Donnerstag, 29. Mai 2014

Zehntausend!



Ich habe ihn erst zum Wochenende erwartet, aber er kam doch schon gestern: der zehntausendste Klick auf diesen Blog.

Am 26.10.13 veröffentlichte ich die ersten Beiträge, was einer Laufzeit von einem guten halben Jahr entspricht, d.h. monatlich mehr als 1400 Lesern oder täglich fast fünfzig!

Das sind Zahlen, welche ich mir nie erträumt hätte, als ich damals die (schon länger vorhandene) Idee in die Tat umsetzte. Dennoch bleibt es dabei: Ich würde mich von geringen Zugriffszahlen nicht abbringen lassen – das nun eingetretene Gegenteil allerdings ermutigt mich zusätzlich. Vielen Dank an alle Leser und Kommentatoren!

Ich glaube auch, dass mein Konzept richtig war, ziemlich häufig neue Posts zu veröffentlichen (bisher 28, also ungefähr einen pro Woche). Es gibt nichts Öderes, als ein solches Forum aufzurufen und enttäuscht festzustellen, dass es wieder mal nichts Neues gibt. Die Themen gehen mir sicher nicht aus – von beinahe jedem Milongabesuch (also zirka vier Mal wöchentlich) nehme ich die Idee für einen neuen Artikel mit. (Übrigens eine psychisch sehr gesunde Möglichkeit, das Entsetzliche, welches ich oft genug erlebe, positiv zu verarbeiten…)

In den „Charts“ der Beiträge führt seit langem die „Idiotologie im Tango“, den zweiten Platz nimmt meine Satire über „Encuentros“ ein, gefolgt von „Süßer die Tangos nie klingen“, den „Weihnachtswünschen“ an die DJs. Dies ist insofern interessant, als mir meine verehrten Gegner ja vorwerfen, ich würde die Menschen im Tango „niedermachen“. Wie man auch inhaltlich dazu stehen mag – gelesen werden offenbar vor allem die dezidiert kritischen Beiträge, und so wird es bleiben: Wo Riedl draufsteht, muss auch Riedl drin sein!

Aus meiner Sicht gelungen ist das Konzept, niemand persönlich ans Tageslicht zu zerren und mit abfälligen Kommentaren zu versehen – im Gegenzug allerdings durchaus einmal individuelle Komplimente zu verteilen. Solche Posts (z.B. über Alfredo Foulkes, Peter Ripota oder meine Lieblingsmilongas) werden ebenfalls sehr gut angenommen. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Wer öffentlich Quatsch behauptet, dem antworte ich mit Bezug auf seinen Namen – aber dann hat ja der Betreffende angefangen und nicht ich!

Besonders dankbar bin ich dafür, dass mein Blog nun zunehmend von dritter Seite verlinkt wird, teilweise mit positiven Empfehlungen. So kann’s weitergehen!

Schließlich fühle ich mich ebenfalls sehr wohl dabei, keine anonymen Kommentare zuzulassen. Interessanterweise haben dies nach einiger Zeit etliche Personen versucht – aber nachdem ich solche Beiträge konsequent (und stets mit Begründung) gelöscht habe, ist seit Längerem in diesem Bereich Ruhe. Offensichtlich haben gewisse Herrschaften gelernt, dass mein Blog (im Gegensatz zu anderen) kein Podium ist, unerkannt seine Destrudo auszuleben. Wenn sich beim Tango nur wenige trauen, mit offenem Visier zu diskutieren, so ist das deren Sache. Andererseits: Wie oft liest man Zeitung und wie selten schreibt man Leserbriefe?

Dennoch freue ich mich natürlich immer über sachliche, gerne auch witzige Äußerungen meiner Leser. Was mich besonders amüsiert: Manchmal erhalte ich indirekte Reaktionen, wenn beispielsweise eine Milonga mit einem (natürlich nicht gekennzeichneten) Zitat aus meinem Blog angekündigt wird oder ich dort plötzlich meine Lieblingsstücke höre… sehr schön!

Zu guter Letzt: Es beruhigt mich, dass ich immer noch viel mehr tanze als darüber schreibe (gilt wohl auch nicht für jeden in diesem Metier…). Dies bildet wohl doch den Unterschied zu manchen Gesangsvereinen, an deren Liederabenden man vor allem isst und trinkt – gesungen wird dann erst auf dem Heimweg…

Freitag, 23. Mai 2014

Letztmalige Erläuterung meines Musikgeschmacks



Kürzlich habe ich an zwei aufeinander folgenden Tagen bei Milonga-DJs für großes Erstaunen gesorgt, und zwar gleich in dreifacher Hinsicht. Obwohl vorwiegend traditionelle Klänge angesagt waren, besuchte ich diese Abende, tanzte viel und bedankte mich zum Schluss beim Mann (bzw. der Frau) hinter dem Computer für die „schöne Musik“.

In beiden Fällen erhielt ich ähnlich fassungslose Reaktionen in der Art von „Ich war überrascht, dass du überhaupt gekommen bist“ und „Ich dachte, dir gefallen nur moderne Tangos“. Ich kann inzwischen mit solchen Einordnungen leben, da ich weiß, dass sie mehr über das Denken der Betreffenden aussagen als über meines: Offenbar benötigt man halt Schubladen: „Tradi-Fan“, „Nuevo-Tänzer“ oder was auch immer. Also, ich brauch’ die nicht!

Mir war natürlich an diesen Abenden klar, worauf ich mich einließ, und da ich keine Berührungsängste vor den Stücken der EdO habe, war ich gespannt auf die musikalische Auswahl. Ich fand sie jeweils (innerhalb der gegebenen Grenzen) recht abwechslungsreich, gut zusammengestellt und zum Tanzen animierend. Insbesondere freute es mich, dass mir viele Titel nicht bekannt waren und ich mich nicht zum hundersten Mal auf „Asi se baila el tango“ (natürlich von Tanturi gespielt) bewegen musste. Zum Vergleich: Hätte ich eine „Neo-Milonga“ besucht, wäre ich ebenso dankbar gewesen, nicht schon wieder „Tango to Evora“ oder das „Lied van welk verdriet“ interpretieren zu sollen.

Mein Frust wäre in beiden Fällen nicht nur wegen eines DJ entstanden, der offenbar ohne große Eigenleistung das spielt, was alle auflegen. Diese Titel haben vor allem eines gemeinsam: Sie gehören zum Typus von „Kennst du die ersten 15 Sekunden, kennst du das ganze Stück“. Das Arrangement ist simpel, die Interpretation spannungsarm, Überraschungen sind nicht zu erwarten. Diese gepflegte Langeweile aufs Parkett zu bringen reizt mich überhaupt nicht, im Gegenteil – es steigert meinen Nikotinkonsum vor der Tür. Mir fällt dazu immer eine Besprechung des legendären Theaterkritikers Alfred Kerr ein, der sinngemäß schrieb: Das Stück begann um 20 Uhr. Als ich nach zwei Stunden auf die Uhr sah, war es Viertel nach acht.

Derzeit wird von der lieben Blogger-Konkurrenz wieder einmal viel über die „einmalige Symbiose zwischen den Orchestern und Tänzern“ im ach so verehrten Goldenen Zeitalter des Tangos geschwobelt. Das mag schon sein, doch da hier Mainstream auf Mainstream traf, kam oft genug „Mittelmaß im Quadrat“ heraus. Zum Vergleich: Diese perfekte Abstimmung tritt auch zwischen heutigen Popstars oder gar volkstümlichen Musikanten und ihrem headbangenden bis schunkelnden Konzertpublikum auf – nur finde ich da oft intelligenteres Leben auf meinem Duschvorhang…

Ganz sicher gibt es von den „großen Orchestern“ dieser Zeit hervorragende Aufnahmen, die ich sehr gerne tanze - neben Troilo und Pugliese möchte ich hier einmal die wunderbaren Schnulzen von Osvaldo Fresedo nennen, mit denen man mich, zumal am späteren Abend, glücklich machen kann. Wenn beispielsweise der einschmeichelnde Sänger Héctor Pacheco Stücke wie „Vida mía“ oder „Sollozos“ interpretiert, kann ich die ganze Sensibilität und Leidenschaft des Tangos aufs Parkett malen, und sollte bei ersterem Titel gar Dizzie Gillespie das Solo blasen, bin ich im siebten Himmel – gerade wegen (und nicht trotz) dieser „Grenzüberschreitung“ zum Jazz. Übrigens hat das Video bei „YouTube“ über 50000 Klicks – und 200 „Gefällt mir“-Urteilen stehen 4 negative Reaktionen gegenüber (ich möchte nur wissen, wer die anderen zwei waren…). Sicher ist es schwieriger, den Trompetenpart dieses einmaligen Jazzmusikers zu vertanzen als  den gleichförmigen 4/4-Schrummelrhythmus bei Tanturi. Aber genau das wirkt auf mich als Anreiz und nicht als Abschreckung!

Nun scheint sich allmählich auch in den oben genannten Kreisen die Einsicht einzustellen, es grenze doch ans Lächerliche, jegliche Tangomusik nach 1960 als künstlerisch minderwertig einzustufen. Aber diese sei halt für Konzerte geeignet, nicht zum Tanzen. Das geht dann so weit, dass man hierfür noch die Komponisten und Interpreten zu Kronzeugen ernennt: Piazzolla beispielsweise habe gar nicht gewollt, dass man auf seine Stücke tanze. Abgesehen davon, dass ich hierzu noch nie ein sauber belegtes Zitat gefunden habe – vielleicht hat der Schöpfer des „Tango nuevo“ angesichts der damals schon grassierenden „Seniorengymnastik“ auch nur gemeint: Diese Leute sollten sich nicht dazu bewegen… Weiterhin kenne ich kaum Musiker, die tanzen können (die Frau an meiner Seite bildet eine rühmliche Ausnahme) – wieso also solchen Aussagen irgendeine Bedeutung beimessen? Ebenso ist mir völlig schnuppe, ob Johann Strauß einen seiner mitreißenden Walzer für eine Operette oder einen Ball geschrieben hat – ich bin der Tänzer und entscheide, dass ich diese Komposition in Bewegung umsetzen will (und bin dankbar, wenn man mir dann keine Konzertbestuhlung in den Weg stellt)!

Warum derlei Argumente so oft unreflektiert nachgeplappert werden, liegt vor allem am Marketing-Konzept, welches solch „nützliche Ideologen“ ermöglichen. Die Tanzlehrer können nämlich ihre Kundschaft beruhigen: „Seht ihr, der wahre Tango ist ganz einfach.“ Nein, ist er nicht!

Ich habe in letzter Zeit mehrfach Milongas erlebt, wo man mit der Zeit (und teilweise ein klein wenig durch meinen Einfluss) bei der Musikauswahl mutiger wurde und von „museal und langweilig“ auf eher „modern und ambitioniert“ umstellte. In keinem Fall kam es zu Protesten oder gar der Abwanderung von Gästen, im Gegenteil: Es war deutlich zu beobachten, dass fast alle besser tanzten als vorher. Und wenn Sie probieren wollen, wie Musik dazu animieren kann, dann lassen Sie sich einmal von „Mariposita“ (El Arranque & Ariel Ardit), „Gallo ciego“ (Las Sombras) oder „Canaro en Paris“ (Beltango) aufs Parkett locken! Die „Baujahre“ dieser Titel liegen alle im EdO-Bereich – aber mit welcher Dynamik und Spielfreude werden sie von diesen Interpreten umgesetzt! Doch sollte Ihnen dies zu turbulent sein: Die Kolpingfamilie veranstaltet nach wie vor einmal wöchentlich ihren Bastelnachmittag für Senioren…

Fazit: „Alt“ oder „modern“ ist für mich kein Kriterium – Qualität dagegen schon!

Samstag, 10. Mai 2014

Tango zwischen tiefem Ernst und eleganter Ironie



Meine "Amazon"-Rezension des Buches "Tangosehnsucht" von Peter Ripota:
 

Wer von diesem Buch den thematisch großen Bogen sowie Stringenz in der Gliederung erwartet, sollte bedenken, dass hier ein Österreicher über den Tango schreibt. Mit der dieser Nation eigenen Nonchalance streift Peter Ripota die verschiedensten Aspekte seiner Passion, und nach seinem eigenen Bekunden reiht sich Ernstes an Heiteres, Wissenswertes an Belangloses – mal witzig, mal romantisch. Der vereinsmeiernd deutsche Ernst, welcher derzeit unsere Tangoszene heimsucht, geht ihm völlig ab – wie schön!

Allerdings: Unverbindlich sind diese Streiflichter auf das Weltkulturerbe Tango nie. Gerade in der ersten Hälfte bürstet der Autor kräftig gegen den Strich, und wer nicht bereit ist, lieb gewonnene Klischees sowie Merksätzlein seiner Tanzlehrer neu zu überdenken, hat es nicht leicht. Nach meiner Überzeugung wird hier so manches wieder vom Kopf auf die Füße gestellt, wo es auch hingehört. Kostprobe: „Wer alles in Schubladen stecken muss, sollte lieber Walzer tanzen. Oder Schuhplattler.“ Das „deutsche Führerprinzip“ ermögliche es auch, mit einem Besenstiel zu tanzen. „Aber irgendwie fehlt dabei der gewisse Funke.“ Wie wahr!

Erfreulicherweise betont Peter Ripota das Multikulturelle des Tangos, welcher weit mehr ist als ein Tanz aus Argentinien. Fernab von verkopften Schritte-Schemata schildert er die verschiedensten Emotionen, aus denen heraus die Musik vertanzt werden kann, und plädiert überzeugend für eine neue Sicht auf verstaubte Geschlechterrollen. Allein die Ideen von Johanna Siegmann („The Tao of Tango“), die er übersetzt und erläutert, rechtfertigen den Kauf des Buches. Und wie uns der Autor im Kapitel „Exiltango“ an die Wurzeln dieses Tanzes im Spiegel der eigenen Verlorenheit führt, hat literarische Qualität!

Als notwendiger Ausgleich stehen solchen Passagen wunderbar klamottige Abschnitte wie der „Kriminaltango“ oder gar ein „Tango-Notfallkoffer“ gegenüber, in denen der Verfasser szenetypische Verirrungen mit fühlbarem Spaß am höheren Blödsinn veralbert. Und auch die Selbstironie darf nicht fehlen, wobei er verdächtig oft seine angeblichen Misserfolge bei der Eroberung von Tänzerinnen schildert. Auch bei den Illustrationen hätten es für mich etwas weniger bunte und fotomontierte Bilder getan – gerne auch einmal mit einem anderen Motiv als Tanzszenen des Autors mit seiner Partnerin. Aber das ist Geschmackssache – viele werden das Werk gerade deshalb lieben.

Eine ernsthafte Kritik zum Schluss: Das Buch ist mit seinen gut 150 Seiten eindeutig zu kurz. Aber das ist ja reparabel – hoffentlich werden dem „Tango-Urgestein“ Peter Ripota die Ideen nicht ausgehen. Ich freue mich jedenfalls auf eine Fortsetzung!

Verlag: BoD, 2010; ISBN: 9783839150221
weitere Infos: www.peter-ripota.de

P.S. Inzwischen liegt das Buch in einer noch ansprechenderen Neufassung vor! 

Freitag, 2. Mai 2014

Tangoplaudereien aus dem DJ-Nähkästchen



Hin und wieder sorge ich auf Milongas für die Beschallung – wenn man mich danach fragt. Mein Umfeld weiß, dass diese Option besteht, aber mir ist es genauso recht, einfach „nur“ tanzen zu können.

Auf einschlägigen Blogs im Internet übertrifft man sich derzeit in den Anforderungen, welche an einen Tango-DJ zu stellen wären: Mit einem Wochenend-Workshop sei es nicht getan – dieser Job erfordere eine längere Ausbildung bei den gerade angesagten Gurus (vierstellige Gebühren eingeschlossen), technische Fitness auf dem Level eines Toningenieurs (möglichst mit entsprechendem Equipment einschließlich Schallpegelmessgerät) sowie natürlich ein profundes Lexikonwissen zur Musik der „Epoca de Oro“ plus Beachtung geheiligter argentinischer Traditionen bei der Zusammenstellung der Tandas. Also, uff erstmal…

Als wir im April 2007 unsere monatliche Milonga aus der Taufe hoben, passten meine CDs noch locker in einen handelsüblichen Koffer, ich wollte schlicht die Musik spielen, welche mir gefiel, und an der Tonanlage der Tanzschule drehte ich so lange herum, bis mir der Sound annehmbar erschien – kurzum, ich legte auf, wie ich mich auch dem Tangotanz näherte: learning by doing. Nachdem wir nun die Aufmerksamkeit mitlesender „Experten“ durch deren Ohnmachtsanfälle eh verloren haben, sei noch im Vertrauen hinzugefügt: Viele der Gäste kamen immer wieder (im Schnitt etwa 35 pro Abend) – und tanzten bis weit nach Mitternacht.

Freilich mussten wir uns schon am Eröffnungsabend die Frage stellen lassen, ob wir „keine richtige Tangomusik“ hätten, man könne sonst notfalls noch „die eigene CD aus dem Auto holen“. Einmal und nie wieder anreisende profunde Kenner des Fachs belehrten uns über den sachgerechten Einsatz von Tandas und Cortinas sowie hinsichtlich der Tatsache, dass wir von den „anerkannten und gültigen Milongas Gäste abzögen“ – na, so was aber auch! Auf einem Auswärtseinsatz bei einem für seine Emotionalität berüchtigten deutschen Volksstamm wurde man mit dem Wunsch nach „Salontango“  vorstellig (nachdem ich anderthalb Stunden die EdO-Orchester rauf und runter gespielt hatte und sodann einen Ausflug in die Moderne riskierte). Meine steten Ankündigungen, ich legte Tangomusik „von Villoldo bis Otros Aires“ auf, werden von solchen Beschwerdeführern natürlich ignoriert. (Vielleicht hält man diese Namen für argentinische Städte?) Ebenfalls legendär die Frage: „Kannst du bitte das eine Lied auflegen, wie war denn gleich der Titel – ich sing’s dir mal vor!“

Doch die Gästefraktion des Neotango hält sich in Punkto Sachkunde und Toleranz ebenso zurück: „Spielst du auch mal was Modernes?“, wurde ich einmal gefragt, als gerade ein Stück von „Las Sombras“ (Baujahr 2012) lief – und als ich es daraufhin – damit es nun jeder merke – mit  einem Elektrotango richtig krachen ließ, stellte uns ein Besucher die lautstarke Frage, warum ich „so einen aggressiven Scheiß“ auflege (wohlgemerkt: auf einer Neo-Milonga…). Einer Dame in den Siebzigern war an diesem Abend bereits nach fünf Minuten die Lautstärke zu hoch: „Da kann man sich ja gar nicht unterhalten.“ So viel zum Begriff „Unterhaltungsbranche“…

Doch insgesamt blieben solch offen kritische Äußerungen die Ausnahme – hinter den Kulissen freilich warnten Tangolehrer von eigenen Gnaden schon einmal ihre Schüler vor unserer „schwierigen und problematischen Musik“. Viel mehr leide ich jedoch an der Tatsache, dass der durchschnittliche Milongabesucher vom Frontman hinter der Anlage einen Totalservice erwartet - egal, ob es um Zugluft respektive schwüle Atmosphäre, benötigte Sicherheitsnadeln, Zigaretten, Feuerzeug, Abstumpfungspuder, verlorene Geldbeutel, Tangotratsch oder Tanzaufforderungen geht. Einmal sollte ich gar während einer Milonga auf den Kronleuchter klettern und zwecks Dimmung des Lichts jede zweite Kerze herausschrauben. Na klar - der DJ hat ja gerade nichts zu tun und freut sich sicherlich über eine kleine Abwechslung!

Dem entspricht die im Internet gelegentlich zu lesende Auffassung, die Person an den Reglern habe sich – fernab vom eigenen Geschmack – als Dienstleister zu verstehen, welcher eine der gerade vorherrschenden Ideologie entsprechende Musikauswahl darzubieten habe. Dies ist für mich ebenso absurd, als wollte man Interpreten vorschreiben, welche Stücke sie bei einem Auftritt wählen müssen (wenn es sich nicht gerade um Friedhofs-Organisten handelt – hier gar kein schlechter Vergleich…). Die musikalische Gestaltung eines Abends ist eine Kunst – und somit eine Aufgabe, die sich vom individuellen Verständnis des Ausführenden ableitet. Wenn mir ein Dirigent nicht zusagt, gehe ich halt nicht mehr in seine Konzerte! Und ich muss weder ein Schalldruck- bzw. Frequenzgangexperte sein noch mir meine eigene Verstärkerendstufe zusammenlöten können – oder ist ein Violinspieler auch stets ein Geigenbauer?

Ich bin heute fest davon überzeugt, dass ich in meiner Anfangszeit als DJ zu viele Kompromisse machte: Nur um Gäste mit zwanghaft-verkopfter Einstellung und daher geringen tänzerischen Fähigkeiten nicht zu verschrecken, griff ich zwischendurch zu weniger ambitionierten (man kann auch sagen: langweiligeren) Titeln, um diese Kundschaft nicht zu verscheuchen. Es wäre allerdings besser gewesen, wenn wir auf solche Besucher verzichtet und stattdessen unsere „Fans“ noch stärker überzeugt hätten. Offenbar versuchen selbsternannte „Tangopäpste“ immer wieder, gerade Anfänger an der Tonanlage hinsichtlich des „richtigen“ Tangos „einzunorden“ – ich kann nur jeden ermutigen, weniger auf billigen Rat denn auf eigenen Geschmack und Stil zu vertrauen: So wirkt man authentisch, statt als „Lackmuspapier-DJ“ stets nur den gefühlten Trend anzuzeigen. (Immerhin fällt mir gerade bei solchen überzeugungsfreien Auflegern in letzter Zeit auf, dass sie wieder ein abwechslungsreicheres Programm bieten: Zufall oder Hoffnungsschimmer?)

Daher möchte ich auch bei diesem Thema nicht den „Regelaufsteller“ geben, sondern lediglich meine persönliche Arbeitsweise andeuten:

