Montag, 30. Januar 2017

Follow the leader



Meine Blogger-Kollegin Manuela Bößel hat wieder einmal „zugeschlagen“: Regelmäßig erntet sie für ihre Texte drei- bis vierstellige Zugriffszahlen.

Als sie mir ihren jüngsten Beitrag vorlegte (https://im-prinzip-tango.blogspot.de/2017/01/genug-gepaced.html), war ich skeptisch: „Pacen“ und „Leaden“? „Neuro-linguistisches Programmieren“, „Rapport herstellen“? Nie gehört! Auch nach Recherche der dort angebotenen Links fand ich das Ganze ziemlich schwierig. Würde sich der Sinngehalt dem Durchschnittsleser erschließen? Dennoch fand ich das Ganze interessant und riet ihr zur Veröffentlichung.

Manuela hat es wieder einmal besser gewusst: Mindestens tausend Klicks auf Facebook muss man erst einmal hinbekommen – dazu auch etliche zustimmende Reaktionen!

Worum ging es im Kern? Um die Frage, wieso es Frauen auch im 21. Jahrhundert so schwer fällt, einmal auch die eigenen Bedürfnisse zu berücksichtigen und sich nicht ständig nur um das Wohlergehen der trauten Umwelt zu sorgen, laufend Harmonie herzustellen, welche allen nützt, nur nicht ihnen selber: „Und die Herrn der Schöpfung reiben sich die Hände. Wenn wir SO weitermachen, bleibt der Wunsch, ernst genommen zu werden ob vom Lebensgefährten, Chef oder Kunden – eine Illusion.“

Auf den Tango bezogen: Auch mal allein hingehen, wenn der Göttergatte an einem lebensbedrohlichen Schnupfen laboriert. Und dort nicht brav herumsitzen, bis ein edler Tangoprinz einen aus seiner Einsamkeit erlöst, sondern: Selber führen lernen, auch mit Frauen tanzen: „Aufgeben werde ich das ‚Beide-Rollen-Spiel‘ gewiss nicht mehr. Und das Führen zum richtigen Zeitpunkt in anderen Bereichen schon gar nicht. Und wenn ich mir einen falschen Schnurrbart anpappen muss!“

Meine Bloggerkollegin hatte mir vorhergesagt, das würde bei einem im Tango derzeit häufigen Männertypus schlecht ankommen. Auch hier sollte sie recht behalten: In einer Facebook-Gruppe, die sich netterweise „Konstruktive kollegiale Tangogespräche“ nennt, ergab sich ein hübscher Dialog. Da diese Plattform geschlossen (also nur nach Aufnahme zugänglich) ist, erlaube ich mir (natürlich ohne Namensnennung), Teile der Debatte abzudrucken (unter Korrektur des Smartphone-Legastheniker-Deutsches).

Einem Kommentator missfiel offenbar besonders Manuelas einleitende Feststellung: „Beim Tango warten wir heutzutage artig auf männliche Aufforderung zum Tanze respektive einmal pro Abend Damenwahl wie anno dazumal."

Er schrieb: „Das halte ich für einen weitverbreiteten und grundlegenden Irrtum - zumindest bezüglich des ‚traditionellen‘ Aufforderns beim Tango, denn dabei bestimmt die Frau aktiv, welcher Mann sie überhaupt per Augenkontakt auffordern darf. Natürlich funktioniert das nur zwischen Frauen und Männern, die miteinander tanzen wollen, mit anderen nicht. Aber wer will denn schon einen Tanz mit jemandem, der nicht mit einem tanzen will – wo sollte da ein Genuss möglich sein?
Einzig Unkenntnis dieser Art der Aufforderung könnte einen behindern. Das sollte aber leicht zu beheben sein.“

