Donnerstag, 19. Dezember 2013

2013 – die erste Zwischenbilanz



Nein, gemeint ist nicht das Jahr, das ist ja noch gar nicht ganz zu Ende! Aber heute Morgen gab es den 2013. Aufruf dieses Blogs! (Die eigenen Zugriffe kann man ausschalten, diese sind also nicht enthalten.)

Die meisten Clicks kamen natürlich aus dem Inland,  zirka 180 aber stammen aus den USA, 13 aus Spanien – und neben vielen weiteren Ländern einer sogar aus China! Bisher sind 20 Kommentare zu verzeichnen, und dies hier ist der zehnte Post! Spitzenreiter ist übrigens mein Beitrag zur Musikauswahl auf den Milongas („Süßer die Tangos nie klingen“), ein Beleg dafür, dass hier noch sehr viel Diskussions- und Klärungsbedarf besteht.

Am 26.10.13 habe ich diese Internetpräsenz etabliert – und für knapp 8 Wochen zeigt dies schon ein gewaltiges Interesse, das ich so nicht erwartet habe! Nun gilt nach wie vor das, was ich in meinem ersten Artikel geschrieben habe: Zugriffs- und Kommentarzahlen sind für mich kein entscheidendes Kriterium: Ich hätte auch weitergemacht, wenn kaum jemand mitgelesen oder geschrieben hätte – und dabei wird es bleiben!

Ein wichtiger Grund hierfür sind gewisse Prophezeiungen aus dem Internet zum Erscheinen meines „Milonga-Führers“ im April 2010: In „einem, spätestens zwei Jahren“ werde sich das Thema „erledigt haben“, so schrieb damals der Tangoblogger mit dem Tarnnamen aus der nordischen Sagenwelt. Wer wolle denn schon wieder „ein Tangobuch mit persönlichen Erfahrungen und Ansichten“ lesen, so eine bekannte Tangolehrerin zu meinem „schlimmen Machwerk“. Bei einem ihrer Berufskollegen handelte ich mir Bezeichnungen wie „Greenhorn“ und „geistiger Dünnpfiff“ ein, und ein holländischer Tanzpädagoge, dessen Konterfei schon argentinische Briefmarken zierte, schickte das bei mir bestellte Exemplar gar mit einem vernichtenden Kommentar zurück: „Gerne verschone ich mein Haus von Ihrem Buch“.

Meine Freunde wissen, dass es die dreistellige Zahl positiver Kommentare zu meinem Werk nicht gebraucht hätte – in solchen Fällen raste und ruhe ich nicht eher, bis ich derartige „Kritiker“ hinter die Fichte geführt habe! Daher meine „Weihnachtsbilanz“: Die erste Auflage des „Großen Milonga-Führers“ ist praktisch ausverkauft (um die letzten Restexemplare reißen sich gerade die Kunden bei „Amazon“). Wir konnten eine illustrierte Neubearbeitung des Buches herausbringen – gemessen an der Ausstattung des Vorgängers eine „Luxusversion“, auf die wir sehr stolz sind. Und besagter pseudonymer Tangoblogger? Seit Anfang August dieses Jahres hat er keine Zeile mehr gepostet, vor kurzem auch die Kommentarmöglichkeiten zu meinem Buch gesperrt – stattdessen blogge nun ich. So sieht’s aus!

Es macht mir einen Riesenspaß, jetzt nicht nur schriftstellerisch, sondern auch journalistisch arbeiten zu können – sprich: nicht bis zu meinem nächsten Buch warten zu müssen, wenn ich dringend etwas zum Tango sagen möchte. Daher danke ich meinen Lesern herzlich – und dafür, dass ich bislang keinen einzigen Kommentar erhielt, der anonym war oder sich im Ton vergriff. Alle, welche sich noch nicht geäußert haben, möchte ich deshalb ermutigen, es einmal zu versuchen: Es ist ein befreiendes Gefühl, mutig seine Meinung zu bekunden und sich mit offenem Visier der Diskussion zu stellen! Und hinterher kann man, ohne die Gefahr von Attentaten Andersdenkender, getrost zum Tanzen gehen. Versucht’s doch einfach mal!

Mit herzlichen Weihnachtsgrüßen
Euer Gerhard Riedl

Donnerstag, 12. Dezember 2013

Wenn nicht mehr Schritte und Figuren… Vom Elend des heutigen Tangounterrichts


Kann schon sein, dass mir die Erfahrung fehlt: Immerhin habe ich seit über acht Jahren keinen Tangokurs mehr belegt – und dabei wird es sicher bleiben. Aber wenn Karin und ich zu einer Milonga sehr pünktlich erscheinen, kriegen wir öfters die letzten Minuten eines solchen Lehrgangs mit. (Tangolehrer überziehen gerne, denn sie werden halt nicht durch eine Klingel gestoppt, welche normale Schüler schlagartig zum lärmenden Sturm nach draußen bewegt – schade eigentlich…)

Erst neulich hörten wir schon beim Eintritt ins Gebäude, dass der Unterricht noch lief: Statt Musik war nämlich eine dozierende Stimme zu vernehmen. Dies hielt minutenlang an, während wir unsere Mäntel aufhängten, die Schuhe wechselten und den Eintritt bezahlten. Endlich Applaus – der Tangoabend konnte beginnen. Anfangs drehte sich ein Dutzend Schülerpaare im Kreis, natürlich zu schleppender Musik, was uns nicht zum sofortigen Tanzen animierte. Daher verfiel ich auf mein zweitliebstes Hobby: Tänzer beobachten. Na gut, die mangelnde Routine war verständlich – aber, da störte mich doch etwas grundsätzlich? Ein genaueres Durchzählen erhärtete meinen Verdacht: Sieben der zwölf Männer setzten die Vorwärtsschritte auf der Ferse an.

Auf die Gefahr hin, langjährige Tangoleute zu langweilen: Diese Bewegungsweise führt halt unweigerlich dazu, dass die Männer mit den Beinen voraus gehen und dadurch ihr Oberkörper nach hinten fällt. So können sie niemals eine Präsenz der Führung durch den Andruck des Brustkorbs entwickeln – und das tangotypische schleichende Gehen erst recht nicht. Stattdessen kommt es zum sattsam bekannten Gezerre und Gewürge über Schultern und Arme. Ein Blick auf die Körperlinien bestätigte meine Befürchtung: Die Tanzenden standen (falls sie nicht nach hinten hingen) bestenfalls kerzengerade voreinander – von einer umgekehrt v-förmigen Position keine Spur. Dass man mit einer solchen Technik weder pointierte Impulse vertanzen kann noch gar die Sechzehntel bei schnellem Tempo hinbekommt, erschien mir beim konkreten Anblick bereits als Luxusproblem…

Schließlich machte ich meine Frau auf das Phänomen aufmerksam und bat sie, nachzuzählen. Doch der Prozentsatz stimmte leider, und er bewegte sich im Laufe des Abends bei zunehmender Gästezahl nur wenig nach unten – kein Wunder, viele der Besucher waren wohl ehemalige Schüler (und wenn nicht derselben, so doch der gleichen Lehrer…). Schließlich gab mir Karin, wohl zur Aufheiterung meiner Stimmung, zu bedenken: „Vielleicht tanzt man das heute so?“ Das wollte ich jedoch vom Meisterpaar persönlich erleben, welches (heute eher unüblich) auch auf der eigenen Veranstaltung gelegentlich das Tanzbein schwingt. Bei einem temperamentvollen Stück war es endlich soweit – und was sahen wir? Belastung auf dem Ballen im Milonguero-Stil! Na klar, wie auch sonst, wenn man es toll hinbekommen will!

Wohlgemerkt, im gerade beendeten Kurs wurden keine Anfänger unterrichtet, und die betreffenden Lehrer gelten in der Szene – wohl nicht zu Unrecht – als sehr kompetent und erfreuen sich einer großen Zahl von Kursteilnehmern. (O je, hab ich jetzt schon zu viel verraten?) Warum aber bringt man es dann nicht fertig, Schüler, die man monate-, vielleicht schon jahrelang unterrichtet, von solchen technischen Behinderungen zu befreien? Es müsste doch ohne riesigen Zeitaufwand möglich sein, durch wiederholte Hinweise diese simple Fußtechnik weiterzugeben und so eine besser geeignete Körperhaltung zu erreichen!

Freilich, bei der üblichen, energiearm dahinplätschernden Begleitmusik zu den Tangostunden geht es notfalls senkrecht und auf der Ferse – und damit sind wir bei einem weiteren Punkt, den ich nie verstehen werde: Wieso sorgt man durch anspruchsvollere Beschallung nicht dafür, dass eine bessere Technik zu deren Interpretation zwangsläufig nötig wird? Auch im modernen Schwimmunterricht ist man inzwischen davon abgekommen, die Anfänger via Korkreifen und Angel vor eigenen Anstrengungen zu bewahren!

Aber es geht noch weit gruseliger: Wir bekommen ja, wenn überhaupt, stets das Ende einer Unterrichtseinheit mit, und da erscheint es nicht unangemessen, nach einem gewissen Effekt des Gebotenen zu fahnden. Meist ahnen wir düster, was gerade unterrichtet wurde: Gerne, auch bei wenig erfahrenen Tänzern, eine relativ komplizierte Schrittfolge – soweit wir dies an den Bodenkontakten ausmachen können. Die restlichen Körperteile allerdings hängen oft planlos irgendwo, und an den Frauen wird so lange herumgezerrt und geknetet, bis sie die geforderte „Figur“ – eher spastisch herumeiernd denn anmutig-elegant – hinter sich gebracht haben. Bei diesem Anblick ahnt man zwar, dass der Tango gelegentlich verboten war, vermutet aber als Grund weniger die überbordende Erotik denn eine versuchte Körperverletzung! Und wie sollen Männer die Führung erlernen, wenn die Frauen eh „wissen, was kommen sollte“? Fragen über Fragen…

In meiner frühen Tangozeit durfte ich einmal bei einer Einführungsstunde als Springer aushelfen. Nachdem ich mich schon einige Jahre durch die berüchtigte „Basse mit Kreuz“ nebst anschließenden Variationen gequält hatte, lernte ich dort das Gehen (Caminar) in drei Spuren und zwei Systemen (parallel und gekreuzt). Plötzlich war alles einfacher, und ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, in eigenen Kombinationen zur Musik zu tanzen. Das hatte eine einzige Stunde bewirkt – und bei einer solch positiven Einschätzung kann es nicht schaden, den Namen des Lehrers zu nennen: Ralf Sartori.

Zweifellos wird auf den heutigen Milongas weit schlechter getanzt, als es nötig wäre.
Ob dies zu ändern ist, weiß ich nicht. Die Voraussetzungen jedoch ahne ich, nämlich eine Veränderung bei Angebot und Nachfrage gleichermaßen: Es müsste einerseits Schluss sein mit der Werbung, Tango sei ein simpler Tanz, welcher nichts anderes verlange als halbwegs im Rhythmus übers Parkett zu latschen. Mehr als einmal las ich in Ankündigungen, nach der „Schnupperstunde“ finde eine Milonga statt, auf der man dann „schon ein wenig mittanzen könne“. Nein, kann man nicht! Den Reiz dieses Tanzes machen nicht festgelegte Schritte, sondern die Improvisation zur Musik aus – und daher spielt die Technik eine überragende Rolle. Lernende, die mit dem einspurigen Gehen, Balance, Achse und Umarmung noch auf Kriegsfuß stehen, mit irgendeinem ziselierten Rückwärtseinsteiger zu beglücken, ist grotesk. Gute Tangos handeln von Blut, Schweiß und Tränen – und um sie gut zu vertanzen, muss man dies alles auch vergießen.

Andererseits weiß ich natürlich, dass sich Tangolehrer oft genug gedrängt fühlen, Schritte zu verkaufen statt grundlegende Fähigkeiten zu vermitteln – die Schüler kämen bei „langweiligen“ Themen nicht. Mag sein, dass dies auf jenen Teil zutrifft, der meist eh nicht allzu lange bleibt. Den Rest würde es allerdings umso mehr an den Tango binden, wenn er nicht auf fast jeder Milonga mit der Persiflage dieses wunderbaren Tanzes gequält würde.

Ich weiß, dass es inzwischen auch Kursangebote in der von mir bevorzugten Richtung gibt. So las ich neulich das Workshop-Thema: „Vielfalt, Präzision, Klarheit und Sanftheit in der Führung und im Geführt werden“. Die Zeit? 13 bis 15 Uhr. Wohlgemerkt: zwei Stunden, nicht Wochen oder Monate, denn ab 15.30 Uhr sind dann die „rhythmischen Salidas“ dran…

Tango ist eine Körpersprache, die man sich nicht via verkopfte Anweisungen und „Schrittmusterbögen“ erwirbt, sondern durch haptischen Kontakt mit einem (möglichst erfahrenen) Tanzpartner. Somit ist die Hauptaufgabe der Lehrenden nicht das „Vormachen“, sondern das direkte Üben mit den Schülern. Wenn man dann das Großhirn (welches eh nicht tanzen kann) ausschaltet und fühlen statt führen lernt, sind jene Glücksmomente möglich, welche der Dichter Novalis – ohne den Tango zu kennen – beschrieben hat:

„Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
sind Schlüssel aller Kreaturen,
wenn die, so singen oder küssen,
mehr als die Tiefgelehrten wissen, (…)
dann fliegt von einem geheimen Wort
das ganze verkehrte Wesen fort.“

Mittwoch, 4. Dezember 2013

Terminen-Felder: Betreten auf eigene Gefahr!



O heiliger Gardel, warum muss es eigentlich immer mich treffen? Ich veranstalte schon lange keine Milongas mehr, lege nur ganz selten mal irgendwo auf, und an den paar Buchlesungen im Jahr kann es doch nicht liegen!

Es geht ja auch fast immer gut, solange meine Termine sich auf weit entfernte Territorien wie Nordrhein-Westfalen, Sachsen oder gar Mäcpomm beziehen. Aber sobald ich mich – selbst ohne Propheten-Attitüde – ins  eigene Land begebe, passiert meist das Folgende: Obwohl meine Veranstaltung schon wochen- oder monatelang angekündigt ist, beschließen gewisse Organisatoren kurzfristig sowie spontan, dass es nunmehr längst an der Zeit sei, wieder einmal einen Tangoabend anzusetzen – natürlich gerne am gleichen Tag oder jedenfalls Wochenende!

Schon als wir dereinst in der trostlosen, weil beinahe tangofreien Provinz unsere monatliche Milonga aus der Taufe hoben, bescherte uns dies alsbald die Bekanntschaft mit den einschlägigen Paten: Obwohl ansonsten flächendeckend nix los war, mussten gewisse Raumverdränger ihre höchst sporadischen Dielen-Nahkämpfe möglichst dicht an unsere Termine rücken. Da half es auch nichts, dass wir anfangs alle in Frage kommenden Veranstalter anschrieben und ihnen eine Kooperation hinsichtlich gleichmäßiger Auffüllung des Kalenders anboten. Eine Zusammenarbeit gelang mit wenigen, die häufigere Kommunikation bestand aus Terminkollisionen.

Irgendwie drängte sich uns der Verdacht auf, ein solches Tun könne weniger auf autistische Dämlichkeit, sondern doch mehr auf Konkurrenzgehabe zurückzuführen sein (obwohl es im Ergebnis wurst ist). Vielleicht bereitet ja das Hahnenkampf-Spiel umso mehr Freude, wenn man dann im direkten Vergleich sieht, wie das Duell „FC Ocho versus VfB Sacada“ hinsichtlich des Fanaufkommens ausgeht. Wahrlich, die Türen zu manchen Tanzsälen müssen schon deshalb weit sein, damit diverse Räder sie ungeknickt passieren können… Schlimmstenfalls kann man den verehrten Gegner noch mit dem bewährten „Schuhverkauf-Workshop-Showtanzpaar“-Gedudel abschmieren lassen, wohl wissend, dass er solche Stilmittel nicht einsetzt.

Nun ist es klar, dass man bei diesem Thema in großen Städten nicht zimperlich sein darf, da sich die dortige, umfangreichere Szene auf fünf und mehr Veranstaltungen pro Tag irgendwie verteilt. Doch die erdrückende Mehrheit dieser Population käme eh nie auf die Idee, einen Provinztango zu besuchen – schon weil man ihn weder per U-Bahn noch per Fahrrad erreichen kann. Insofern erscheint mir die Furcht eines etablierten DJs, solche Events könnten die „gültigen Milongas“ in den Metropolen Gäste kosten, eher überängstlich. Dass diese Argumentation von Regionalgouverneuren des Tango freudig in der Weise variiert wird, der Rivale biete eine „problematische“, sicher nicht für Anfänger geeignete Beschallung, ist eine andere Sache…

Einigen Trost spendet die Betrachtung der professionellen Aktivitäten etablierter Organisatoren: Nun gut, Verschiebungen oder Absagen von Terminen können ja mal (oder öfters) vorkommen. Besonderes Vergnügen bereiten mir aber unter anderem die so genannten „stillen Feiertage“. Selbst bei Veranstaltern, die des Deutschen mächtig sind, will es sich oft genug nicht im Langzeitgedächtnis festsetzen, dass beispielsweise karfreitags oder volkstrauertags hierzulande seit Menschengedenken ein striktes Tanzverbot gilt. Lustigerweise kann man dennoch im jährlichen Turnus beobachten, dass an solchen Tagen unverdrossen Tangoevents angeboten werden, bis endlich in den letzten 48 Stunden schrittweise die Streichungen erfolgen. Manche Termine bleiben aber bis zum Schluss erhalten. Interessant wäre es für mich, ob man dann die Besucher vor der Tür stehen oder tanzen lässt, bis die Polizei kommt…

Der Gerechtigkeit halber muss man jedoch einräumen, dass die Verlässlichkeit deutscher Tangoveranstalter bestimmt größer ist als die der Deutschen Bahn AG. Ankündigungen wie „Dieser Zug hält nicht überall“ könnten Erstere vielleicht dazu motivieren, ihre Terminpläne noch buddhistischer zu gestalten. Und außerdem sollten wir momentan alle über das Wetter reden! Na gut, ein paar Fahrgäste werden schon bei mir einsteigen – und vielleicht schneit es am Nikolaustag ja eh…

Werbung: In ihrem „Illustrierten Tangokalender 2014“ bietet Manuela Bößel nicht nur Abbildungen aus meinem neuen Tangobuch, sondern auch ein Kalendarium mit genauer (sogar nach Bundesländern differenzierter) Kennzeichnung aller Feiertage mit Tanzverbot: siehe www.tangofish.de
Da sollte doch nix mehr schief gehen!