerlied. Einer davon ist der für seine bitterbös-poetischen Texte bekannte Georg Kreisler (welcher es gleichfalls in seiner Heimat sehr schwer hatte).

Bevor wir ihn ans Klavier bitten: Mir ist bei der Beschäftigung mit diesem Thema klar geworden, dass der Tango weder auf Melodie noch auf Text verzichten kann, wenn er seine Eigenart behalten will. Auf die Tänzer, zumal heute? Vielleicht noch am ehesten!

Auch der „Taubenvergifter“ an der blauen Donau kam einmal auf eine ähnliche Idee:

„Wie schön wäre Wien ohne Wiener.“



P.S. Allen meinen Lesern dennoch schöne Weihnachten!