Mittwoch, 30. März 2016

Wenn ich Tangolehrer wäre…



…hätte meine Frau ja schon längst meine Betreuungsverfügung (§ 1897 Abs. 4 BGB) beim Amtsgericht eingereicht und es somit verhindert! Kann also gar nicht sein.

Um nicht missverstanden zu werden: Ich habe schon mit diversen Menschen Tango geübt, auch mit totalen Anfängern – und etliche beschlossen daraufhin, keine Kurse zu benötigen. Sie fielen (und fallen) dennoch auf den Milongas ziemlich positiv auf.

Es gibt tendenziell wenige, die seit 16 Jahren Tango tanzen und trotzdem nicht unterrichten. Manche entdecken ja schon nach weitaus kürzerer Zeit an sich selbst, dass sie Tangolehrer seien, bieten ihrer verblüfften Umwelt Unterricht an – und, noch erstaunlicher, bekommen sogar genügend Schüler! Zwar bietet die Szene auch Ausbildungsmöglichkeiten für jenen nicht offiziell anerkannten Berufsstand, aber die paar tausend Euro, welche hierfür verlangt werden, mögen nicht viele springen lassen – und zwar bis auf wenige halbwegs seriöse Angebote (wie von Juan D. Lange oder Michael Domke) völlig zu Recht!

Was mich immer wieder verstört: Auf den Milongas sehe ich fortwährend massenweise neue Anfänger – ebenso wie Paare, die schon einige Jahre tanzen. Deren Fähigkeiten auf dem Parkett rangieren naturgemäß zwischen unterirdisch und halbwegs erträglich. Doch jenseits dieses Bereichs ist weitestgehend Schluss. Bei dem Run, welcher schon seit Jahren auf den Tango argentino herrscht, müsste sich doch inzwischen eine solide Spitzengruppe herausgebildet haben! Stattdessen bleiben viele nach einiger Zeit weg oder tanzen zwar schon lange, aber immer noch ziemlich mäßig.

Im tangoseits oft geschmähten Standard- und Lateinbereich dagegen gibt es eine solide Spitzengruppe, insbesondere in den Tanzsportclubs und auf dem Turniersektor. Über die Ursachen darf man spekulieren. Für mich steht im Vordergrund die unterschiedliche Qualifikation des Lehrpersonals. Bereits ein normaler Tanzschullehrer bringt es auf gut tausend Stunden Ausbildungszeit (und nicht nur zirka ein Zehntel wie im Tango), gerade im Turnierbereich gibt es kaum Ausbilder, welche nicht über jahrelange Wettkampferfahrung verfügen – und: Die sportiven Tänzer bilden sich vor allem durch Einzelunterricht fort.

Gerade bei einem Improvisationstanz wie dem unseren erreicht man mit Gruppenunterricht noch weniger als im Standard. Den noch mittels des methodischen Steinzeitverfahrens „vormachen – nachmachen“ zu erteilen sowie hierzu zwei Anfänger miteinander herumstolpern zu lassen, reduziert die Erfolgsquote weiter. Den Focus schließlich auf „Figuren“ zu lenken (und das repräsentiert neunzig Prozent des Tangounterrichts hierzulande) senkt die Aussichten einer Weiterentwicklung auf nahezu Null. Das bisschen Fortschritt, welches ich auf Milongaparketts sehe, resultiert eher aus der praktischen Erfahrung dort. Gut, dass zumeist kalorienarme EdO-Musik dudelt – so fällt das Elend weniger auf…

Wäre ich also Tangolehrer, würde ich vorwiegend Einzelstunden geben – höchstenfalls für eine Gruppe von drei oder vier Personen. Ein Lernender, der im Körperkontakt mit einem erfahrenen Tänzer die Bewegungen spürt, kommt ungleich schneller voran, als wenn ein Partner, der es auch nicht kann, an ihm zerrt – und das gilt für Folgende und Führende gleichermaßen! Oder sitzt in einem Fahrschulwagen rechts vorne jemand, der keinen Führerschein hat?

Den Einwand, dass sich Einzelstunden nicht rechnen, lasse ich nicht gelten – und zwar hinsichtlich beider Seiten: Spitzen-Standardtrainer kriegen dreistellige Stundenlöhne, und auch für die Schüler lohnt sich die Investition bei einem wirklich guten Privat-Lehrer. Sie kommen weit schneller voran als in den üblichen Kursen, sodass sich der finanzielle Mehraufwand in engen Grenzen hält. Jammernde Tango-Instruktoren müssten eventuell zur Kenntnis nehmen, dass es keine Garantie gibt, von diesem Tanz leben zu können. Und für Lernende, die stets nur zum nächstgelegenen Kurs rennen, gilt ein Wort von Werner Schneyder: „Wer für 1,98 € eine Spätlese will, der gehört vergiftet.“

Was würde ich meinen Schülern beibringen?

Mir fällt immer wieder auf, dass auf dem Parkett zwar einigermaßen stimmige „Figuren“ abgetanzt werden (siehe die berühmte „Achterbasse“), aber halt eher auswendig gelernt denn im gegenseitigen Kontakt. Und nun wird es überraschenderweise richtig argentinisch: Ohne eine wirklich gute Umarmung („abrazo“) geht nichts. Sie ist für mich die Basis der gegenseitigen Verständigung, zuallererst über die Frage, auf welchem Bein jeder steht, wie ein Belastungswechsel sich anfühlt.

Und das Geschwafel vom „Führen und Folgen“ setzt beide Seiten unter Druck: Die Männer müssen die Partnerinnen „in den Griff kriegen“, die Frauen belastet die Angst, ungenügenden „Gehorsam“ zu liefern. Wie wäre es stattdessen mit dem Bild vom „gemeinsamen Gespräch“? Leute, nehmt die Spannung raus, anstatt sie mit Vokabeln wie richtig" oder falsch" noch zu steigern!

Und genauso wenig funktioniert ohne einen zumindest leichten Andruck nach vorne („apilado“), verbunden mit dem Aufsetzen der Ballen vor dem der Ferse. Reihenweise laufen gerade die Frauen mit dem Oberkörper nach hinten den Männern davon, anstatt nach vorne zu belasten und sich schieben zu lassen – und sie stehen den Partnern mit nach vorne zeigenden Beinen im Weg. Beobachten Sie einmal, wie viele Herren (auch in fortgeschrittenem Zustand) ständig außen um die Damen herumtanzen, anstatt ein schönes, einspuriges Gehen „inside“, also in die Rückwärtsschritte der Tanguera hinein, zu vollführen!

Wie mein alter Standardlehrer uns immer wieder eintrichterte, ist es eine Daueraufgabe, die einzelnen „Kasterl“ unseres Gestells immer wieder so zu sortieren, dass es passt und nichts weh tut. Insbesondere gilt dies für eine gute Spannung der Bauch- und Rückenmuskeln, um das Becken nach hinten zu bringen und die „Achse“ zu stabilisieren. Es reicht überhaupt nicht, dies in der ersten Stunde einmal zu erzählen – solche Dinge müssen kontinuierlich geübt werden (lasst's doch dafür das Gesabbel über Códigos weg)! Die Schultern gehören entspannt auf ihren angestammten Platz, also nach unten und hinten. (Nicht so, wie man es bei einer berühmten Lehrbuchautorin sieht, welche mit dem linken Arm über die Schulter des Partners  bis zu dessen Nierenregion tastet und so mit der eigenen Schulter ihr Ohr zuhält – wahrlich, das Buch sollte „Caminar medio sordo“ heißen...) Und aus der „Ziehharmonika“ müsste ein Hals werden, welcher in einem schön erhobenen Kopf endet, anstatt mit Blick nach unten die Füße des Partners zu zählen. (Schon daher würde ich allen Schülern die Brille wegnehmen – und zudem, weil sonst bei leichtem Kopfkontakt die Bügel der Sehhilfe erotisch aneinanderplauzen…)

Und so ginge es weiter: Wie fühlt es sich an, wenn eine Bewegung nach vorne, hinten oder zur Seite geht? Wie muss ich meine Balance steuern, damit ich jederzeit anhalten kann – und das fast ausschließlich auf einem Bein?

