Mittwoch, 28. Januar 2015

Pistenregeln einmal anders



Wo bleibt das Positive, Herr Riedl?

Nachdem ich nun schon genügend über die allfälligen „Verkehrsordnungen“, „Etiketten“ und andere  Aufkleber bei der Benutzung des Tangoparketts abgelästert habe, sollte ich vielleicht einmal die eigenen Vorstellungen vom entspannten Miteinander auf der Tanzfläche dartun. Um dabei möglichst wenig an meinen abwegigen, subjektiven Ideen zu kleben, stellte ich mir die Frage: Gibt es Regeln für einen vergleichbaren Bereich, in dem eine begrenzte Fläche von einer zufälligen Personengruppe genutzt wird, um sich auf eine bestimmte, grundsätzlich ähnliche Weise zu bewegen, wobei unerwünschte Kontakte oder gar Unfälle vermieden werden müssen?

Dabei stieß ich auf die FIS-Regeln des internationalen Skiverbands (Fédération Internationale de Ski), die immerhin seit 1967 – mit geringfügigen Abwandlungen – bestehen und sich daher wohl bewährt haben. Es handelt sich nicht um Gesetze, aber um Richtlinien, welche in vielen Ländern von Gerichten herangezogen werden, um bei Unfällen Schadenersatzansprüche zu beurteilen. Natürlich bin ich mir der zahlreichen Gehbehinderungen dieses Vergleichs bewusst: Eine Tanzfläche ist selten abschüssig und auch nicht ganz so glatt, Ski fährt man kaum im Paar, die Füße sind durch Bretter noch stärker arretiert als mittels Highheels, Musik lenkt einen im Schnee kaum ab, und man ist beim Tango (noch) nicht durch einen Helm geschützt – allerdings dürfte man hier auch kaum die zehn Stundenkilometer (bei Encuentros 0,1 km/h)  überschreiten. Schon oberflächlich betrachtet ist der Tango mithin die weit risikoärmere Beschäftigung – demnach dürften die dort nötigen Einschränkungen eher lockerer ausfallen.

Doch schauen wir mal auf die winterliche Piste (Quelle Wikipedia):

1.    Jeder Skifahrer und Snowboarder muss sich so verhalten, dass er keinen anderen gefährdet oder schädigt oder ihn in der Ausübung seiner Tätigkeit einschränkt.
Von mir aus darf sich gerne jeder Veranstalter darum kümmern, dass rücksichtsloses Tanzen unterbleibt. Gerade wenn es eng zugeht, muss man den eigenen Platzbedarf reduzieren.
2.    Jeder Skifahrer und Snowboarder muss auf Sicht fahren. Er muss seine Geschwindigkeit und seine Fahrweise seinem Können und den Gelände-, Schnee- und Witterungsverhältnissen sowie der Verkehrsdichte anpassen.
Nach meinen Erfahrungen haben routinierte Tanzpaare meist das choreografische Repertoire, um in brenzligen Situationen auszuweichen, was ihnen natürlich eine höhere Verantwortung zuweist: Boleos müssen zuverlässig ins Leere gehen anstatt auf die Vollen! Anfänger sollten allerdings wenigstens ihren Platz so wählen, dass man an ihnen vorbeikommt (z.B. ganz am Rand oder eher zur Mitte hin). Apropos „auf Sicht“: Wenn es stressiger wird, könnten Tangueras vielleicht doch die Augen öffnen und dem Tänzer Gefahren signalisieren.
3.    Der von hinten kommende Skifahrer oder Snowboarder muss seine Fahrspur so wählen, dass er vor ihm fahrende Skifahrer und Snowboarder nicht gefährdet.
Bemerkenswert, dass hier nicht – wie in den kursierenden „Tango-Verkehrsordnungen“ – spezielle „Spuren“ vorgeschrieben werden. Warum auch? Der Vordermann hat, da er hinten keine Augen besitzt, „Vorfahrt“ – das reicht doch!
4.    Überholt werden darf von oben oder unten, von rechts oder links, aber immer nur mit einem Abstand, der dem überholten Skifahrer oder Snowboarder für alle seine Bewegungen genügend Raum lässt.
Also von wegen „nicht überholen“! So lange man genügend Distanz hält (die man natürlich richtig einschätzen muss), ist dies doch sinnvoller, als die ganze Tanzrunde auf das Tempo des Langsamsten zu reduzieren.  
5.    Jeder Skifahrer und Snowboarder, der in eine Skiabfahrt einfahren, nach einem Halt wiederanfahren oder hangaufwärts schwingen oder fahren will, muss sich nach oben und unten vergewissern, dass er dies ohne Gefahr für sich und andere tun kann.
Das wäre tatsächlich ein leicht zu vermeidendes Übel: Nicht am Rand des Parketts plötzlich aufstehen und (womöglich noch im Rückwärtsgang) auf selbiges rennen, ohne auf die Tanzenden zu achten. (Nebenbei: Ich fordere am Beginn eines Stückes auf und nicht mittendrin!)
6.    Jeder Skifahrer und Snowboarder muss es vermeiden, sich ohne Not an engen oder unübersichtlichen Stellen einer Abfahrt aufzuhalten. Ein gestürzter Skifahrer oder Snowboarder muss eine solche Stelle so schnell wie möglich freimachen.
Ja, wenn das unsere allseits beliebten „Stehlampen“ wüssten, die bei schwungvollstem Musikfluss unbedingt die tolle Pose aus dem letzten Kurs probieren oder eine Meditationsübung abhalten müssen… Zudem halte ich beim Tango Reden und Tanzen für Alternativen und daher längere Gespräche beim Beginn der Musik für verzichtbar.
7.    Aufstieg und Abstieg: Ein Skifahrer oder Snowboarder, der aufsteigt oder zu Fuß absteigt, muss den Rand der Abfahrt benutzen.
Wäre es eventuell möglich, das Besorgen eines Getränks oder den Gang aufs Klo für maximal vier Minuten hinauszuschieben, anstatt während eines Tanzes quer übers Parkett zu rennen?
8.    Jeder Skifahrer und Snowboarder muss die Markierung und die Signalisierung beachten.
Na gut, Verkehrsschilder gibt es selbst auf Traditionsmilongas noch keine (kann aber noch kommen…).
9.    Bei Unfällen ist jeder Skifahrer und Snowboarder zur Hilfeleistung verpflichtet.
…und der Gastgeber dazu, für einen entspannten Abend und nicht ein Regelkunde-Seminar zu sorgen!
10.  Jeder Skifahrer und Snowboarder, ob Zeuge oder Beteiligter, ob verantwortlich oder nicht, muss im Falle eines Unfalles seine Personalien angeben.
Also immer schön den wahren Namen nennen, gell, ihr Tangoblogger?

Das Schöne an den FIS-Regeln ist, dass sie aus Erfahrung unter Zuhilfenahme von Vernunft entstanden und nicht als Resultat ideologisch gefärbter Ausgrenzungsversuche. Noch schöner ist, dass man sie eigentlich nicht braucht, wenn man gewohnt ist, sich in Gesellschaft halbwegs rücksichtsvoll zu benehmen.
Am allerschönsten allerdings wäre es, wenn die Betreiber von Tangowebseiten in dieser Hinsicht einmal ihren eigenen Verstand bemühten anstatt per „copy & paste“ irgendwelchen Codigo-Reglementierungs-Quark herunterzuladen.

Doch worum geht es denn bei diesem ganzen Vorschriften-Gedöns? Im Kern um eine grandiose Nivellierung des kreativsten aller Tänze: Wenn man per Schrammelmusik sowieso eine nicht gerade berauschende Dymnamik vorgibt und das Tempo via Pistenordnung auf den Langsamsten reduziert, wird natürlich der Unterschied zwischen guten und schlechten Tänzern minimiert: Du bist nichts, die Ronda ist alles. Darf man das eventuell totalitär nennen? Dass eine solche Denkweise gerade bei Charakteren ankommt, die lieber auf Regeln als auf eigenes Denken bauen, bleibt einem in der Szene nicht verborgen.

