Donnerstag, 19. Dezember 2013

2013 – die erste Zwischenbilanz



Nein, gemeint ist nicht das Jahr, das ist ja noch gar nicht ganz zu Ende! Aber heute Morgen gab es den 2013. Aufruf dieses Blogs! (Die eigenen Zugriffe kann man ausschalten, diese sind also nicht enthalten.)

Die meisten Clicks kamen natürlich aus dem Inland,  zirka 180 aber stammen aus den USA, 13 aus Spanien – und neben vielen weiteren Ländern einer sogar aus China! Bisher sind 20 Kommentare zu verzeichnen, und dies hier ist der zehnte Post! Spitzenreiter ist übrigens mein Beitrag zur Musikauswahl auf den Milongas („Süßer die Tangos nie klingen“), ein Beleg dafür, dass hier noch sehr viel Diskussions- und Klärungsbedarf besteht.

Am 26.10.13 habe ich diese Internetpräsenz etabliert – und für knapp 8 Wochen zeigt dies schon ein gewaltiges Interesse, das ich so nicht erwartet habe! Nun gilt nach wie vor das, was ich in meinem ersten Artikel geschrieben habe: Zugriffs- und Kommentarzahlen sind für mich kein entscheidendes Kriterium: Ich hätte auch weitergemacht, wenn kaum jemand mitgelesen oder geschrieben hätte – und dabei wird es bleiben!

Ein wichtiger Grund hierfür sind gewisse Prophezeiungen aus dem Internet zum Erscheinen meines „Milonga-Führers“ im April 2010: In „einem, spätestens zwei Jahren“ werde sich das Thema „erledigt haben“, so schrieb damals der Tangoblogger mit dem Tarnnamen aus der nordischen Sagenwelt. Wer wolle denn schon wieder „ein Tangobuch mit persönlichen Erfahrungen und Ansichten“ lesen, so eine bekannte Tangolehrerin zu meinem „schlimmen Machwerk“. Bei einem ihrer Berufskollegen handelte ich mir Bezeichnungen wie „Greenhorn“ und „geistiger Dünnpfiff“ ein, und ein holländischer Tanzpädagoge, dessen Konterfei schon argentinische Briefmarken zierte, schickte das bei mir bestellte Exemplar gar mit einem vernichtenden Kommentar zurück: „Gerne verschone ich mein Haus von Ihrem Buch“.

Meine Freunde wissen, dass es die dreistellige Zahl positiver Kommentare zu meinem Werk nicht gebraucht hätte – in solchen Fällen raste und ruhe ich nicht eher, bis ich derartige „Kritiker“ hinter die Fichte geführt habe! Daher meine „Weihnachtsbilanz“: Die erste Auflage des „Großen Milonga-Führers“ ist praktisch ausverkauft (um die letzten Restexemplare reißen sich gerade die Kunden bei „Amazon“). Wir konnten eine illustrierte Neubearbeitung des Buches herausbringen – gemessen an der Ausstattung des Vorgängers eine „Luxusversion“, auf die wir sehr stolz sind. Und besagter pseudonymer Tangoblogger? Seit Anfang August dieses Jahres hat er keine Zeile mehr gepostet, vor kurzem auch die Kommentarmöglichkeiten zu meinem Buch gesperrt – stattdessen blogge nun ich. So sieht’s aus!

Es macht mir einen Riesenspaß, jetzt nicht nur schriftstellerisch, sondern auch journalistisch arbeiten zu können – sprich: nicht bis zu meinem nächsten Buch warten zu müssen, wenn ich dringend etwas zum Tango sagen möchte. Daher danke ich meinen Lesern herzlich – und dafür, dass ich bislang keinen einzigen Kommentar erhielt, der anonym war oder sich im Ton vergriff. Alle, welche sich noch nicht geäußert haben, möchte ich deshalb ermutigen, es einmal zu versuchen: Es ist ein befreiendes Gefühl, mutig seine Meinung zu bekunden und sich mit offenem Visier der Diskussion zu stellen! Und hinterher kann man, ohne die Gefahr von Attentaten Andersdenkender, getrost zum Tanzen gehen. Versucht’s doch einfach mal!

Mit herzlichen Weihnachtsgrüßen
Euer Gerhard Riedl

Donnerstag, 12. Dezember 2013

Wenn nicht mehr Schritte und Figuren… Vom Elend des heutigen Tangounterrichts


Kann schon sein, dass mir die Erfahrung fehlt: Immerhin habe ich seit über acht Jahren keinen Tangokurs mehr belegt – und dabei wird es sicher bleiben. Aber wenn Karin und ich zu einer Milonga sehr pünktlich erscheinen, kriegen wir öfters die letzten Minuten eines solchen Lehrgangs mit. (Tangolehrer überziehen gerne, denn sie werden halt nicht durch eine Klingel gestoppt, welche normale Schüler schlagartig zum lärmenden Sturm nach draußen bewegt – schade eigentlich…)

Erst neulich hörten wir schon beim Eintritt ins Gebäude, dass der Unterricht noch lief: Statt Musik war nämlich eine dozierende Stimme zu vernehmen. Dies hielt minutenlang an, während wir unsere Mäntel aufhängten, die Schuhe wechselten und den Eintritt bezahlten. Endlich Applaus – der Tangoabend konnte beginnen. Anfangs drehte sich ein Dutzend Schülerpaare im Kreis, natürlich zu schleppender Musik, was uns nicht zum sofortigen Tanzen animierte. Daher verfiel ich auf mein zweitliebstes Hobby: Tänzer beobachten. Na gut, die mangelnde Routine war verständlich – aber, da störte mich doch etwas grundsätzlich? Ein genaueres Durchzählen erhärtete meinen Verdacht: Sieben der zwölf Männer setzten die Vorwärtsschritte auf der Ferse an.

Auf die Gefahr hin, langjährige Tangoleute zu langweilen: Diese Bewegungsweise führt halt unweigerlich dazu, dass die Männer mit den Beinen voraus gehen und dadurch ihr Oberkörper nach hinten fällt. So können sie niemals eine Präsenz der Führung durch den Andruck des Brustkorbs entwickeln – und das tangotypische schleichende Gehen erst recht nicht. Stattdessen kommt es zum sattsam bekannten Gezerre und Gewürge über Schultern und Arme. Ein Blick auf die Körperlinien bestätigte meine Befürchtung: Die Tanzenden standen (falls sie nicht nach hinten hingen) bestenfalls kerzengerade voreinander – von einer umgekehrt v-förmigen Position keine Spur. Dass man mit einer solchen Technik weder pointierte Impulse vertanzen kann noch gar die Sechzehntel bei schnellem Tempo hinbekommt, erschien mir beim konkreten Anblick bereits als Luxusproblem…

Schließlich machte ich meine Frau auf das Phänomen aufmerksam und bat sie, nachzuzählen. Doch der Prozentsatz stimmte leider, und er bewegte sich im Laufe des Abends bei zunehmender Gästezahl nur wenig nach unten – kein Wunder, viele der Besucher waren wohl ehemalige Schüler (und wenn nicht derselben, so doch der gleichen Lehrer…). Schließlich gab mir Karin, wohl zur Aufheiterung meiner Stimmung, zu bedenken: „Vielleicht tanzt man das heute so?“ Das wollte ich jedoch vom Meisterpaar persönlich erleben, welches (heute eher unüblich) auch auf der eigenen Veranstaltung gelegentlich das Tanzbein schwingt. Bei einem temperamentvollen Stück war es endlich soweit – und was sahen wir? Belastung auf dem Ballen im Milonguero-Stil! Na klar, wie auch sonst, wenn man es toll hinbekommen will!