Manuelas Antwort: „Lieber (…), wenn du wüsstest, wozu die Damen (ja, ich auch) einen Mann mit nur einem einzigen Blick bringen können, würd's dich gruseln. Auch wenn ich jetzt ein großes Geheimnis verrate: Das Cabeceo-Dings liegt schon seit Urzeiten – da hat noch kein Mensch an Tango gedacht – in der weiblichen Kommunikations-Werkzeugkiste!
Hoffe sehr, dass mein Text die eine oder andere Prinzessin ermuntert, die seelischen Glitzerglaspantöffelchen mit den Rettemich-Puschelchen gegen eine vernünftige, für die heutige Lebenswirklichkeit taugliche Ausrüstung auszutauschen. Oder aufzurüsten.
Ob ich die Mirada-Guck- oder eine andere Methode praktiziere respektive kombiniere, bleibt im 21. Jahrhundert, in einem Land in Mitteleuropa mit demokratischer Gesellschaftsform meine Wahl. So werde ich trotz allem, wenn es die Situation erfordert und zulässt, meinen Hintern vom Wartestühlchen heben und – halten zu Gnaden – aktiv werden. (…)
„Das kann ich – wie die meisten Frauen – einschätzen. Kein Problem. Männliche Sorge diesbezüglich überflüssig.“

Was den so Angesprochenen zur Frage veranlasste: „Warum jetzt in den Sexismus abgleiten?“

Tja… wo soll man da anfangen? Eigentlich schon bei der dreisten Behauptung, das Schweifen der Blicke sei die „traditionelle“ Aufforderungsart. Selbst wenn man es nur auf den Tango bezieht: Den gibt es hierzulande schon mindestens seit den 20-er Jahren, und auch mein Vater, der diesen Tanz liebte, ist gewiss zu den Damen hin marschiert, um sie mit einer Verbeugung zu einem Tango einzuladen. Und in Argentinien? Da waren wir ja alle Zeugen der Milongas der 40-er Jahre und können uns ein Urteil bilden…
Was ich sicher weiß: Der hiesigen Tangoszene wurde das Geblinzel vor weniger als zehn Jahren in einer verbissenen ideologischen Kampagne aufs Auge gedrückt (welch schöne Metapher).
Ich behaupte: Damals wie heute haben Frauen den heftigeren Wunsch, zu tanzen (schon, da sie seltener dazu kommen). Wie man sie auffordert, ist ihnen fast flächendeckend egal!
Aus meiner Sicht ist der Cabeceo eine ideale Erfindung für eine bestimmte Art von Kerlen, die nicht von jedem dahergelaufenen (!) Weib zum Tanzen gezwungen werden wollen (auch wenn der Schreiber hier schlauerweise die Rollen vertauscht): „Aber wer will denn schon einen Tanz mit jemanden, der nicht mit einem tanzen will – wo sollte da ein Genuss möglich sein?“ Na klar, es geht ja in der ehrenwerten Tango-Gesellschaft nur um das eigene Wohlergehen – das des Partners kann man getrost vergessen…
Und der Gipfel der Zumutung ist dann noch die hochnäsige Einstellung, irgendeine dumme Tante könne ja nur aus „Unkenntnis“ zu ihren Ansichten kommen, weswegen sie zu belehren sei!

Schluss damit, sonst rege ich mich noch auf! Lassen wir lieber noch einmal der Autorin das Wort, der ich per Interview einige Fragen gestellt habe:

„Ich war ja bei diesem Text eher skeptisch – da er mir ziemlich schwierig vorkam, rechnete ich mit wenig Resonanz. Du hast mir damals widersprochen: mit Recht, wie sich erwies. Was machte dich so sicher?“

„Deine Einschätzung war mir klar – du bist ja ein Mann! Das ‚Pacen‘ kennen aber alle Frauen zur Genüge – und die eigenartigen Situationen, die sich daraus ergeben: Sie kommen dadurch aber nicht ins ‚Leaden‘ – und ärgern sich darüber, dass es nicht klappt. Überdies erregt ein Text, bei dem es im Tango um Männer und Frauen geht, stets große Aufmerksamkeit.“

„Unwillen erzeugte besonders Deine Feststellung: ‚Beim Tango warten wir heutzutage artig auf männliche Aufforderung zum Tanze respektive einmal pro Abend Damenwahl wie anno dazumal.‘ Du wurdest belehrt, der Cabeceo löse diese Probleme. Tut er das in der Praxis?“

„Nein, tut er nicht. Nach meiner Erfahrung gucken sich auf Milongas etliche Frauen einen Wolf und werden trotzdem auch nicht aufgefordert. Allein die Anwendung des Mirada-Cabeceo-Spiels bringt einer Frau nicht mehr Tänze. Die Sichtweise, der Cabeceo ‚schütze die Frauen‘, finde ich putzig.“

„Im Zusammenhang mit den verschiedenen Aufforderungsweisen hast du festgestellt: ‚Das kann ich - wie die meisten Frauen - einschätzen. Kein Problem. Männliche Sorge diesbezüglich überflüssig.‘ Daraufhin warf man dir vor, ‚in den Sexismus abzugleiten‘. Echt?“

„Ich verstehe auch nicht, was das mit Sexismus zu tun haben soll. Aber vielleicht sehen es ja manche Männer als Sexismus, wenn man Frauen dazu ermutigt, selber aktiv zu wählen, nicht nur passiv abzulehnen.“

„In deinem Artikel schreibst du: ‚Als Tanguera, die beide Rollen tanzt, bin ich (wie meine sehr wenigen Kolleginnen) immer noch eine Exotin.‘ Auf welche Ursachen führst du das zurück?“

„Viele trauen sich einfach nicht. Und gerade beim heutigen Tango muss man als Führende mehr an seiner eigenen Technik arbeiten – und dazu sind manche einfach nicht mehr bereit. Als Folgende kann man derzeit viel schneller vorwärtskommen – scheinbar! In der engen Stehtango-Umarmung fallen beispielsweise Defizite in der Balance wenig auf.“

„Im Kern geht es in deinem Text ja nicht um ‚Cabeceo oder verbal auffordern‘, sondern um das ‚Leaden‘ in Form weiblichen Führens beim Tango. Zu diesem Hauptpunkt schweigen sich die Kommentatoren aus. Auf welcher Höhe der männlichen Sympathieskala rangieren Frauen, die andere auffordern – und warum?“

„Das ist stark personenabhängig. Von manchen Männern werde ich aus diesem Grund sicherlich in der Wahl übergangen – vielleicht, weil ich in ihrem Revier wildere. Auf diese Sorte kann ich aber gut verzichten. Andere dagegen sehen so besser, was ich tänzerisch kann – und fordern mich gerade deshalb auf. Und bei Männermangel nehme ich den Herren ja einen Teil der Arbeit ab!“

Vielen Dank, Manuela!

Den Vogel schoss auf besagtem Forum ein anderer Diskussionsteilnehmer ab, der von der weiblichen Aufforderung eine etwas obsessive Vorstellung hat: Ich meine es aber ernst, Frauen können sich in die Nähe ihrer Ziele bewegen, zufällig im Weg stehen oder ‚wie selbstverständlich‘ Arm, Schulter, Bauch berühren und mit klarem: ‚schöne Musik, lass uns tanzen‘ aktiv sein. Es gibt zum Glück nicht nur ‚Prinzessinnen‘.“

O mei, die „Prinzen-Rolle“ sollten manche Herren vielleicht doch erstmal mit lebensnäheren Verhaltensnormen ausfüllen – wär‘ auch schon ein Erfolg:



Und das ist doch auch so schön altmodisch…

Samstag, 28. Januar 2017

Pobre Flor: Gefangen im Amaryllis-Rondell



La flor de mi ilusión,
la mató el frío de un invierno
cruel de ingratitud y dolor,
pobre flor,
hoy es sepulcro y paz
de mis ansias de pasión.
Porque no vuelve más
lo que amé con frenesí?

Die Blume meiner Träume,
sie starb an der Kälte
eines grausamen Winters
des Undanks und Schmerzes.
Arme Blume,
heute bist du das Grab und die Ruhestätte
meiner Sehnsucht nach Leidenschaft.
Warum kehrt es nicht zurück,
was ich so wahnsinnig liebte?

(Víctor Spindola, Luis Mottolese: „Pobre flor“, 1938)

„An die schöne Hirtin Amaryllis muss sich wohl der Naturforscher Carl von Linné im 18. Jahrhundert erinnert haben, als er nach einem wissenschaftlichen Namen für diese Blume suchte. Wie ein junges errötendes Mädchen kamen ihm diese Blüten wohl vor, und er gab der Amaryllis noch den Beinamen ‚Belladonna‘ – schöne Frau.“


Nein, man kann es den Veranstaltern wirklich nicht vorwerfen – sie gaben sich alle Mühe, ihren Gästen einen schönen Milongaabend zu verschaffen. Und die goutierten es mit massenhaftem Besuch – über hundert Leute können nicht irren.  Die sodann einsetzende Suche nach einem Kleiderbügel, einem Platz am stets vollgestopften Kleiderständer, das Gedrängel in einem Flur mit einem Meter lichter Breite, die abschließende Suche nach den Siebensachen, welche inzwischen zehn Meter weiter verräumt wurden – dies alles gehört ja heute längst zum Tango-Feng Shui… Schwamm drüber (den das Parkett ebenfalls vertragen könnte, aber egal)!

Nein, auch die Musik war wirklich gut ausgewählt und – sogar mit einem Hauch Moderne – über eine professionelle Soundanlage passend vermittelt. Also trotz cabeceoorientierter Rundumbestuhlung und somit höchstens 3 Metern Anmarsch zum deponierten Getränk sicherlich kein Hardcore-Tradi-Event. Dennoch natürlich Tandas & Cortinas, seffaständlich!

Ich hätte zur Musik wirklich gerne getanzt, wenn ich gewusst hätte, wo und vor allem wohin – und wann ich dort ankomme. Am wenigsten lag das am sicherlich hohen Füllungsgrad des Parketts – es war auch nicht höher als beispielsweise auf unserer „Wohnzimmer-Milonga“.

Der Grund war – halten zu Gnaden: Die Mehrzahl der Akteure hat nicht wirklich getanzt, jedenfalls nicht, was ich unter dieser Betätigung verstehe. Aus meiner Sicht gehört hierzu schon einmal ein guter Überblick auf rundum Agierende, ihre vermutlichen Richtungen und Tempi. Weniger zähle ich dazu den manischen Zwang, an Ort und Stelle eine halbe Minute lang Standfiguren zu drechseln, um sodann mit einem kräftigen Rückwärtsschritt (möglichst gefolgt von einer Linksdrehung) hinter sich aufzuräumen. Ebenso wenig kann ich das Ignorieren von drei Meter freien Platzes in Tanzrichtung mit der Natur des Tango als Schreittanz in Verbindung bringen. Fortbewegungstechnisch passte so pro Stück nicht einmal mehr die maximale Öde-Metapher der sprichwörtlichen siebzig Meter Feldweg.  

Wenn, wie bei einem Schulwandertag, die größten Trödler so den Fortgang der Veranstaltung bestimmen, hat man sich halt mit einem bisschen Getrappel am Ort (oder zentimeterweise vorwärts) zu begnügen. Und es ist ja immerhin spannend, ständig heldenhaft herausgereckten Ellbogen und autistischen Fußbeobachtern auszuweichen und dennoch mehr Rempler als sonst einzustecken. Mindestens neunzig Prozent von dem, was man sonst beim Tango gelernt hat, sollte man jedoch vergessen – ist besser so, gibt sonst nur bös‘ Blut… Und immerhin fühlten sich viele, die kaum etwas Gelerntes unterdrücken müssen, zum Ausgleich pudelwohl.

Daher bitte ich alle Tangofreundinnen, die ich an diesem Abend nicht zum Tanz gebeten habe, um Verständnis – mir war nicht ganz klar, zu welchem Behufe ich sie hätte auffordern sollen! Außerdem pflege ich mich in einer solchen Stimmung nur Tanzpartnerinnen zu überantworten, die meine Gesellschaft freiwillig und in Kenntnis meiner Launen suchen.

Das Sinnbild des Abends war für mich ein in zwei fetten Vasen lagerndes Giga-Blumengesteck, welche meine garten-botanisch versierte Begleitung umgehend als der Gattung Amaryllis zugehörig identifizierte. Das ganze Nippes-Ungetüm natürlich zwecks Erzwingung eines Parkett-Rundgangs in der Mitte der Tanzfläche platziert und so noch drei Quadratmeter der Mangelware Raum verstellend. Gibt es auch Pflanzen-Quälerei? Nun, unbesorgt, die blässlichen Ungetüme waren wohl – wie vieles auf dieser Veranstaltung – nicht echt, sondern künstlich. Interessante, individuelle Tanzstile? Ja wie denn, selbst, wenn man es wollte und sogar hinbekäme?

Kann man das noch steigern? Ja! Als ein Showtanzpaar sich zur Vorführung anschickte, wurde der Blumenschmuck diskret entfernt. Ja, wie soll man denn als Profi – gar aus Berlin – auf 170 Quadratmetern um zwei Blumenkübel herumkommen? Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten… Immerhin, so muss man lobend erwähnen, merkte man den Vortänzern an, dass sie viel Spaß am Tango hatten und es gut konnten. Kein Wunder, wenn das Parkett frei und die Amaryllis weg ist… (Sie wurde natürlich nach der Show sofort wieder am alten Platz installiert!)

Nicht nur wegen einer Zigarette musste ich zwischendurch dringend mal raus. Meine Begleiterin und ich guckten wortlos vor uns hin und begannen dann fast gleichzeitig mit der Frage: „Hättest du…“ Darauf setzte ich fort: „Wolltest du gerade das Gleiche wissen wie ich?“ „Ja, hättest du vor siebzehn Jahren, nach einem solchen Erlebnis, mit dem Tango angefangen?“ „Nein, sicher nicht.“ „Ich auch nicht.“

Da passt doch der Tangovals von der „armen Blume“ (natürlich von de Angelis gespielt) ganz gut. Weil ich ihn aber nach zirka 2000 tänzerischen Interpretationen nicht mehr hören kann, nehmen wir lieber einen Non-Tango mit ähnlich depressivem Ausdruck:



P.S. Vielleicht brauchen manche Leute tatsächlich die vielen Códigos. Nur schade, dass sie bei denen auch nichts verändern…

Freitag, 27. Januar 2017

Unbewegtes Vorspiel



Leider höre ich seit einigen Jahren nur noch wenig Live-Musik beim Tango. Und das, obwohl mich viele der zeitgenössischen Ensembles stark beeindrucken: Häufig werden die alten Titel mit sehr viel Engagement und Elan in modernen Arrangements dargeboten – und manchmal gibt es sogar neue Kompositionen, die mir gut gefallen.

Zweifellos hätten die oft sehr jungen und ambitionierten Gruppen mein Eintrittsgeld verdient, aber dennoch besuche ich solche Veranstaltungen eher nicht.

Der Grund ist sehr einfach: Ich darf dort auf die schönsten Stücke nicht tanzen!

Die Tango-Gastgeber hängen ja heute mehr denn je am Tropf der sich ausbreitenden „traditionellen Ideologie“ – wer da nicht mit den Wölfen heult, kann sich einen Wolf veranstalten und hat dennoch kaum eine Chance auf zumindest kostendeckende Aktivitäten. (Zumindest in Großstädten bliebe noch die Chance, „alternativen Tango“ anzubieten – jedoch erwartet diese viel kleinere Szene dann vorwiegend Popmusik…)

Seit Jahren beobachte ich den Eiertanz im Tango-Mainstream" hinsichtlich moderner Musik (in diesem Umfeld ja Aufnahmen spätestens nach 1960). Die konservativen Zeitgenossen des damaligen Tango nuevo befanden, diese Musik sei überhaupt kein Tango – was sich musiktheoretisch nicht ganz halten ließ… In der Folge versuchte man diese Klänge als musikalisch minderwertig hinzustellen („Piazzolla-Karaoke“). Offenbar ließ sich auch diese Sichtweise aber trotz bestehender ideologischer Verblendung nicht durchhalten – immerhin gilt Astor Piazzolla (neben Carlos Gardel) weltweit als der berühmteste argentinische Kulturschaffende. Auch dem Argument, der Komponist selber habe diese Musik als nicht zum Tanzen geeignet hingestellt, fehlte irgendwie die Durchschlagskraft…

Inzwischen gilt als offizielle Parteilinie, es gäbe zwar schon auch qualitativ hochstehende modernere Tangomusik, jedoch fehle eben die „einmalige Symbiose“ der Musiker mit den Tanzenden, wie sie eben nur in der EdO vorgeherrscht habe. (Die Existenz reiner Studio-Ensembles wie dem „Orquesta Tipica Victor“ übersieht man dabei großzügig.)

Doch der fulminante Erfolg von heutigen Ensembles wie dem „Sexteto Milonguero“ erzwang wohl ein erneutes Umdenken: Nur mit Museumsmusik kann man zwar Hardcore-Traditionalisten anlocken, aber die werden längst in der Encuentro-Szene finanziell erleichtert und lassen so die Kassen örtlicher Tangoveranstalter eher ungefüllt.

Was also tun? Den Milongagästen doch wieder eine „untanzbare“ Mixtur verschiedenster Musikstile zumuten wie noch vor 15 Jahren? Das würde nur zum Konflikt mit Traditionalisten führen, welche des festen Glaubens sind, die Musik habe sich ihrem Tanzstil anzupassen und nicht umgekehrt.

Die immer mehr um sich greifende Kompromisslösung: Tangoveranstaltungen werden zweigeteilt. Im ersten Abschnitt dürfen die jungen Musiker mal so richtig kreativ loslegen, inklusive Piazzolla & Co. – wie schön! Der Wermutstropfen: Da diese Musik ja als konzertant gilt, gibt es ein reines Konzert: Bewegung dazu verboten! Auch so kann man die Symbiose" von Musikern und Tänzern einschränken...

Nach entsprechendem Tischerücken wird anschließend eine Tanzfläche geschaffen, welche allerdings mit braverer Musik von der Konserve beschallt wird. Und selbstverständlich gibt es noch ein, zwei Sets mit den Livemusikern von vorher, welche sich nun allerdings einer disziplinierteren Vortragsweise zu befleißigen haben, auf dass die Tänzer nicht überfordert werden.

Ich habe mich neulich doch wieder einmal einem solchen Konzept ausgesetzt – mit einem Ensemble, das ich seit langer Zeit sehr schätze: Die Interpretation von Tangotiteln (nicht nur Piazzolla) im Konzert-Teil war teilweise phänomenal – was hätte ich dafür gegeben, darauf tanzen zu dürfen… War aber nicht vorgesehen.

Was die Gruppe dann im Milonga-Teil ablieferte, glich abgestandenem Champagner: Man schmeckte die Qualität schon noch, aber das Prickeln fehlte. Und der sehr gute DJ tat sein Möglichstes, um die Tanzenden mit abwechslungsreicher Musik zu versorgen. Dennoch: Wäre mir eine Wahl geblieben, hätte ich lieber im zweiten Teil gesessen!

Wäre es eigentlich so schlimm, schon während des „Konzerts“ das Parkett offen zu halten, auf dass diejenigen, welche können und wollen, auf diese Klänge tanzen dürfen (und zusätzlich würde man sich den Umbau ersparen)? Denkt man diese Frage zu Ende, wird es nicht eben tröstlicher: Dann würden ja alle sehen, dass man auf anspruchsvoll interpretierte Musik durchaus tanzen kann, und wie! Eines muss ein Veranstalter natürlich unbedingt vermeiden: Dass ein Teil seiner Gäste sich blöd vorkommt…

Daher: Zuerst Abitur zum Zugucken, dann Förderschule zum Mitmachen!

Aber so ist halt die Tangoszene von heute – und darum wehre ich mich tapfer gegen die Metaphern, welche sich mir vergleichend aufdrängen, zum Beispiel, ob durch Verzicht auf Bewegungen im Vorspiel spätere Höhepunkte erreichbar werden...

Was würden wir von einem Fernsehkoch halten, der uns zunächst die Zubereitung eines Filets Stroganoff erklärt und uns anschließend Griespampe mit Himbeersirup auftischt?

Aber wir Tangomenschen sind ja heute, um es mit Tucholsky zu sagen, „Griesbreifresser“ – und daher verdienen wir es halt auch nicht besser!

Hier das schöne Gedicht im Ganzen:



P.S. Demnächst wird es auf unserer „Wohnzimmer-Milonga“ wieder Live-Musik geben. Unsere Musikerinnen legen Wert auf die Feststellung, dass sie – wie die „Gran Orquestas“ der EdO – von Anfang an zum Tanz spielen!