Freitag, 30. März 2018

Auf in den Krampf, Tanguero!


Es ist unfassbar: Ich fahre in der Früh den Rechner hoch und werde von der nächsten Welle galoppierenden Tango-Wahnsinns überrollt!

Diesmal verdanke ich die Anschauung eines monumentalen Beispiels aus dem deutschen Recherche-Journalismus Alessandra Seitz, die das Video in ihrer Facebook-Gruppe verlinkte:

Unter dem literarisch wertvollen Titel „Tanzbar – Lena tanzt Tango“ erleben wir die etwas bockbeinige Reporterin Lena Sappert, die fürs Privatfernsehen auszieht, einen Tango-Fortgeschrittenenkursus fürchten zu lernen. Passenderweise hat sie sich in enge Jeans und Stiefeletten gezwängt, was schlimme Folgen haben wird.

„Stufe 2“ sei nun angesagt: „Wir tanzen nicht mehr alleine, sondern zu zweit, es geht los mit den Paartänzen“. Dass sie daran „eigentlich nur scheitern“ kann, ahnt sie zu Recht.

Dabei ist ihr „Hans aus Holland“ gerne behilflich – seines Zeichens ein einjährig freiwilliger Tangoschüler.  Beherzt ruckelt er Lena durch die Figur des Tages, etwas in der Art von enrollador de pierna roto” („eingesprungener Beinwickler“). „Ein bisschen locker bleiben“ rät die wie üblich viel sagende Tangolehrerin ausgerechnet zu den Klängen von „Roxane“

Damit ich’s nicht vergesse: Bereits in den ersten 15 Sekunden würgt sich im Hintergrund (in weißem Hemd und schwarzer Hose) ein älterer Grande durch die Figur, was Schlimmstes ahnen lässt. Schon da kam bei mir „Loriot-Verdacht“ auf.

Es folgt das unvermeidliche Interview mit der Tangolehrerin, welche Wert darauf legt, der Tango sei ein „improvisierter Tanz“, bei dem sie die Möglichkeit habe, „die Musik so zu vertanzen, wie ich sie fühle“. Warum sie das nicht auch ihren Schülern erlaubt, anstatt sie mit einer kopfschüssigen Fußhakelei zu belästigen, erwähnt sie nicht. Jedenfalls gebe es „keinen Grundschritt, keine Figuren und keine Folgen“.

Wie heißt es so schön auf der Website der Tangoschule? „Mit viel Humor und einfühlsamer Didaktik, helfen sie den Schülern, sich in der rhythmischen Welt der Milonga zurechtzufinden und die eigenen spielerische Kreativität für Rhythmik und Schritte zu entdecken.“

So bekennt die Reporterin, ihr falle es gar nicht so leicht, sich wirklich auf den Tanzpartner einzulassen, sie sei „eher ziemlich verkrampft“. Kein Wunder, wenn man Krampf lernen soll…

Auch Hans darf leider noch etwas in die Kamera sagen: Tango werde geführt von dem Mann, die Frau müsse lernen, zu folgen – wenngleich sie auch ihre Freiheit bekäme. Wieviel von der zu halten ist, erfährt sie von Franz, ihrem nächsten Tanzpartner: „Die oberste Maxime ist: Ich bestimme! Deshalb tanze ich Tango argentino.“ 

Ab dem Moment wusste ich: Das kann nicht echt sein – das sind Loriot und Evelyn Hamann in der Folge „Tango bei Hoppenstedts“! Sätze wie diese können nur aus der Feder des genialen Humoristen stammen: „Wir sind zum Tango gekommen, weil mein Mann wollte, dass ich mal folgen lerne.“ Da ist’s wahrlich nicht mehr weit bis zum Jodelkurs mit Jodeldiplomabschluss!

Schön ist auch die Szene, wo das Bekenntnis eines Ehemanns „Man kommt sich körperlich dabei auch sehr nahe“ gnadenlos von seiner Gattin durchkreuzt wird: „auch anderen Männern“. Wie sagte Frau Hoppenstedt? „Mein Mann möchte eine echte Partnerin haben, die ihre eigenen geistigen Fähigkeiten entwickelt.“

Da schließen wir uns doch gerne dem Fazit der feschen Reporterin an:
„Was ich an diesem Tag auch lerne: Tango ist das Gesetz für eine gelungene Paarbeziehung.“

Holleridudödeldi!

Da man am Karfreitag nicht lachen darf, vielleicht doch erst morgen ansehen:


P.S. Opa Hoppenstedt allerdings hat den Tango inzwischen aufgegeben und dirigiert lieber wieder den „Helenenmarsch“:

 

Hundert Tage „mYlonga“


Wer den viel postenden Berliner Journalisten und Tangotänzer Thomas Kröter noch nicht kennt, ist selber schuld: Seit Jahren veröffentlicht er auf Facebook eine Unzahl von Links, Empfehlungen und Kommentaren zu Politik, Kultur und vor allem Tango – eine unerschöpfliche Quelle von Anregungen, denen auch ich viele Musiktipps und Ideen für Blogbeiträge verdanke. An dieser Stelle schon einmal ein herzliches Dankeschön dafür!

