Sonntag, 30. April 2017

Enklaven, wo der Tango noch lebt



„Wenn sich in einem Saal alle synchron bewegen, kann man große Massen hineinquetschen.“
(Juan D. Lange, Berliner Tangolehrer-Legende)

Momentan mache ich wunderbare, optimistisch stimmende Erfahrungen, was den freien, abwechslungsreichen und kreativen Tango betrifft!

Immer wieder wird mir klar: Der Tango lebt – allerdings nicht auf den allfälligen Massenveranstaltungen, sondern zum Beispiel in Wien bei Alessandra und Peter Seitz. Der einst wegen „ideologischer Unzuverlässigkeit“ aus der Augsburger Tangoszene Verstoßene forderte jüngst mit vollem Recht

eine klarere Definition der DJˋs als Künstler im weitesten Sinne und dadurch eine deutliche Steigerung der Wertigkeit, sprich Motivation, aber auch ein Abschied von der die letzten Jahre massiv vertretenen Doktrin, dass der Tango mit einer käuflich zu erwerbenden „Tütensuppe“ aus Regeln und einer extrem abgespeckten Musikauswahl quasi von jedem zu machen ist ( nach Besuch der zugehörigen workshops ;-( )“

Die Milongas der beiden unter dem herrlichen Motto „EDO is now“ sind sicher eine Reise wert:

Irgendwo draußen in der Provinz, völlig unbeachtet von der „Tango-Snobiety“ (da quantitativ nicht wert, „auf Kurs“ gebracht zu werden), in kleinen Lokalen oder im Saal eines Kolpinghauses, mache ich immer wieder eine Erfahrung, welche Carmencita Calderón, die Partnerin des legendären Tänzers El Cachafaz, so ausgedrückt hat:
„Der Tango kommt aus den Slums, nicht vom Parkett. Und wenn man das nicht mehr sieht oder spürt, dann ist er tot.“

Der freie Tango, so scheint es, überlebt in unserer Region derzeit in kleinen ökologischen Nischen:

Jenseits des branchenüblichen Geplusters, im Keller eines mexikanischen Restaurants in Kaufering, legt seit einiger Zeit jeden zweiten Mittwoch ein DJ auf, der inzwischen zu meinen Lieblingen zählt: Hannes Rieger. Er bietet einen völlig ideologiefreien Streifzug durch über hundert Jahre Tangomusik – und das in seiner stets bescheidenen, unaufdringlichen Art:

Für mich weiterhin eine der besten Milongas in unserer Gegend: Das „Tango Café“ im romantischen Schloss Blumenthal. Inzwischen fast jeden zweiten Sonntag liefert DJ Hans-Jürgen eine geniale Musikmischung, so dass ich fast nicht zum Sitzen komme. In der Stunde vorher kann man bei seiner Ehefrau Simone Schumacher auch noch Tango lernen. Beide kümmern sich mit größter Freundlichkeit um ihre Gäste, was eine wunderbare Stimmung erzeugt.

Erst gestern besuchten wir eine Milonga, die wohl kaum einer kennt: Im tiefsten Mittelfranken wird sie von Egon und Ingrid Wenderoth veranstaltet. Auch dieses Paar tanzt – anders als die meisten Tangolehrer – mit allen Besuchern, die Atmosphäre ist einladend und inspirierend. (Und ich habe selten auf einer Tangoveranstaltung zu so vielen Piazzolla-Titeln tanzen dürfen!)

Die nächsten Termine sind (2017) jeweils am ersten Samstag des Monats von 16.00 bis 20.00 Uhr im Tanzstudio Feel The Dance, Willy Brandt-Allee 1, 91301 Forchheim (Eingang links im "Globus-Einkaufszentrum", 1. Stock). Vorher gibt es von 15 bis 16 Uhr eine Practica.

Seit einiger Zeit gibt es in Dachau die „Milonga de 12 Tandas“, welche von Alegría Mannhardt und David Tobias Schneider jeweils am ersten Dienstag im Monat in der „Kulturschranne Dachau“ veranstaltet wird. Die Musikmischung ist zirka 70/30 (traditionell/modern), und auch hier gilt: Tanz mit allen Gästen, einladende, ungezwungene Atmosphäre - und immer wieder Besonderheiten wie neue DJs und Livemusik.

Die Anschrift: Pfarrstraße 13, 85221 Dachau (Auto am besten in der nahen Tiefgarage P 2, Wieninger Str. 10, abstellen!)  

Neulich hatten wir das Glück, dort zu Live-Musik von Alegrías Gruppe „The Deadful Greats“ tanzen zu dürfen, unter anderem zu folgendem Tango:



Hab ich noch was vergessen? Aber sicher – zum Beispiel die monatlichen Milongas bei Peter und Monika in Freising, die Veranstaltungen von „Tango Luna“, neue Chancen für moderne Tangomusik selbst in Ingolstadt (!), die Tangofeste von Alfredo Foulkes (für die man inzwischen gar nicht mehr werben muss)… mir geht es im Moment richtig gut!

Also, auf zur Suche nach den Enklaven, wo der Tango noch lebt – denn wer ins Museum will, landet irgendwann automatisch dort!

Freitag, 28. April 2017

Die Tangonauten-Sage

„Warum sollte man trotz Tango doch lachen können?“
(Münchner Tangolehrer auf Facebook)

 
Der Münchner Tangolehrer Andreas Thun (alias „Tangonautics Andi“ oder nunmehr hispanisiert „Andreas de Ángela“) hat es schon lange einmal verdient, einen eigenen Beitrag zu erhalten. Jüngst veröffentlichte er auf seiner Website sowie Facebook einen Text, bei dem er stellenweise sogar beinahe recht hat. Da er nach meiner Einschätzung jedoch sicher gerne völlig recht hätte, habe ich seinen Artikel etwas bearbeitet.

Zum Vergleich hier der Originaltext:


Soziales Tango Tanzen:

Woher sollen Menschen, die neu zum Tango kommen, wissen was sich auf einer Tango-Tanzveranstaltung (Milonga) gehört und was nicht? Nun, obwohl es vielleicht nicht dem Selbstbild des Autors entspricht: Die meisten Leute im Tangoalter sind nicht gestern aus dem Urwald eingewandert, sondern verfügen häufig über Erziehung, Erfahrung und Umgangsformen. Die spezielle „Tango-Kultur“ ist den meisten hierzulande eh wurst, sie wollen einfach tanzen, Leute kennenlernen und Spaß haben. Auch der Mehrzahl in Argentinien ist der Tango (damals wie heute) eher fremd, sofern sie nicht in Metropolen wie Buenos Aires aufwachsen.

Braucht es also einen „Vermittler“ zwischen dem richtigen Leben und der Tangowelt? Nun, wenn überhaupt, dann nicht den Tangolehrer, weil ihm einfach die tänzerische Praxis auf den Milongas fehlt, da er bei diesen herumsitzt, höchstens mit „Alpha-Tangueras“ tanzt und sich manchmal aufführt wie der Elefant im Porzellanladen. Und wer schon Anfängern mit Regeln und Vorschriften kommt, wird diese eher abschrecken als ermutigen! Wichtig wäre es vor allem, sie zum häufigen Auffordern zu animieren – wie galant auch immer.

Unter sozialem Tanzen verstehen wir das achtsame Miteinander aller Gäste auf der Milonga. Wie sich dies jeweils konkretisiert, hängt von vielen Faktoren ab. Auf jeden Fall sollte man sich bemühen, andere auf dem Parkett nicht zu behindern und freie Räume zu nutzen. Die „Ronda“, in der die Paare in gleichen Abständen hintereinander her dackeln, ist eher dem kirchlichen oder militärischen Bereich zuzuordnen, nicht einem lebendigen Tanz wie dem Tango.

Das heißt konkret, dass ich auf andere nicht zu nah auftanze. Erfahrene Tanzende sollten genug Ressourcen haben, um auch die Dynamik der unmittelbar sie umgebenden Paare (tanzende UND nicht tanzende) im Auge zu behalten. Ähnlich wie im Straßenverkehr gilt: vorausschauend fahren respektive tanzen! Anfänger können das noch nicht, daher muss man ihnen im Zweifel ausweichen.

Wir tanzen auf einer Milonga also in unserer Komfortzone, wir machen das, was wir gut können, also wenig.

Die Aufgabe der Tangolehrer wäre es, diese Zusammenhänge vorzuleben, aber nicht durch Theoretisieren, sondern durch eigenes Tanzen, auch auf den Milongas und mit Anfängern – ob diese nun deren Schüler sind oder nicht…

Soziales Tanzen bedeutet zusammengefasst die Berücksichtigung aller Grundsätze guten Benehmens, ob nun beim Tango oder anderen Aktivitäten auf dem Parkett.

Aber nicht nur die gerade aktiven Paare sind gefragt, sondern alle Mitglieder der Tangoszene: Sein erwachsenes Umfeld mit Besserwisserei und aufgesetzten Regeln zu nerven, zeugt von einer unterirdischen sozialen Einstellung!
 
WENN jedoch einmal ein Zusammenstoß vorkommt (das kann ja passieren), dann sollte auf jeden Fall Blickkontakt gesucht werden, und ggf. ist eine Entschuldigung fällig. Dies jedoch als „Hauen und Stechen“ zu bezeichnen und die vermeintlichen Verursacher als „Täter“ (wenn auch in Anführungszeichen), zeugt von wenig Feingefühl.

Wenn sich der überwiegende Teil der Gäste sozial verhält, dann stellt sich auf einer Milonga eine schöne Stimmung durch das achtsame Miteinander ein. Die gelegentlichen kleinen Ungeschicklichkeiten auf dem Parkett mit den jährlich fast 3500 Toten sowie beinahe 400000 Verletzten im Straßenverkehr zu vergleichen, ist jedoch geschmacklos.

Eine Milonga hat dann ein hohes Niveau, wenn möglichst viele gute Tanzende anwesend sind und diese es auch öfters mit Anfängern probieren, in welcher Choreografie auch immer. Das würde ich gerne öfters sehen!

Das Hauptthema des Tanzunterrichts sollte Tanzen sein. Würde doch reichen, oder?

P.S. Und das kann man dort wohl ganz gut lernen: