Donnerstag, 30. Januar 2014

Die zwei Seiten der Tango-Erotik



Gestern entdeckte ich auf der Website von Karin und Gerhard Mayrhofer aus Linz
(www.das-tangopaar.at) den folgenden Text. Mit freundlicher Genehmigung des Autors stelle ich ihn hier ein.

Zufällig am gleichen Tag fand ich ein Tangobild, welches damit herrlich kontrastiert:

Mein Tipp: Bild aufrufen, ein bis zwei Minuten einwirken lassen, dann den Text lesen!


Es geht auch ganz anders ... 

von Peter Baumgartner 

Tango Argentino vor dem aufrechten Gang  
oder die erotischen und leidenschaftlichen Impulse für die Tangueras…

Der gebeugte Tanguero 
in der Haltung der Prähominiden 
vor dem aufrechten Gang
Das verschwitzte T-Shirt
die Bermuda-Shorts
und die Sandalen.
When they’re out together
Dancing cheek to cheek...
...um jeden Preis
vorgebeugt, den Blick finster
zu Boden gerichtet
zur Kontrolle
der Schritte der Frau
und beide zur Nachschau
was die Füße da unten machen.
Oder mit geschlossenen Augen
zum Erlebnis
der Leidenschaft und Erotik
mit abgeschaltetem Gleichgewichtssinn
manchmal auf beiden Seiten.
Die rechte Hand des Mannes
in Grapschhaltung
weit über die Wirbelsäule
der Tanguera
bis auf ihre rechte Vorderseite
und ein achtloser
Abschluß der Umarmung
in der rechten Hand des Tangueros
mit überraschenden Verrenkungen
der Finger und der Arme.
Ganzkörperrubbeln
statt Apilado:
Anlehnen auf der Höhe
des Schultergürtels.
Die Tanguera
seitlich an den Bauch
des Tangueros gedrückt.
Der Abdruck seines Brillengestells
in der Schläfe der Tanguera
und seine Schweißtropfen
über ihre Wangen,
in ihrem Dekollete.
Das alles zu Musik
deren Titel
schon in den Keilschriften
auf den Tontafeln
der Sumerer,
und in den Hieroglyphen
des Alten Reiches
ausgekratzt
und in den Papyri
des Neuen Reiches
gelöscht waren.
Es ist sehr gut
daß die Entwicklung
der Bevölkerungszahlen
nicht von der
Leidenschaft und Erotik
bei Tango Argentino
unserer Breiten
abhängt.
...übrigens:
es geht auch anders
GANZ ANDERS...




Freitag, 24. Januar 2014

Encuentros – heimliche Begegnungen der dritten Art



Nach einer Klassifizierung des Astronomen J. Allen Hyneck besteht ja diese dritte Stufe des Grauens in einem direkten Kontakt von Erdenbewohnern mit UFOs (= unglaublich festgefahrenen Orthodoxen), sprich Aliens, die sich zum fröhlichen Ringelreihen auf dem Spielberg (hier besser: Zauberberg) zusammenfinden (span. „encontrar“).

Im Tangobereich gestaltet sich dies schwierig, da zu solchen Treffen der höheren Klasse gemeinhin nur auf verschwiegenen Internetforen persönlich eingeladen wird, um Irdische vor sie überfordernden Eindrücken zu bewahren. Wie schön, dass jüngst in einem anderen Tangoblog ein intimer Kenner jener Anti-Materie die staunenden Tango-Normalos darüber aufklärte, was sich da hinter freien Mauern tummelt:

Allfällige Kenner der letzten Tangogeheimnisse reisen da über Hunderte von Kilometern zu Versammlungen, wo man ein Wochenende lang viele Stunden kleinräumig im Gegenuhrzeigersinn zu Gleichschritt ermöglichender Musik hinter dem Vordermann her dackelt – die strengste Beachtung der einschlägigen Códigos (Mirada, Cabeceo, Tandas, Cortinas, lalala) natürlich inbegriffen. Dieses gemeinsame Marschieren bewirkt sicherlich, wie bei allen Uniformierten, ein starkes Gefühl von Einheit und Zusammenhalt, welches man vielleicht durch das Mitführen von Fahnen und anderen Bekenntnis-Textilien noch steigern könnte. Statt einer Beschallung durch möglicherweise nicht eidgenössische TJs käme hier auch das gemeinsame Absingen des inzwischen doch allseits geläufigen EdO-Repertoires in Frage. („Drei, vier, ein Tango!“)

Aus meiner Standardtanz-Zeit in diversen Sportclubs („Blau-Gold Germania Tripstrill“) kenne ich dieses Phänomen unter der Bezeichnung Formationstanz. Da man in solchen Kreisen ab einem Lebensalter von 35 Jahren bereits zu den Senioren zählt (beim Tango wäre man da noch ein „blutjunger Anfänger“), wurde ich öfters genötigt, angetan mit Strohhut, Weste und gestreifter Hose, „alte Tänze“ wie Rheinländer, Onestep und Charleston zur Vorführung zu bringen. Nicht zuletzt angesichts dieser gerontologischen Zumutungen nahm ich dort Reißaus – um nun im Tango in ebensolchen Beinkleidern und Leibchen, aber vielleicht mit schwarzem Filzhut, im Verein mit ebenso Angetanen alte Tangos darbieten zu sollen. Der Mensch plant, damit Gott was zum Lachen hat… Den ultimativen Spruch zur Massenbewegung lieferte mir dereinst mein Tanzsporttrainer: „Ich mag den Formationstanz nicht. Mir reicht es schon, wenn ein Paar scheiße tanzt.“ Ein paar hilfreiche Tipps aus dem Standard- und Lateinbereich: Die Einheitlichkeit noch fördern durch gleiche Kleidung, Schmuck, Makeup sowie eine Klinikpackung Haarfärbemittel und Selbstbräuner!         

