Dienstag, 27. Februar 2018

Ab wann ist man eigentlich kein Anfänger mehr?



„Was man lernen muss, um es zu tun, das lernt man, indem man es tut.“
(Aristoteles)

Die obige, sehr interessante Frage wurde gestern in unserer (geschlossenen) Facebook-Gruppe gestellt.

Spontan fiel mir ein: „Wenn man keine solchen Fragen mehr stellt.“

Ich muss allerdings gestehen: Wir hatten das ominöse Wort selber in unserer Gruppenbeschreibung verwendet…

Höchste Zeit also, diesen Begriff einmal zu hinterfragen:

Er spielt als „technisches Detail“ vor allem eine Rolle bei den Angeboten von Tangounterricht aller Art: Nach meinen Recherchen ist man für die meisten Tangolehrer nach einem halben bis einem Jahr Kurs- bzw. Tanzerfahrung aus dem Gröbsten raus – dann beginnt die „Mittelstufe“. Nach insgesamt zwei bis drei Jahren fängt dann bereits das „Fortgeschrittenen-Level“ an. Gerade im Münchner Umfeld setzt man gelegentlich noch eine „Masterclass“ oben drauf (was  ich angesichts der realen Tanzverhältnisse für eine glitzernde Realsatire halte…).
Gelegentlich variieren die Angaben sogar innerhalb derselben Website – so ganz sicher ist man sich wohl selber nicht.

Quellen:

Das Problem bei diesen Zeitangaben ist natürlich, dass die einen dreimal pro Woche Milongas besuchen und mit vielen Partnern tanzen, andere hingegen brav alle sieben Tage in ihren Tangokurs dackeln und dort in trauter Zweisamkeit Schritte üben.

Abgesehen davon halte ich diese Fristen für maßlos untertrieben: Nach meiner Erfahrung vergehen hunderte Stunden, bis man sich einigermaßen orientiert hat und da geht’s ja nicht nur ums Tanzen lernen, sondern um die gesamte Erkundung des „Biotops Tango“: unterschiedliche Milongas, Musik- und Tanzstile, Reglements, Sozialbeziehungen und vieles mehr.

Insofern ist die tapfere Behauptung der Lehrenden, nach spätestens einem Jahr habe man den Anfängerstatus hinter sich gelassen, mehr eine ökonomische denn eine fachliche Aussage. Klar: Je höher man das Stöckchen hält, desto weniger können drüberspringen – schlecht fürs Geschäft! Aus demselben Grund scheidet es natürlich aus, die Interessenten einfach mal vortanzen zu lassen und sie dann einzustufen. Kaum jemand wird sich dem aussetzen wollen.

Im Endeffekt wird man in einer höheren Kursstufe neben wenigen, die sich realistisch einschätzen, eine Menge Schüler haben, die bei ihrem „Fortschritts-Tango“ optische Impressionen bieten, bei denen man unter den Teppich kriechen möchte. Muss das schön sein, Tango zu unterrichten…

Was ich schon öfters angemahnt habe: Es wäre eine gute Idee, statt irgendwelcher nebulöser Einstufungen detailliert zu kommunizieren, was man in den einzelnen Kursstufen vorhat. Die wenigsten Tangoschulen lassen sich dazu herab – eine rühmliche Ausnahme habe ich hier gefunden:

Auf dieser Seite findet sich sogar der legendäre Satz:
„Um Tango zu tanzen braucht man keinen Unterricht!“
Dass ich das noch erleben darf… (Zur Beruhigung: Mit Kursen geht es schneller – so liest man anschließend!)

Es wird aber noch absurder: Wieso benötigt man solche Kurseinteilungen überhaupt? Ich habe schon einmal angeregt, doch verschiedene Leistungsstufen miteinander zu unterrichten, was mir – obwohl es argentinischer Tradition entspräche – nicht gut bekam: Gefühlte Fortgeschrittene bekannten, sie hätten keine Lust, ihre Zeit neben Anfängern zu verplempern. Ich finde eine solche Haltung nicht nur menschlich daneben, sondern vor allem auch inhaltlich fragwürdig: Ein weniger routinierter Tanzpartner stellt Anforderungen, die einen fortgeschrittenen Tänzer noch besser machen können – und das gilt für jede mögliche Geschlechter-Kombination!