Wohlgemerkt, im gerade beendeten Kurs wurden keine Anfänger unterrichtet, und die betreffenden Lehrer gelten in der Szene – wohl nicht zu Unrecht – als sehr kompetent und erfreuen sich einer großen Zahl von Kursteilnehmern. (O je, hab ich jetzt schon zu viel verraten?) Warum aber bringt man es dann nicht fertig, Schüler, die man monate-, vielleicht schon jahrelang unterrichtet, von solchen technischen Behinderungen zu befreien? Es müsste doch ohne riesigen Zeitaufwand möglich sein, durch wiederholte Hinweise diese simple Fußtechnik weiterzugeben und so eine besser geeignete Körperhaltung zu erreichen!

Freilich, bei der üblichen, energiearm dahinplätschernden Begleitmusik zu den Tangostunden geht es notfalls senkrecht und auf der Ferse – und damit sind wir bei einem weiteren Punkt, den ich nie verstehen werde: Wieso sorgt man durch anspruchsvollere Beschallung nicht dafür, dass eine bessere Technik zu deren Interpretation zwangsläufig nötig wird? Auch im modernen Schwimmunterricht ist man inzwischen davon abgekommen, die Anfänger via Korkreifen und Angel vor eigenen Anstrengungen zu bewahren!

Aber es geht noch weit gruseliger: Wir bekommen ja, wenn überhaupt, stets das Ende einer Unterrichtseinheit mit, und da erscheint es nicht unangemessen, nach einem gewissen Effekt des Gebotenen zu fahnden. Meist ahnen wir düster, was gerade unterrichtet wurde: Gerne, auch bei wenig erfahrenen Tänzern, eine relativ komplizierte Schrittfolge – soweit wir dies an den Bodenkontakten ausmachen können. Die restlichen Körperteile allerdings hängen oft planlos irgendwo, und an den Frauen wird so lange herumgezerrt und geknetet, bis sie die geforderte „Figur“ – eher spastisch herumeiernd denn anmutig-elegant – hinter sich gebracht haben. Bei diesem Anblick ahnt man zwar, dass der Tango gelegentlich verboten war, vermutet aber als Grund weniger die überbordende Erotik denn eine versuchte Körperverletzung! Und wie sollen Männer die Führung erlernen, wenn die Frauen eh „wissen, was kommen sollte“? Fragen über Fragen…

In meiner frühen Tangozeit durfte ich einmal bei einer Einführungsstunde als Springer aushelfen. Nachdem ich mich schon einige Jahre durch die berüchtigte „Basse mit Kreuz“ nebst anschließenden Variationen gequält hatte, lernte ich dort das Gehen (Caminar) in drei Spuren und zwei Systemen (parallel und gekreuzt). Plötzlich war alles einfacher, und ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, in eigenen Kombinationen zur Musik zu tanzen. Das hatte eine einzige Stunde bewirkt – und bei einer solch positiven Einschätzung kann es nicht schaden, den Namen des Lehrers zu nennen: Ralf Sartori.

Zweifellos wird auf den heutigen Milongas weit schlechter getanzt, als es nötig wäre.
Ob dies zu ändern ist, weiß ich nicht. Die Voraussetzungen jedoch ahne ich, nämlich eine Veränderung bei Angebot und Nachfrage gleichermaßen: Es müsste einerseits Schluss sein mit der Werbung, Tango sei ein simpler Tanz, welcher nichts anderes verlange als halbwegs im Rhythmus übers Parkett zu latschen. Mehr als einmal las ich in Ankündigungen, nach der „Schnupperstunde“ finde eine Milonga statt, auf der man dann „schon ein wenig mittanzen könne“. Nein, kann man nicht! Den Reiz dieses Tanzes machen nicht festgelegte Schritte, sondern die Improvisation zur Musik aus – und daher spielt die Technik eine überragende Rolle. Lernende, die mit dem einspurigen Gehen, Balance, Achse und Umarmung noch auf Kriegsfuß stehen, mit irgendeinem ziselierten Rückwärtseinsteiger zu beglücken, ist grotesk. Gute Tangos handeln von Blut, Schweiß und Tränen – und um sie gut zu vertanzen, muss man dies alles auch vergießen.

Andererseits weiß ich natürlich, dass sich Tangolehrer oft genug gedrängt fühlen, Schritte zu verkaufen statt grundlegende Fähigkeiten zu vermitteln – die Schüler kämen bei „langweiligen“ Themen nicht. Mag sein, dass dies auf jenen Teil zutrifft, der meist eh nicht allzu lange bleibt. Den Rest würde es allerdings umso mehr an den Tango binden, wenn er nicht auf fast jeder Milonga mit der Persiflage dieses wunderbaren Tanzes gequält würde.

Ich weiß, dass es inzwischen auch Kursangebote in der von mir bevorzugten Richtung gibt. So las ich neulich das Workshop-Thema: „Vielfalt, Präzision, Klarheit und Sanftheit in der Führung und im Geführt werden“. Die Zeit? 13 bis 15 Uhr. Wohlgemerkt: zwei Stunden, nicht Wochen oder Monate, denn ab 15.30 Uhr sind dann die „rhythmischen Salidas“ dran…

Tango ist eine Körpersprache, die man sich nicht via verkopfte Anweisungen und „Schrittmusterbögen“ erwirbt, sondern durch haptischen Kontakt mit einem (möglichst erfahrenen) Tanzpartner. Somit ist die Hauptaufgabe der Lehrenden nicht das „Vormachen“, sondern das direkte Üben mit den Schülern. Wenn man dann das Großhirn (welches eh nicht tanzen kann) ausschaltet und fühlen statt führen lernt, sind jene Glücksmomente möglich, welche der Dichter Novalis – ohne den Tango zu kennen – beschrieben hat:

„Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
sind Schlüssel aller Kreaturen,
wenn die, so singen oder küssen,
mehr als die Tiefgelehrten wissen, (…)
dann fliegt von einem geheimen Wort
das ganze verkehrte Wesen fort.“

Mittwoch, 4. Dezember 2013

Terminen-Felder: Betreten auf eigene Gefahr!



O heiliger Gardel, warum muss es eigentlich immer mich treffen? Ich veranstalte schon lange keine Milongas mehr, lege nur ganz selten mal irgendwo auf, und an den paar Buchlesungen im Jahr kann es doch nicht liegen!

Es geht ja auch fast immer gut, solange meine Termine sich auf weit entfernte Territorien wie Nordrhein-Westfalen, Sachsen oder gar Mäcpomm beziehen. Aber sobald ich mich – selbst ohne Propheten-Attitüde – ins  eigene Land begebe, passiert meist das Folgende: Obwohl meine Veranstaltung schon wochen- oder monatelang angekündigt ist, beschließen gewisse Organisatoren kurzfristig sowie spontan, dass es nunmehr längst an der Zeit sei, wieder einmal einen Tangoabend anzusetzen – natürlich gerne am gleichen Tag oder jedenfalls Wochenende!

Schon als wir dereinst in der trostlosen, weil beinahe tangofreien Provinz unsere monatliche Milonga aus der Taufe hoben, bescherte uns dies alsbald die Bekanntschaft mit den einschlägigen Paten: Obwohl ansonsten flächendeckend nix los war, mussten gewisse Raumverdränger ihre höchst sporadischen Dielen-Nahkämpfe möglichst dicht an unsere Termine rücken. Da half es auch nichts, dass wir anfangs alle in Frage kommenden Veranstalter anschrieben und ihnen eine Kooperation hinsichtlich gleichmäßiger Auffüllung des Kalenders anboten. Eine Zusammenarbeit gelang mit wenigen, die häufigere Kommunikation bestand aus Terminkollisionen.