Der Autor des angesprochenen Blogbeitrags lässt uns von seinen Schweizer Gipfeln aber auch einen Blick auf die Probleme tun, welche solcherlei Glaubens-Kongregationen im Flachland mit sich bringen: Da nicht jeder hin darf, wollen zu viele hin. So stünden Veranstalter vor dem Dilemma, entweder nur handverlesene Gäste zuzulassen und sich so dem Vorwurf „selbst definierter Exklusivität“ auszusetzen – oder sich durch wenige unorthodox tanzende Besucher die Einheitssuppe versalzen zu lassen. Sein Vorschlag zur Güte: Ein „klein wenig frisches Blut“ könne die Gefahr der Abschottung und Stagnation verringern, so lange man „die Neulinge ständig wohlwollend im Auge“ behielte. Ein Kommentator auf jenem Blog spricht von einer drohenden „Verödung der Böden“. Meine Anregung zur Auffrischung von Blut und Boden: Unbedingt eine dem Encuentro vorgeschaltete Casting-Show, um so zu bestimmen, wer hinsichtlich rechter Gesinnung und fantasiearmer Tanzweise auf die Bohlen darf!

Wer solcherlei Kritik als allzu heftig erachtet, möge sich durch Blick in den Blog davon überzeugen, dass selbiger Autor noch viel heftiger austeilt: Die Angst, nicht mehr eingeladen zu werden, führe dazu, dass Tänzer ihre berechtigte Kritik an „Obermackern im Zentrum“ nicht mehr zu äußern wagten. „Gruppen, aus denen Zivilcourage sich verabschiedet, nehmen ganz schnell erste Zeichen faschistoider Züge an. Auch Tango Argentino ist dagegen nicht gefeit. (…) Ich erschrecke schon darüber, wie sehr Tango Argentino manchmal sektenartige Strukturen befeuert. Das tut diesem Tanz gar nicht gut.“ Unglaublich, da warnt ein Verfechter von Einheitsmeinungen, ein führender Sektenfunktionär vor genau den Erscheinungen, an denen er fröhlich mitstrickt! Wie sagte der Kabarettist Werner Schneyder einmal: „Verantwortliche, die sich selber suchen, finden sich in der Regel nicht.“

Putzig finde ich die Klagen über ein unausgewogenes Geschlechterverhältnis auf manchen Encuentros. Und wer ist daran schuld? Natürlich diverse Singlefrauen, welche sich mit explizit beschriebenen Listen und Tücken anmeldeten (z.B. mit einem frei erfundenen Partner). Schon „ein Frauenüberhang von mehr als zehn Personen bei 150 Teilnehmern“ führe „immer zu einem gruppendynamischen Dauererdbeben“ respektive „aggressiver Stimmung“. Beschrieben wird auch ein traumatisches Erlebnis, bei dem über 30 Männer dann aus dem Tanzraum flohen, worauf sich jeder verbliebene Tänzer mit „zwei bis drei Frauen“ konfrontiert sah. Oh, ihr Armen! Jeder Besucher einer Dorfmilonga kann seit Jahren mit einem Frauenanteil von mehr als den oben angeführten 53 Prozent umgehen – und wenn man da noch an den mohammedanischen Traum vom Paradies mit den 60 Jungfrauen denkt… Und da wagen es Kritiker, derartig emanzipationsgeschädigte Männer als „Talibans“ zu titulieren!

Mehr seelische Stabilität brauche ich allerdings zur Kenntnisnahme einer weiteren Sorge: Unter der „Reiselust“ der Encuentro-Pilger könne „deren lokale Szene leiden“. „Denn wenn diese meist zu den besseren Tänzern gehörenden an Milongas ihres Wohnorts kaum noch vertreten sind, verlangsamt das die Entwicklung der Szene.“ Ein Kommentator spricht dann auch noch vom „Zug der lokalen Eliten weg aus der Haus-Milonga hin zum Encuentro“. Nun gönne ich es jedem, wenn er in weit entlegenen Hinterzimmern in gesellschaftlich unschädlicher Weise seinen seltsamen Riten frönt – eine „Elite“ sind die zwanghaften Zeitgenossen mit den glasigen Augen und sparsamen Bewegungen jedoch in keiner Weise – auch und gerade nicht, wenn sie sich selber dazu ernennen.