Und wozu ist der Begriff „Anfänger“ sonst noch gut? Im Wesentlichen für das im Tango übliche Rangordnungs-Getue. Wer einen Mittelstufen oder gar Fortgeschrittenen-Kurs belegt, ist halt bereits etwas Besseres – völlig egal, wie er wirklich tanzt.

Und für die beim Tango nicht seltenen Frauen mit einem Hang zum Masochismus bietet der Begriff eine weitere Möglichkeit zur Selbstgeißelung: „Ich bin aber noch Anfängerin!“ habe ich beim Auffordern hunderte Male gehört. Abgesehen davon, dass ich auf den Milongas keine gelbe Armbinde mit drei schwarzen Punkten trage und mir daher fast immer klar ist, wen ich da vor mir habe: Mich interessiert diese Tatsache nicht die Bohne. Ich habe schon mit etlichen Frauen den ersten Tango ihres Lebens getanzt – und der war nicht selten schöner als der mit vielen anderen, welche auf der Basis gehabter Kurse meinten, es zu können!

Das Leben ist halt streng, aber ungerecht: Manche haben das im kleinen Finger, was andere mit einer Handvoll Tanzlehrer nicht hinbekommen. Und, noch schlimmer: Oft merke ich, dass es nicht an der Schülerin liegt, sondern am „Maestro“ – aber klar, wenn man schon seit Jahren nicht mehr tanzt, sondern nur noch unterrichtet…

Und sollte bei den Lernenden noch ein Rest an Optimismus vorhanden sein, kann man ja im „Fortgeschrittenen-Kurs“ eine solche als Unterricht getarnte Beeindrucke hinlegen:


Vielleicht erlebe ich es noch, dass man im Tango rangmäßige Einstufungen ebenso unterlässt wie Reizvokabeln des Kalibers „richtig“, falsch“ oder gar „authentisch“.

Mir ist es jedenfalls im liebsten, wenn ich von einer Tanzpartnerin gar nichts weiß – weder ihren Namen (den ich mir sowieso kaum merken kann) noch ihre Selbsteinschätzung oder die Zahl gehabter Kurse sowie die berühmten Namen ihrer Tangolehrer. Einfach zwei Menschen, die sich entschließen, in der nächsten knappen Viertelstunde ausschließlich füreinander da zu sein!

Und was mich wirklich interessiert, weiß ich dann nach einem oder zwei Tänzen.
Fragen muss ich da keine mehr stellen…

Sonntag, 25. Februar 2018

Jungstar trifft Dorfmilonga



Vom jungen Münchner DJ-Talent Manuel Frantz hatte ich schon mehrfach gehört, bis uns eine der üblichen Debatten über die Códigos in der hauptstädtischen Szene persönlich zusammenführte – hier der betreffende Beitrag:

Der Einstieg in unser Zwiegespräch: Ihm gefiel mein Text, was ich in dem Umfeld auch nicht anders erwartet hatte, gar nicht.

Schade dass der Artikel so langweilig ist. Es geht ja wenig darüber, mal herzhaft über sich selbst zu lachen, aber so...

Nun gut, es ergab sich ein längerer Austausch, auch über Tangomusik – Manuel Frantz ist natürlich ein „Strictly EdO“-Aufleger:

„Ich persönlich mag die Tango Musik der 40er und 50er am liebsten und halte sie für am tanzbarsten. Ich könnte dir auch erklären warum aber das würde hier den Rahmen sprengen. (…)
Man kann unfassbar langweilig auflegen damit, das hab ich häufig schon erlitten. Aber es geht auch anders...“

Na, immerhin! Das machte mich neugierig. Da es vom DJ keine veröffentlichten Playlisten gibt, ging das wohl nur über einen persönlichen Eindruck, was er mir durchaus anbot:

„Wenn’s dich interessiert komm gerne mal vorbei wenn ich auflege.“

Das nahm ich doch gerne an, allerdings mit der Ankündigung:

„Das Risiko bestünde in einer eventuellen Besprechung auf dem Blog...

