Montag, 29. September 2014

Nie sollst du mich zitieren…



In letzter Zeit wurde ich (wieder einmal) in Diskussionen involviert, bei denen man mir und meinem neuen „Milonga-Führer“ einen „dogmatischen Absolutheitsanspruch“ unterstellte. Das Werk sei „in weiten Teilen sozusagen kein Buch für etwas, sondern ein Buch gegen etwas“, man kritisiert mein „ständiges Bewerten und das Unversöhnliche dabei“. Ich brächte es nicht fertig, „auch nur eine Seite zu schreiben, ohne gegen die zu stänkern, die irgendwas anders machen“.

Im konkreten Fall habe ich dem Beschwerdeführer aus dem Kapitel „Tango-Technik“ (S. 138-189) insgesamt 32 Seiten angegeben, auf denen wirklich kein einziges ironisches Wort vorkommt. Seine Antwort: Er habe nur die „Kindle“-Version, da könne er mit Seitenzahlen nichts anfangen. Ende der Debatte (siehe Kommentare zu dem Fresedo-Gillespie-Video).

Diese Erfahrungen mache ich bei solchen Diskussionen immer wieder: Aus der inzwischen im Internet reichlich angebotenen Sammlung negativer Sprüche zu meinem Buch werden in Variationen immer wieder die gleichen abgekupfert – reagiere ich dann konkret und gehe ins Detail, ist Sendepause angesagt.

Da ich es nicht aufgebe, etwas mehr Realismus in die Debatte zu bringen, habe ich im Folgenden etliche Zitate aus der Neufassung zum Thema „absolutistischer Wahrheitsanspruch des Autors“ herausgesucht:     

„Mir war natürlich klar, dass ich ein sehr subjektives und pointiertes Buch geschrieben hatte (…) daher mein öfters im Buch betontes Bekenntnis, kein ‚Tangoexperte’ zu sein“ (S. 12)
„rein aus der Praxis heraus und ohne Rücksicht auf hochtrabende Theorien oder gar Doktrinen bzw. Ideologien“ (S.41)
„Gebt meinen Ideen die Chance, sie zumindest ein einziges Mal auszuprobieren.“ (S. 42)
„bilden Sie sich durch Besuch möglichst vieler Veranstaltungen Ihr eigenes Urteil“ (S. 60)
„Tragen Sie das, was Ihnen selber gefällt“ (S. 74)
„Wenn die Menschen in Ihrer Umgebung keine Macke hätten, würden sie nicht zum Tango gehen (gilt natürlich auch für den Autor dieses Buches!)“ (S. 78-79)
„Wahrlich, beim Tango gilt: ‚Erlaubt ist, was gefällt oder auch nicht’“ (S. 80)
„Wenn es nicht widersprüchlich ist, kann es kein Tango sein“ (S. 96)
„Regeln waren dazu da, überwunden zu werden, es herrschte das kreative Chaos“ (S. 97)
„Ich würde nie behaupten (und habe es auch nicht), Tangokurse seien generell schlecht.“ (S. 106)
„Fazit: Zum Tango führen viele Wege“ (S. 127)
„Ich bin kein Tangolehrer, habe keinerlei derartige Ausbildung (…) Alle Vorhaltungen, ich hätte von hochmögenden allgemeinen Tanztheorien (…) keine Ahnung, treffen daher völlig zu!“ (S. 138)
„Alles, was ich Ihnen auf den folgenden Seiten andiene, resultiert nur aus meiner individuellen Praxis“ (S.139)
„Damit mich niemand missversteht: Keiner sollte beim Tango zu etwas gedrängt oder gar gezwungen werden.“ (S. 191)
„Dass die Auswahl“ (der Musik) subjektiv ist, versteht sich von selber.“ (S. 192)
„Ich entschuldige mich schon mal pauschal für Irrtümer“ (S. 218)
„Meine persönlichen Favoriten sind subjektiv ausgewählt und entsprechen sicher nicht alle dem gängigen Geschmack.“ (S. 218)
„…und natürlich zieren diese ganzen berühmten Orchester aus den ‚Edelmetallzeiten’ des Tango ebenfalls reichlich meine Sammlung und werden von mir auch aufgelegt“ (S. 225)
„Mir sagen diese Schubladen eh nicht viel, da sie die Entwicklung eines individuellen Tanzstils eher behindern.“ (S. 238)
„Fazit: Respekt vor den argentinischen Traditionen, Interesse für diese Wurzeln allemal – kritikloses Kopieren und Ausschluss von Innovationen niemals!“ (S. 241)
„keine Angst, da ich kein Musikexperte bin, kann es gar nicht langatmig oder schwierig werden“ (S. 247)
„Die Summe der eigenen Fehler nennt man Stil“ (S. 283)
„Seien Sie dagegen Nonkonformist: Hören Sie auf die Musik!“ (S. 288)
„Daher möchte ich im Bewusstsein meiner eigenen Unfertigkeit das Schlusswort (…) überlassen“ (S. 292)
„Auch wenn sicher nicht gleich geeignet für jeden und jede, ist hoffentlich bei meinen Lösungsansätzen speziell für Sie etwas dabei“ (S. 297)
„Mit allzu engen Erwartungen ignoriert man das Vergnügen aus allen möglichen Richtungen“ (S. 302)
„Wie wäre es, unauflösliche Gegensätze schlicht als Teil des Lebens anzunehmen – zu akzeptieren, dass auch einmal das ‚böse Gegenteil’ oder gar beides richtig sein kann“ (S. 309)
„Mir bereitet es keine Probleme, wenn andere einen abweichenden Musik- oder Tanzstil propagieren“ (S. 336)
„Daher sollte es beispielsweise selbstverständlich sein, dass man sich auf einer Milonga als Gast zu benehmen weiß und daher auch einmal nicht konvenierende Musik erträgt, anstatt alsbald ideologisch gefärbte Beschwerden anzubringen“ (S. 337)
„Warum also geht man zum Tango? Auf keinen Fall möchte ich jemand die ‚richtigen Motive’ vorschreiben, sondern lediglich meine Sichtweise zum Nachdenken anbieten“ (S. 346)

 Natürlich enthält mein Buch satirische Elemente (siehe Untertitel) – und diese Kunstform lebt von Übertreibung und Zuspitzung. Mir allerdings „ideologische Wahrheitsansprüche“ zu unterstellen, ist abwegig – im Gegenteil: Der „Milonga-Führer“ war und ist ein Plädoyer für den eigenen, individuellen Weg zum Tango ohne Scheuklappen. Wer anderer Meinung ist, kann dies gerne per Zitat und Kommentar dartun – ich fürchte allerdings, es werden, wie üblich, kaum konkrete Antworten kommen. Schon gar nicht deshalb, weil man sich auf diesem Blog ja persönlich outen müsste.

Immerhin gibt es andere Sichtweisen. In der neuen Rezension meines Buches (Tangodanza, Ausgabe 4/2014, S. 85) kommt der Autor (und zwar nicht aus freundschaftlicher Neigung zu mir) zur Erkenntnis: „Möchte man dieses Buch also mit Freude genießen, sollte man Humor besitzen, Satire verstehen können und darüber hinaus noch wissen, dass man bei Ratschlägen immer die Wahl hat, sie anzunehmen oder nicht. (…) Den Kritikern der ersten Auflage mangelte es offensichtlich an einer auch für den Tango wichtigen Fähigkeit, nämlich zwischen den Zeilen lesen zu können.“

Na eben. Mir persönlich würde es allerdings auch schon reichen, wenn meine Kritiker die Zeilen selber lesen könnten…

Sonntag, 21. September 2014

Musik, Magie & Erdle



Ausschnitte unseres Varieté-Abends mit Operette, Musical, Chanson, Tango, Zauberei und Kabarett!
Mitwirkende:
Bettina Kollmannsberger (Akkordeon)
Karin Law Robinson-Riedl (Violine, Gesang)
Florian Erdle (Kabarett)
Gerhard Riedl (Zauberei)

Buchungen über www.robinson-riedl.de

Mittwoch, 17. September 2014

Realsatire


In meinem Buch „Der noch größere Milonga-Führer“ schrieb ich auf S. 80:

„Códigos: Zurück zu den Wurzeln?
Manche Gralshüter der reinen Leere machen sich damit wichtig, der neuzeitlichen sowie erstaunten mitteleuropäischen Tangopopulation archaische Benimmregeln vom „Rio de la Platitüda“ aufzutischen. Insbesondere auf Veranstaltungen, welche „original argentinisch“ daherkommen („Tanzen wie auf den Milongas in Buenos Aires in Hintergwemfting, Bräuroselgasse 14“) wird den erstaunten Gästen Museumströdel von anno dunnemals verordnet: bestimmte Sitzordnung, Aufforderung per gluhe Blicke („Cabeceo“ – gibt’s jetzt auch schon als „Blinzel-Workshop“), Tandas, Cortinas und die knisternde Erotik der Schellackplatten von 1915. („Los Wochos: Jetzt neu, nur für kurze Zeit, mit original südamerikanischer Soße!“). Als unbegründbares Axiom dient jeweils die ultimative Feststellung, selbiger Brauch ginge auf die „argentinischen Gründerväter“ des Tangos zurück.“

Neulich veröffentlichte Peter Baumgartner auf seinem Blog (www.geotraunkirchen.wordpress.com) eine Einladung, die ihn erreichte:

“Dear Friends of McA!” (heißt wohl “Milonga con Amigos”)
“We would like to invite you to our next milonga:
4714 MEGGENHOFEN
Dorfplatz 2
It will take place on the 15th of February 2014
We are very glad to present (…) from Graz ( Styria/Austria) as DJANE .
We are looking forward meeting you in February.
PLEASE DO !
Mirada & Cabeceo, Close Embrace , Ronda
PLEASE DON`T !
Gancho, Boleo, “Stage-Tango”
LIEBE AMIGOS!
Es ist uns eine Freude, euch zu unserer nächsten McA am 15. Februar einzuladen. Wenn ihr Freunde habt, die die enge Umarmung und die Musik der “Epoca de Oro” so schätzen wie ihr, dann nehmt sie mit, sie sind herzlich willkommen.
Auf unserer Milonga wird die Musik der goldenen Epoche des Tangos aus den 30er bis hin zu den 50er Jahren arrangiert in Tandas gespielt.
Das Auffordern: Jede Tanda wird beendet von einer Cortina, in der die Paare die Tanzfläche verlassen, um allen – Männern wie Frauen – die Möglichkeit zu geben, per Augenkontakt und Zunicken (Mirada und Cabeceo) neue Tanzpartner zu finden.
Die Ronda auf der Tanzfläche: Beginnt ein Paar zu tanzen, empfiehlt es sich, vor dem Einordnen ebenfalls Augenkontakt mit den Nachkommenden aufzunehmen, denn oberste Maxime ist: Jede und jeder soll sich auf der Tanzfläche sicher fühlen und nicht durch unberechenbare Bewegungen anderer gestört oder gar verletzt werden. Besonders stressfrei wird es, wenn jedes Paar für sich entweder die erste oder die zweite Spur wählt und diese Position zwischen Vorderpaar und Hinterpaar beibehält, also nicht überholt. Die Führenden können dann leicht einschätzen, wie viel Platz ihnen für die nächsten Schritte bleiben.
Ein ausgewogenes Verhältnis der Führenden und Folgenden: Ein halbwegs gutes Gleichgewicht zwischen Leader und Follower verhindert Stress und Frustration, sodass alle gleichermaßen die Möglichkeit haben zu tanzen. Daher ein Wunsch an unsere Solas. Wir freuen uns, wenn ihr zu unserer Milonga con Amigos kommt. Doppelt freuen wir uns, wenn es euch gelingt, einen Solisten mitzubringen.
Wir freuen uns darauf, gemeinsam mit euch die Atmosphäre einer derartigen Milonga zu genießen!
Das Team”
Da steht man als Satiriker ganz schön blöd da: Die Wirklichkeit übertrumpft als „Realsatire“ die Fantasie des Autors! Da ich dies nicht so lassen will, habe ich den im schönsten Hispano-Denglisch gehaltenen Text noch etwas ausgestaltet:

Dear friends of YMCA,

I’d like to complete this invitation as follows:

If you have friends who also cannot dance anything else like to a boring music with the old fashioned “hatsching” steps, bring them along to us – they also won’t be recognized as individuals, too.

PLEASE DO: a grim face and a frozen embrace
PLEASE DON’T: making jokes, giggling and fooling around

After three or four sluggish titles of music you will hear a few beats of interesting sounds; that’s called “cortina” – and as you anyway can’t dance that, you have to leave the floor instantly and wait until the dull music continues. During this time, you should look for a new dance partner pulling faces or do other silly things drawing the attention on you. That is called “mirada”. If anyone oft the other sex responses in that lunatic way (“cabeceo”), you can continue dancing.

Before this can take place, you should draw a number like the “Hartz IV-receivers” in the German “working agencies”. This number marks your position in the so called “ronda” (dancing couples marching anticlockwise). If this is an odd number, you have to use the inner trace of the ronda, otherwise the trace outside. For the right order, every leader has to glue the paper with his number on his forehead.

Security is the A and O of traditional dancing. Everyone must feel safe und protected against violations and unusual styles of dancing which probably could overstretch his creativity. As for the equipment, you will need a crash helmet, safety glasses, tibia protectors and safety shoes (men also a jockstrap) as illustrated in Gerhard Riedls “Der noch grossere Milonga-Fuhrer” p. 351.

Furthermore, we need a good balance between the numbers of leaders and followers, so that the men don’t have stress and frustration. Therefore, dear single ladies: If you are not capable to force a male partner coming with you, then chop off, you silly bitches!

So we look forward to enjoy with you the very special atmosphere of an “encuentro”!

The team

Dennoch sollten wir ein Wort von Werner Schneyder bedenken:
„Realsatire ist es nur, wenn einer sich totlacht und wirklich stirbt.“     

Mittwoch, 10. September 2014

Vida Mia- Osvaldo Fresedo Dizzy Gillespie


Und weil's so toll war, gleich noch einen: Ist das jetzt EdO oder nicht?
Gott sei Dank bin ich kein "Experte" - ich find's halt wunderschön und würd' gerne wieder einmal drauf tanzen! (Übrigens gibt's am Samstag bei Alfredo in Gröbenzell eine "Tanda historica" mit Fresedo!)

Montag, 8. September 2014

Amores Tangos - Los cosos de al lao



Und so könnte es gehen, wenn man Alt und Jung, Tradition und Moderne verknüpft, statt immer nur zu spalten! (Quelle: Peter Baumgartners Blog www.geotraunkirchen.wordpress.com)

Freitag, 5. September 2014

Gestatten, Tango: meine Tipps für Anfänger



„Das erste Mal, wenn ich einen Jogger lächeln sehe, werde ich das auch für mich in Betracht ziehen.“ (Joan Rivers, 8.6.33 - 4.9.14)

Lieber Interessent,

ich nehme an, Sie konnten sich schon einmal auf einem Tangotanzabend umsehen (so was nennt man „Milonga“, ein bisschen „Jägerlatein“ muss schon sein, macht uns Experten erst so richtig bedeutend). Sie haben dort offenbar vieles erlebt, das Sie attraktiv fanden, einiges allerdings wohl seltsam bis verstörend. Und nun grübeln Sie, ob der argentinische Tango für Sie eine neue Freizeitbeschäftigung werden könnte, eventuell sogar eine Leidenschaft?

Ich kann Sie zunächst beruhigen: Zu einer Passion muss es nicht kommen, die ist es für die Mehrzahl der heutigen Gäste auf solchen Veranstaltungen auch nicht – ein nettes Hobby dagegen allemal. Es ist sicher eine gute Idee, gelegentlich das einsame Zuhause gegen eine Gesellschaft mit Menschen auszutauschen, die zwar ein bisschen spleenig bis verrückt erscheinen, aber doch meist im positiven Sinne und nicht ganz anders als in einem Trachten- oder Kaninchenzüchterverein. Inklusion ist derzeit auch in diesen Kreisen schwer angesagt! So werden Sie in kurzer Zeit eine Menge neuer Kontakte knüpfen, die sich allerdings weitgehend auf den Tango beschränken und nicht zu sehr ins Private abdriften.

In der „Tangoszene“ wird allerhand geboten: Das reicht von „Fingerfood-Büfetts“ über Tanzschuh- plus Kleiderverkauf, Auftritte von Showpaaren, Konzerten und abendfüllenden Tanzdarbietungen bis zu mehrtägigen Festivals, Tangoreisen und -kreuzfahrten. Es ist somit – sogar oft auf dem flachen Land – für genügend Unterhaltung gesorgt, sofern Sie das nötige Kleingeld aufbringen. Schon für die Verkleidung als waschechter „Tanguero“ (männlicher Tänzer mit gestreiftem Schlaghosenanzug und zweifarbigen Schuhen made in argentina, Schlapphut optional) oder gar „Tanguera“ (weibliches Pendant mit Tangoboutiquenfummel plus neonleuchtenden Stilettos) dürfte je ein mittlerer dreistelliger Eurobetrag fällig werden!

Für den finanziellen Aufwand werden Sie jedoch meist reich belohnt: Schon das Treiben auf der Tanzfläche, die schleppenden bis spastischen Bewegungen streng dreinblickender Männer, welche ihre in Duldungsstarre begriffene Partnerin zu eher trägen Klängen rückwärts übers Parkett schieben, arthrotisches Beingehakel inklusive, hat hohen Kabarettfaktor. Zumal für den Darwinisten ergibt sich die einmalige Gelegenheit, nahezu alle Stadien der Evolution des halbwegs aufrechten Ganges von den Prähominiden bis zum Neandertaler zeitgleich zu studieren.

Zudem ist eine Milonga – gar, wenn es sich um eine „angesagte“ handelt – ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. Wie vor dem Paviangehege im Zoo können Sie das gesamte Spektrum männlichen Imponier- und Balzverhaltens beobachten – wobei die Herren typischerweise durch das wirken wollen, was sie tun, die Frauen hingegen darauf setzen, was sie sind (respektive sein möchten): schön, rätselhaft und abgehoben. Und gerade der Anfängerin wird bald die Gesellschaft von Geschlechtsgenossinnen zuteil, welche sie über den Beziehungsstatus und die einschlägigen erotischen Irrungen und Wirrungen der Gäste aufklären – modische Erörterungen über den Abwegigkeitsgrad der jeweiligen Verkleidung inklusive. Wohlgemerkt: Das alles gibt es für wenige Euro pro Abend (falls Sie auf die Kostümierung verzichten)!

Gerade als Single könnten Sie nun auf den Gedanken kommen, den Tango als Vehikel zur Partnersuche zu verwenden. Ein dringender Rat: Lassen Sie das bleiben! Es ist schon wahr, dass man sich beim Tango ziemlich nahe kommen kann (muss ja einen Grund haben, dass er gelegentlich verboten war). Wen allerdings die Wirkung von Bartstacheln, Mundgeruch, süßlichen Parfüms, stramm gespannter Mieder sowie schwefelhaltiger Haarfärbemittel noch nicht genügend abschreckt, sollte sich ein ganz simples Faktum klar machen: Wenn die restlichen Singles beim Tango nicht ähnlich beziehungsgestört wären wie Sie, würden sie abends mit ihrem Partner etwas Sinnvolleres unternehmen als auf Veranstaltungen herumzuhängen, wo Menschen heute auf zumeist langweilige Musik ihre Bewegungsdefizite offenbaren!

In diesem Milieu dominiert die „50 plus-Generation“ der Sozialberufler – und die ist entweder verheiratet oder wird durch bestehende Unterhaltszahlungen wirksam von neuen, stabilen Bindungen abgehalten. Außerdem bewirkt halt der alterstypisch zurückgehende Sexualhormonspiegel die Hinwendung zu Esoterik, Aquarellmalerei, Golfspiel oder Tango. Vor allem aber – und dies ist der entscheidende Punkt – müssten Sie sich dann einer heiklen Aufgabe zuwenden, welche Sie kurz- oder mittelfristig wieder aus der Tangoszene vertreiben könnte – nämlich, diesen Tanz zu lernen.

Meine herzliche Bitte: Überlegen Sie sich das gut – schon deshalb, weil es eigentlich nicht nötig ist! In vielen Fällen hat der Tangobereich den Charakter von Gesangsvereinen angenommen, wo man seine Freizeit mit allerlei netten Unternehmungen gestaltet – gesungen allerdings wird oft erst besoffen auf dem Heimweg, sprich: Das Tanzen ist der Vorwand, nicht der Inhalt. Und wenn Sie gerade als Frau einigermaßen in der Balance einspurig rückwärts laufen können, haben Sie damit die „Lizenz zum Kuscheln“ bereits erworben. Als Mann gucken Sie sich einfach einige Schrittmuster ab, welche Ihnen Ihre Kollegen (Gott sei Dank ja in Zeitlupe) oft genug vorführen. Irgendwann fordern Sie dann eine bessere Tänzerin auf: Keine Angst, die vollbringt das, was Sie eigentlich führen wollten, auch von alleine – und vor allem: Sie ist heutzutage an Tänzer gewöhnt, die es nicht können. Am besten kommen Sie ihr (auch rhythmisch) möglichst wenig in die Quere, dann passt das schon. Um gleich die fällige Rückfrage zu beantworten: Nein, mit Tango tanzen hat das nichts zu tun – aber so haben Sie sich das Alibi zur Mitgliedschaft in der Szene erworben!      

Sollte ich Sie denn gar nicht von der fixen Idee abbringen können, diesen Tanz zu erlernen, wird es allerdings sehr schwierig. Na gut, wenn Sie die ganze Wahrheit wissen wollen: Auch wenn die Tangolehrer das Gegenteil behaupten und es auf ihren bunten Webseiten bis zur Besinnungslosigkeit wiederholen – Tango ist alles andere als einfach! Vor allem nützt es nichts, irgendwelche „Figuren“ einzustudieren. (Sie erinnern sich an Ihre früheren Standardtanzkurse?) Sicherlich gibt es etliche Grundmuster wie Ochos und Sacadas, aber die passen nur zur Musik, wenn man sie völlig spontan und individuell kombiniert. Viel wichtiger ist eine gute Körperbeherrschung, die Sie befähigt, alle Bewegungen auf einem Bein und in der Balance auszuführen, dazu eine gerade Körperachse sowie eine Vorwärtsbelastung über Oberkörper plus Ballen.

Wenn Sie es denn gar nicht lassen können: Gehen Sie lieber ins Fitnessstudio als in einen Anfängerkurs! Zu Letzterem sollten Sie vor allem wissen, dass „Tangolehrer“ kein anerkannter Ausbildungsberuf ist: Jeder kann sich per Erotikpose auf seiner Website als solcher ausgeben – und tut das oft genug auch. Vor allem sagt es gar nichts, wie oft er schon in Buenos Aires war. Können Sie schon deshalb jodeln, weil Sie gelegentlich einen Urlaub in der Schweiz buchen? Tango ist ein Weltkulturerbe – da war Argentinien mit dabei, mehr auch nicht! Vor allem aber: Er beinhaltet eine Bewegungssprache, in der Sie mit Ihrem Partner kommunizieren. Was Sie in Ihrem Tangokurs dagegen voraussichtlich erwartet, sind ellenlange verbale Erklärungen sowie das Vorführen von Schritten, die Sie dann nachmachen sollen. Das Großhirn kann allerdings zwar denken, aber nicht tanzen! Bestenfalls traben Sie hinterher gemeinsam mit Ihrem Partner irgendwelche eingepaukten „Figuren“ herunter: Jeder tut das jeweils Erlernte – von einer echten Kommunikation keine Spur. Wahrlich, der Tangounterricht ist in diesem Land auf einem elenden Niveau!

Ich kann Ihnen daher nur raten, einen erfahrenen Tanzpartner zu fragen, ob er mit Ihnen üben möchte. In diesem „Eins zu Eins-Kontakt“ lernen Sie in Kürze mehr als in den meisten Kursen und „Workshops“! Und tanzen Sie mit möglichst vielen Menschen (gerne auch des gleichen Geschlechts): Nur so werden Sie die verschiedenen „Dialekte“ dieser haptischen Sprache kennenlernen. Dies beantwortet schon die Frage, ob Sie auch ohne „festen Partner“ beim Tango mitmachen können. Ich gehe sogar noch weiter: Bevor Ihr Lebens(abschnitts)gefährte Sie mit saurer Miene und angezogener Handbremse begleitet: Lassen Sie ihn lieber zu Hause, Sie kriegen beim Tango einen gestellt – noch dazu Menschen, mit welchen Sie nicht Ihr gesamtes Beziehungsdrama auf dem Parkett durchdeklinieren müssen. Und: Es ist nicht verboten, dass auch Frauen auffordern!

Hören Sie sich in die Tangomusik ein – schon auf YouTube oder www.todotango.com bietet sich Ihnen eine Unzahl von Beispielen (von kostenpflichtigen Musikdateien ganz zu schweigen). Sie können nicht einfach auf das Parkett marschieren und die Stücke als reine Taktgeber missbrauchen. Und sollte Ihnen nur eine historisch eingeengte Auswahl geboten werden: Fragen Sie nach – Sie sind der Kunde!

Das Wichtigste zuletzt: Ihr Misstrauen sollte spätestens da einsetzen, wo Sie mit Aussagen konfrontiert werden, was denn der „richtige Tango“ sei. Dieser Tanz ist stets individuell, und auch Sie werden nach einiger Zeit hoffentlich einen eigenen Stil entwickeln. Niemand hat das Recht, Ihnen seine eigene Sicht als „allgemeingültig“ aufzudrängen – bestenfalls kann er seinen persönlichen Tango weitergeben: Was Ihnen daran gefällt, übernehmen Sie, den Rest suchen Sie sich woanders.

Die Entwicklung einer solchen Art zu tanzen kostet einige Jahre (mehrere Termine pro Woche vorausgesetzt). Sie werden dann Tango als Passion erleben, inklusive Momente der emotionalen „Verschmelzung“ mit einem vielleicht wildfremden Partner, die Sie nie vergessen werden. Auf der Sollseite erwarten Sie Frust, Muskelkater, Minderwertigkeitsgefühle, menschliche Enttäuschungen und das Problem, heute noch solche Tänzer zu finden. Ist es Ihnen das wert? Na eben.

Daher hoffe ich, Sie von der Schnapsidee abgebracht zu haben, das zu tanzen zu wollen, was ich für wirklichen Tango halte. Dies wäre schon deshalb gefährlich, weil Sie damit in der heutigen Population zu einem krassen Außenseiter würden. Man würde Ihrem Tun dann Blut, Schweiß, Tränen sowie Leidenschaft ansehen – und nicht das, was die eingangs zitierte und gestern leider verstorbene US-Kultkomikerin Joan Rivers so beschreibt:

„Ich mache meine Mutter für mein armseliges Sexleben verantwortlich. Alles, was sie mir erzählte, war: ‚Der Mann liegt oben, die Frau darunter.’ Drei Jahre schliefen mein Ehemann und ich in Stockbetten.“        

P.S. Und sollten Sie noch Fragen haben: Die Kommentarfunktion habe ich hier schon im
Januar 2014 erklärt!