Als „Choreografie“ böte ich in typisch argentinischer Manier das Gehen („caminar“) an: inside oder außenseitlich links oder rechts, mit den entsprechenden Wechseln der Seiten und vom Parallelsystem ins gekreuzte System sowie zurück. Nimmt man noch einfache Wiegen („cunitas“) sowie Tempowechsel (Verdoppelungen oder Halbierungen) hinzu, hat man schon eine Riesenmenge Stoff – und kann damit wunderschöne Tangos hinkriegen. Um mit dem Professor Bömmel aus der Feuerzangenbowle" zu sprechen: "Das mit den Ochos und Ganchos krieje mer später." Stattdessen erlebe ich ständig, wie sich Anfänger mit griechisch-römischen Beinhaklereien gegenseitig zur Fall bringen wollen. Ich könnte öfters schreiend aus einer Milonga hinauslaufen – und die Beginner zu ihrem eigenen Schutz gleich mitnehmen!

Und, liebe Tangolehrer, wie wäre es, wenn ihr den Leuten nicht ständig neue Schritte beibringen würdet, sondern ihnen die Aufgabe stellt, mit einfacher Choreografie sowohl Di Sarli und D’Arienzo als auch Sexteto Milonguero oder Otros Aires zu interpretieren? Also die gleichen Schritte zu unterschiedlicher Musik statt umgekehrt? Und: Schon mal was von der Achterphrasierung der Tangomusik gehört? Ach nee, lasst stecken...

Zurück zum Thema: Wie sähe es aus, wenn ich selber Tango unterrichtete? Bei der momentan aufs Parkett gelockten Population wäre ich wohl nach vier Wochen die letzten Schüler los – „weil die im anderen Kurs schon viel mehr Schritte gelernt haben“ oder „dort die Musik nicht so schwierig ist“.

Ein älterer Lehrerkollege erzählte mir einmal, er habe als Referendar eine Lehrkraft kennengelernt, die so mitreißende Stunden hielt, dass die Schüler oft beim Läuten spontan sowie stehend applaudiert hätten. Der Kollege habe dann nur bescheiden gemeint: „Ach Kinder, ich mach‘ das doch nicht für euch!“

Eben – so geht es mir auch.

P.S. Und, liebe Tangolehrer, wenn ihr wieder mal eines eurer hochmögenden Lehrvideos ins Netz stellt: Zeigt doch mal, wie eure Schüler tanzen! Dass ihr es selber hinkriegt, glaube ich ja - aber dann würde ich sehen, ob ihr es auch vermitteln könnt!

P.P.S. Erneut nach den Konzepten des Lehrpersonals gegoogelt:
http://www.art13tango.de/tangoart13/gedanken.html
(Auch hier haben die Tangolehrer offenbar inzwischen den "Stecker gezogen" - war ihnen wohl peinlich, dass da unter "unser Konzept" gar nichts stand...)

Montag, 28. März 2016

Playlist der Wohnzimmer-Milonga am 28.3.16



Fervor de Buenos Aires (zum Schuhe wechseln)
Moneda de cobre
Qién sos
Meditación
Despojo

Vanina Tagini & Gabriel Merlino Quartett
Quedémonos aqui
Niebla del Riachuelo
Palermo viejo
Puente de los suspiros

Neo Valses
Magic Nippes (Stephan Langenberg)
Vals aus Hals (Schwenkglenks y los gringos del tango)
Choco Flanel (Lydia Auvray)

Leopoldo Federico: De antología
Tango del angel
Responso
Arrabal amargo
Volver

Bossa Nova (Astrud Gilberto, Stan Getz, Gary Burton, Kenny Burrell)
Eu e voce
Corcovado
Saudade fez um samba (Joao Gilberto)
It might as well be spring

Sexteto Milonguero: Doble o nada
Sabras
En cada mirada
Anda a saber
Lejos estas
Noche milonguera

Las Sombras: Casino tango noir
Sala vacia
Tango Casino Noir
Gallo ciego

Geburtstagsvals für Peter Ripota
Waltz 2 (Dmitri Schostakovitsch, Jazz Suite)

Francisco Lomuto : Valses
Congojas que matan
Un vals
Jugando jugando

Nat King Cole
El choclo
Ansiedad
Quizás, quizás, quizás
Vaya con dios

Color Tango: Con estilo para bailar
Negracha
El andariego
Zum
Tremolina

Leopoldo Federico & Osvaldo Requena: Coincidencias
Al flaco paz
Capricho otoñal
Preludio nochero
A Hector Ernie

Valses & Milongas
Milonga sentimental (Lidia Borda, Brian Chambouleyron)
Carnavalito (Lucio Demare)
Que nadie sepa mi sufrir (Sandra Luna)
Paisaje (Lidia Borda, Ariel Ardit)  

Milva & Quartetto Argentino di Daniel Binelli
La muerte del angel
Fueyazo
Los pajaros perdidos

Tanda clásica
Yunta de oro
Fumando espero
El cisne
Flores del alma

Sexteto Milonguero: Doble o nada
Buscandote
Pocas palabras
Arrabalera
El adiós

Tanda schnulzeada
Milonguero viejo (Osvaldo Fresedo)
Vida mía (Luis Stazo & Monica Lander)
Remembranza (Sexteto Tango)

In memoriam Hugo Strasser
La cumparsita
Sag’ beim Abschied leise Servus
Exactly like you
Stardust

Heute hatten wir einen Besucherrekord: 18 Gäste! Trotz bis zu 8 Paaren auf 20 qm und dem Fehlen einer "Tanzflächenbenutzungs-Ordnung" kam es zu keinerlei Unfällen.
Unseren Gästen ein herzlicher Dank!

Das musikalische Special galt Leopoldo Federico (1927-2014). Der argentinische Bandoneónspieler und Komponist arbeitete mit einer Vielzahl von Tangogrößen zusammen (u.a. Juan Carlos Cobián, Alfredo Gobbi, Osmar Maderna, Emilio Balcarce, Mariano Mores, Héctor Stamponi, Carlos Di Sarli, Lucio Demare und Horacio Salgán). Er spielte auch in Piazzollas „Octeto Buenos Aires“ und nahm zusammen mit dem Sänger Julio Sosa 64 Titel auf.

Es gibt eine Unzahl von CDs mit Leopoldo Federicos Musik – nur werden sie auf hiesigen Milongas kaum aufgelegt. Mich dagegen beeindruckt neben der künstlerischen Virtuosität vor allem sein moderner, atemberaubend vielfältiger Vortragsstil, welcher selbstredend auf seinem Mitwirken in den großen Orchestern der EdO basiert – aber eben auch auf den Tango nuevo. Einen Eindruck davon bekommt man ebenfalls in dem atemberaubenden Film „Café de los maestros“.

Federico pflegte zu sagen: „Tango ist mein ganzes Leben.“

Der Musiker starb Ende 2014 im Alter von 87 Jahren in Buenos Aires. Wir haben heute an ihn erinnert.