Wenn diese mir die unheimlichen Begegnungen auf der Ortsmilonga zugunsten heimlicher Treffen anderswo ersparen, sehe ich das als Chance, die „Verödung der heimischen Böden“ zu beseitigen. Selbst linientreue Kommentatoren in jenem Blog beklagen, dass man sich „zu Tode optimiere“, womöglich „der Wurzeln beraube“ und zunehmend „im eigenen Saft schmore“. Na klar, wohin sonst soll es denn führen, wenn dieser faszinierende, sich immer weiter entwickelnde Tanz von Betonköpfen zu Tode reglementiert wird und auf diese Weise junge, am Tango interessierte Menschen mit Museumsmusik und höfischen Ritualen vertrieben werden? Eine Kommentatorin in meinem Blog schrieb vor kurzem: „Das Wildlebendige suche ich verzweifelt und finde es nur selten (…) Heute darf der Tango auf Milongas Kunststücklein präsentieren wie ein artiger Tiger – domestiziert, parfümiert und fad.“

Meine Sorge ist jedenfalls nicht, dass ein bestimmter Menschenschlag, der alles sortieren und nummerieren muss, zu Encuentros fährt, sondern, dass er irgendwann zurückkommt. Dieses entsetzliche Schubladendenken (EdO – ja oder nein) ist doch bei Markus Lanz („EU – rein oder raus?“) schon schlimm genug. Zum Tango passt es noch weniger. 

Freitag, 17. Januar 2014

Technische Anleitung: Kommentieren



Bis vor einiger Zeit begriff ich mich als „bekennender Analoger“, der sich nur schweren Herzens von seiner elektrischen Schreibmaschine verabschieden konnte und den Computer danach allein dazu verwendete, per „Word“ Texte zu schreiben. Durch meine Buchveröffentlichungen und die Notwendigkeit, diese sowie andere Aktivitäten im Internet zu bewerben, hat sich das ein wenig verändert. Dennoch war ich bisher der Ansicht, dass die erdrückende Mehrzahl meiner Mitmenschen in der digitalen Welt mindestens über die gleichen Fähigkeiten verfüge wie ich.

Daher war ich sehr verblüfft, in der letzten Zeit wiederholt Nachrichten der folgenden Art zu erhalten: „Ich würde ja in deinem Blog gerne einmal einen Kommentar schreiben, wenn ich wüsste, wie das geht!“ Offenbar gibt es bei meinen zahlreichen Lesern (Zugriffszahl bisher über 3700) doch viele, die nicht, ständig im Internet surfend, ihren Senf zu allem und jedem geben müssen – wohlweislich anonym, was ich angesichts der Qualität vieler Wortmeldungen gut verstehen kann! In einem gewissen Tangoblog (für den ich bekanntlich nie Reklame mache) beginnt fast jeder Beitrag mit dem treuherzigen Bekenntnis, man wolle offen und respektvoll diskutieren, was sich beinahe stets zu einer wüsten Orgie von Beschimpfungen hochschaukelt (aktuell: „Talibans“ versus „Tango-Terroristen“). Da erhalte ich lieber wenige bis gar keine Kommentare!

Dennoch wäre es schade, wenn vernünftige Menschen wie gerade Sie nicht auch einmal Ihre eigene Meinung, Ihre persönlichen Ideen öffentlich äußern würden, nur weil der technische Prozess Probleme bereitet. Nachfolgend daher eine hoffentlich leicht verständliche Anleitung dazu:

-          Rufen Sie meine Seite auf! (Tschuldigung, haben Sie doch schon, sonst könnten Sie das hier ja gar nicht lesen…)
-          Gehen Sie ans Ende des Textes, zu dem Sie sich äußern wollen. Dort finden Sie die Zeile „Kommentare“ (oder „1 Kommentar“ bzw. „keine Kommentare“). Klicken Sie diese an!
-          Ein Eingabefeld erscheint, in das Sie Ihren Text schreiben (oder hineinkopieren) können. (Beachten Sie die darunter stehenden Hinweise: nicht anonym kommentieren, keine persönlichen Beleidigungen!)
-          In dem Kasten „Kommentar schreiben als“ wählen Sie eine Identifizierung Ihrer Person. (Wenn Sie hier „anonym“ nehmen, müssen Sie Ihren wahren Namen im Text einfügen!)
-          Klicken Sie „Vorschau“ an: Nun können Sie Ihre Zeilen nochmals lesen, eventuell korrigieren und ergänzen.     
-     Klicken Sie beim Spamschutz auf das Feld: „Ich bin kein Robot“!
-          Klicken Sie auf „veröffentlichen“!
-          Wenn alles gut gegangen ist, sollte nun die Anzeige erscheinen: „Ihr Kommentar wird nach der Freigabe sichtbar“. Wenn ich mich wieder einmal einlogge (spätestens am folgenden Tag), bekomme ich Ihren Beitrag angezeigt und kann ihn dann frei schalten, wenn er meinen Vorgaben entspricht. Sollte dies nicht der Fall sein, erscheint bei den Kommentaren ein Löschungsvermerk sowie eine Begründung von mir, wieso ich Ihren Text nicht hochgeladen habe.

Da ich nun alles sehr detailliert beschrieben habe, klingt es vielleicht komplizierter, als es in Wirklichkeit ist. Trauen Sie sich einfach! Und sollte es gar nicht gelingen: Schicken Sie mir Ihren Text als E-Mail (siehe Impressum auf unserer Website www.robinson-riedl.de), dann stelle ich ihn für Sie ein. Also bis bald, ich freue mich auf Ihre Wortmeldung!