Ein Gegenargument habe ich mir genüsslich bis zum Schluss aufgespart: Tango sei halt im Gegensatz zu Skifahren kein Sport. Prima, aber was denn? Dann bleibt wohl angesichts der antiken Tanz-Muse Terpsichore nur die Kunst! Gehorcht die Gesetzen oder ist sie frei? Malen nach Zahlen statt kreativer Gestaltung des Bildes, das Tango heißt?

Putzig ist auch der Einwand, man würde durch exzessivere Bewegungen andere in Angst und Schrecken versetzen. Vielleicht sollte man derartigen Naturen doch eher zum Briefmarkensammeln raten (natürlich nur mit einer stumpfen Pinzette, wegen der Verletzungsgefahr). Und ich dachte immer, so ein bisserl Abenteuer dürfe beim Tanzen schon sein. Aber möglicherweise wird demnächst auf traditionellen Milongas die Anwesenheit eines Kriseninterventionsteams Pflicht – ein naheliegender Gedanke!

In Wahrheit ist die „Verletzungsgefahr“ beim Tango natürlich ein reiner Vorwand – es ist ein bekanntes Muster, dass Ideologen angebliche Bedrohungen erfinden, um einen Grund für die Einschränkung von Freiheiten zu haben. Aber vielleicht täuscht mein Eindruck, kaum einmal beim Tanzen einen UnfalI erlebt zu haben? Also habe ich bei der Recherche zu diesem Beitrag die Begriffe „Tango“, „Unfall“ etc. in allen möglichen Varianten gegoogelt: kein einschlägiger Treffer. Nimmt man „Verletzung“ dazu, landet man im Impressum diverser Tango-Websites beim Thema „Verletzung von Urheberrechten“ und anderen juristischen Erläuterungen. Ein Treffer zum Suchbegriff „Tango-Verletzung“ gelang mir aber doch noch:

„Unser Tango hatte sich im letzten Jahr eine Jagdverletzung zugezogen, die zunächst relativ heftig aussah. Natürlich haben wir sofort den Tierarzt kommen lassen, aber dieser hat in der ersten Untersuchung nichts Dramatisches feststellen können. (…) Nun haben wir ja immer Traumeel im Haus und dieses wurde selbstverständlich auch eingesetzt. Täglich bekam Tango Traumeel verabreicht. Die Blutergüsse nahmen ab und es hat nur einige Tage gedauert und Tango war wieder vollständig ‚hergestellt‘.“

Nun, immerhin hat sich da ein Jagdhund namens „Tango“ verletzt – sicherlich unter Missachtung der Etikette…
Dann also in Zukunft statt Tango-Träumen: Traumeel für Tango!

Nähere Infos: www.wissen-hund.de/traumeel

Sonntag, 25. Januar 2015

Tango oder Etikette



„Das Wort Etikette stammt ursprünglich von angehefteten Zetteln (frz. etiquette): Am französischen Königshof wurden Aufschreibzettel verwendet, auf denen die Rangfolge der am Hofe zugelassenen Personen notiert war (…) Das Wort wird gerne mit den Begriffen: Zeremoniell, diplomatisches Protokoll und Umgangsformen gleich- oder in Verbindung gesetzt. Die Gleichsetzung mit Umgangsformen ist jedoch problematisch. Etikette bezeichnet nämlich im Grunde nur die Umgangsformen, die der offiziellen Förmlichkeit willen dargeboten werden.“
(Quelle: Wikipedia)

Ich tanze nun schon fast fünfzig Jahre, kenne gute und schlechte Tanzschulen, Tanzsportvereine, war zu Gast auf  Bällen, Übungsabenden jeglicher Couleur – und natürlich auch auf über zweieinhalbtausend Milongas. Ich habe dabei jede Menge Abstrusitäten erlebt, doch noch nie musste ich mir eine Unterrichtung darüber anhören, wie ich mich auf dem Parkett zu benehmen hätte.

Bis zum heutigen Tag – da nämlich überkam es den Veranstalter und DJ der Augsburger „Milonga Central“, zur Halbzeitpause seinen Gästen eine Belehrung zur korrekten Benutzung der Tanzfläche zuteil werden zu lassen. Unter dem Titelbegriff „Tango-Etikette“ fielen da Äußerungen wie: Bewegung nur im Gegenuhrzeigersinn, nicht überholen, Tango sei kein „Leistungssport“ (des Sermons Rest kann man auf bestimmten Blogs im Internet nachlesen, wo seit Jahren Menschen, die am Tango offenbar keinen Spaß haben, diesen auch anderen verderben wollen). Live mitbekommen habe ich eine solche Suada allerdings noch nie – Hilfe, ich war versehentlich auf einem Encuentro gelandet, zu dem man mich auf Facebook sogar eingeladen hatte!

Da ich nicht die mindeste Lust verspürte, mich an solche Merkverslein eines "Central-Kommittees" zu halten, haben wir die Veranstaltung sofort danach verlassen. Obwohl auf der Website des Gastgebers ein solches Regelwerk nicht erwähnt wird (da ist sogar von Neotango, Salsa, Rock’n Roll und ähnlich Entartetem die Rede), kann er natürlich trotzdem bestimmen, wie er es haben will: Ob er nun den Gleichschritt linksrum anordnet oder nur Besucher mit roter Bommelnase zulässt – er hat ein Recht auf jegliche Dämlichkeit.

Und wenn einem semantischen Unglückswurm hierzu auch noch ein Wort wie „Etikette“ einfällt, das sicherlich dem höfischen Zeremoniell entstammt und bestimmt nicht dem Tanz aus den Slums der Vorstädte, so sagt dies nichts über den Tango, aber viel über den Sprecher. Mir würde in seiner Rolle eher das Wort „Gastfreundschaft“ in den Sinn kommen, also das Bemühen, den Abend für die Besucher möglichst angenehm zu gestalten. Oder wie würden Sie auf einer Party reagieren, wenn der Hausherr sich zu späterer Stunde zu einer Belehrung über die „Etikette“ bei seinem Fest aufschwingt und eventuell fehlende Krawatten oder zu hohen Getränkekonsum moniert? Würden Sie sofort gehen oder nur beschließen, einer weiteren Einladung nicht mehr zu folgen? Um das Gegenargument gleich vorwegzunehmen: Obwohl ich niemand gerempelt oder sonstwie genötigt habe, geht es ja darum, die „braven“ Besucher vor Rowdies wie mir zu schützen. Und bekanntermaßen ist hierzulande Schutz mit dem Entzug von Freiheit untrennbar verbunden… Nur erzähle mir keiner, dass solche Anweisungen "zum Wohl der Gäste" ergingen - im Vordergrund steht der Genuss, anderen seine höchstpersönlichen Vorstellungen aufzwingen zu können. Die Pharisäer proben den Anstand.

Und wenn schon Etikette: Könnte man dann auch einmal Garderoben-Verhältnisse organisieren, bei denen man hinterher nicht gezwungen ist, seinen Schuhbeutel aus einem Berg von unsäglichen (und auch so riechenden) Fußbekleidungen herauszuwühlen? Wäre es nicht eine gute Idee, einmal nach Musikwünschen der Gäste zu fragen, anstatt ausschließlich die eigenen Lieblingstitel flächendeckend durchzusetzen? Muss man Vorstandsposten in gemeinnützigen Vereinen mit dem Verscherbeln von Tangoreisen koppeln? Aber vielleicht ist „Etikette“ ja doch nur das Schildchen an der Ware, auf dem der Preis steht. Und selbst Etikette ist mehr als ölige Freundlichkeit, hinter der sich knallhartes Anspruchsdenken verbirgt: Malice hinter den Spiegeln…

Doch das Schönste am Tango sind seine Kontraste: Einige Tage vor diesem Ausflug in die „High Snobiety“ des Tango waren wir zu Gast auf einem kleinen Übungsabend in einem Ballettstudio der Vorstadt, also in Germering: Knapp 15 Gäste, ein winziges Parkett, einige Plastikstühlchen, an der Wand ein weißes Tutu. Der Chef selber unterrichtet und legt so auf, dass jeden „richtigen“ DJ das Grausen packte: ohne „Mac“, mit einem kleinen Stapel CDs, aus denen er – offenbar eher intuitiv – die Stücke heraussucht. Da kann nach einem Vals schon mal eine Milonga kommen, nach einem D’Arienzo ein Titel von Otros Aires. Und doch macht die Musik immer wieder neue Lust auf’s Tanzen, beweist, wie wenig der Tanz vom La Plata eine Kopfsache ist: Du musst es spüren – und das taten alle Gäste, völlig unabhängig von ihren technischen Fähigkeiten. Ich glaube, wenn der Veranstalter sich zu einer Rede über „Etikette“ aufgeschwungen hätte, wäre er von den Stammgästen mit der Bemerkung gestoppt worden: „Wolfgang, jetz‘ kummst in Schmarr’n nei‘!“ Stattdessen nach zwei Stunden: „Geht ihr noch mit in die Pizzeria? Kommt bald mal wieder!“

Und daher, meine hoch verehrten, sich als „Lordregelbewahrer“ etikettierenden Gesinnungstänzer: Ihr macht da etwas zu einer historisch begrenzten Musikauswahl, durchaus mit Tangoschritten, in einer mit Tango kompatiblen Haltung, es ist eine täuschend ähnliche Imitation des Tanzes der Vorstadt – nur, Tango ist es nicht. Dazu würde es gehören, dass jeder so verrückt sein darf, wie er will, dass er das tanzt, was er fühlt, ohne Richtungsbegrenzungen und Fußhöhenreglements: Lest es einmal nach in Piazzollas „Balada para un loco“, auf dass Horacio Ferrer nicht umsonst gestorben ist – ihr müsst ja nicht drauf tanzen, wir wollen euch da nicht überfordern…

P.S. Ich weiß, dass ich mit diesem Text noch eine Regel übertrete: nicht persönlich zu kritisieren. Wahrscheinlich tut es mir morgen schon wieder leid. Nur heute bin ich zu wütend dazu!

Infos:
www.tango-germering.jimdo.com

Mittwoch, 21. Januar 2015

Da machen Sie sich kein Bild davon!


„Bildnisse dürfen nur mit Einwilligung des Abgebildeten verbreitet oder öffentlich zur Schau gestellt werden.“ ( § 22 Kunsturheberrechtsgesetz)

Jeder Milongabesucher kennt wohl die Situation, schon kurz nach Betreten der Tanzfläche „abgeschossen“ zu werden: Die Palette reicht von Fotografen, welche dies diskret von ihrem Sitzplatz aus unternehmen, bis hin zu Zeitgenossen, die sich mit ihrer Profi-Videokamera aufs Parkett stellen und mittels Halogenscheinwerfer alles inklusive den Ausschnitten der Tangueras ins rechte Licht rücken. Alsbald darf man dann das so entstandene Bildmaterial auf diversen Webseiten oder in sozialen Netzwerken bewundern.

In einem werten Konkurrenzblog wird anlässlich des „Gastbeitrags“ eines Foto- und Rechtsexperten diese Frage derzeit heiß diskutiert und verschafft so dem Blogger die lange erwarteten Kommentarzahlen. Kein Wunder, trifft das Thema doch das Kerninteresse der Anhänger: Ein Problem auszumachen, wo es um Verbote geht und man sich darüber empören kann, dass mal wieder die eigene juristische Position mit Füßen getreten (bzw. mit dem Zeigefinger abgeknipst) wird. Wie bei bestimmten Themen des Nachbarschaftsrechts (siehe: überhängende Kirschbaumzweige) reizt das Sujet doch entsprechend Disponierte dazu, populistische Gegenmaßnahmen zu fordern (Originalzitat: „diesen Paparazzies gehört ein Boleo auf die Kamera. Da sollten die Codigos kurz ausser Kraft treten“). Auch in anderen Glaubensgemeinschaften lädt zudem das – vielleicht gar unvorteilhaft dargestellte – Antlitz der Gottheit zu einem „Bildersturm“ ein. Wie spannend!

Nun ist es grundsätzlich in der Tat illegal, eine Person ohne deren Erlaubnis abzulichten, wenn man das entstandene Bildmaterial veröffentlicht. Hiervon gibt es allerdings Ausnahmen:
· bei Personen der Zeitgeschichte (Sollte beispielsweise Nicole Nau einmal auf Ihrer Dorfmilonga erscheinen: sofort draufhalten!)
·   wenn Personen nur als Beiwerk in der Landschaft stehen (könnte allenfalls auf „Mauerblümchen“ zutreffen).
·    Bildnisse, bei denen der Kunstfreiheit ein höheres Gewicht als dem Persönlichkeitsschutz zugebilligt wird (beim Tango kaum denkbar)
·    Fotos bei Versammlungen, Demonstrationen, Sportveranstaltungen etc., bei denen wegen der aktuellen Berichterstattung die Anwesenheit der Medien zu erwarten ist (zumindest bei Traditionsmilongas unvorstellbar)
·   bei Fahndungsfotos (den Kalauer verkneife ich mir jetzt…)

Allenfalls könnte es demnach noch durchgehen, mit dem Weitwinkelobjektiv eine volle Milonga in der Totale abzulichten – sobald jedoch eine Person eindeutig identifizierbar ist, muss vorher deren Genehmigung, auch zur Art der Veröffentlichung, eingeholt werden. Wenn Sie also dem Knipser (und sich selber) gründlich den Abend verderben wollen, so lassen Sie sich dessen Personalien geben und bestehen – gerne auch per Anwalt – auf Löschung sowie Abgabe einer Unterlassungserklärung. Möglicherweise bezahlt die Person mit dem nervösen Zeigefinger dann Ihre Rechtsvertretung, den Prozess, nach bereits erfolgter werbewirksamer Veröffentlichung Lizenzgebühren – und strafbar ist das Ganze auch noch. Da kann so ein Foto locker einen dreistelligen Eurobetrag kosten. Viel Vergnügen!
Sinnvoller wäre es dann wohl, der Veranstalter würde das Problem über sein Hausrecht lösen: Die Spanne der Optionen reicht von einem generellen Fotografier- und Filmverbot bis zum Hinweis, die Besucher erklärten sich per Zahlung des Eintritts damit einverstanden, dass Bilder von ihnen gemacht und veröffentlicht würden. Auch eine räumlich und zeitlich begrenzte Erlaubnis wäre denkbar: Jeder wüsste dann, wann und wo er aus dem Bereich der Linse wäre.

Meine eigene Haltung zu der Knipserei ist ziemlich entspannt: Sie nervt mich zwar, aber im Schnitt weniger als eine „Canaro-Rummelplatz-Walzer-Tanda“. Sicherlich würde ich es mir verbitten, wenn jemand mich unerlaubt beim Umgraben meines Gartens ablichten würde (wobei ich neugierig wäre, wofür er damit werben möchte). Außer Haus jedoch fühle ich mich in der „Öffentlichkeit“ und strebe daher eine gekämmte Frisur, ein ordentliches Outfit und einen geschlossenen Hosenlatz an (und auch für das weibliche Geschlecht gibt es meines Wissens kleidungsmäßige Optionen gegen die Ausleuchtung des Dekolletés). Weiterhin weiß meine Frau, sollte ich einmal allein zum Tango gehen, wo ich bin und mit wem ich tanze. Und sollte ich dabei mal wieder ein blödes Gesicht machen, weil sich mein Geist mittels Tangomeditation ins Körperinnere verzogen hat, bleibt mir ein Trost: Ich darf mich ja auch an ähnlichen Grimassen der anderen ergötzen…

Ein Rechtsanwalt hat die an solchen juristischen Finessen interessierte Fraktion einmal als „GUs“ bezeichnet: „gelangweilt und unzufrieden“. Ich würde mir für den Tango wünschen, diese Population kehrte wieder zu ihrem angestammten Bereich der Party-Dezibel-Messungen und Hundegebell-Frequenz-Protokolle zurück!

Anekdote: In meiner Referendarzeit hörte ich einmal von einem – wohl nicht allzu beliebten – Lehrerkollegen, der Abiturjahrgang sei ihm gegenüber unziemlich aufgetreten: Man habe auf seinem Fußabstreifer an der Wohnungstür (juristisch zurückhaltend formuliert) seine Notdurft verrichtet, diese mit Zeitungspapier abgedeckt, selbiges angezündet und schließlich geläutet. Der an die Tür eilende Hausherr gab in der Folge dem Begriff „austreten“ eine etwas variierte Bedeutung… Erzürnt wandte sich der Geschädigte an den Anwalt seines Vertrauens, schilderte die abscheuliche Tat und begehrte zu wissen, was man da „rechtlich unternehmen“ könne. Des Juristen Auskunft: „Warten Sie sechs Monate, und wenn bis dahin den Scheiß keiner abgeholt hat, gehört er Ihnen!“

Montag, 19. Januar 2015

Detlef und die Amphore



Eine Amphore bzw. Amphora (von altgriechisch ἀμφορεύς amphoreus ‚zweihenkliges Tongefäß‘; gebildet aus ἀμφί amphí ‚auf beiden Seiten‘ sowie φέρειν phérein ‚tragen‘) ist ein bauchiges enghalsiges Gefäß mit zwei Henkeln meist aus Ton, aber auch aus Metall (Bronze, Silber, Gold). Durch zwei Henkel sollte ursprünglich das Tragen erleichtert werden. Amphoren sind zu den antiken Vasen zu zählen. (…) Häufig wurden sie als Einwegbehälter nach dem Transport weggeworfen…
(Quelle: Wikipedia)

Es geschah vor Kurzem auf dem Heimweg von einer Milonga, auf der meine Frau und ich wie üblich die erlebten Eindrücke Revue passieren ließen. Wieder einmal drehte sich unser Gespräch um den „Tango als Rentnertanz“, die Langeweile, die sich per unheiliger Allianz von Musik, Publikum und Bewegungsweise auf vielen Tangoveranstaltungen breit macht. Da wir in unserem Alter (!) natürlich zur Nostalgie neigen, erinnerten wir uns wehmütig an unsere einstige Lieblingsmilonga im Tanzsaal eines alten, denkmalgeschützten Wirtshauses einer Kleinstadt, an den dortigen Gastgeber und DJ, der uns, zusätzlich zu dem im Winter bullernden Kanonenofen, mit heißer Musik aus allen erdenklichen Richtungen einheizte. Was gab es da an kreativen, ungewöhnlichen Tanzstilen zu erleben – und vor allem Bewegungstalente, die fast jede Runde auf dem Parkett zu einem Abenteuer werden ließen und den monatlichen Tangoabend als „Pflichttermin“ installierten, den zu versäumen wir nie gewagt hätten. Doch diese „gute, alte Zeit“ ist Geschichte – der Nachfolger hatte es nicht geschafft, diesen Zauber zu erhalten, die Milonga gibt es längst nicht mehr.

Da fiel uns plötzlich Detlef ein.

Er war eines Tages in der Tangoszene aufgetaucht und zeichnete sich für ein halbes Jahr durch Dauerpräsenz auf allen möglichen Tangotreffs aus, bevor er – ebenso ansatzlos – wieder verschwand. Detlef war ein bejahrter, gepflegter und gut aussehender Kavalier der alten Schule, so eine Art später Cary Grant mit tadellosen Manieren. Auf jedem Kreuzfahrtschiff wäre er sofort als „gentleman host“ zur Betanzung alleinstehender älterer Damen engagiert worden – rank, schlank und gut gekleidet, wie er war.

Es gab mit Detlef nur ein winziges Problem: Er konnte nicht tanzen – insbesondere keinen Tango.

Doch dies störte ihn kein bisschen, ja, er gab es sogar freimütig zu: Im umfangreichen Small Talk, den er jedem (und vor allem jeder!) außerhalb des Parketts aufdrängte, brachte er stets seine Bewunderung für deren Tanzkünste zum Ausdruck – und das in einem derart kohlehydratreichen Tonfall, dass man zumindest Diabetikerinnen vor ihm hätte warnen sollen. Zudem er forderte er gerne und viel auf – und da es dereinst noch genügend junge Tangueras gab, bevorzugt diese.

Legendär war sein Tanzstil: Der bestand zu Beginn aus einer mindestens halbminütigen Pause, welche er allerdings geschickt zum Aufbau einer höchst sensitiven und nahen Umarmung nutzte („never sacrifice the embrace for a step“). Wenn er dann endlich den ersten Schritt unternahm, hatte er natürlich keine Ahnung, auf welchem Fuß seine Partnerin stand, und landete daher mit einer Wahrscheinlichkeit von fünfzig Prozent auf diesem. Sofort stoppte er dann den Bewegungstaumel und hauchte der Dame in ersterbend-heiserem Tonfall ein „Tschschschuuuuldigung“ zu – und dieses für sie trotzdem deutlich vernehmbar, da Detlef vorsichtshalber längst seine Lippen in deren rechter Ohrmuschel versenkt hatte. So ging es – mit einer Frequenz von zirka vier Schritten pro Minute – stetig weiter, wobei unser Tangokavalier die umfänglichen Pausen stets zu neuem Balzgesäusel nutzte: „Ssooo schön, wie du tanzt…. röchel… wie musssikaalisch du bist… seufz… toll… stöhn“ (Wie moralisch der Text blieb, kann ich leider aus eigener Erfahrung nicht beschwören!).

Für eine kurze Zeit war Detlef sogar drauf und dran, in den Olymp der Tangoszene vorzustoßen: Wie aus gut unterrichteter Quelle verlautete, gelang es ihm, mit einer anerkannten Tangoexpertin die Bewegung in der Horizontalen auch außerhalb der Tanzfläche fortzusetzen – jedenfalls sah man die beiden öfters auf Milongas, wobei seine neue Partnerin mit Inbrunst und wenig Erfolg versuchte, ihn mit der choreografischen Mindestversorgung auszustatten. Könnte sein, dass unserem Detlef die Unterrichtung bald zu stressig wurde – die Beziehung endete ziemlich schnell und angeblich unter großem Getöse…

Doch dies focht unseren Frauenversteher nicht an! Kurz darauf erschien er auf unserer oben beschriebenen Kultmilonga, und dies mit einem wahren Prachtweib: Gesegnet mit einer Figur vom Typus „Brunhilde“ überragte sie unseren nicht gerade kleinen Detlef um Haupteslänge – wenn man die seit Farah Diba nicht mehr gesehene, antik gelockte Hochsteckfrisur dazu nimmt, auch gerne um zwei Köpfe – und falls Detlef hinter ihr stand, war er unsichtbar... Das Schönste aber: Sie konnte genauso wenig Tango tanzen wie ihr schneidiger Verehrer! Die Rundungen der Dame waren ohne Zuhilfenahme der Hände nur mit einer antiken Vase zu beschreiben – daher die (zugegebenerweise vom Verfasser erfundene) Tarnbezeichnung „Detlef und die Amphore“, unter welcher die beiden zur häufig erwähnten Anekdote des ortsüblichen Tangotratsches wurden: eine exotische, amüsante Ausnahmeerscheinung.

Während wir noch über dieses legendäre Pärchen kicherten, hatten wir beide schon längst die Hälfte unseres Heimweges zurückgelegt. Plötzlich kam mir ein schrecklicher Gedanke: „Ist dir klar, dass die beiden beim heutigen Tangopersonal überhaupt nicht mehr auffallen würden?“ Meine Frau nickte nur stumm.

Der Rest der Fahrt verlief schweigend.

P.S. Die Geschichte ist wahr, der Name Detlef allerdings – wie auf Tangoblogs üblich – ein Pseudonym.