Irgendwie drängte sich uns der Verdacht auf, ein solches Tun könne weniger auf autistische Dämlichkeit, sondern doch mehr auf Konkurrenzgehabe zurückzuführen sein (obwohl es im Ergebnis wurst ist). Vielleicht bereitet ja das Hahnenkampf-Spiel umso mehr Freude, wenn man dann im direkten Vergleich sieht, wie das Duell „FC Ocho versus VfB Sacada“ hinsichtlich des Fanaufkommens ausgeht. Wahrlich, die Türen zu manchen Tanzsälen müssen schon deshalb weit sein, damit diverse Räder sie ungeknickt passieren können… Schlimmstenfalls kann man den verehrten Gegner noch mit dem bewährten „Schuhverkauf-Workshop-Showtanzpaar“-Gedudel abschmieren lassen, wohl wissend, dass er solche Stilmittel nicht einsetzt.

Nun ist es klar, dass man bei diesem Thema in großen Städten nicht zimperlich sein darf, da sich die dortige, umfangreichere Szene auf fünf und mehr Veranstaltungen pro Tag irgendwie verteilt. Doch die erdrückende Mehrheit dieser Population käme eh nie auf die Idee, einen Provinztango zu besuchen – schon weil man ihn weder per U-Bahn noch per Fahrrad erreichen kann. Insofern erscheint mir die Furcht eines etablierten DJs, solche Events könnten die „gültigen Milongas“ in den Metropolen Gäste kosten, eher überängstlich. Dass diese Argumentation von Regionalgouverneuren des Tango freudig in der Weise variiert wird, der Rivale biete eine „problematische“, sicher nicht für Anfänger geeignete Beschallung, ist eine andere Sache…

Einigen Trost spendet die Betrachtung der professionellen Aktivitäten etablierter Organisatoren: Nun gut, Verschiebungen oder Absagen von Terminen können ja mal (oder öfters) vorkommen. Besonderes Vergnügen bereiten mir aber unter anderem die so genannten „stillen Feiertage“. Selbst bei Veranstaltern, die des Deutschen mächtig sind, will es sich oft genug nicht im Langzeitgedächtnis festsetzen, dass beispielsweise karfreitags oder volkstrauertags hierzulande seit Menschengedenken ein striktes Tanzverbot gilt. Lustigerweise kann man dennoch im jährlichen Turnus beobachten, dass an solchen Tagen unverdrossen Tangoevents angeboten werden, bis endlich in den letzten 48 Stunden schrittweise die Streichungen erfolgen. Manche Termine bleiben aber bis zum Schluss erhalten. Interessant wäre es für mich, ob man dann die Besucher vor der Tür stehen oder tanzen lässt, bis die Polizei kommt…

Der Gerechtigkeit halber muss man jedoch einräumen, dass die Verlässlichkeit deutscher Tangoveranstalter bestimmt größer ist als die der Deutschen Bahn AG. Ankündigungen wie „Dieser Zug hält nicht überall“ könnten Erstere vielleicht dazu motivieren, ihre Terminpläne noch buddhistischer zu gestalten. Und außerdem sollten wir momentan alle über das Wetter reden! Na gut, ein paar Fahrgäste werden schon bei mir einsteigen – und vielleicht schneit es am Nikolaustag ja eh…

Werbung: In ihrem „Illustrierten Tangokalender 2014“ bietet Manuela Bößel nicht nur Abbildungen aus meinem neuen Tangobuch, sondern auch ein Kalendarium mit genauer (sogar nach Bundesländern differenzierter) Kennzeichnung aller Feiertage mit Tanzverbot: siehe www.tangofish.de
Da sollte doch nix mehr schief gehen!

Dienstag, 26. November 2013

„Der andere Sonderling im Tango“: Peter Ripota



So hat ihn ein (inzwischen nicht mehr ganz so bekannter) Tangoblogger einmal bezeichnet, und nachdem ich – in dessen Sichtweise – der eine Sonderling bin, müssen Peter und ich doch etwas gemeinsam haben. Typisch für diesen Internet-Kritiker: Wenn er schon mal Recht hat, weiß er gar nicht, wie sehr…

Meine früheste Erinnerung an Peter Ripota ist untrennbar verbunden mit einem Tangonachmittag, den er in den Jahren 2000 bis 2005 veranstaltete: Mitten im Münchner Stadtteil Schwabing steht ein herrlich verstaubtes altes Herrenhaus, und dort gab es jeden zweiten Sonntagnachmittag den „Tango in der Seidlvilla“. Irgendwie schaffte es der geborene Österreicher, auf dieser Milonga den Charme eines Wiener Caféhauses zu verbreiten. Insbesondere die letzte Tanda hat einen Ehrenplatz in meiner „Tangovitrine“: Peter legte da meistens herrlich schmalzige deutsche Titel aus den 30-er Jahren auf, und im Winter tanzte man dann in der Abenddämmerung, mit Blick auf den verschneiten Garten, zu Klängen wie „Macht rotes Licht, wir wollen Tango tanzen“ oder „Wenn vom Himmelszelt ein kleines Sternlein fällt“. Ein Zauber, der bleibt!

Monika Fischer kenne ich schon aus meiner Anfangszeit als Lehrer am Gymnasium, wo sie als frischgebackene Referendarin für Biologie und Chemie auftauchte. Als ich eines Tages aus Jux mein Goldenes Tanzsportabzeichen am Revers trug, identifizierte sie dieses sofort und fragte mich mit leuchtenden Augen, ob ich wohl tanze. Diese Betätigung hat Monika seit ihrer Kindheit fasziniert. Längere Zeit nahm sie Ballettunterricht, trainierte Rollkunstlauf und hätte sich gerne mehr mit den Standard- und Lateinamerikanischen Tänzen beschäftigt. Aber es fehlte wohl der feste Tanzpartner. (Ach, wie typisch!)

Als meine Frau und ich vom Turnierbetrieb zum Tango wechselten, erregte dies Monikas besonderes Interesse: Begierig ließ sie sich von uns die erlernten Schritte zeigen, begleitete uns zu etlichen Milongas und genoss es sehr, dass man dort als „alleinige Frau“ auffordern konnte. Als wir ihr dann zum Geburtstag einen Tangokurs schenkten, war die Abhängigkeit von den Klängen des Rio de la Plata besiegelt. Es kam, was offenbar kommen musste: Auf einem Tanzabend liefen sich Monika und Peter über den Weg, der ein gemeinsamer werden sollte. Letztes Jahr war die Hochzeit, natürlich inklusive einer rauschenden Milonga.

Ich muss gestehen: Der erste nähere Eindruck, den Peter auf mich machte, war ein ziemlich exzentrischer – irgendwie verbinde ich ihn bis heute mit weißem Anzug plus Hut sowie gleichfarbigen Bonvivant-Schleichern, halt so ein altmodischer „Tangokavalier“! Sein Faible ist die große Inszenierung, was man an seinen Auftritten mit der Gruppe „Tango de Oro“ sieht. Das Mondäne bricht er aber meist mit seiner Ironie, wenn er beispielsweise als Tangodetektiv  im Programm „Kriminaltango“ ein Tanzpaar aus dem Verkehr zieht, welches Piazzollas „Libertango“ mit Standardschritten interpretiert (vor zehn Jahren eine geradezu prophetische Nummer…). Mit Monika setzte er diese Bühnentradition in vielen Showauftritten fort.

Erstaunlicherweise kommen Peter und ich immer wieder, unabhängig voneinander, auf identische Ideen. So hörte ich von ihm Anfang 2010, dass er sein Buch „Tangosehnsucht“ herausbringen werde – und ich konnte ihm mitteilen, dass demnächst mein „Milongaführer“ auf den Markt komme. Dann vor kurzem die Neubearbeitung seiner „Metamorphosen der Liebe“, zeitgleich bei mir der „noch größere Milongaführer“. Der Höhepunkt war aber, dass wir beide im April 2007 unsere eigene Milonga aus der Taufe hoben, und im Gegensatz zum „Tango an der Ilm“ in Pfaffenhofen existiert der Freisinger „Tango de Neostalgia“ bis heute. Zum jährlichen Jubiläum inszeniert Monika stets eine Aufführung, bei der ich als Tänzer oder Zauberkünstler öfters mitwirken durfte.

Zugegeben, mit Glamour bis Kitsch tragen die beiden für meinen Geschmack schon dick auf. So erinnere ich mich an eine Show, wo Peter und ich eine lebensgroße Schaufensterpuppe per Striptease zu einem mehrfachen Kleiderwechsel veranlassten, und ich (einschließlich dem Publikum) auch ansonsten mit Laszivität nicht verschont wurde. Dennoch ist dieser Stil meilenweit vom üblichen „Erotikgeturne“ entfernt, denn solche Paare meinen es ernst – Peter nicht. Der reine Schabernack waren auch unsere Auftritte als Autorenduo, wo wir anhand unserer Bücher eine nur mäßig einstudierte Diskussion über diverse Tangothemen boten.

Peter ist ein Mensch, bei dem der erste Eindruck nicht reicht, und der zweite, dritte und die folgenden ergeben ebenfalls kaum mehr Klarheit: studierter Mathematiker und Physiker, hauptberuflich 23 Jahre Redakteur beim P.M.-Magazin, daneben aber Autor von Büchern nicht nur über diese Wissenschaften, sondern unter anderem auch Astrologie, Handlesen, Kartenlegen, Märchen – und natürlich Tango. Wie passt das zusammen?

Peter würde wahrscheinlich antworten: „Muss es doch gar nicht.“ Er ist ein Dialektiker, der erst bei Widerspruch so richtig in die Gänge kommt, Mainstream ist für ihn der Horror: Da wird schon mal Einsteins Relativitätstheorie oder die Evolutionslehre in Frage gestellt – und erst recht im Tango! „Das Schlimmste beim Tango Argentino ist es, so zu tanzen wie alle anderen“, so ein Zitat aus seinem Buch, und der Standardtango ist für ihn „gut geeignet als Anfeuerungsmusik in Schlachten“. Kompromisslos tritt er bei unserem Tanz für Individualität und persönliche Freiheit ein – und empfiehlt denen, die „alles in Schubladen stecken“ müssen, den Wechsel zum Schuhplattler. Dass ihn genau solche Leute dann heftig attackieren, freut ihn wohl besonders.

Dieser Linie folgen Peter und Monika auch bei ihrer monatlichen Milonga. Es ist die einzige Tangoveranstaltung, bei der mir stets mehr als die Hälfte der gespielten Titel völlig unbekannt ist. (Angeblich sitzt Peter oft stundenlang vor dem Radio, um neue Musikbeispiele aufzunehmen – vom Radio – da wälzt sich doch der moderne TJ mit Schnappatmung auf dem Teppich!) Selbstredend ist nicht alles Tango, was da zu hören ist, und ich könnte Peter oft mit der flachen Hand erschlagen, wenn er meine Wachheit ab Mitternacht mit elegischen Klängen à la Wiener Südfriedhof auf eine harte Probe stellt. Tue ich aber nicht, denn dann würde die letzte Milonga verschwinden, bei der man mich noch verblüffen kann. Trotz seiner inzwischen 70 Jahre ist Peter Ripota der jüngste und unkonventionellste DJ, den ich kenne.

An die 25 Jahre ist er nun im Tango aktiv, was wenige von sich behaupten können – und, wichtiger noch: Er hat nie seine individuelle Linie aufgegeben. Dies ist gerade jetzt, wo die Szene immer mehr von Modeerscheinungen, angepassten Rezepteanwendern und Wahrheitseignern bestimmt wird, nicht hoch genug einzuschätzen. Auf ihren Milongas sorgt das Ehepaar Fischer-Ripota für eine tolle Dekoration, kümmert sich aufopfernd um jeden einzelnen Besucher, steht mit bewundernswerter Energie auch Durststrecken mit wenigen Gästen durch – und das Angebot ist stets hausgemacht und nicht importiert, weder aus Buenos Aires noch sonst woher.

Und obwohl Peter in seiner bescheidenen Schüchternheit wohl meinen wird, mein Beitrag sei eher ein Nachruf – im Gegenteil: Ich hoffe, dass die beiden mir und anderen noch lange eine Oase ohne Geschrammel, Workshops, argentinische Showpaare und Tanzschuhverkauf bieten werden!

Werbung:
Tango de Neostalgia, Tanzschule TWS, Am Lohmühlbach 10, 85356 Freising
 

Sonntag, 17. November 2013

Süßer die Tangos nie klingen – meine Weihnachtswünsche an DJs



Liebes Christkind,

ich bin immer brav gewesen, ehrlich! Bei meinen gut zweieinhalbtausend Milongabesuchen hab ich mich noch nie beim DJ über die Musik beschwert, ihm meine Wunschtitel vorgesummt oder vom Veranstalter das Eintrittsgeld zurückverlangt. Na gut, ich kann nicht wirklich singen (oder summen), zudem erschien es mir oft zwecklos, mich zu beklagen – aber vor allem hab’ ich versucht, mich als guter Gast zu benehmen, wie’s mir Mutti einst beigebracht hat. Lediglich meine engste Umgebung bekam öfters meine Verzweiflung mit, auf langweiliges Gedudel tanzen zu müssen, statt auf g’scheide Musik…

Okay, ich hab’ ein Tangobuch geschrieben, in dem einiges über Aufleger und Gastgeber vorkommt, was manchen nicht recht sein könnt’, aber das muss ja keiner lesen (und kaufen schon gar ned, wo so viel davon im Internet steht – und glei’ mit der Meinung, die man dazu haben muss). Aber so ein Werk stört doch keine Milonga, wenn’s da ned so langweilig ist, dass man lieber liest statt tanzt, oder?

Aber bitte, liebe DJs (oder „TJs“, des is’ mir wurscht), könntet ihr im Verlauf des Abends öfters auf der Tanzfläche rumgehen und euch einen Eindruck davon verschaffen, was wir Tänzer so hören? (Tipp: Da müsstet ihr sogar kabellose Kopfhörer abnehmen, sonst kriegt ihr des ned mit!) Ich bin bestimmt weder ein Koaxialkabel-Fetischist noch ein Klirrfaktor-Neurotiker, aber das klingt manchmal schon ziemlich blechern oder schrill, vielleicht nach „komprimierten Dateien“ – ich bin da kein Experte. (Sieht man schon daran, dass ich meine Musik noch von CDs abspiel’.) Außerdem ändert sich doch die Akustik, wenn mehr Leute da sind – zumal, falls Highclass-Tangoladies wieder ihre Kreischanfälle kriegen (stehen meist in eurer Nähe, solltet ihr doch merken).