Also machten wir uns gestern in das kleine Dörfchen Thalhausen bei Altomünster auf, wo Levent Göksu, der quirlige Münchner Veranstalter von etwas anderen Milongas, derzeit seine Tango-Wochenenden anbietet: Eine Fülle von Tanzzeit, DJs, Tangolehrern sowie Begleitprogramm fast rund um die Uhr – Übernachtungsmöglichkeiten eingeschlossen.


Levent und seine Frau Kerstin haben ein altes Wirtshaus in dem kleinen Dorf zu einem „Tangotempel“ umgestaltet: schöner Saal mit großem Parkett, geschmackvoller Ausstattung und gemütliche Wirtsstube.

Wir waren dort schon einmal zu Gast – die damalige Milonga war schlecht besucht, was ich angesichts des unterirdisch langweilig auflegenden argentinischen DJs auch durchaus verdient fand.

Nun also Manuel Frantz zur „Prime Time“ am Samstagabend!

Um es gleich zusammenzufassen: Der Mann versteht sein Geschäft. Zwar durchweg Mainstream-Musik aus den „goldenen Zeiten“, aber unter sehr guter Vermeidung allzu abgenudelter Titel, die man auf fast jeder Tradi-Veranstaltung hört. Bei den Tangos war seine Vorliebe für romantische Tenor-Schnulzen unüberhörbar (die ich teile, für andere war’s vielleicht ein bissel viel). Die geschickt arrangierten Tandas (natürlich allen Vorgaben der Tradition entsprechend) machten immer wieder neue Lust aufs Tanzen (hervorzuheben die wunderbare Pugliese-Folge, welche natürlich erst ab 23 Uhr erklang).

Ein noch dickeres Lob verdienen die schwungvollen, sehr dynamischen Walzer (die mir teilweise noch unbekannt waren) sowie die quirligen Milongas. Statt des üblichen „Geschrammels“ die Konzentration auf ein unglaubliche Energielevel, welches nie abflaute. Auch die Cortinas waren erfreulich leise und kurz – es sei denn, jemand tanzte dazu (auch ein netter Zug, auf so etwas einzugehen).

Und noch ein oft übersehender Aspekt: Der DJ beherrscht auch die Klaviatur der Wiedergabetechnik perfekt – man hörte den Aufnahmen ihr wahres Alter nicht an.

Das Einzige, was mich gewaltig störte: Wer hat eigentlich die Auflage erfunden, DJs müssten sich den ganzen Abend (abgesehen von weiblichen Besuchen auf dem schon bereitgestellten Zweit-Stühlchen) wie ein Hackstock hinter ihrer Anlage verschanzen und kein einziges Mal tanzen? Man muss dem jungen Mann allerdings nachsehen, dass es sich hierbei offenbar um eine im Reich der Historienverwaltung übliche Generaltugend handelt.

Aber im Ernst: Wie kann man zu einer Musik, die einem doch (zu Recht) persönlich gefällt, den ganzen Abend sitzen? Ich brächte das nie fertig!

Daher kann ich leider nichts über die Tanzqualitäten des DJ sagen, welche er mir doch im Vorfeld angepriesen hatte:

„Naja, ich wette, ich kann (natürlich immer auch abhängig vom Partner, aber nehmen wir uns mal selbst als limitierende Faktoren an) auf der Stelle dynamischer und schneller tanzen als du mit viel Platz, wobei der Vergleich aber natürlich nicht ganz fair ist, weil ich vermutlich 20-30 Jahre hinterher bin.

Nun, ich vermute, es sind deutlich mehr als 30 Jahre! Und wie hatte mir Manuel Frantz im Vorfeld geschrieben? „Ich hoffe, beim Tango laufen deine tänzerischen Dialoge anders ab. Na, und ich erst! Oder war ihm die Ronda nicht eng genug? Fragen über Fragen…

Derzeit wird im Internet ein Text des Münchner DJs Jochen Lüders herumgereicht, in dem es unter anderem heißt:

„Aus den genannten Gründen habe ich natürlich auch kein Problem damit, wenn der DJ selber Spaß hat und zu ‚seiner‘ Musik tanzt. Ich bin aus einem einzigen Grund DJ geworden, nämlich um selber zu schöner Musik tanzen zu können. Das traditionelle DJ-Gebot ‚Du musst den ganzen Abend lang zumindest so tun, als ob du wahnsinnig beschäftigt wärest, ständig auf dein Display starren und an deinen Knöpfen und Schiebereglern rumfummeln, auf keinen Fall darfst du Spaß haben und selber tanzen‘ fand ich schon immer absurd.“

Wohl wahr, aber Jochen Lüders legt eben moderner auf, da gelten offenbar andere Spielregeln. Und es ist ja auch nicht so schlimm, wenn sich auf dem Parkett hundert und mehr Leute tummeln. Gestern jedoch bewegte sich die Besucherzahl in der Größenordnung des SPD-Bundestags-Wahlergebnisses. Wenn dann alle bis auf den DJ und eine einzelne rumsitzende Frau tanzen, ist dies für mich an der Peinlichkeitsgrenze.

Und noch eins: Was sollen eigentlich die Kopfhörer? Ich gehe eigentlich davon aus, dass ein Musikdarbieter die in Aussicht genommenen Stücke kennt. Und dass für mich Surfen per Smartphone am Pult nichts verloren hat, behaupte ich ebenfalls schon längere Zeit folgenlos…

Wie wichtig Styling in diesem Segment ist, bewies das Requisit neben dem Rechner: eine Kalebasse nebst Bombilla! Ob die daneben stehende Thermoskanne das nötige Heißwasser für den Mate enthielt, konnte ich leider nicht eruieren. Für den Satiriker natürlich ein wunderbarer Anlass, die berühmte „Authentizität“ zu beschwören, welche für den Tango ja essenziell ist!

Aber da ich davon nicht trinken musste, war es ein durchaus schöner Abend – auch dank der Gäste. Wieder einmal bewies sich meine Erfahrung: Wer viele Kilometer über winterliche Straßen ins letzte Kuhdorf fährt, dem geht es wahrlich ums Tanzen! Die Zahl guter Tänzer/innen übertraf wohl so manche Großstadtmilonga mit der mehrfachen Gästezahl.

Apropos: Ich hoffe, dem Veranstalter ist klar, dass er den rauschenden Erfolg der sommerlichen Königsplatz-Milongas nicht aufs Dorf verpflanzen kann. Die meisten Münchner fahren nicht mal nach Gröbenzell, geschweige denn nach Thalhausen. Verdient hätte es die Milonga jedoch allemal.

Bei der Professionalität ist allerdings noch Luft nach oben: Wenn man einen Veranstaltungsbeginn wochenlang für 20 Uhr ansetzt und dann im letzten Moment noch die Zeit um eine Stunde verschiebt, wirkt das nicht vertrauenserweckend.

Anzuerkennen ist, dass Levent und Kerstin zumindest alle Besucher sehr freundlich begrüßen und verabschieden. Zwischendurch wäre auch da noch Spielraum: Ich finde, sie müssten zumindest zur „Kernzeit“ noch präsenter sein und auch mal mit neuen Gästen tanzen – die Vorliebe für Alpha-Frauen und die Orientierung am „Schneckerle-Koeffizienten“ muss man deshalb ja nicht völlig aufgeben… Und ich würde bei der Auswahl meiner Angestellten mehr auf soziale Kompetenzen achten.

Dennoch ist die Veranstaltung es wert, empfohlen und durch Besuch unterstützt zu werden. Wer also in München schön und unbelästigt von Códigos tanzen möchte, sollte nach Thalhausen fahren!       

Quellen:

Samstag, 24. Februar 2018

Einst und jetzt...


Paul Falk und Ria Baran: deutsche Olympiasieger im Eiskunstlauf 1952



Bruno Massot und Aljona Savchenko: deutsche Olympiasieger im Eiskunstlauf 2018



Juan Carlos Copes und Maria Nieves, 1987: 



Detlef Engel und Melina Sedó: Tucson Tango Festival 2017


Ich sach jetz lieber nix...