Dienstag, 29. Dezember 2015

Cortina-Dingsi





Die neueste Schöpfung aus dem Hause * tangofish *!

Wie alles beim Tango sinn-, aber nicht zwecklos!

In der vorliegenden Ausführung mit Sepia-Tusche, Silberstrukturpaste, nostalgischer Kragenborte (abknöpfbar) und edlem Wäschebändchen (ebenfalls in Schokoladenton) bestens geeignet für die traditionelle Milonga:

Durch Hochhalten des Dingsis kann der TJ auch Anhängern ohne Vorkenntnisse signalisieren, dass nunmehr die Tanzrunde beendet ist. Ebenso können bis zum Exzess gelangweilte Parkettbenutzer dem Aufleger bedeuten, die Tanda doch möglichst abzukürzen.

Falls der moderne NeoJ sich bemüßigt fühlt, doch auf eine Cortina zurückzugreifen, kann er vermittelst des Schildes das Tandagesäusel vom Cortinagewimmer abheben (loungig-cremige Ausführung in Vorbereitung).

Wenn Sie die Cortina hochhalten, avancieren Sie vom Tango-Konsumenten zum Schild-Bürger!

P.S. Jochen Lüders hat mich gebeten, in diesem Zusammenhang auf einen Beitrag in seinem Blog hinzuweisen:
http://www.jochenenglish.de/?p=10849

Meine Gedanken dazu finden sich hier in einem Kommentar (siehe unten)!

Und noch ein Link - bei richtiger Mentalität auch im Tango vonnöten:
https://www.bataindustrials.de/sicherheitsschuh/cortina/

Sonntag, 27. Dezember 2015

Liebes Tagebuch… 8



Es ist zum Verzweifeln: Ich möcht‘ doch auch mal eine Zeitlang Urlaub vom Schreiben haben – aber ständig prallt rhetorischen Amateur-Verteidigern der Tango-Ball unglücklich vom Spann und senkt sich Richtung Elfmeterpunkt in den Strafraum. Und ich stehe wieder vor dem Dilemma, eine „Hundertprozentige“ zu ignorieren oder volley abzuziehen und mir den Hass aller politisch Korrekten einzuhandeln!

Nein, ich halt’s nicht aus – es ist einfach zu schön:

Eine mir nicht unbekannte Tangoszene lud zur „Weihnachts-Milonga“ ein und ließ es sich nicht nehmen, hierfür ein viel versprechendes Motto zu postulieren:

"... tanz weg die Gans ..."

Nein, ich bin jetzt ganz brav und frage mich nur andeutungsweise, wie mir das bei „stimmungsvoller Musik, überwiegend traditionell, in Tandas mit Cortinas“ gelingen soll, zu welcher doch die Vertreter der Anseriformes eher in der Gegenrichtung unterwegs sind!

Nein, aus, pfui, gib’s Stöckchen: Ich nehme die Aussage jetzt im schlichten und daher wohl gemeinten Sinn! Allerdings spricht es gegen die insinuierte Nährstoffreduktion, wenn im Anschluss verkündet wird:

„Außerdem gibt es ein kleines Häppchen-Buffet zur Stärkung zwischendurch - wir freuen uns über selbstgemachte und mitgebrachte Leckereien.“

Also jetzt doch wieder Kalorien zum Kilo-Jaul? Wäre da nicht ein anderes Motto… nein, jetzt sag‘ ich’s doch… passender gewesen:

„Gib uns den Rest!“

Na, und wie war’s? Kevin Seidel würde sagen: „Gans gut!“

Freitag, 25. Dezember 2015

Roller-Ronda



Den folgenden Text stellte mir kürzlich ein Tangokollege zur Verfügung. Das Problem: Er möchte nicht als Autor in Erscheinung treten.

Damit der Beitrag nicht anonym bleibt, übernehme ich hiermit die volle zivil- und strafrechtliche Verantwortung für den Artikel – und auch noch mit Impressum… Das dürfte doch reichen. Ich wünsche viel Vergnügen beim Lesen!