Für alle, die es verpasst haben, spielt Leopoldo Federico noch einmal „Yuyo verde“:


Samstag, 26. März 2016

Grütze für zwei Cents



Haferbrei oder Porridge (engl. für „Brei“) oder Oatmeal (US-amerik. für „Hafer-Mahlzeit“) ist ein Getreidebrei (Grütze), der aus Haferflocken oder Hafermehl sowie Wasser und/oder Milch zubereitet wird. (...) Haferbrei gilt als magenschonend und wird auch bei Auftreten von Durchfall verabreicht, da er durch seinen hohen Flüssigkeitsgehalt neben Suppe oder Reisbrei gut dazu geeignet ist, den hierbei auftretenden Flüssigkeitsverlust auszugleichen.
(Quelle: Wikipedia)

Auf ihrem Blog “Melina’s two cents“ redet die Chefideologin des traditionellen Tango, Melina Sedó, nun der zunehmenden Spezialisierung der Branche das Wort. Unter dem Titel „ABC of Tango Events - No More Porridge!” erfahren wir, mit dem Haferschleim des “einfach Tango” sei nun Schluss. Gerade dem erfahrenen Adepten unserer Kunst stehe der Sinn nach Besserem, und daher habe jeder Veranstalter sein hoffentlich anspruchsvolles Menü genauestens zu benennen, denn „a Pizza is no Flammkuchen“. (Oh, I forgot: Melina parliert englisch – da jedenfalls ich noch ein paar deutschsprachige Leser habe, liefere ich die meisten Zitate in Übersetzung!)

Folglich bietet ihr Text eine Reihe von Fachtermini für Tangoevents, welche sie genauestens nach den Kriterien
definition; duration; milongas/dancing; demos; music; classes; booking; balance of gender or dance-roles; separate seating of men, women and couples; participants; number of participants; behavioural codes; typical examples”   
unterscheidet:
-       Encuentro Milonguero
-       Festival
-       Festivalito Milonguero
-       Marathon
-       Milonga
-       Milonga Weekend
-       Workshop Weekend

O Gott, fängt das beim Tango jetzt auch an? Neulich habe ich mir per Katalog ein „Senioren-Handy“ bestellt, da ich beim Expertengewäsch im Mobiltelefonladen inzwischen nur noch „Bahnhof“ verstehe… Aber gut, wer Interesse hat, kann’s ja hier nachlesen:

Was mich zusätzlich verwirrt: Wo bleibt in diesem ABC denn bitteschön die wunderschöne Veranstaltungsform der „Wohnzimmer-Milonga“? Fragen über Fragen…

Spannender finde ich einige allgemeine Vorbemerkungen Melinas, die sich auf zentrale Begriffe der momentanen Tangodiskussion beziehen:

1.    Códigos milongueros

Die “códigos milongueros” sind eine Zusammenstellung von Richtlinien, empfohlen von Organisatoren von Tangoveranstaltungen, welche häufig „traditionell“ genannt werden.

Eine kurze Anmerkung: Wir sollten nicht vergessen, dass einige dieser Códigos das Ergebnis einer sehr kurz zurückliegenden Entwicklung sein könnten. Soweit ich weiß, dürften beispielsweise Mirada und Cabeceo in der „Época de Oro“ (im Originaltext steht hier “época d’óro”, Anm. d. Übers.) nicht verwendet worden sein – zumindest nicht überall. Die Männer gingen einfach zu ihren Partnerinnen und baten sie – oder ihre Mütter – um einen Tanz. Und wie hätte man die Musik in „Tandas“ arrangieren sollen, wenn nur ein Orchester auf einer Milonga Live-Musik spielte? Ich glaube tatsächlich, die „Códigos milongueros“ sind eine sehr moderne Zusammenstellung von Leitlinien, entwickelt, um mit dem unvermeidlichen Chaos und den Missverständnissen zurechtzukommen, die mit der Wiedergeburt des Tango in den 80-er und 90-er Jahren entstanden.

Wie lange sie auch existieren, man kann sie auf das Folgende reduzieren:
-       Aufrechterhaltung der Umarmung während des ganzen Tanzes
-       Respekt für die Ronda und die anderen Tänzer: Die Führenden nehmen Blickkontakt beim Betreten der Tanzfläche auf; Vermeidung von Aktionen, die zu viel Raum benötigen oder andere Tänzer stören könnten; konstante Bewegung auf dem Parkett im Gegenuhrzeigersinn in der eigenen Spur
-       Respekt vor dem persönlichen Freiraum jedes Einzelnen und gleiche Beteiligung von Folgenden und Führenden beim Aufforderungsprozess: Gebrauch von Mirada und Cabeceo
-       Förderung des häufigen Partnerwechsels, sodass niemand ausgeschlossen wird: Verlassen der Tanzfläche nach einer Tanda, damit jeder einen neuen Partner wählen kann
       
2.    Milonguero, Milonguera, Tango Milonguero

Ein Milonguero oder eine Milonguera ist eine Person, die auf regelmäßiger Basis und mit hohem Engagement Tango tanzt und sich gemäß den „códigos milongueros“ verhält.
Manche beziehen den Begriff „Milonguero“ auf einen bestimmten Tanzstil, welcher sich oft auf ein kleines Repertoire typischer Schritte und eine aneinander gelehnte Umarmung („apilado“) bezieht. Nach meiner Meinung sollte der Ausdruck nicht in dieser Weise eingeschränkt werden. Nach allgemeiner Ansicht können Milongueros unterschiedliche und individuelle Stile verwenden, variierend von sehr traditionell bis hoch modern. Die Stile werden oft durch den Platz beeinflusst, der auf ihren gewohnten Milongas zur Verfügung steht. Die Milongueros der gerammelt vollen Milongas im Zentrum von Buenos Aires haben offensichtlich einen Stil mit kleinen, rhythmischen Bewegungen entwickelt – im Gegensatz zu ihren Kollegen in den Vierteln am Stadtrand, denen große Tanzhallen zur Verfügung stehen. Sogar die Umarmung kann von einer leicht offenen v-förmigen Haltung bis zu einem sehr engen Brustkontakt gehen. Allgemein kann man sagen, dass ein Milonguero Salontango tanzt.

Es gibt neuere Meinungen, welche die auf Códigos basierende Definition mit der Feststellung angreifen, dass ein Milonguero nicht notwendigerweise mit den „Milonguero-Códigos“ einverstanden sein müsse. Nach diesen Ansichten beschreibe der Begriff „Milonguero“ lediglich einen hingebungsvollen Tangotänzer. Ich finde diese Verallgemeinerung nicht hilfreich. Die meisten Tangotänzer sind überzeugt von der Tangokultur, und es gibt einen Ausdruck, der sie beschreibt: Tangueros. Ein Milonguero oder eine Milonguera zu sein setzt voraus, eine Philosophie zu teilen, eine Festlegung auf ein Reihe von Werten, die dabei helfen, die Gemeinschaft und ihre Erwartungen zu definieren.

3.    Tango de Salon

Seit vielen Jahren bezeichnet dieser Begriff den Tango, wie er auf Milongas, den Salons, getanzt wird. Er unterscheidet den sozialen Tango vom choreografierten Bühnentango („tango escenario“). Da sozialer Tango stets in einer Ronda mit anderen Paaren getanzt wird, macht es Sinn, auf Bewegungen zu verzichten, welche die anderen Tänzer gefährden könnten (z.B. hohe Boleos, bestimmte Formen von Ganchos oder Volcadas, Sentadas, Sprünge, riesige Colgadas u.ä.). Da die Ronda es erforderlich macht, dass ein Paar sich der Bewegung der anderen Tänzer anpasst, verbieten sich vorgefertigte Figuren oder Choreografien. Improvisation ist von höchster Bedeutung.

Seit der Jahrhundertwende gibt es die Tendenz, den Begriff „tango de salón“ auf einen bestimmten Stil einzugrenzen: „Tango Villa Urquiza“ (benannt nach einem Stadtteil von BA; Anm. d. Übers.). Dies geschah, um diesen elaborierteren Stil vom vermutlich sehr eingeschränkten „Milonguero-Stil“ zu unterscheiden. Aber ich glaube nicht, dass es einen einheitlichen „estilo milonguero“ gibt, und ich sehe ebenso wenig die Notwendigkeit, „Salontango“ auf so eine enge Bedeutung zu beschränken. Ich werde das weiterhin als Sammelbegriff verwenden.

Ich möchte diese drei Punkte kommentieren:

1.    Man muss es Melina lassen: Blöd ist sie nicht. Sie gibt hinsichtlich der Brüchigkeit der so genannten „Tangotraditionen“ mehr zu als ihre Gesinnungsgenossen – um anschließend beim gleichen Resultat zu landen: Códigos müssen halt sein.
Immerhin könnte man in ihren Kreisen dann aber endlich auf den Marketing-Begriff „traditionelle Milonga“ verzichten. (Wird man aber nicht tun, da dessen Werbewirkung unersetzlich ist.)
Ansonsten habe ich diese Argumentation ja schon hinreichend beleuchtet:
http://milongafuehrer.blogspot.de/2015/10/two-years-for-gerhard-and-two-cents-for.html
Ironie: Das alte FDJ-Motto aus den 50-ern ("Auseinandertanzen verboten" - siehe meinen Beitrag zum "Lipsi") feiert nun fröhliche Urständ!

2.    Auch hier zunächst eine Abkehr vom Mantra des allein seligmachenden Tanzstils hin zur Einsicht, dieser sei auch schon früher z.B. vom Platzangebot auf dem Parkett abhängig gewesen (weshalb ich persönlich überfüllte Milongas ebenso meide wie Supermärkte mit ellenlangen Schlangen vor der Kasse).
Am Ende jedoch das Einschwenken auf knallharte Ideologie: Den Titel „Milonguero“ verdiene man sich nicht allein durch Tanzkünste oder Begeisterung für den Tango – entscheidend sei die Unterordnung bezüglich eines Regelkanons (der Begriff „Werte“ erscheint mir dabei zu hoch gegriffen). Ansonsten sei man lediglich ein Tanguero". In fast jeder Sekte gibt es solche Spezialbegriffe für diejenigen, welche den höchsten Grad der „Erleuchtung“ erlangt haben.

3.    Die Abgrenzung des “sozialen Tango” (welch ein Wort in diesem Zusammenhang!) zum „Bühnentango“ ist ein szenetypischer Textbaustein. Allerdings ist Letzterer beileibe nicht immer choreografiert – und der „Salontango“ nicht stets improvisiert.
Was mir hierbei siedend heiß einfällt: Sind Tänze wie der folgende, bei denen Melina mit ihrem Engel dreieinhalb Minuten das Parkett umkreist, etwa auch noch choreografiert? Oder ist das kein Bühnentango?


So ist das mit den Definitionen beim Tango: Übrigens fehlt in diesem System der Tango nuevo als Tanzform völlig. Wie wäre es stattdessen damit, jeden bei der Entwicklung seines individuellen Tanzstils zu fördern?

Vielleicht sollte sich die Autorin noch einmal die Einleitung ihres Posts durchlesen:

Der Tango trotzt jeder Art von Standardisierung. Er stellt eine höchst individualisierte Tradition dar, basierend auf den persönlichen Perspektiven, Stilen und Philosophien tausender Menschen in der ganzen Welt. Das ist es, was Tango so vollständig und interessant macht. Seine Vielfalt oder den Einfallsreichtum von Organisatoren in der Schaffung neuer Veranstaltungsformen will ich sicherlich nicht verkleinern.

Na eben: Viele Köche müssen den Brei nicht unbedingt verderben – solange mit möglichst wenig Ideologie gewürzt wird. Hauptsache, es schmeckt!

P.S. Damit mir nicht wieder irgendwelche Links blockiert werden, verknüpfe ich die zentralen Stellen des Originaltexts mit der Facebook-Seite des „Entdeckers“ Thomas Kröter (kann man nicht so leicht sperren, gell?):   
https://www.facebook.com/thomas.kroter.5/posts/1049772505102319