Sonntag, 12. Januar 2014

„Nie Longa!“ - eine Tango Fiction



Beim Tango hat der Begriff „Milonga“ ja ganz verschiedene Bedeutungen: Er bezeichnet eine entsprechende Tanzveranstaltung, deren Ort und auch einen bestimmten Musikstil. Zur Herkunft dieses Wortes diskutiert man vor allem Ableitungen aus dem afrikanischen Sprachraum – ebenso wie zur Bezeichnung „Tango“ selbst.

Üblicherweise gilt die betreffende, in einem staccatoartigen, schnellen Rhythmus (meist 2/4-Takt) gehaltene Musikform als „Vorläufer“ des langsameren Tango. In Wahrheit  ist dies etwas komplizierter: Sicherlich standen die zur Gitarrenbegleitung gesungenen Lieder ländlicher „Bänkelsänger“ (Payadores) Pate – und auch in den frühen Tangostücken dominiert ja noch der munter hüpfende Duktus, bevor das Bandoneón die eher schleppende Spielweise der heutigen Tangos bewirkte (nicht zuletzt deshalb, weil das schwer zu bedienende Handzuginstrument des Krefelder Fabrikanten Heinrich Band anfangs ein flotteres Tempo nicht zuließ).

Es existiert aber noch ein früherer Einfluss, nämlich die Musik zu den Tanzfesten der schwarzen Bevölkerung spätestens ab der Mitte des 19. Jahrhunderts: Die Candombe, die sich bis heute in der perkussiven Gegenrhythmik der „Milonga candombe“ wiederfindet. Der Einfluss der afrikanischen Sklaven auf den Tango (auch tänzerisch im „Milonguero-Stil“ erhalten) wurde später von den weißen Argentiniern verdrängt; heute beträgt der „schwarze“ Bevölkerungsanteil dort nur wenige Prozent. (Übrigens war „La Cumparsita“, ohne das traditionelle Milongueros nicht den Heimweg antreten, ursprünglich ein Marsch, mit dem der Komponist Matos Rodríguez die „Negermusik“ parodieren wollte!)

Die momentan (auch von traditionellen DJs) aufgelegten Milongastücke jedenfalls gehen keineswegs auf diese frühen Phasen zurück, sondern sind Neukompositionen aus dem 20. Jahrhundert, bei denen die Autoren mehr oder weniger bewusst an die schnellen Tangovorläufer anknüpften – bis hin zu den Candombes oder „Murgas“ heutiger Stückeschreiber wie Juan Cáceres.

Festzuhalten bleibt, dass die Milonga gerade in der hoch verehrten Musik der EdO ein ziemlich fremdartiges Element darstellt – so wie der Vals, der sich von Traditionen aus der Alten Welt wie dem Wiener Walzer bzw. dem Musettewalzer ableitet, einen ganz anderen Rhythmus hat und meilenweit von „argentinischer Authentizität“ entfernt ist. (Damals war dort halt alles Europäische total angesagt, heute ist es leider umgekehrt…) Dennoch legen selbst konservativste TJs (in einer Tandaabfolge, die sich am gerade gültigen Katechismus orientiert) ganz selbstverständlich diese „entarteten“ Musikformen auf.

Dies reizt mich als Satiriker zur Annahme eines (gar nicht so unwahrscheinlichen) Szenarios: Was, wenn die Milongamusik Ende des 19. Jahrhunderts ausgestorben wäre und nun, über hundert Jahre später, moderne Tangoorchester versuchen würden, diese vorsintflutlichen Rhythmen per Neukomposition wieder auf die Tanzflächen zu bringen?

Mein von mir zutiefst verehrter Lieblingsblogger im Tango würde sicherlich – von seinem „Wachturm“ aus – nicht umhin können, diesem Ansinnen mit einer gepfefferten Philippika zu begegnen. Da die Geschichte (Gott sei Dank) anders verlaufen ist, hole ich dies hiermit nach und hoffe, Stil und Tonart zu treffen:

Bis hierher und immer so weiter – aber ohne Milonga!

Liebe Brüder und Schwestern im Tango,

die Friedfertigen, wie ich einer bin, müssen derzeit wieder schwer leiden und werden von den Ungläubigen mit Beschimpfungen wie „Wahrheitseigentümer“, „arroganter Traditionalist“ und „Tango-Taliban“ hart geprüft. Bei mir entstand dadurch eine Schreibblockade dergestalt, dass ich mich mit der rechten Hand ständig selbst geißeln musste (u.a. durch tägliches Anklicken von hundert Canaro-Titeln hintereinander). Nach Monaten der inneren Reflexion, des Betens und Fastens aber muss ich nun wieder das Wort und meinen höchstpersönlichen Tangobegriff in Schutz nehmen vor der neuesten Missbildung von Modernisierern: der so genannten „Milonga“.