Und auch wenn ihr durch irgendeine Erweckungserfahrung vom Neo-Saulus zum EdO-Paulus mutiert seid und meint, jetzt nur noch konventionell auflegen zu müssen, werd’ ich das den ganzen Abend aushalten, ohne mich daneben zu benehmen, versprochen! Aber versprecht’s mir bitte auch was? Es gibt so schöne, wenig bekannte alte Titel – verschont’s mich wenigstens gelegentlich mit „Muñeca brava“ von Tanturi, di Sarlis „Bahia Blanca“ und der allfälligen Vals-Tanda von de Angelis, gell? Und wenn ich mich einmal (wegen der Kreislaufanregung) auf eine der seltenen Milonga-Runden freue, möcht’ ich – bitte, bitte – nicht jedes Mal zu den bekannten Geronto-Versionen von „Silueta porteña“ plus „Mil-hon-ga-sen-ti-men-tal“ rumdackeln. Da ist’s sonst für mich von der Reha zur Rea nicht weit… Am besten wär’s, ihr tätet selber mal wieder auf andere Milongas gehen und hören, dass dort sechzig Prozent der Musik mit eurer übereinstimmt!

Ach ja, und wenn euch moderne Tangomusik nicht gefällt, dann dürft ihr gern die eine Elektro-Alibi-Tanda nachts um halb zwölf streichen. Weil, wisst ihr, auch von dieser Sparte sollt’ man was verstehen! Das würd’ dann dazu führen, dass man nicht Tango nuevo, Neotango und gar keinen Tango miteinander verwechselt. Nur so als Fortbildungsanregung: Piazzollas „Triunfal“ hat mit „Sin Rumbo“ von Otros Aires wenig, und beides mit irgendwelchem Chillout-Gesäusel für natürliche Geburtsbegleitung gar nix zu tun!  Bei Letzterem krieg ich dann das Augenflackern ganz ohne Cabeceo, aber vielleicht passt es ja in euer Konzept, durch solche Stücke zu beweisen, dass neuere Kompositionen wertlos sind? Und no’ was: Lasst’s doch eure Prozentangaben der Musikrichtungen in der Einladung! Erstens stimmt’s hinterher so gut wie nie, zweitens braucht’s ihr für eure Kreativität ned no a weitere Einschränkung, und vor allem sagt’s mir nix. Oder hilft’s euch was, wenn ein Supermarkt in der Werbung verspricht: achtzig Prozent Gemüse, zwanzig Prozent Obst? 

Persönlich bräucht’ ich eigentlich keine Cortinas, weil ich zwar wegen mei’m Alter nimmer so gut hör’, aber schon noch mitbekomm’, dass spätestens nach vier D’Arienzo-Tangos ein anderes Orchester kommen muss, und ich erst recht den Wechsel zu Valses oder Milongas check’ – aber bitte, wenn’s die Ideologie verlangt… Auf traditionellen Veranstaltungen solltet ihr aber darauf schau’n, dass die Zwischenmusik noch langweiliger is’ wie der Rest, weil’s mich sonst jedes Mal nervt wie die Sau, ned in den einzig interessanten fünfzehn Sekunden pro Viertelstunde tanzen zu dürfen. Und wenn zum Programm experimentelle Non-Tangos gehören, ist jede Cortina-Musik verwirrend! In dem Fall besser das Pausenzeichen von Radio Luxemburg oder Edi Stoibers Flughafenrede, da weiß man, wo man dran ist.

Liebe DJs, solltet’s ihr nun (was ich nicht vermute) nach modernen Tango-Alternativen fragen, so wär’ es mir fast scho’ peinlich, auf die Seiten 192-226 meines „noch größeren Milonga-Führers“ hinzuweisen, wo ich kiloweise Musik angeboten hab’. Ich müsst’ auch jegliche Gewährleistung dafür ausschließen, da Sänger wie Ariel Ardit und Gruppen vom Typ „Sexteto Milonguero“ oder „Beltango“ zwar gerade Weltkarrieren hinlegen, allerdings auf dem Parkett eine mit Herzschrittmachern inkompatible Unruhe erzeugen könnten – ganz zu schweigen von „Las Sombras“, die einen Klassiker wie „Gallo ciego“ per Saxofonführung zu einer Milonga ummodeln, was sicher ebenfalls gegen irgendwelche Regeln verstößt. Und Musiker wie Luis und Lidia Borda, Daniel Melingo, Adriana Varela oder Roberto Goyeneche (is’ sogar scho’ tot) werdet’s ihr eh nicht kennen, also lass’ ma’s lieber. Weil zu meiner Zeit hab'n wir no' g'sagt: "Toll, a neues Stück" und ned: "Hilfe, des Stück kenn' i gar ned!"

Ein berühmter schweizer Musikexperte, der wo mit seiner 100 000 Franken-Anlage das hohe C noch viel höher spielen kann als alle anderen TJs und sogar a bissel Tango tanzt, hat sowieso geschrieben, meine Vorschläge seien eine „verquere Selektion“ – und der muss es schließlich wissen, weil er alles weiß. Daher sind für ihn moderne Tangointerpreten sowieso „inspirationslose Stümper“, ein „kulturelles Ärgernis“ und eine „milongale Lachnummer“. Aber ihr wisst’s ja: In der Hölle gibt's italienische Verwaltungsbeamte, englische Köche und  schweizer Liebhaber…

Ich werd’ kurz vor Weihnachten lieber in ein Konzert von Max Greger gehen. Der darf traditionelle Weihnachtslieder in a’m Riesensaal nach Lust und mit Laune (und ohne Hackbrett plus Zither) verswingen, wie er will. Aber vielleicht gibt’s ja im Weltweitnetz doch no’ an Schittstorm von de Volksmusikant’n? Is mir aba aa wurscht!

P.S. Nix für ungut, und man sollte nicht alle Gockel über einen Kamm scheren. Ganz selten mal gibt es DJs, die mich nach Vorschlägen fragen und diese dann sogar umsetzen. Danke, Atilio!

Samstag, 9. November 2013

Kräht der Hahn auf dem Mist – Trendsetter im Tango



„Mir san die Hautevolee, mir ham den Überschmäh. Mir san a Wahnsinn, mir san in.“
(Reinhard Fendrich: Schickeria)

„Sich zu trauen, alte Strukturen sowie eigenes Wissen in Frage zu stellen, spricht für den Mut von den Top-Lehrern.“
(Tangolehrer, Info im Internet)

Abgesehen davon, dass letztere Haltung natürlich nicht nur Tanzpädagogen, sondern schlichtweg jeden adelt, wundert man sich bei einer solchen Aussage aus jener Zunft schon über den Zusammenhang: Propagiert wird hier nämlich nicht etwa der Aufbruch zu neuer Musik oder bislang unbekannten Tanzstilen, sondern im Gegenteil die Rückkehr zum engen Tanzen à la Milonguero.

Der Höhepunkt eines Trends, so lesen wir die geschichtsphilosophische Deutung, markiere oftmals schon dessen Untergang – will sagen, als der getanzte Tango nuevo um 2008 boomte, sei der Moment schon nahe gewesen, wo er nicht mehr unterrichtet, wenn auch (bedauerlicherweise?) zum Teil heute noch getanzt werde. Als Kronzeugen zitiert der Autor dieses Essays das Tanzpaar Sebastian Arce und „Marianne“ Montes. (Letztere hat sich wohl am meisten gewandelt und sogar ihren Vornamen gewechselt – hieß die nicht früher „Mariana“?)

Dass der „Mut, sich zu verändern“, der hier als Überschrift herhalten muss, generell löblich erscheint, wird niemand bestreiten – wenn allerdings der (gefühlte) allgemeine Trend synchron in die gleiche Richtung geht, darf man schon einmal über den Grad an Courage und individuellem Urteil diskutieren.

Welche Argumente sprechen nun plötzlich für den ausschließlich engen Tanzstil? Wortreich wird dargetan, er sei schwieriger umzusetzen als die offene Haltung. Nun liegen mir allerdings dutzendfach Äußerungen aus argentinischem (und daher selbstredend kompetentem) Mund vor, der Anfänger sei deshalb in der engen Umarmung zu schulen, da sich hierbei die Führungsimpulse direkter und somit einfacher vermitteln ließen. Und wenn das Gegenteil richtig wäre: Soll man hinfort den Tango in einer schwerer zu erlernenden Form unterrichten – und dies angesichts der chronischen Angst von Tanzlehrern, überforderte Schüler könnten sich Kursen (respektive deren Gebühren) entziehen?

Selbstredend ist nicht nachzuweisen, dass man dadurch von einer momentanen Moderichtung auch ein paar Interessenten abhaben möchte – widerlegt wird allerdings dieser Verdacht auch nicht gerade. Und der Vorzug, durch Beherrschung verschiedener Stile ein breiteres Spektrum von Musik interpretieren zu können, hat ein Manko: Man kann daraus keinen Trend basteln.

Seltsam mutet es auch an, wenn zeitgleich DJs, die bislang fast synonym für den Neotango standen, nun auf einmal die Schätze entdecken, welche in der traditionellen Tangomusik schlummern. Haben sie denn früher ihre Kopfhörer als Schallschutz verwendet, statt sich ihre Tonträger einmal genauer anzuhören? Nun kann ich es gut verstehen, wenn professionelle Aufleger das bieten, was der Veranstalter ordert. Wenn man dann aber selber Traditionsmilongas (inklusive Cabeceogeblinzel plus Boleoverbot) veranstaltet, ist schon von einem echten Persönlichkeitswandel auszugehen! Und falls die grassierenden Seminare zur Musik des „Goldenen Zeitalters“ wenigstens die allgemeine Erkenntnis befördern, dass beim 4/4-Takt die Eins und Drei betont sind, wäre dies ja durchaus zu begrüßen… 

Wenn allerdings der Mut zur Veränderung mit der Verleugnung des Bisherigen einhergeht, sollte man um den Matthäus 26,34 lieber einen Bogen machen und den Hahn nicht krähen lassen – wer weiß schon, was man erleben würde, bevor der Morgen graut?

Vielleicht ist der Hintergrund ja viel harmloser: Die heutigeTangoszene leidet ja nicht gerade an einer Überdosis Kreativität. Ob Schuh- und Kleiderverkauf, Workshops mit spanischen Namen, Pappnasentango oder Dirndlmilonga – was beim Konkurrenten ein paar Gäste mehr bringt, wird umgehend abgekupfert. Da erscheint die Frage nach Inhalten reichlich verstiegen.

In einem Monty-Python-Film gibt es eine Szene, in der eine riesige Menge skandiert: „Wir sind alle Individualisten!“ Schließlich hebt ein Einzelner die Hand und bekennt: „Ich nicht.“ Mit Sicherheit tanzt der nicht Tango. Wetten?

Donnerstag, 31. Oktober 2013

Schullandheim-Milonga



Ich gestehe hiermit, dass ich mich schon in meinem früheren Hauptberuf stets um die Teilnahme an Klassenfahrten zu drücken versuchte. Die Kombination aus Früchtetee, Stockbetten, muffigen Garderoben, Unordnung und pubertärem Gedöns schreckte mich nachhaltig ab. Nie hätte ich mir träumen lassen, dieser Melange beim Tango erneut zu begegnen.

Erst neulich wieder geriet ich auf eine Milonga, welche meine Urängste aus der Schullandheim-Epoche aufleben ließ. (Um die Wiedererkennung zu erschweren, habe ich einige Details verfremdet, daher meine herzliche Bitte: Lasst bitte das „Wer war’s-Spielchen“ – mir geht es um Zustände und nicht um reale Orte und Personen!)

Es ist sicher nicht dem Veranstalter anzulasten, wenn im Umkreis von fünfhundert Metern totales Parkverbot herrscht. Gerade in solchen Fällen wäre man als Fremder aber glücklich über die Empfehlung von Parkmöglichkeiten, welche den Fußmarsch auf höchstens einen Kilometer beschränken. Auch das Finden der Adresse ist ja heute dank Navi kein Problem mehr – wenn allerdings der Anmarsch über verschlungene Fußwege führt, müsste man das Gerät vorher im Auto ausbauen… Nicht gerade zur Tangostimmung trägt auch bei, dass ich mir im Erdgeschoss erst einmal den Weg durch Bier trinkende Jugendliche bahnen muss, die vor einer brüllenden Disco herumlungern.

In der Garderobe ist es, im Gegensatz zur Neonbeleuchtung im Tanzsaal, stockdunkel. Meine suchenden Hände ertasten einen mindestens zwei Meter fünfzig langen, beidseitig zu behängenden Garderobenständer. Na immerhin bleibt mir das Erlebnis mit einem auf zwei Nägeln ruhenden Besenstiel erspart, der seinerzeit schließlich unter der Last von fünf Dutzend Winterausstattungen herunterkrachte und mir eine halbe Stunde Suche nach meinem schwarzen Mantel inmitten vieler anderer schwarzer Mäntel bescherte. Der Veranstalter stand übrigens wenige Meter daneben und zog es vor, in seiner Plauderei mit einigen Gästen fortzufahren…

Das soll mir heute nicht passieren! Sicherheitshalber hänge ich meine Jacke (von der Treppe aus gesehen) an den äußersten rechten Haken. Eine Sitzgelegenheit vermisse ich nicht, da ich gar keine erwartet habe – na gut, das Wechseln der Schuhe im Stehen gehört ja zu den Grundfertigkeiten des Tangueros…

Das Parkett ist mit einer Reihe von Plastik-Billigstühlchen umgeben, den Rest des Mobiliars hat man in einer Ecke zusammengeschoben und aufgetürmt. Das Schönste aber: Im ganzen Saal gibt es – in gegenüber liegenden Ecken – genau zwei Abstellmöglichkeiten für Getränke: ein kleines Tischchen sowie eine Art Spüle, beides schon dicht belagert. Mithin beschließe ich, heute der Dehydrierung zu frönen, was mir umso leichter fällt, da die Kellnerin, welche im Dreiviertelstunden-Rhythmus den Saal durchstreift, zweimal mit leerem Blick an mir vorüber eilt.

Umso tragischer, da doch gerade die Gastronomen bei Milongas darüber klagen, dass die Tangoleute so wenig konsumieren! Sicherlich muss man als Veranstalter oft genug nehmen, was man kriegt – und dies ist nicht selten das „Nebenzimmer im ersten Stock“. Nachdrücklich plädiere ich daher für kostendeckende Eintrittspreise, auf dass man die GEMA bezahlen sowie dem Wirt eine ordentliche Saalmiete hinlegen kann und so die Tangostimmung nicht durch muffelnde Kellner heruntergezogen bekommt. Doch gerade in diesem Fall ergab schon eine oberflächliche Musterung der Sperrmüllbestände, dass man mit etwas mehr Eigeninitiative eine zweckmäßigere Möblierung hinbekommen hätte. Und auch die Beschaffung einiger gemütlicherer Beleuchtungskörper (z.B. Lichterketten) muss den Etat ja nicht sprengen…

Als mich das Ambiente (über die weiteren Gründe decke ich barmherziges Schweigen) alsbald in die Flucht trieb, traf mich Murphys Gesetz mit voller Härte: Ich fand meine Jacke nicht mehr! War bei mir der Alzheimer schon so weit fortgeschritten? Ich hatte sie doch am Haken ganz rechts… Doch da hing nun ein Jöppchen in Größe 36, welches mir ganz bestimmt nicht gepasst hätte! Und daneben – ich suchte die ganze Reihe ab: Fehlanzeige. Nach einem mehrminütigen Schweißausbruch fielen mir dann die Rollen auf, auf welchen die ganze Pracht ruhte. Da wird doch nicht einer das ellenlange Ding um 180 Grad… Bingo! Meine Jacke hing nunmehr links hinten.

Auf dem Rückweg zum Auto hatte ich genügend Zeit, meine Odyssee noch einmal Revue passieren zu lassen: Da führt man im Internet feinsinnige Diskussionen darüber, ob eine Runde Elektrotango oder eine Fremdberührung auf der Tanzfläche schon die Stimmung des ganzen Abends versaue respektive eine cabeceofreie Aufforderung an sexuelle Nötigung grenze. Einer Szene, die solche Probleme hat, kann es doch nicht wirklich schlecht gehen! Mir dagegen hätte an diesem Tag die Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse wie Orientierung, Nahrung und Kleidung völlig gereicht…     

Nicole Nau: Tanze Tango mit dem Leben - Die Geschichte einer leidenschaftlichen Liebe (Bastei Lübbe Verlag Köln, 2013



Um es gleich vorwegzunehmen: Mein Respekt vor dem Lebenswerk dieser Tangotänzerin kann größer nicht sein. Bereits Ende 1988 reiste sie auf eigene Faust und mutterseelenallein nach Buenos Aires, um die Wurzeln dieses Tanzes zu ergründen, mit dem sie sich bereits 1986 in einer Düsseldorfer Tangoschule „infiziert“ hatte. Eine „Frau der ersten Stunde“ also, bevor Mitte der 80-er Jahre in Mitteleuropa der „Tango-Hype“ einsetzte, welcher Anfang der Neunziger dann auch am Rio de la Plata zu einer „Wiedergeburt“ des dort fast schon ausgestorbenen Tanzes führte.

Nicole Nau hatte sicher das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein – aber ohne ihre herausragende tänzerische Begabung sowie Begeisterung und ihren „westfälisch-sturen“ Ehrgeiz hätte es nicht für diese Ausnahmekarriere gereicht: Jahrelang lebte sie in der argentinischen Hauptstadt, tingelte durch Hinterhof-Shows, bis sie sich schließlich an die Weltspitze tanzte, eine gefragte Tangolehrerin wurde und heute mit ihrem derzeitigen Mann, Luis Pereyra, in eigenen Inszenierungen auf Tour geht. Immer wieder bestätigten ihr Argentinier, dass sie, trotz ihrer „ausländischen“ Herkunft, den authentischen Tango zeige. Im Mutterland dieses Tanzes wurde sie mit Ehrungen überhäuft, ziert ihr Konterfei sogar dortige Briefmarken. (Nebenbei: Ein solcher Lebenslauf ist meilenweit entfernt von dem vieler anderer deutscher Tangolehrer, welche sich zwecks Buchung etlicher Privatstunden an den Rio de la Plata begeben mit dem vorrangigen Zweck, nachher eine beeindrucken wollende Liste argentinischer Starlehrer auf ihrer Website zu veröffentlichen…)

Dennoch kann ich mir die Frage nicht verkneifen: Was soll dieses Buch eigentlich darstellen? Eine Autobiografie? Hierfür kommt Nicole Naus Exmann, der holländische Tänzer Ricardo Klapwijk, mit dem sie ja wohl ihre Karriere startete und dessen Konterfei genannte Briefmarken komplettiert, entschieden zu kurz. In wenigen Zeilen nur ist – ohne Namensnennung – von einem früheren Partner die Rede, mit dem sie eher berufliche Interessen verbunden hätten. Und wenn es denn „die Geschichte einer leidenschaftlichen Liebe“ sein soll: Zu wem? Zum Tango? Haben da die Jahre mit ihrem Expartner so rein gar nichts beigetragen? Immerhin werden andere Personen wie ihr wohl eher dem Geschäftserfolg nachjagender Vater sowie die alkoholkranke Mutter mit wenig Rücksicht auf deren Privatsphäre ausführlich dargestellt!

Am ehesten passt der Untertitel auf ihren Ehemann und Bühnenpartner Luis Pereyra. Die Geschichte dieser hoch emotionalen Beziehung (inklusive sattsam bekannter Künstler-Schrullen) füllt viele Seiten des Buches. Die diesbezüglichen Höhen und Tiefen werden in einem kolportagehaften Detailreichtum geschildert, der mir persönlich peinlich wäre. Muss ich das alles so genau wissen? Ich hätte jedenfalls die genauere künstlerische Entwicklung der beiden interessanter gefunden als die von Machismo, Eifersucht und unterschiedlicher kultureller Sozialisation geprägten Streitereien – von der schwülstigen Schilderung muskulös-sehniger Männerkörper ganz zu schweigen…

Ein Verdacht, den ich nicht ausräumen kann, betrifft die „leidenschaftliche Liebe“ der Autorin zu sich selbst. Beim wiederholten Anpreisen ihrer künstlerischen Triumphe trägt sie dicker auf, als sie es nötig hätte. Bereits im einleitenden Kapitel, welches das furiose Finale einer Tangoshow schildert, werden vom Hineinschmiegen in starke Arme über getanzte Leidenschaft bis zum rauschenden Applaus so ziemlich alle Klischees bedient, welches das Tango&Künstlergenre zu bieten hat. Dennoch gibt die Autorin wiederholt Zweifel daran zu Protokoll, ihre individuell passende Rolle auf der Bühne gefunden zu haben. Ob sie dies bis heute geschafft hat, wird nicht verraten – aber genau ab da wäre es interessant geworden! Stattdessen wird auf hohem Niveau darüber geklagt, wie belastend doch die Diskrepanz zwischen beruflichem Erfolg und persönlicher Einsamkeit sei (soll es auch bei Friseurinnen und Reinigungskräften zu bescheideneren Stundenlöhnen geben…).

Häufig finden wir uns auf der Seite des Problems und nicht der Lösung: materielle Sicherheit in einem krisengeschüttelten lateinamerikanischen Land, Geborgenheit in der nordrhein-westfälischen Heimat, Liaison mit einem Partner vom anderen Ende der Welt, treu sorgende Hausfrau und Mutter sowie gefeierter Bühnenstar – bei normalem Ablauf der Pubertät sollte einem schon mit siebzehn klar sein, dass all dies kaum und schon gar nicht nebeneinander funktioniert.

Das Buch ist sicherlich flüssig und unterhaltsam geschrieben, wenngleich etliche Stellen schon arg konstruiert wirken (so Nicole Naus seitenlanger Vortrag zur Tangogeschichte bei einem Anfängerkurs). Ob für den etwas reißerischen „Illustriertenstil“ die (Co)autorin Andrea Micus verantwortlich zeichnet, kann nur vermutet werden.

Tango und „wahres Leben“ in Einklang zu bringen, ist sicherlich schwierig – das wissen nicht nur Bühnenstars, sondern auch normale Milongabesucher. Von den letzteren werden viele das Buch kaufen in der Hoffnung, hierzu einen guten Rat oder gar ein Vorbild zu finden. Nun erfahren sie, dass es auch die Großen der Zunft eher nicht hinkriegen. Immerhin tröstlich!

P.S. Und für die paar Leute, welche die beiden noch nicht kennen, hier ein aktuelles Video:

Susanne Köb: Tango macht glücklich - Coole Tipps für durchtanzte Nächte (Agiledition Wien, 2013)



„Tango macht glücklich“ – zum Glück folgt das gleichnamige Buch von Susanne Köb nur auf den ersten beiden Seiten diesem doch recht PR-mäßigen Motto und legt stattdessen erfreulich differenziert dar, wovon das (Un)glück beim Tango abhängen kann. Sprachlich gut formuliert und auch für Laien verständlich werden wichtige Themen wie Tangogeschichte und -technik, Unterricht sowie Üben, Musikalität, Tanzstile und Verhalten auf Milongas abgehandelt. Schon bei letzterem Thema wird die österreichische Herkunft der Autorin deutlich: Im Mutterland der Balltradition hat das Tanzen eben auch einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert, daher nehmen die Tipps zu konformem Verhalten und Vermeidung von Benimm-Fettnäpfchen einen breiten Raum ein. Ob man den Tango dann noch mit dem Wiener Walzer bzw. Wienerlied vergleichen muss, mag dahingestellt bleiben, wirkt aber, um es im heimatlichen Jargon auszudrücken, durchaus charmant.

Zweifellos schreibt hier jemand über den Tango, der dieses Sujet und die entsprechende Szene schon lange Jahre als Insider begleitet und seine südamerikanischen Wurzeln aus eigener Anschauung kennt (siehe auch das ausführliche Glossar mit spanischen Fachbegriffen). So wird ein Anfänger nach Lektüre des Buches über mehr Kenntnisse zu diesem Tanz vom Rio de la Plata verfügen als manche langjährige Tänzer, denen dieses Werk daher ebenfalls zu empfehlen ist.

Anzuerkennen ist auch, dass es Susanne Köb um eine Selbstreflexion der „Tangomenschen“ geht, zu welcher sie wichtige Fragen stellt und Impulse gibt (z.B. zum Verhältnis zwischen Tango und „wahrem Leben“). Den Blick nach innen und nicht nach außen zu richten kann gerade auf diesem Feld vor Fehlentwicklungen und Enttäuschungen bewahren. Hieraus sollte dann eine ganz persönliche Einstellung zum Tango resultieren.

Leider gelingt es der Autorin, diese eigenen Überzeugungen weitgehend zu verschweigen. Immer wieder fällt auf, dass sie auch sehr widersprüchliche Bereiche lediglich referiert, ohne dabei selbst Stellung zu beziehen, eher fragt als antwortet. Beispielsweise wird zwar der multikulturelle Aspekt im Tango umfangreich beschrieben, dann aber wieder die argentinische Sichtweise als verbindlich dargestellt. Zu Beginn ihres Buches zitiert Susanne Köb ihren Tangolehrer, der sie zu mehr Leidenschaft im Tango aufgerufen habe. Nach dem Lesen ahnt man auch, warum. Nur alles Bestehende abzunicken, auf Distanz zu bleiben und nicht anzuecken reicht nicht. Aber immerhin wird  dadurch der Leser zu eigenen Entscheidungen gezwungen, was ja seine Vorteile hat. Dennoch hätte ich mir mehr heiße denn „coole“ (oder gar unterkühlte) Tipps für meine durchtanzten Nächte gewünscht!

Samstag, 26. Oktober 2013

Zunächst die Antworten auf die entscheidenden Fragen: Warum und wie?



Gerhard Riedl nun nicht nur als Tangobuchautor, sondern auch noch als Blogger? Wieso das?

Es war bisweilen ganz schön nervig, auf Kommentare (zumal im Internet) zu meinem ersten Buch („Der große Milonga-Führer“) nur unzureichend (z.B. mit ein paar Zeilen auf „Facebook“) reagieren zu können. Themen, die sich mir alsbald aufdrängten, mussten auf die Neufassung warten, die jetzt (nach dreieinhalb Jahren) erschienen ist – aber  beim Durchblättern der druckfrischen Ausgabe kommen mir heute bereits wieder Ideen, wie ich manchen Abschnitt anders hätte schreiben können.

Da bietet das Internet ganz andere Möglichkeiten: Man kann jeden Käse, der einem spontan einfällt, sofort und unreflektiert hinausposaunen! Was jedoch noch schöner ist: Es muss gar kein Käse sein, da niemand einen hindert, die Beiträge vor Veröffentlichung ein klein wenig zu überlegen – und auch die Wahl des Instrumentes steht einem frei: Man muss gar nicht auf Blech blasen, es darf auch mal eine Violine oder ein Bandoneón sein…

Daher werde ich mir erlauben, hier immer wieder einmal Aspekte des Tango argentino anzusprechen, die mir gerade aktuell und wichtig erscheinen. Da dies ohne Wertungen nichts sagend und langweilig wäre, lassen sich positive wie negative Einschätzungen nicht vermeiden. Mein Grundsatz hierbei: Je kritischer ein Beitrag ausfällt, desto mehr werde ich versuchen, reale Namen, Daten und Orte zu verschleiern. Je euphorischer dagegen eine Lobpreisung ausfällt, desto weniger ist es wohl im Interesse des Adressaten, ihn zu verschweigen. (Oder ist es gar ehrenrührig, von mir Anerkennung zu erhalten? Damit muss man halt leben…)

Eine Garantie für die perfekte Anonymisierung kann ich natürlich nicht geben. Auch dem Leser kommt die Verantwortung zu, sich die beliebte Frage „Wer ist da gemeint?“ zu verkneifen, denn sie läuft ins Leere. Bei allem Verständnis für den allfälligen „Milongatratsch“: Es bringt den Tango kein bisschen weiter, reale Personen abzukanzeln. Die Zustände werden sich dadurch nicht verbessern – es wird lediglich eine weitere subtile Feindschaft unter dem Deckmantel der „Tango-Bussi-Gesellschaft“ hinzukommen. Verhältnisse dagegen kann man verändern, und das muss nicht einmal wehtun…

Dies soll sich auch im sprachlichen Stil dieses Blogs widerspiegeln: Wenn es der Sache dient, darf Kritik durchaus hart sein, kann eine zugespitzte Satire genau den Punkt treffen, um den es geht. Wo dagegen eine heftige Wortwahl nur dazu dient, Gegner herunterzumachen, ist eine Grenze überschritten, auf deren Einhaltung ich achte.

Weiterhin stehe ich mit realem Namen zu meinen Beiträgen, was mir beim respektvollen Umgang mit anderen hilft. Nicht mehr und nicht weniger erwarte ich auch von anderen. Ich werde daher Kommentare nur dann hochladen, wenn der Verfasser seine wahre Identität nennt und die Grundsätze eines fairen Umgangs nicht verletzt. Wem es vorrangig darum geht, anonym einmal so richtig „Dampf abzulassen“ (oder heiße Luft), der wird im Internet sicherlich Tangoblogs finden, welche seinen Neigungen entsprechen.

Mir geht es um Qualität, nicht um Quantität. Kommentar- und Zugriffszahlen sind für mich kein Kriterium. Dennoch (oder genau deshalb?) würde es mich sehr freuen, wenn hier eine fundierte und gehaltvolle Diskussion entstünde – allerdings unter steter Beachtung der Tatsache:
Das Großhirn kann zwar sprechen, schreiben und bloggen – aber nicht tanzen!