Gemütlich rolle ich in einer lauen Sommernacht auf der A 80 ohne Zeitdruck vor mich hin. Es geht erst auf 22 Uhr zu. Für 22:30 Uhr weist der Hochglanzflyer den Veranstaltungsbeginn aus. Noch Zeit, den Sonnenuntergang zu genießen, der mir entgegenstrahlt. Wie umsichtig waren doch einst die Erfinder der Milonga !
Als ich aus meinem Sekundenschlaf aufschrecke, sehe ich gerade noch rechtzeitig das Ausfahrtschild „Rollerstadt“ an mir vorbeiziehen.

Dann gestaltet sich alles ganz einfach. Überall Hinweisschilder zur „Milonga con andadór“: Jetzt kann nichts mehr schiefgehen, meine Taschenlampe führe ich aus einschlägiger Erfahrung immer mit. Bald biege ich auf einen riesigen Parkplatz ein. Im Hintergrund eine wunderschöne ehemalige Fabrikhalle aus den goldenen 30-er bis 45-er Jahren, beschienen von einem Kerzenmeer. Sie liegt da, als ob sie die untergegangene Sonne eingefangen hätte, umgeben von herrlicher Landschaft, die zu einem Spaziergang einlädt.

Ebenerdig rollen sie auch schon von allen Seiten hinein. Vorbei die Romantik, es gilt, nicht unter die Räder zu kommen.

An der Kasse bedeutet man mir, mein Rentenausweis gereiche leider nicht zu einer Ermäßigung, da die Preise so kalkuliert seien, dass auch Karten zu vollem Preis verkauft werden müssten. Ein Schwerbehindertenausweis ab 80 Prozent könne kulanterweise zu einem gewissen Nachlass gereichen.

Kaum habe ich diese Enttäuschung weggesteckt, kommt mir zu Ohren, dass der Profi-TJ – der berühmte „El Platte“ war angekündigt –  auszufallen droht. Seine Direktmaschine aus BA habe Verspätung wegen eines Pilotenstreiks.

Bei seinem umjubelten Eintreffen gegen 23 Uhr gibt er sich im Hinblick auf diese Berufsgruppe wenig verständnisvoll. Wenn sie für einen Ruhestand ab 55 streikt, vor wie vielen Jahren hätte er dann bereits aufhören müssen? Schnell kommt es ihm, dass momentan für längere Rechenspiele keine Zeit ist, schließlich müsse er noch seine Schallplatte im Gepäck finden und dann den Soundcheck vornehmen. Bei den modernen Anlagen bedürfe es einiger Zeit, um das authentische Quietschen einzustellen.
Gelegenheit für mich, doch noch bei einem der hochgepriesenen parallel laufenden Workshops vorbeizuschauen.

Große Enttäuschung an der Information. Der Body Awareness-Qi Gong-Alexander-Zen Workout, seit Monaten ausgebucht. Wie sollen sich nun rechtzeitig die entsprechende Lockerheit bei gleichzeitiger Spannung meiner Körpermitte und die authentischen Schwingungen bei mir einstellen? Im Nähkurs für Tangokleidung sehe ich keinen adäquaten Ersatz.

Da gäbe es noch einen Platz im Mechanikkurs: „Wie stelle ich die richtige Achse ein?“ Doch hier bräuchte ich einen eigenen Rollator, und am einschlägigen Stand angekommen, kann ich nur noch den Abbau begutachten – ausverkauft!
Die Schlange am baño unisex erscheint mir noch länger als am Bio-Trockenklo. Aber ohne Händewaschen ?

Endlich der magische Moment. Der spannende erste Blick in den Tanzsaal. Mich umfängt sofort das einmalige Flair der Halle. Links nehme ich in Längsrichtung drei Stuhlreihen wahr – ähnlich mussten dort dereinst die Fließbänder ihre Anordnung gehabt haben. Die erste Reihe ist für die argentinischen Ehrengäste reserviert. In der dritten Reihe nehme ich eiligst einen der wenigen Restplätze ein.

Jetzt, oh welche Entzückung, kann ich sie gegenüber bewundern, ungeduldig in freudiger Erwartung, in entsprechender Aufmachung und herausgeputzt für das besondere Ereignis stehen sie da, ebenso in Dreierreihe, die Rollatoren.

Und dann geht es auch gleich los. Nach kurzer Ansprache der adretten Veranstalterin mit namentlicher Aufzählung aller zu erwartenden geladenen Ehrengäste kann pünktlich gegen Mitternacht Meister Platte mit fesselnder Zeremonie zum ersten Mal authentisch die Nadel auf den sich vielversprechend drehenden Plattenteller setzen.

Sogleich fliegen wilde Cabeceos hin und her, und magisch angezogen bewegen sich strahlend und ferngesteuert die Rollatoren – gibt es davon beide Geschlechter?  – auf ihre Angehimmelten zu. Und schon stehen sie, einander engumschlungen festhaltend, trotz geschlossener Augen bzw. Scheinwerfer strahlend und schmachtend auf der Tanzfläche – sie treten von Zeit zu Zeit verzückt und con corazón von einem Bein auf das andere oder heben unvermittelt ekstatisch ein Rad. Dabei bewegen sie sich exakt im Rhythmus der Musik, die nicht besser zur Tradition des alten Hammerwerks passen könnte. Ihre Begeisterung steigt von Mal zu Mal, wenn der verehrte Veteran die zum Stillstand gekommene Nadel wieder auf Anfang setzt.

Entgegen der Annahme, die Mehrheit verharre auf der Tanzfläche, sind alle Stühle besetzt, als ich vom Getränkeholen zurückkomme. Meine Bemerkung, ich bräuchte mal eben meinen Tanzschuhbeutel, auf dem sie säße, nimmt die Träumende, wohl aus ihrer Ekstase gerissen, deutlich säuerlich angefressen auf. Den Rest des Abends werde wohl auch ich stehend verbringen müssen.

Plötzlich geschieht es. Allgemeine, fast tumultartige Aufregung greift um sich. Da bewegt sich doch tatsächlich etwas auf der Tanzfläche. Ungestüm drängt ein Tanzpaar mit schier unbeschreiblicher Schrittlänge vorwärts. Kühn schwingt er jetzt eines ihrer Beine um sein Spielbein, tritt gar zwischen ihren Schritt und schwingt schließlich noch ihr Bein senkrecht zur Tanzrichtung höchst bedrohlich gen Hallendach. Das kann nicht angehen! Diesem animalisch-dämonischen Treiben muss ein Ende bereitet werden: Die Tanzfläche gerät in Bewegung, und nach einem rastlos rumpelnden  Rollatorrennen gelingt es, die Übeltäter wirksam einzukeilen. Die rigorose Ruhestörung der ruhig rollenden Ronda kommt, oh glückliche Rettung, zum Erliegen.

Kurz darauf, gegen 2 Uhr, wird als Höhepunkt des Abends das orquesta tipica „Airesbueno“ angekündigt. Als sie anheben zu spielen, erheben sich auch alle anderen – endlich habe ich freie Platzwahl, jedenfalls in Reihe zwei und drei – rollen auf die Tanzfläche und stehen dort in Ehrfurcht erstarrt ob eines Bandoneons und weiterer Instrumente, die Klänge verursachen, die bis dato offenbar noch niemand vernahm, handelt es sich ja auch um gänzlich unbekannte Komponisten, „Pizzarolla“ oder so ähnlich klingt ein Name zu mir durch. Völlig entzückt und entrückt bringen die Aficionados den Musikern in angemessener und gewohnter Art standing ovations dar.

Durch das Publikum so in Fahrt gekommen, erreichen die Akteure bereits nach zwanzig Minuten das Ende ihres ersten Sets – noch längeres Stehen wäre den Parkettfreunden auch nicht zuzumuten gewesen.

Folglich bleibt nach dem Abgang der Idole die Tanzfläche annähernd leer. Freilich auch nur, bis besagtes Nuevo-Paar die Situation zu nutzen trachtet und sich nochmals auf die Bretter wagt. Im Handumdrehen mobilisieren alle ihre letzten Kräfte, und alsbald kommt auch das Rote Kreuz zu seinem verdienstvollen Einsatz, um die ersten Veteranen aufgrund akuter Atemnot und ernsthafter Erstickungsanfälle möglichst störungsfrei aus der Ronda zu schleifen.

Als der große Zeiger der Uhr knapp zwei Runden entgegen der Tanzrichtung zurückgelegt hat, macht sich einer der Verantwortlichen auf die Suche nach der Kapelle, findet sie schließlich munter parlierend und von Fans umringt an der Bar. So spielt sich kurz nach 4 Uhr die zweite Hälfte des Höhepunktes ab.

Mir schießt es plötzlich durch den Kopf, dass ich am Morgen einen wichtigen Termin habe, und, wenn ich zu Hause wäre, mein Wecker sich bald melden würde… Da wache ich auf… Alles zum Glück nur ein Traum… oder doch nicht ?!?

P.S. Manchmal habe ich den Verdacht, mit meinen Beobachtungen doch nicht ganz allein zu sein – siehe:

Donnerstag, 24. Dezember 2015

Stardust



Das Weihnachtslied (welches nicht direkt eines ist) lasse ich lieber den unvergesslichen Nat King Cole singen. Hoagy Carmichael komponierte es 1927; mit über 1800 Versionen ist es eines der am meisten produzierten Stücke überhaupt. Den (für mich tangotypischen) Text schrieb Mitchell Parish:  

And now the purple dusk of twilight time
Steal
s across the meadows of my heart
High up in the sky the little stars climb
Always reminding me that we're apart

You wander down the lane and far away
Leaving me a song that will not die
Love is now the stardust of yesterday
The music of the years gone by

Sometimes I wonder why I spend
The lonely night dreaming of a song
The melody haunts my reverie
And I am once again with you
When our love was new
And each kiss an inspiration
But that was long ago
Now my consolation
Is in the stardust of a song

Beside a garden wall
When stars are bright
You are in my arms
The nightingale tells his fairy tale
A paradise where roses bloom
Though I dream in vain
In my heart it will remain
My stardust melody
The memory of love's refrain

P.S. Damit auch zum Christfest der kleine Widerhaken nicht fehlt: Den Song gibt es demnächst auf unserer Wohnzimmer-Milonga!

Montag, 21. Dezember 2015

Der Geist, der stets verneint



Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
Ist wert, daß es zugrunde geht;
Drum besser wär's, daß nichts entstünde.
(Goethe: Faust I)
Zufällig stieß ich heute auf das folgende Blog:

Im Laufe eines Jahres veröffentlichte die Autorin dort eine Reihe von Beiträgen, die zuvörderst das Hohe Lied des traditionellen Tango singen. Dies allein wäre kein Grund zum Zitieren, da die Argumentationen aus dieser Richtung inzwischen so deckungsgleich ausfallen wie die Musiktitel auf den einschlägigen Veranstaltungen.

Ich beklage mich auch nicht über den Kommunikationsstil, der vergleichsweise moderat ausfällt – gelegentlich blitzen sogar Restbestände des in dieser Szene typischerweise fehlenden Humors auf.

Allerdings – und deswegen erlaube ich mir hier einige Zitate – liegt der Schwerpunkt auf dem, was man nicht will und daher auch nicht funktionieren darf:

„Tänzerisch – quer über die Tanzfläche schiessen, die Frau am Tisch auffordern, andere Tanzpaare überholen. Musikalisch: Mariano Mores mit Juan d’Arienzo in der gleichen Tanda. Ausserdem: Offene Umarmung, platzintensive Figuren.“

O je, und die Tanda wohl auch noch mit verschiedenen Sängern…

„Man weiss oft nicht, wie man sich in der Milonga zu benehmen hat. Und wenn man es weiss, hat man vielleicht Nachteile. So wie ein guter Freund von mir, der sich weigert, zum Tisch zu gehen, und die Frauen wörtlich einzuladen. Er schaut sie aus einer gewissen Entfernung an, und wenn sie nicht zurückschauen, wenn sie nicht mit einem Nicken annehmen, dann tanzt er nicht. Er tanzt ganze Abende nicht. Viele halten ihn für arrogant. Ist er nicht.“
„In einem Land, in welchem der Cabeceo nicht funktioniert, weiss der Mann nicht: schaut sie nicht zurück, weil sie nicht weiss, wie das gemacht wird, oder will sie nicht mit mir tanzen? Männer, die sich weigern, es falsch zu machen, können ganze Abende stehen. Frauen, die es nicht kapieren, kommen um viele wunderbare Tänze. Schade für beide.“

Merke: Die Einhaltung konservativer Aufforderungsriten steht über der Tatsache, ob man überhaupt zum Tanzen kommt. Im Zweifelsfall ist daher Askese angesagt!

„Aus der Sicht der Frau: Wenn ich in eine Milonga gehe, die ich nicht kenne, werde ich ganz sicher mehrere Tandas sitzen und schauen. Ich versuche herauszufinden, wer schön tanzt (und wer nicht) und versuche mir die Leute ein bisschen zu merken. Danach kann ich genau den Mann anschauen, mit dem ich gern tanzen würde. Ich bin nicht ausgeliefert und muss nicht warten, dass mich jemand ‚holt‘. Wenn in dieser Zeit einer zum Tisch kommt und mich auffordert, bekommt er ein klares Nein. So erspare ich sowohl mir als auch einem potentiellen Mr. Gancho unangenehme Momente.“

Also ja nicht einfach zum Tanzen gehen und es dann auch ohne Umschweife tun! Erstmal ist ein aufwändiges Sicherungsverhalten zu beachten, damit man sich den besten Tänzer ausgucken und die anderen abschmieren lassen kann!

Gnadenhalber hat die Autorin einmal einen einsam dasitzenden Herrn aufgefordert (ja, gehört sich denn das?). Ihre Sympathien verscherzte der sich jedoch umgehend:

„Und ich habe ihn gemocht. Wirklich, von Herzen gern gemocht. Bis er mir den ersten Voleo angedeutet hat. Und nach dem ersten Gancho habe ich ihn gehasst.“  (…) “Vergewaltigt werden wäre schlimmer. Denn so kann ich zumindest die Takte zählen und weiss, wann es vorbei ist...“

Also nochmal: Der wesentliche Unterschied zwischen einem Tanz mit Ganchos und einer Vergewaltigung ist das Mitzählen der Takte! Klar, dass der Übeltäter seiner gerechten Strafe nicht entging:

„Der ältere Herr aus meinem letzten Beitrag bekam mit der Zeit einen sich selbst erklärenden Übernamen: Mr. Gancho. Er wurde zu einem netten, gern gesehenen Gast in jener Milonga, wurde immer herzlich begrüsst, doch hörte die Herzlichkeit meistens auf, sobald er eine jener Frauen einlud, mit denen er am liebsten getanzt hätte.“

Anschließend wird zur Sicherheit (!) nochmal die Rechtslage erklärt:
 
"Nun… Mr. Gancho fühlte sich zwar ungerecht behandelt, das war aber nicht so. Die Mädchen, die sich vor ihm versteckten, taten es, weil es für sie unangenehm war, mit ihm zu tanzen. So wie er sich entscheiden kann, unvollkommene Sacadas als Gedächtnisspielchen aneinanderzureihen, so kann sich ein anderer dafür entscheiden, die Freude in der schönen Bewegung zu suchen.“

Selbstredend wird gerade auf den traditionellen Milongas in Buenos Aires (wie dem „Club Sunderland“) den Gringos gezeigt, wo der Hammer hängt:

„Dann gibt es noch eine Kleinigkeit: die ganzen Regeln in einer traditionellen Milonga. Der Italiener, der im Sunderland zum Tisch geht und die Tänzerin seiner Wahl mit einer eleganten, tanzsimulierenden Bewegung einlädt, wird kaltblutig abgewiesen. Obwohl er wunderbar tanzt. Eine tolle Umarmung hat. Natürlich wird er sich ärgern. Sollte er auch.“ (…) „Neun von zehn europäischen Tänzern werden keine Chance haben, im Circuito zu tanzen.“


Nochmal: Wie man tanzt, ist wurscht, wenn man nicht richtig auffordert!

„Nur – was machen die Leute mit ihrer gegen viel Unterrichtsgeld und mit viel Geduld und Mühe gelernten, offenen Sacada? Folgendes: Nachdem sie in Canning  oder Humberto Primo von der Tanzfläche wegschikaniert werden, sich darüber ärgern, dass Argentinier ausländerfeindlich sind…“

O Gott, nein, wie käme man da nur drauf? Wo die Argentinier sogar ins Ausland fahren und den dortigen Inländern gerne für viel Geld das korrekte Tanzen beibringen!

„An einem Freitag Abend, in Canning, hat man etwa einen halben Quadratmeter Platz für sich. Mit diesem halben Quadratmeter muss man sich langsam, in Tanzrichtung, voranbewegen.“

Diese prickelnde Aussicht allein rechtfertigt doch die paar schlappen Tausender für eine Flugreise nach Tango-Mekka (und allem Anschein nach wird man ja im Gegensatz zum Original nicht totgetrampelt…).

„Ein Freund – jener, der nur mit Cabeceo auffordert, auch wenn die Frauen nicht gewohnt sich, zu schauen, hat mir frustriert erzählt: ‚Ich komme meist erst spät in die Milonga. Dann kann ich nicht tanzen, weil alle schon einen Partner haben und stundenlang weitermachen.'“

Es dürfte wohl ein vergebliches Unterfangen sein, der Schlafhaube zu raten, mal ein wenig früher in die Gänge zu kommen – nein, das widerspräche seinem Eindruck, dass sicher alle gerade auf ihn gewartet haben…

Nun, bekanntlich ist es ja meine Spezialität, im Tango alles schlecht zu finden und niederzumachen. Desto mehr verwundert es mich, auf der gegenüberliegenden Seite so viel davon zu lesen, was nicht geht und einen am Tanzen hindert.

Irgendwie erinnert mich das Ganze an diverse Tanzstundenkumpel aus meiner Pubertätszeit, die nicht wirklich zu den Übungsabenden gingen, um das Parkett zu bevölkern. Da musste dann ein Bündel von Ausreden herhalten: die falsche Musik, die unpassende Frau, das Chaos auf der Tanzfläche, die alte Sportverletzung…
Inzwischen wurde diese Ideologie perfektioniert: Zunächst hat man die Einhaltung sämtlicher Gesetzmäßigkeiten zu gewährleisten, die zu einem idealen Tanzvergnügen erlassen wurden. Sollte dieses durch den hierzu nötigen Aufwand dann ausfallen, hat man zumindest nichts falsch gemacht…

Gerne nehme ich dann das Alleinstellungsmerkmal in Kauf, immer noch wegen des Tanzens zum Tanzen zu gehen – notfalls auch traditionell und ohne dass mir die ungeübteste Tanguera oder der mieseste DJ den Spaß ganz verleiden könnte. Und gesund ist die Bewegung außerdem!

Eventuell bin ich ja nach Altmeister Goethe doch
„ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“