Dass dieser Trommeltanz angeblich auf Tanzriten der schwarzen Bevölkerung vor 150 Jahren zurückgeht, lasse ich jetzt einmal so stehen. Selbstredend würde ich, in meiner urliberalen Einstellung,  niemals einem Neger vorschreiben, auf welche Musik er tanzen möchte! Genauso fest steht aber doch, dass diese aufgeputscht klingenden Stücke, wie sie derzeit z.B. vom „Sexteto Müllonguero“ auf den Markt gebracht werden, in einem unauflöslichen Kontrast stehen zum besinnlich schleppenden 4/4-Takt der bestens tanzbaren Aufnahmen aus der Época de Oro“, die uns Rondagehern so heilig sind. Hier möge doch die Gegenseite ihren Tangobegriff einmal auf höchstem intellektuellen Niveau definieren, bevor sie, völlig intuitiv und aus dem Bauch heraus, aufs Parkett stürmt! Schließlich beginnt Tango im Kopf und endet auch dort.

Eine weitere Zumutung ist, dass diese Musik nun auch noch den Namen missbrauchen will, den wir ausschließlich für unsere Tangoabende der Hundertprozentigen beanspruchen: Milonga. Sie ist von ihrer Machart her ganz klar ein Non-Tango, den es aber genauso wenig gibt wie einen „Non-Flamenco“, und hat auf Veranstaltungen mit dem Etikett „Tango“ nichts verloren. Schon allein die aufgesetzte „Spaßigkeit“ solcher Kompositionen steht im völligen Widerspruch zu Schmerz und Sehnsucht des Tanzes vom Rio de la Plata.

Schon heute kann man auf Tangoabenden Fürchterliches beobachten. Achsbrüche zuhauf, Tango als persönliches „Stockcar-Rennen“ und andere unnötige Rempeleien. Während der traditionelle Tango keinen erkennbaren Beat hat und man daher vor allem die Geigen, die Pausen und die Stille tanzt, reizt diese Staccatomusik doch dazu, wie ein Uhrwerk loszulaufen und stumpf im Takt zu stampfen! So entsteht ein bumsfideles Herumgehüpfe, welches eine schreckliche Unruhe in die Ronda bringt. Selbst ein besonnener DJ wird sich nach nur einer einzigen Milonga-Tanda schwer tun, die so erzeugte „Stimmung“ wieder zum Erliegen zu bringen.

Dass der offenbar am Tourette-Syndrom leidende, großartige Autor dieses unsäglichen Tangobuches nun ausgerechnet auf seinem nach Art der Prawda betriebenen Facebook-Profil für diese absurde Musik wirbt, muss niemand verwundern. Allerdings habe ich dazu schon alles gesagt, und die zurückliegende Diskussion muss ich nicht noch einmal haben. Belassen wir es einfach dabei…

Selbstredend will ich niemand seinen persönlichen Geschmack streitig machen, jedoch verlange ich, dass Organisatoren solcher „Tango-Discos“ diese mit dem Zusatz „Mimi“ (mit Milonga) ankündigen. Sollten sie hingegen ohne diese Vorwarnung auch nur ein solches Stück spielen, gefährden sie nämlich auch meine Pseudonymität, mit der ich mich ohne Eitelkeit im Tango bewegen kann: Der Einzige, welcher in einem solchen Fall ginge, wäre nämlich ich!

Werbung: Bei unserem nächsten Tangottesdienst predigt unser Züricher Glaubensbruder Christian zum Thema „Nie Longa!“ und stellt dabei den ersten Teil seiner Monografie über die Musik der EdO vor. Sein 144-seitiges Traktat behandelt die Aufnahmen von Juan D’Arienzo von Mai bis September 1935, trägt den Titel „Tobler one“ und ist in allen tangoorthodoxen Pfarrämtern gegen eine kleine Spende erhältlich.

Montag, 6. Januar 2014

Idiotologie im Tango



In den Tagen zwischen Weihnachten und Dreikönig hat man, dank Terminmangels, ausnahmsweise etwas mehr Zeit, lange zurückgestellten Fragen nachzuhängen. Beispielsweise überlege ich mir im Moment, wann wir eigentlich zum letzten Mal einfach „zum Tango“ gingen. Es muss schon Jahre her sein! Heute reicht es ja nicht mehr, kurz im Internet nachzusehen, wann und wo eine Milonga stattfindet.

Wichtig ist schon einmal der DJ (oder gar TJ) und dessen konfessionelle Ausrichtung. Gehört er zu den Hardcore-Traditionalisten und ist somit den ganzen Abend kein einziges Stück nach 1960 zu erwarten, versteht er sich als „neoliberal“ und verwöhnt sein Publikum schon mal kurz vor Mitternacht mit einer einzigen Tanda abgedroschener Otros Aires-Titel, oder gehört er zur immer seltener werdenden Fraktion „experimenteller“ Aufleger und wird daher über weite Strecken gar keine Tangos, sondern das szeneübliche „Lounge-Gesäusel“ bieten?

Alles zusammen in einer Veranstaltung bekommt man kaum noch – und schon gar nicht wirklich moderne Tangomusik, obwohl solche Ensembles landauf, landab Konzerte geben. Nur – tanzen darf man darauf nicht! (So habe ich es vor einiger Zeit erlebt, dass man sich bei einem Tangofestival, nach einem mitreißenden Auftritt des Sängers Ariel Ardit, nicht entblödete, auf der anschließenden Milonga das inzwischen branchenübliche öde Geschrammel zu bieten – man darf die Tänzer offenbar nicht überfordern! So sympathisch die dortige Idee war, im Zeichen der Inklusion auch behinderte Menschen in den Tango einzubinden – hätte man dies nicht ebenso auf die Musik beziehen sollen?)