Seit Ende des letzten Jahres ist der Autor nun unter die Blogger gegangen, was ich ihm schon längst empfohlen hätte, wenn mir die mindeste Hoffnung bliebe, er würde Ratschläge von mir annehmen: Aber er ist ein Querkopf, den es vor Jahren vom Standardtanz zum Tango verschlagen hat, welcher ihm größere Freiheiten verhieß. Da sich diese inzwischen immer mehr marginalisieren, kann er gelegentlich aggressiv werden. Da wir zudem beide, auch mental, im „Waldorf & Statler“-Alter sind, haben wir somit einiges gemeinsam!

Was Kröter in seinem Intro schreibt, zeigt bereits den Wert seiner Seite in heutigen Tangozeiten: „Der Tango schien mir mehr Freiheit zu versprechen. Musikalisch. Tänzerisch. Deshalb gibt es für mich nicht nur eine, sondern zwei, drei, viele goldene Epochen dieses wunderbaren Tanzes. Die glänzendste liegt in der Gegenwart.“

„mYlonga“ nennt er in hispanisiertem Denglisch sein Blog, untertitelt mit „Beobachtungen und Bemerkungen eines tangotanzenden Flaneurs“. Der Begriff des ziellos umherstreifenden, gerne etwas dandyhaften Fußgängers hat ja literarische Wurzeln – von Rousseaus „Les Rêveries du promeneur solitaire“ über Edgar Allen Poes „Der Mann in der Menge“ bis zu Walter Benjamins Großstadt-Impressionen. Eine durch Reizüberflutung und Oberflächlichkeit bewirkte Blasiertheit ist da inklusive.

Bereits Ende November letzten Jahres hatte Thomas Kröter uns sein neues Blog angekündigt – es dauerte jedoch noch einmal vier Wochen, bis der erste wirkliche Beitrag in einem halbwegs vernünftigen Layout zu lesen war – ob sein Webmaster auch am Bau des Berliner Flughafens beteiligt ist, wissen wir nicht. Es würde aber gut passen: Ein klassischer Fehlstart also.

Daher habe ich mich entschlossen, die Frist für mein 100 Tage-Portrait des Blogs erst ab dem Moment zu berechnen, als es wirklich losging. Dass sie nun ausgerechnet an einem Karfreitag endet, mag Zufall sein.

Altblogger Cassiel jedenfalls schien die Neukreation wohl harmlos genug, dass er sie gleich per Kommentar lobte: „Schön! Ein weiteres Tangoblog … das freut mich (für mich kann es nicht genug Blogs zum Tango geben). Ich wünsche gutes Gelingen und schaue demnächst wieder vorbei.“

Na ja, mein Lieber, auf ein Blog könntest du wohl bis heute verzichten – aber der Schein heiligt die Mittel. Vorbeigeschaut hat er bis heute wohl tatsächlich: Es ist sein einziger Beitrag dazu geblieben…

Zurück zu Kröters Œuvre: 26 Texte sind es bislang geworden – also einer in zirka vier Tagen, was eine ordentliche Frequenz darstellt. Die Themen sind bunt gestreut: Impressionen aus Buenos Aires, Hinweise auf Gedrucktes, Gefilmtes und Musikalisches, aber auch – in letzter Zeit zunehmend – sehr subjektive Bewertungen selbst erlebter Erfahrungen. Gerade da fallen die Texte meist stärker aus als bei Versuchen, ein weiteres Tango-Feuilleton zu kreieren: Beiträge wie Tangotanzen macht lustig“, „Der entscheidende Unterschied“ und „Standardtänzer als Vorbild?“ machen Lust auf mehr.

An der Spitze steht für mich nach wie vor der Artikel „Zu Piazzolla tanzen? Warum nicht!“, den ich als damals unter Pseudonym veröffentlichten Text auf mein Blog übernommen hatte. Später erschien eine überarbeitete Fassung in der „Tangodanza“, nun hat Thomas den Text noch einmal einem „Upgrade“ unterzogen – meisterlich, fürwahr!

Am anderen Ende der Skala liegt für mich die Besprechung eines Buches, bei dem ich zugegebenermaßen befangen bin: „Fundstücke… Beziehungstango“. Ich finde den Tonfall herablassend und die Befassung oberflächlich. Dies beweist nicht nur die missglückte doppelte Verneinung, die Autoren würden „gegen den Antidogmatismus im deutschen Tangoleben publizistisch tätig“.

Auch generell wird Kröter am schwächsten dann, wenn er im Tonfall des berlinernden Kulturchauvinismus ins Horn stößt – hier etwa mit der Beschreibung, was für dortige Tangolehrer längst „state of the art“ sei. Und auch bei meiner Person lässt er ja kaum eine Gelegenheit aus, die Provinzklischees à la „bayerischer Grantler“ und „hinter den sieben Bergen“ auszupacken. Dass dies nicht nötig ist, sondern eher zeigt, wer es nötig hat, ficht ihn nicht an. Schon deshalb bin ich übrigens ein strikter Gegner des Länderfinanzausgleichs!

Schade finde ich auch, dass der Autor seine zurückliegende Reise nach Buenos Aires in der Anfangsphase des Blogs nicht zum „Anreißer“ gemacht hat. Sicher gibt es vereinzelte Texte über argentinische Friedhöfe, Tanzschuhkäufe und Neolongas – die wirklich große Chance jedoch wurde verspielt: Da reist mal ein kritischer Geist ins Tangomekka, einer also, der nicht auf Jubel vorprogrammiert ist. Welch ein Gelegenheit, endlich einmal grundlegende Frage zu beantworten wie: Sind die Tangoverhältnisse dort wirklich so, wie man sie in den konservativen Szenen weltweit anpreist? Stattdessen gibt es auf Facebook das Bild eines (in der Eile zu einer Tradi-Milonga) verstauchten Zehs – jammerschade!


Eine Befürchtung hat sich glücklicherweise nicht erfüllt: Dass der Autor sein berüchtigtes, reduziertes Smartphone-Deutsch „1fach x 1:1“ auf sein Blog übertragen würde. Nein, er bemüht sich tatsächlich, eine korrekte Schreibe zu fabrizieren. Was er allerdings beispielsweise „mit Auftitten aus dem gerade zu ende gegangenen Karneval“ meint, möchte ich lieber nicht wissen… Und wenn man ein Buch bespricht, sollte man wenigstens den Titel im Original zitieren: „Maenner führen, Frauen folgen“ lautet er jedenfalls nicht. Und in einem Tangoblog empfiehlt es sich, besonders die spanischen Begriffe lieber nochmal zu googeln: „Mi Buenos Aires Qerido“ „Quechas de Bandoneon“ „Vuelvo als Sur“ „Astor Piazzola“ und „Anibal roilo“ ist jeweils knapp vorbei.



Sämtliche Ausrutscher stammen übrigens aus Texten vom vergangenen Februar. Es wäre also Zeit genug geblieben, sie einmal von kundiger Seite gegenlesen zu lassen. (Er wird doch einen Journalistenkollegen kennen, der fehlerfreies Deutsch kann!) Ich schreibe dies, obwohl es mir wahrscheinlich wieder eine der sattsam bekannten, schwachsinnigen „Oberlehrer-Beschimpfungen“ einbringen dürfte. Da kontere ich mit Altmeister Tucholsky: „Sprache ist eine Waffe. Haltet sie scharf. Wer schludert, der sei verlacht, für und für.“ („Mir fehlt ein Wort“, 1929)



Und weil wir schon bei Sorgfalt sind: So wie im Hotelwesen alles gegrüßt wird, was sich bewegt – und was sich nicht rührt, geputzt, so sollte man als Blogger jeden Kommentar beantworten. Zumal, wenn man eine Replik angekündigt hat. Nur dann fühlen sich die Leser ernst genommen.


Ein bisschen steckt das Blog derzeit noch zwischen Baum und Borke: Ich sehe viele interessante Ansätze, oft wird ein Thema jedoch nur in nonchalanter Flaneur-Manier angestupst. Diese Unverbindlichkeit mag charmant oder cool wirken, überzeugend finde ich sie nicht immer. Doch diese Debatte hatten wir schon: Journalisten lieben es eben kurz und knapp, da sie sich oft Zeilenbegrenzungen fügen müssen.

Dennoch ist es äußerst nützlich, Thomas Kröters Wortmeldungen genau zu verfolgen – aus einem einfachen Grund: Der Berliner Schreiber weiß mehr über Tango als viele andere zusammen. An diesen Kenntnissen teilzuhaben zu dürfen, ist ein unbestreitbarer Vorzug. Und der bisweilen knorrige Humor des Autors macht die Lektüre nicht direkt unamüsant.

Die Tangoszene wird es also aushalten müssen und können, wenn Figuren wie wir im Stil der alten Herren aus der „Muppet Show“ weiterhin mit greisenhaftem Vergnügen von unserem Balkon auf die Rondas dieser Welt herunterätzen:



P.S. Hier geht's zum Blog:http://kroestango.de/ 

P.P.S. Noch ein seltenes Bilddokument von Thomas Kröter: Es zeigt das schwere Los des politischen Journalisten, sich mit seltsamen Menschen über galoppierenden Nonsens austauschen zu müssen (ab 1:45). Da sind Ruhestand und Tangobloggen doch allemal vorzuziehen!