  • Da ich (offenbar im Gegensatz zu vielen Kollegen) drei- bis viermal in der Woche zu den unterschiedlichsten Milongas fahre, vermeide ich es, Stücke auszuwählen, die ich fast ebenso oft in sieben Tagen höre – egal, aus welcher Sparte sie stammen. (In meiner Zivildienstzeit hörte ich von meiner Chefin, es sei ein Indiz für geistige Behinderung, wenn Kinder monatelang klaglos täglich die gleiche Sorte Wurstbrot äßen…)
  • Ich verliere mich nicht in tontechnischen Grübeleien, sondern überprüfe vor und während der Veranstaltung durch häufige Kontrollgänge (oder eigenes Tanzen) Lautstärke und Klang. Dies ist oft auch bei Titeln auf ein und derselben CD erforderlich, die erstaunlich unterschiedlich abgemischt sein können. (Zur Beruhigung meiner Nerven befindet sich übrigens im Auto stets meine eigene Tonanlage!)
  • Die Musik kommt bei mir altertümlicherweise immer noch von CDs. Das liegt zum einen daran, dass eine fundierte Beschäftigung mit der digitalen Tonverwaltung meine Lebenserwartung deutlich überstiege – andererseits macht mir der Saft, welcher da gemeinhin aus dem „Apple“ tropft, oft einen ziemlich dünnen und blechernen Eindruck. Liegt das an den „komprimierten Dateien“, welche dann „Valensina-Tangos“ liefern: Klingen wie frisch gepresst (oder gerippt)? Doch bevor nun Computerexperten in Schnappatmung verfallen: Meine Inkompetenz habe ich ja bereits bekannt – und sicherlich ist gerade eure digitale Lösung das Nonplusultra. Wie schön! Nur bitte nicht vergessen: Entscheidend bleibt das Format des DJ und nicht das seiner Musikdateien…
  • Selbstverständlich erstelle ich mir für jede Milonga eine neue Titelliste, an die ich mich aber selten halte. Mein Blick bleibt vorwiegend auf dem Parkett: Welcher Anteil der Besucher tanzt gerade, wollen die jetzt noch eine Milonga oder lieber was Ruhigeres? Passt der Übergang zum nächsten geplanten Stück wirklich? Insofern würde es mich wahnsinnig machen, wenn ich zeitgleich per Kopfhörer noch weiteres Gedudel auf die Ohren bekäme. Einen ganz originellen Grund für die Benutzung dieses Requisits habe ich neulich von einem Kollegen vernommen: Er könne oft dem Titel auf seiner Liste nicht mehr die entsprechende Musik zuordnen. Das passiert mir kaum einmal – und wenn: Jedenfalls muss es ein tolles Stück sein, sonst hätte ich es doch nicht ausgewählt! Highlight war für mich ein DJ, welcher zehn Minuten lang nicht merkte, dass die Lautstärke viel zu niedrig war. Warum wohl? Richtig, die Ohrenschützer!
  • Cortinas brauche ich persönlich überhaupt nicht, schon da mich als Tänzer das tangoferne Dazwischengeplemper regelmäßig aus der Stimmung reißt. Weiterhin will ich den Gästen nicht vorschreiben, dass sie nunmehr gefälligst einen Tanz beenden und anderweitig auffordern sollen. Brauchen die mich als Kindermädchen? Und soweit ich in Tandastruktur auflege, traue ich den Besuchern die Fähigkeit zu, einen Wechsel des Musikstils selber zu erkennen – und wenn nicht, was wäre daran so schlimm? Zudem ist es eine hohe Kunst, die Art der Beschallung kontinuierlich zu verändern statt den Tänzern mundgerechte Dreierhäppchen zu servieren. Auf jeden Fall beurteile ich eher die Qualität der Musikzusammenstellung als deren Schema.
  • Meine Auswahl der Stücke gründet sich darauf, dass ich jeder Epoche des Tangos etwas abgewinnen kann – ob es nun eine fröhlich-hopsende Canyengue von Villoldo, eine Schnulze von Gardel, ein atemberaubendes Arrangement von Troilo, Gänsehautmusik von Piazzolla oder ein poppiger Elektrotango ist. Diese Vielfalt versuche ich an einem Abend abzubilden – in der Hoffnung, dass man auch mal auf dem Klo das Hemd wechseln oder seine Lieblingstanguera zutexten kann, wenn gerade nicht die eigene Wunschmusik läuft. Allerdings sollte es schon weitestgehend Tango sein: Das Argument, man könne doch Tangoschritte auf nahezu alles machen, überzeugt mich nicht. Und schließlich: Seit auf den Tangoabenden keine Messerkämpfe mehr ausgetragen werden (was ich nicht in jedem Fall für einen Fortschritt halte), ist das Lästern über den DJ doch ein wesentliches Gut des Weltkulturerbes Tango…

Fazit: Betrachten Sie die Person hinter den Boxen als Künstler, der Ihnen seine Sicht auf den Tango beschreiben will. Geben Sie ihm zumindest einen Abend lang die Chance dazu – seien Sie nett zu ihm, aber stören Sie ihn nicht: Er will doch nur spielen…