Da die Organisatoren von Tangoabenden neuerdings offenbar eine Heidenangst vor einschlägigen Shitstorms im Internet umtreibt, dürfte dort auch die musikalische Ausrichtung angegeben sein (vielleicht sogar in Hundersteln, allerdings ohne vertiefte Kenntnis der Prozentrechnung – stimmt nachher so gut wie nie). Leider birgt die Ankündigung „rein traditionell“ keinerlei Anhaltspunkte dafür, ob es sich um eine Aneinanderreihung der sattsam bekannten 200 Titel energiearmer Dudelmusik handelt oder um eine wirklich gut auswählte, originelle Zusammenstellung aus dem EdO-Segment.

Ebenso wenig braucht man sich unter dem Begriff „moderne Musik“ vorzustellen – ja nicht einmal die Begriffe „Neotango“, „Elektrotango“ bzw. „Tango nuevo“ versprechen irgendeine Festlegung, da offenbar kaum einem DJ der jeweilige Unterschied bekannt ist und er hier beispielsweise den Namen Piazzolla richtig zuzuordnen vermag. Somit läuft der Wunsch aus Traditionskreisen, zu wissen, welche Musik einen erwarte, völlig ins Leere: Es können schöne alte Klänge sein, schreckliche neue, umgekehrt oder alles zusammen. Am besten ist es halt nach wie vor, man kennt den DJ – allerdings sollte man wissen, ob er nicht jüngst aus innerer Überzeugung zum Mainstream konvertiert ist…

Für mich speziell kommt bei der Auswahl der Milonga dann noch die Überlegung hinzu, ob ich Veranstalter, die regelmäßig meine Termine durch Konkurrenzprojekte belegten, per Eintrittsgeld belohnen sollte – aber das mag mein persönliches Problem sein…

Vor allem aber muss man vor Fahrtantritt noch auf der jeweiligen Website abklären, ob es sich dort nicht um eine (mental) geschlossene Veranstaltung allfälliger „Zeugen Tangos“ handelt, welche von ihren Gästen (hier ein übertriebener Ausdruck) die Befolgung diverser „Milonga-Regeln“ verlangen: Aufforderung nur per Cabeceo, disziplinierter Kreisverkehr in der „Ronda“, keine raumgreifenden oder gar hohen Beinbewegungen, am besten überhaupt kein Tanzen, welches ein Paar vom anderen abhebt: „Du bist nichts, die Gemeinschaft ist alles.“ Überlegungen, wie man sich Unangepasste per Verwarnung, im Wiederholungsfalle Hausverbot, vom Leibe halten könne, werden in diesen Kreisen bereits laut geäußert.

Das gebetsmühlenhaft wiederholte Mantra, man wolle ja nur selber ungestört seinem Musik- und Tanzgeschmack huldigen und niemand anderen bekehren, schon gar nicht zwangsweise, entlarvt sich auch bei näherem Studium solcher Bekenntnisse als scheinheilig. So versichert die TJane Theresa Faus (Tangodanza  1/2014), „wem’s nicht gefällt, der braucht nicht zu kommen“. Sie habe keinen „Alleinvertretungsanspruch für den Tango“: „Wir haben nur gesagt, unsere Musik ist so und so, und haben uns dafür eingesetzt, dass jeder Veranstalter klare Ansagen über seine Musik macht.“ Etliche Zeilen später jedoch verkündet sie: „Inzwischen tanzen alle anspruchsvollen Tänzer eng“. Wahrlich, eine solche Haltung hätten wir zu unseren revolutionären APO-Zeiten als „scheißliberal“ bezeichnet!

Da lobe ich mir den Schweizer Beschallungsexperten Christian Tobler, der wenigstens klar reaktionär-totalitäre Sprüche klopft: „Wer sich intensiv und lange genug mit der EdO beschäftigt, entdeckt, dass deren Wahrnehmung schlussendlich eben doch nicht Ansichtssache ist. Es taucht allmählich eine allgemeingültige Wahrheit auf, über die aufrichtige Aficionados einer Meinung sind.“ (Tangoblog, 28.10.12) Na gut, dann bin ich halt kein glühender Tangofan, unaufrichtig – und anspruchslos sowieso…

Über Begriffe wie „TJ“, „umarmungsfokussiertes Tanzen“ oder „100 Prozent EdO“ wird die Tangoszene immer weiter ideologisiert und aufgespalten: Jeder Veranstalter muss sich positionieren, hat zu erklären, in welcher Schublade seine Milonga zu finden ist. Tanzabende mit einem Querschnitt aus über hundert Jahren Tangomusik werden immer seltener, „nur Tango“ reicht nicht. Dies hat ebenfalls Auswirkungen auf die Altersstruktur des einzelnen Events: Während für mich früher der Reiz auch darin bestand, dass Jung und Alt sich auf einer Milonga tummelten, hat man heute eher die Auswahl zwischen Disco und „beschützender Tanzwerkstatt“ – sprich: Testosteron oder Rheumasalbe. Die schillernde bunte Vielfalt eines „Szenetreffs“, verwirrender Widersprüche und aufregender Herausforderungen – früher war mehr Lametta

