Dienstag, 30. Juni 2015

Wohnzimmer-Milonga mit Live-Musik



Liebe Tangofreunde,
wir laden wieder herzlich ein zu unserer
„Wohnzimmer-Milonga Riedlscher Prägung“
am Sonntag, den 19. Juli 2015
von 15.30 bis 19.00 Uhr
Diesmal mit Live-Musik für zirka ein Dutzend Gäste!
Es spielt unsere „Hauskapelle“, das Duo Tango Varieté: Bettina Kollmannsberger (Akkordeon) und Karin Law Robinson-Riedl (Violine und Gesang). Die beiden Damen bieten traditionelle Tangos, Tango nuevo sowie Chansons und Musette-Walzer. Zwischen den drei Sets lege ich „untanzbare“ moderne Tangotitel auf.
Es sind noch wenige Plätze vorhanden. Anmeldung erforderlich per Mail: mamuta-kg@web.de oder telefonisch: 08446-732.
Der Eintritt ist, wie immer, frei. Getränke sowie vom Hausherrn gebackenen Napfkuchen gibt es zum Selbstkostenpreis.
Ort ist das Riedlsche Wohnzimmer:
Am Gaißberg 8, 85309 Pörnbach

Bei Platzmangel ist auch die Terrasse (oder bei schlechtem Wetter der Hausflur) betanzbar.

Weitere Infos:

Liebe Grüße
Euer Gerhard

Sonntag, 28. Juni 2015

Potemkinsche Kurse



Als Potemkinsches Dorf (…) wird etwas bezeichnet, das fein herausgeputzt wird, um den tatsächlichen, verheerenden Zustand zu verbergen. Oberflächlich wirkt es ausgearbeitet und beeindruckend, es fehlt ihm aber an Substanz. (…) Die Redewendung geht zurück auf eine Erzählung über den russischen Feldmarschall Reichsfürst Grigori Alexandrowitsch Potjomkin, deren Wahrheitsgehalt allerdings strittig ist. Potjomkin, Gouverneur und Militärreformer, der sich unter Zarin Katharina II. um die Entwicklung Neurusslands bemühte, habe vor dem Besuch seiner Herrscherin im neu eroberten Neurussland im Jahr 1787 entlang der Wegstrecke Dörfer aus bemalten Kulissen zum Schein errichten lassen, um das wahre Gesicht der Gegend zu verbergen.
(Quelle: Wikipedia)

Neulich stieß ich auf das nachfolgende Video, das die Dinge, welche ich am gegenwärtigen Tangounterricht vermisse, eindrucksvoll nicht zeigt: In den ersten zehn Sekunden sieht man einige Anfängerpaare zu schrammeliger Beschallung üben – danach tanzt das Lehrerpaar eine einfache Schrittfolge über fünf Minuten lang vor, und beide erklären immer wieder detailliert einzelne Bewegungsphasen. Musik, selbst langweilige, fehlt – außer den gelegentlichen Worten: „Eins, zwei drei“. Die Schüler verfolgen sitzend und wohl einigermaßen gespannt das Geschehen, zum Schluss applaudieren sie. Ende des Kurses? Aha.  

Nun ist mir auch klar, dass die gesamte Unterrichtseinheit mindestens eine Stunde gedauert haben dürfte – nur muss ich schon davon ausgehen, dass man per Ausschnitt ins Internet stellt, was als zentrale Methode der Lehreinheit erachtet wird. Hier offenbar: Schaut her, wir machen’s vor, weil wir’s ja können, erklären’s euch und ihr macht es dann nach. Die meisten Tango-Lehrvideos, z.B. auf YouTube, sind dergestalt gestrickt. Bezeichnenderweise sieht man auf ihnen fast nie, was die Lernenden (falls sie überhaupt anwesend sind) nachher davon umsetzen können – also den Erfolg des Gebotenen. Dabei ist doch, wie es ein berühmter Bundeskanzler einmal formuliert hat "entscheidend, was hinten rauskommt."

Es geht mir nicht um eine spezielle Kritik an den hier agierenden Tangolehrern: Beide sind hervorragende Tänzer, und nach meiner Beobachtung bewegen sich ihre Schüler vergleichsweise nicht schlechter auf dem Parkett als der Durchschnitt der woanders Ausgebildeten. Aber genau darin besteht ja das Dilemma: Die essentiellen Komponenten des Tango fehlen mir in vielen Fällen – sowohl in der digitalen Fassung als auf dem Parkett.

Kommt man pünktlich zum Beginn einer Milonga oder Practica, erlebt man oft noch den Schluss des vorhergehenden Unterrichts; auf jeden Fall aber tanzen in der ersten Stunde viele Teilnehmer des gerade gehabten Kurses. Im Normalfall versuchen sie krampfhaft und mit Blick zum Boden, sich durch den Wirrwarr der gelernten „Figur“ zu kämpfen. An dieser erkennt man meist, dass es sich um etwas Tangoartiges handeln könnte; weitere Indizien hierfür finden sich eher nicht. Das Ganze wirkt auf mich wie ein potemkinscher Tango: mit dem vordergründigen Anstrich halbwegs passender Schritte zu einer ja größtenteils simplen Musik. Tritt man jedoch näher, entdeckt man die getünchte Fassade, hinter welcher nicht mehr viel kommt.

Bei einem solchen Anblick frage ich mich immer wieder, ob den Lernenden jemals die Qualität einer sensiblen Umarmung vermittelt wurde, mit dem Ziel, die Bewegungen des Partners zu spüren und sich darauf einzulassen – oder man ihnen von vornherein die Zwangsvorstellung des „Führens und Folgens“ eingetrichtert hat mit dem Resultat, dass die Männer stets „alles im Griff haben“ sowie die Frauen „fehlerfrei funktionieren“ müssen. Wenn man allein auf diesen Schwachsinn einmal verzichtete, würden die Verkrampfungen auf dem Parkett deutlich abnehmen!

Weiterhin ist es mir ein Rätsel, warum Unterrichtende sich nicht mehr um die Belastung nach vorne als entscheidendes Kommunikationsprinzip kümmern. Auf dem Parkett sehe ich fast ausschließlich senkrechte (wenn nicht gar nach hinten hängende) Körperpositionen. Ersatzweise wird dann gezerrt und geklammert, was natürlich eine weiche, fließende Bewegungsweise verhindert. Folglich kann man ein schönes Gehen (wirklich einspurig mit weit nach hinten angesetzten, verzögerten Schritten der Tänzerinnen) kaum beobachten. Ersatzweise wird viel zuviel in die Breite und „voreinander her“ getanzt. Abrazo und Caminar als Basis des Tango: Da haben die Argentinier ausnahmsweise mal recht – die Frage bleibt allerdings, wieso sie es hierzulande nicht unterrichten…

Ersatzweise wird das Hirnvolumen der Schüler mit ellenlangen Reden und dem Vorführen von Schrittfolgen zugedeckelt. Dies hat verheerende Auswirkungen: Erstens verhindert es das situationsbezogene Erfühlen der Bewegungen des Partners zugunsten eines „Sender-Empfänger-Prinzips“. Zweitens etabliert es zwei weitere Unworte im Tango: „richtig“ (also die gezeigte Choreografie) oder „falsch“ (mithin alles andere). Wieso vermittelt man nicht Grundelemente wie Cunitas und Ochos mit dem Ziel, diese möglichst bald – je nach Musik, Platzangebot und Reaktion des Partners – zu variieren?

Neben den Monologen des Lehrpersonals bleibt das akustische Angebot auf langsam dudelnde Tangos à la Di Sarli beschränkt oder wird durch Zählen (hoffentlich wenigstens bis acht) ersetzt. Damit etabliert man die Vorstellung, beim Tango habe auf jeden Taktschlag ein Schritt zu erfolgen. Verzögerungen, Pausen, die längere Belastung auf einem Bein etc. sind somit ausgeschlossen. In einer solchen „beschützenden Tanzwerkstatt“ wird den Schülern die Interpretation verschiedener Musikstile vorenthalten (das sei ja „zu schwierig“ – falls die Ideologie nicht sowieso den „Einheitstango“ fordert). Also lieber an die Schrittfolgen denken – die Musik ist ja eh stets die gleiche! Dass Tango zwingend die kreative Umsetzung der gebotenen Musik bedeutet, es daher bei deren Vielfalt erst so richtig spannend wird, ist offenbar kein Thema.

Ich habe es inzwischen weitgehend aufgegeben, Anfänger vom Slalom zwischen Kurs und Workshop abzubringen. Das Marketing – zumal, wenn es noch durch südländische Namen verstärkt wird – funktioniert perfekt. Es nützt nichts, ihnen zu erklären, dass man Tango nicht durch Reden, sondern ausschließlich durch Tanzen erlernt, dass ein Üben ohne Musik für die Katz ist, die vielen Schritte und Figuren eine Verkaufs- und nicht eine geeignete Lernstrategie darstellen, es wenig Erfolg verspricht, wenn Anfänger lediglich versuchen, die Bewegungen des Meisterpaars zu imitieren. Und nach dem Kurs gehen dann viele nach Hause, anstatt auf der anschließenden Milonga erst richtig mit dem Lernen zu beginnen. Es ist grotesk!

Aus vielen Jahren Tango kenne ich hervorragende Tänzer/innen, die nie einen Kurs besucht haben und diesen Tanz lediglich durch das Üben mit erfahrenen Partnern gelernt haben. Öfters war ich daran beteiligt, und wenn das schon jemand wie mir gelingt, der keinerlei „Tangolehrerausbildung“ aufzuweisen hat – wie toll könnte dies bei „anerkanntem Lehrpersonal“ wirken! Daher plädiere ich – wenn überhaupt – für die Buchung von Einzelstunden: Die kosten vielleicht fünfmal so viel, man macht allerdings die zehnfachen Fortschritte. Lässt man dagegen stets nur Anfänger miteinander üben, hat man die Garantie, diese noch sehr lange unterrichten zu dürfen… (Oder sitzt in einem Fahrschulauto auf dem rechten Vordersitz ebenfalls ein Führerscheinbewerber?)

Aber vielleicht können ja die auswärtigen Instruktoren gar nichts für die treudeutsche Sichtweise, man erlerne eine Tätigkeit am besten durch kopfgesteuerte Theorie-Instruktionen von „Experten“ ihres Faches. Eine glänzende Satire hierzu hat uns der unsterbliche Loriot mit seiner „Jodelschule“ hinterlassen:

„Das Jodeln, also das Diplomjodeln, das Jodeln mit Jodeldiplom, also mit Jodelabschluss, mit Jodeldiplomabschluss, unterscheidet sich vom Jodeln ohne Jodeldiplom. Das Diplomjodeln ist also nicht zu vergleichen mit dem Normaljodeln ohne Diplom, also ohne Jodelabschluss, ohne Jodeldiplomabschluss!“
(Loriot: Die vollständige Fernseh-Edition, Warner Home Video 2007)

P.S. Liebe Anfängerin, lieber Anfänger, nein, ich weiß, eure Tangolehrer sind da ganz anders, bei denen lernt man wirklich was, sie gehen auch ganz toll auf ihre Schüler ein und helfen, wo sie können. Is ja gut...

Sonntag, 21. Juni 2015

Playlist der Wohnzimmer-Milonga am 20.6.15


Tango al Sur (zum Schuhewechseln):
Bodeo
Sensiblero
El Once
La Cantina
Corazón de Oro

Tangomente
Yo soy Maria
Poema Valseado
Libertango

Hugo Diaz: Tangos
Mi Buenos Aires Querido
Amores de Estudiante
Guitarra mía

Juan José Mosalini: „Bordoneo y 900“
Dominguera
La Bordona
Tres y dos
Cabulero

Carlos Gardel
Por una cabeza
Lejana tierra mía
Sueno querido

Miguel Villasboas y su Orquesta Tipica
El Torito
La Chola
El Portenito

Adriana Varela y Piano
Por la Vuelta
Romance de Barrio
Soledad
Cuando tú no estás

Fervor de Buenos Aires
Nostalgias
Meditación
Despojo
Te vas… Milonga

Valsecitos de Antes
Cabeza de novia (Juan d’ Arienzo)
El Aeroplano (Roberto Firpo)
Noche calurosa (Roberto Firpo)
Recuerdos de la Pampa (Juan d’ Arienzo)

El Arranque: Clásicos
Tema otonal
Qué te importa que te llore
Intimas
Pa’l Arranque

Quadro Nuevo
L’ été indien
Swing vagabond
Tango jalousie

Tanghetto
Buscando Camorra
El Miedo a la Libertad

Sexteto mayor: Milongas
Bailonga
Morena
Milonga de mis amores

Balladen
Sueno de juventud (Brian Chambouleyron)
Sur (Susana Rinaldi & Carlos Cuacci)
Nieblas del Riachuelo (Juan Falú & Marcelo Moguilevsky)

Tango Nuevo
Revirado (Astor Piazzolla)
Verano porteno (Astor Piazzolla)
Universo (Orlando Tripodi)

Adriana Varela
Golondrinas
Silbando
Fuimos

Sexteto Milonguero: Doble o Nada
Lejos estas
Si pudiera
Noche milonguera

Tanda schnulzeada: Osvaldo Fresedo & Héctor Pacheco
Capricho de amor
Fugitiva
Munequita de Paris

Tanda extraordinaria: Juan Llossas und sein Tango-Orchester
Panama
Tschiou, tschiou
Samba caramba

Diesmal habe ich die argentinische Tangosängerin Adriana Varela vorgestellt (geb. 9.5.52 in Pineyro). Bekannt wurde sie 1993 mit dem Album „Maquillaje“  unter Beteiligung berühmter Interpreten wie dem Sänger Roberto Goyeneche und dem Pianisten Virgilio Expósito. Insgesamt hat sie bis jetzt ein Dutzend CDs herausgebracht (z.B. auf Amazon zum Probehören und als Download).

Obwohl sie zu den bekanntesten Frauen in diesem Metier gehört, hat sie auf Milongas kaum eine Chance, aufgelegt zu werden. Das dürfte an ihrem eigenwilligen, dramatischen Interpretationsstil liegen, den sie mit ihrer tiefen, rauchigen Altstimme unterstreicht. Für mich verkörpert sie meisterhaft die Zerrissenheit, die in vielen Tangos steckt, und das Tanzen dazu bedeutet hohen „Gänsehautfaktor“ – im Gegensatz zu dem blankpolierten Unterhaltungsmusik-Gedudel, das man derzeit auszuhalten hat.

P.S. Fragen zu einzelnen Titeln oder CDs gerne per Kommentar!

Donnerstag, 18. Juni 2015

Mein asozialer Tango


„Es lastet auf dieser Zeit
der Fluch der Mittelmäßigkeit.
Hast du so einen schwachen Magen?
Kannst du keine Wahrheit vertragen?
Bist also nur ein Griesbrei-Fresser-?
Ja, dann...
Ja, dann verdienst dus nicht besser!“


(Kurt Tucholsky: „An das Publikum“)

Den Begriff „sozialer Tango“ hoben wir schon aus der Taufe, als er noch nicht von Zeitgenossen besetzt war, die darunter etwas ganz anderes, nämlich ihren „Law and Order-Tango“ nach dem Regelwerk der sogenannten „Códigos“ verstehen: Er bildete die Grundidee unserer monatlichen Tanzabende ab 2007. Wenige Jahre später beschrieb ich in der ursprünglichen Fassung meines Tangobuches, was uns unter dem Thema „soziale Milonga“ vorschwebte: „Wir sahen unsere Rolle weniger in der des ‚Veranstalters‘, sondern des Gastgebers, der Kontakte mit allen versucht, natürlich insbesondere auf dem Parkett: Niemand sollte sitzen bleiben, wenn er/sie es nicht unbedingt beabsichtigte.“ Im Klartext: Wir wollten mit möglichst allen Gästen tanzen – insbesondere denen, welche mangels eines festen Partners eher selten zum Zuge kamen – also vorwiegend den weiblichen Singles.

Ich muss gestehen, dass mir dieses Bedürfnis auf den heute üblichen Milongas ziemlich abhandengekommen ist. Außer meiner Begleitung fordere ich dort eher selten andere Tänzerinnen auf. Geradezu tragikomisch finde ich daher die Einschätzung meiner werten Gegner, die Damenwelt im Tango sollte mich – schon wegen meiner Ablehnung des nunmehr erwarteten „spanischen Hofzeremoniells“ – gefälligst mit einer Tanzverweigerung abstrafen, am besten lebenslänglich (wegen besonderer Schwere der Schuld): In Wahrheit wäre ich manchmal froh, wenn dem so wäre!

Im Unterschied zu 99,9 Prozent aller Tangueros gebe ich Motive männlicher Tanzunlust zu, welche wohl dennoch 99,8 von Hundert meiner Geschlechtsgenossen steuern: Aussehen, Alter, Kleidung und Tanzkünste (und zwar in exakt dieser Reihenfolge) – da ist die Evolution der Primaten in den letzten paar hunderttausend Jahren nur millimeterweise vorangekommen, alles andere würde an ein biologisches Wunder grenzen! Die gegenteiligen Beteuerungen in der maskulinen Tangoszene sind zwar fromm, aber, wie so vieles aus der Abteilung „demonstrativer Pietismus“, deshalb noch lange nicht wahr.

Wenn man mich ehrlich nach meiner persönlichen Beeinflussbarkeit durch solche Reize fragen würde, müsste ich lügen. Weit schlimmer trifft mich allerdings ein anderes Faktum: Auf den derzeit vorherrschenden, sich traditionell verstehenden Milongas mag ich auf die meisten Stücke eh kaum tanzen – und zwar nicht deshalb, weil ich dem Schaffen der großen Musiker aus der „Goldenen Tangozeit“ nichts abgewinnen könnte! Bei den einschlägigen DJs habe ich allerdings den Eindruck, sie hätten zuletzt vor einigen Jahren ein Festivalito auf Feuerland besucht und könnten daher nicht wissen, dass ihre Musikauswahl auf jedem zweiten Tangoabend eins zu eins heruntergenudelt wird: Mit stoischem Gleichmut werden da Milongas von „Silueta portena“ über „Milonguita“ bis zur unvermeidlichen „Milonga sentimental“ zu Tode gespielt – und Valses gibt es ja außer „Sonar y nada mas“ und „Lágrimas y sonrisas“ kaum einen… Es ist unglaublich: Essen die auch seit Jahren die gleiche Marmelade zum Frühstück (oder gar dieselbe)?

Um solchen Aufnahmen noch einen Rest an Leben einzuhauchen, muss ich sie schon mit einer der besten Tänzerinnen des Abends interpretieren – und danke fürs Angebot: Die habe ich meist selber dabei. Eine weitere Schwierigkeit bildet für mich die vorherrschende Realität einer sich formationstanzartig zäh linksrum bewegenden „Ronda“, welche dem „Wandertags-Prinzip“ gehorcht: Der Langsamste bestimmt das Tempo (und der Lehrer geht stets voraus…). Der unter Verzicht auf „Spurtreue“ nötige Slalom durch einen Wald von „Untoten“, welche wie in Horror-Movies mit leerem Blick durch die Szene tappen, fordert auch von meiner Tanzpartnerin schnellste Reflexe und abrupte Richtungswechsel, falls sich der Zombie vor mir nach längerer Meditation beispielsweise zu einem großen Rückwärtsschritt aufschwingen sollte… Und das soll mit einer Tänzerin gelingen, die schon bei Basis-Bewegungen im Grenzbereich zur Krise agiert?

Und wenn spätabends eventuell die „Alibi-Neotango-Tanda“ erklingt (wahrscheinlich mit „Sin Rumbo“, „Los Vino‘“ oder „Allerdinos Otros Aires“ – wir wollen ja nicht origineller werden als im Klassik-Segment): Zumindest bedeutet sie eine Abwechslung, die ich dann schon meiner weiblichen Begleitung anbieten möchte (falls die Damen es nicht vorziehen, miteinander zu tanzen und ich mir dann überlege, ob ich Lust auf zehn Minuten Marschfoxtrott habe oder lieber dem einzigen tollen Tanzpaar des Abends zuschaue).

Bin ich älter und müder geworden? Ganz bestimmt – und besonders spüre ich das, wenn man mir das branchenübliche musikalische Förderschulprogramm aufstreicht. Aber wäre es meinem Alter nicht sowieso gemäßer, am Rand der Tanzfläche zu sitzen und mit meinem Spazierstock begeistert auf die vielen jungen Menschen zu zeigen, welche es auf dem Parkett voller Energie und Lebenslust so richtig krachen lassen – und vielleicht mit meiner Ballonhupe am Rollator den Rhythmus zu unterstützen? Stattdessen fühle ich mich auf dem Parkett zu jung, um mich mit den räumlichen und musikalischen Begrenzungen abzufinden – so alt wie diese Form des Tango möchte ich jedenfalls nicht werden.

Daher bitte ich die Damenwelt um Nachsicht, wenn ich als „Cabeceo-Verweigerer“ die meisten fragenden Blicke ignoriere. Notfalls kann man mich ja verbal auffordern – und im Gegensatz zu manchem weiblichen Outfit werde ich dies sicher nicht als „sexuelle Nötigung“ (in welcher Hinsicht auch immer) betrachten. Ich gebe keine Körbe und werde im Fall des Falles meine Depressionen auch zehn Minuten lang tapfer unterdrücken versprochen!

Da jedoch die Hoffnung zuletzt stirbt, vielleicht abschließend noch einige konstruktive Ratschläge für die weibliche Fraktion – auf die Gefahr hin, dass die Erwartung von Eigenaktivität inzwischen auf dem Gebiet schon nicht mehr zur „artgerechten Haltung“ zählt:

·         Wie wäre es, sich einmal selber mit unterschiedlicher Tangomusik zu beschäftigen und sodann zu überlegen, ob einem das Segment „die hundert Lieblingsmelodien des DJ“ wirklich jahrelang reicht?
·         Widrigenfalls könnte man dann Veranstalter, Aufleger oder gar den örtlichen Tangovereinsvorstand mit Anfragen nach musikalischer Vielfalt (oder auch größeren Tanzflächen) nerven.
·         Würden vielleicht etliche Privatstunden bei einem wirklich guten Tänzer (notfalls sogar Tangolehrer) dazu führen, sich technisch sicher und stilistisch variabel zu bewegen?
·         Sollte man jedoch die derzeit vorherrschende Musikrichtung bevorzugen oder gar meinen, auf die Beschallung käme es eh nicht an, Hauptsache überhaupt tanzen: Dann wäre es halt gut zu akzeptieren, dass die erdrückende Mehrzahl der Tangueros dies aufregender findet als ich.

Mir bliebe dann lediglich die Einsicht, die ich in Abwandlung neulich einmal irgendwo gelesen habe:

Aus Sex, Drugs and Rock’n Roll wurden Workshops, Lactose-Intoleranz und Langweiler-Tango.

P.S. Dieser Beitrag gilt natürlich nicht für Milongas, bei denen ich auf Grund der grandiosen Musik eigentlich jedes Stück vertanzen möchte. Sollte ich da einmal einen interessierten Blick ignorieren, so einzig und allein aus altersgerechter Erschöpfung!