Glücklicherweise muss ich mir in meinem Alter, in meiner Position keine Sorgen mehr darüber machen, wie viele Gäste oder Kursteilnehmer ich vergraule, wenn ich gelegentlich zu meinen Ansichten stehe – und von einem „Tangoopa“ erwartet man es ja geradezu, dass er von den „guten alten Zeiten“ fabuliert. Bei über 2500 Milongabesuchen habe ich mich noch nie beim DJ beschwert oder mein Eintrittsgeld zurück verlangt. Noch nie hat mich eine einzige Tanda nicht genehmer Musik gezwungen, einen Tangoabend zu verlassen – stattdessen habe ich stets brav versucht, die gebotenen Klänge zu vertanzen. In meiner Generation wurde man halt noch so erzogen…

Ich tanze nun seit über 45 Jahren – und bin nicht zuletzt deshalb beim Tango gelandet, weil mich Turnierordnungen mit „verbotenen Schritten“ in den einzelnen Leistungsklassen, Rocksaumhöhenrichtlinien und Drehgadfestlegungen vom Standardtanz weg trieben. Dass mich beim Tango nun vieles davon – in anderer Verpackung – wieder einholt, gehört halt zum deutschen „Funktionärswesen“, welches vor keiner Branche Halt macht.

In einem Fall aber gebe ich, auf Krawall gebürstet, gerne den Trappatoni: Ich werde weiterhin so gut tanzen, wie ich kann, ohne Rücksicht darauf, dass ich meinem Nachbarn in der „Ronda“ Minderwertigkeitskomplexe beschere. Und selbst zu Hochzeiten meiner Pubertät war es mir zu blöd, irgendein verkichertes 14-jähriges Mädel mit idiotischem Geblinzel zu nerven, und im Vertrauen darauf, dass Tierschutz auch Menschenschutz bedeutet, lasse ich mir – wie andere alte Dackel – nicht verbieten, mein Bein zu heben. Und das schon gar nicht von Leuten, die sich, während ich schon auf dem Parkett stand, noch durch den Eileiter quälten!

Was…erlaube…Strunz?!

Ich habe fertig.

Mittwoch, 1. Januar 2014

Alfredo, ein komischer Argentinier



Alfredo Foulkes hat so gar nichts von dem Argentinier-Klischee, dem ich in meinem Tangoleben so häufig begegnet bin: klein, Pferdeschwanz, unnahbar, mit starrem Blick keine Notiz von mir nehmend – im Gegenteil! Wenn wir uns in Gröbenzell oder sonst wo beim Tango sehen, huscht immer dieses Lachen über sein Gesicht, bei dem auch abends die Sonne aufgeht, und in der folgenden, stets nach einem herrlichen Rasierwasser duftenden Umarmung, begrüßt er mich mit „Hola, Mago!“.

Alfredo ist in seinem Wesen ein kleiner Junge geblieben, daher beeindruckt es ihn sehr, dass ich Zaubervorstellungen gebe – so bin ich beim ihm stets „El Mago“, der Zauberer! Anschließend bekomme ich unvermittelt das zu hören, was ihn in diesem Moment beschäftigt – eine Antwort freilich kann ich mir sparen, da ist er schon beim nächsten Gast. Alfredo gibt es nur in Bewegung!

Kennen gelernt habe ich den Argentinier an den legendären Tangoabenden in der Musikkneipe „Brückerl“ am Langwieder See. Fast jeden Mittwoch kam er dort, nach einem anstrengenden Berufstag, völlig ausgehungert an, und nach dem Verzehr einer riesigen Pizza war er gerne bereit, die anwesenden Damen ausgiebig und aufopferungsvoll zu betanzen. Als auf dieser Milonga die Beschallung zunehmend fader und schrammeliger wurde, vertraute er mir einmal – wie stets in seinem Rudi-Carrell-sympathischen Hispano-Deutsch, seine grundlegende Sichtweise zur Tangomusik an: „Weissdu, die meisde Musiger von diese Dangostügge sitzen schon im Hiimmel un schaue zu, wenn wir zu ihre Musig danzen – und ofd sage sie: ‚Ogodd, was mache die da, das is nicht unsere Musig, unn wir habe so viel geübd un uns bemühd…’“

Als Alfredo dann im „Gesundheitszentrum Gröbenzell“ damit begann, monatliche Tangoabende zu veranstalten, waren wir natürlich dabei – und sind es, wie viele seiner Stammgäste, bis heute geblieben. Die Palette an Musik, die er dort auflegt, ist riesig und Lichtjahre entfernt von der zumeist eher trostlosen Berieselung auf Münchner Milongas. Es ist seine Schuld, dass ich Sängerinnen wie Lidia Borda, Adriana Varela oder Liliana Barrios kennen lernte und nicht mehr davon lassen kann.

Daneben enthält die von ihm zusammengestellte „Jahres-CD“, die er seinen Besuchern schenkt, immer eine deutliche Portion Elektrotango. Vorsichtshalber nennt er seine Veranstaltung nicht „Milonga“, denn dann – so vertraute er mir einmal an – müsse er ja nach bestimmten Regeln wie Tandas und Cortinas auflegen. So aber nimmt er sich alle Freiheiten, entsteht diese einmalige, dynamische Mixtur, eben der „Alfredo-Stil“. Seit einiger Zeit stellt er immer ein Musikthema in den Mittelpunkt, meist ein nicht sehr bekanntes Orchester, gerne auch aus frühen Tangojahren.

Es wäre jedoch übertrieben zu behaupten, dass die meisten seiner zahlreichen Gäste nur das Tanzen im Sinn haben: Für zehn Euro Eintritt hat man auch alle Getränke frei, soll jedoch einen Beitrag zum „Fingerfood-Büfett“ mitbringen. Im „Ernährungs-&Trinkbereich“ ist es daher ziemlich laut, aber was macht’s? Ich kenne die meisten von Alfredos Lieblingsstücken inzwischen auswendig und kann daher trotzdem darauf tanzen!

Ebenfalls schon Wort für Wort mitsprechen kann ich seine legendäre „Mitternachtsrede“, mit der er seine Verlosung einleitet. Neben „etwas Kitschig aus Argentinien“ ist dabei der Hauptpreis sehr beliebt: Ein brennendes Laternchen, welches an den Namen seiner Veranstaltung erinnert: El Farolito. Noch begehrter freilich ist ein Tanz mit dem Hausherrn – und wenn ich diese sensiblen Bewegungen sehe, den dunklen Lockenkopf und die Glubschaugen, und dann noch eine Frau wäre… Gott sei Dank bin ich keine!

Alfredo unterrichtet auch Tango – und wenn ich mit einer seiner Schülerinnen tanze, höre ich seine Worte: „Tango ist ein reiner Interpretationstanz – aber zur Musik!“ In der Tat spüre ich keine auswendig gelernten Schritte, sondern die Sinnlichkeit und Lebenslust, die er auch in seinen Kursen vermittelt. In der Rundfunksendung „Tangomanía in München und anderswo“ („Bayern 4“, 18.11.07) hat er seine grundlegende Sichtweise so ausgedrückt: „Das ist das Schwierigste überhaupt im Tango: Da sind zwei Menschen, die sich begegnen, und das kann fast zu einer Einheit werden, aber jeder ist trotzdem für sich!“

Alfredo Foulkes war in Argentinien professioneller Volleyballspieler und Diplomsportlehrer, als er mit 23 Jahren vor den politischen Verhältnissen floh und nach Deutschland, der Heimat einer seiner Urgroßmütter, emigrierte. Wie er dies (in obiger Radiosendung) beschreibt, sagt viel über sein Wesen aus: „Ich bin während der Militärdiktatur in Argentinien ausgewandert – aus philosophischen Gründen war ich nicht so dafür.“

 Bei aller Aufgeschlossenheit lässt er uns nicht in sein Herz schauen (wenn er es denn selber tut). Dass er somit den umgekehrten Weg ging wie die Väter des Tango argentino, ist ihm wohl sehr bewusst: „Ich glaube, Tango ist ein ganz einfacher Tanz, der auch von ganz einfachen Menschen entwickelt wurde. Wir müssen bedenken, dass aus Hunger und Not Menschen aus Europa zum Beispiel nach Südamerika ausgewandert sind in der Hoffnung auf bessere Chancen – und diese Chancen kamen zum Teil nicht.“

Er beschreibt auch, wie er den Tanz wieder entdeckte, den schon seine Eltern auf der allsonntäglichen Milonga pflegten: „Hier in München lernte ich in einem griechischen Lokal einen sehr, sehr talentierten Tangolehrer aus der Türkei kennen. Das war sehr interessant, und ich muss darüber immer wieder lachen: Das ist Tango, das ist eine Mischung aus verschiedenen Kulturen, mit verschiedenen Herkünften und Geschichten!“
Wahrlich, Alfredo ist keiner von denen, die ihren Tango mit dem allenthalben verbreiteten „authentisch-argentinisch-Gedudel“ bewerben (obwohl er dafür mehr Gründe hätte als andere)! Er ist ein Weltbürger mit einem multikulturellen Verständnis dieses Tanzes. Kein Wunder, dass es den Lehrer in ihm drängt, Jugendliche für den modernen Tango zu begeistern (Projekt „El Farolito Juvenil“). Dass er dabei Spenden  zur Unterstützung eines Hilfsprogramms für Straßenkinder in seiner Heimatstadt Mendoza sammelt, zeigt, wie wenig er die Not in seiner Heimat vergessen hat..

Ich hoffe, dieser „komische Argentinier“ wird uns noch lange erhalten bleiben: Hinter seinem kleinen DJ-Tischchen in Stapeln von CDs wühlend, Gäste begrüßend, in jeder freien Minute tanzend, und dazu seine Partnerin Angelika, die sich aufopfernd-freundlich um die Besucher kümmert, Getränke heranschleppt, Gläser aufräumt – und natürlich ebenfalls tanzt. Und schon der Gedanke an Alfredos breites Grinsen, sollte er jemals diesen Artikel lesen, ist die Mühe wert, ihn geschrieben zu haben!

Werbung:
Tangofest „El Farolito“ im Gesundheitszentrum Gröbenzell
Danziger Str. 28, 82194 Gröbenzell, samstags ab 21 Uhr
www.gesundheitszentrum-groebenzell.de

Und hier noch ein großes und ein kleines Kind: