Mittwoch, 29. Juni 2016

Mittsommernachtstango: Wer hat’s erfunden?



„Der Ursprung des Tango ist ein großes Missverständnis. Die Uruguayer und auch die Argentinier wollen ihn erfunden haben. Aber eigentlich entstand er im Osten Finnlands (…). Die Hirten, die mit ihrem Vieh durch die Wälder zogen, begannen Tango zu singen, um die Wölfe fernzuhalten, und um sich weniger einsam zu fühlen. (…) Seeleute sangen ihn und brachten ihn nach Buenos Aires.“

Wenn der berühmteste finnische Regisseur, Aki Kaurismäki, eine solche Behauptung aufstellt, muss doch was dran sein, oder? (Ganz abgesehen davon, dass mir etliche traditionelle Aufnahmen ganz hervorragend zur Abschreckung von Wildtieren geeignet erscheinen…).

Die Filmemacherin Viviane Blumenschein trieb in der argentinischen Hauptstadt drei waschechte Porteños auf, die bereit waren, sich auf einen „Roadtrip“ ins Land der Mitternachtssonne zu begeben und den Wahrheitsgehalt dieser Aussage zu hinterfragen: den Sänger Walter „Chino“ Laborde, den Gitarristen Diego „Dipi“ Kvitko sowie den Bandoneónisten Pablo Greco.

Zunächst ist bei den Argentiniern das Unverständnis groß: „Die spinnen doch, oder? (…) Dann ist Maradona aber auch Finne. – Ja, und Gardel auch.“ Aber immerhin lockt die Aussicht: „Da werden wir verrückte Leutchen kennenlernen.“

Nach ihrer Ankunft sind die Musiker erst einmal erschlagen von der Stille und Weite des Landes – mit fünfeinhalb Millionen Einwohnern weniger als die Hälfte des Großraums von Buenos Aires, „einer dreckigen Stadt, in der es schöne Musik gibt"! Auch der erste Besuch eines landestypischen „Lavatanssi“ (Tanz auf dem Bretterboden) in einem abgelegenen Dorf hinterlässt zwiespältige Eindrücke: „Die
Musik war scheiße, aber der Ort war schön. (…) Das war für mich kein Tango, aber die Leute haben sich amüsiert.“ (…) „Wir können nicht sagen, den Tango muss man so und so tanzen.“ (…) „Aber sie tanzen schon komisch.“ (…) Ja, sie tanzen Chacarera, Tango, Mambo. Und sie hüpfen.“

Die finnische Ausgabe Helge Schneiders, das Multitalent M.A. Numminen, kann ihnen da schon einiges erklären – über den finnischen Komponisten Toivo Kärki sagt er: „Die Finnen wollten dem Tango unbedingt etwas Finnisches geben. Er nahm zwei Elemente: Die Musik der russischen Romantik in Moll und den deutschen Marsch.“
Das erlaube dann ein simples Einherschreiten statt dieser ganzen argentinischen Figuren.
Und über die landestypische Mentalität:
„Wir Finnen haben vor der Erfindung des Mobiltelefons so wenig gesprochen, dass die Entstehung des Tangos eine absolute Notwendigkeit war. Den finnischen Männern fehlte der Mumm, um den Frauen, die sie begehrten, zu sagen, was sie ihnen sagen wollten. (…) In ihren Texten brachten die Tangosänger das zum Ausdruck, was die Männer über die Schönheit der Frauen dachten, mit denen sie tanzten. So konnten die Männer stumm die Frauen im Arm halten.“

Ungezwungene Treffen mit einheimischen Tangomusikern lassen den „Clash of cultures“ aber bald abflauen: In einer wunderbaren Szene improvisiert der Bandoneónspieler Pablo Greco mit dem finnischen Akkordeonisten Kari Lindqvist, dass es eine helle Freude ist. Der bekennt, er hasse Miesepeter: Die Musik müsse vom Herzen kommen, sonst solle man lieber nur zu Hause spielen.

Die Tangosängerin Sanna Pietiäinen treffen sie auf ihrem Bauernhof – und ihr argentinischer Kollege Chino Laborde bucht sofort eine Gesangsstunde bei ihr. Anschließend erzählt er stolz, es sei bei Finnen schon eine Ausnahme, einen Gast zu küssen. Er aber habe von ihr sogar zwei „feuchte Küsse“ erhalten, was rekordverdächtig sei!

Eine berührende Diskussion ergibt sich mit dem Kollegen Riku Niemi: „Es gäbe keine Musik auf der Welt, wenn die Menschen nie Stille erfahren hätten.(…) Wenn es still ist und man genau hinhört, kann man Musik hören. Wenn man also Musik macht (…), sollte etwas von der Stille bleiben, aus der die Musik entstanden ist.“
Nachdenklich macht die Gäste dessen Frage: „Wenn wir über Tango reden… Ich meine, gibt es nur einen Tango? Oder gibt es argentinischen Tango, finnischen Tango, deutschen Tango?“

Die Antwort liegt auf der Hand, wenn man sich in die Stimmung dieses herausragenden Films hineinversetzt: Doch wohl nur einen – zwar in ganz verschiedenen Spielarten, aber das Herz des Menschen stets an derselben Stelle treffend.

Der legendäre finnische Tangosänger Reijo Taipale, welchen sie am Schluss besuchen, drückt es so aus: „Das ist ein Gefühl, das man hat, dem man nur durch den Tod entrinnen kann.“

Und natürlich muss der den berühmtesten finnischen Tango, Unto Mononens „Satumaa“ („Traumland“) live mit ihnen darbieten – wie es sich für Schnulzen gehört – beim Sonnenuntergang am See:


„Irgendwo mitten im Meer liegt ein Land,
wo eine Welle gegen die Ufer glücklicher Inseln plätschert.
Dort ergötzen sich die schönsten Blumen des Lichts,
und dort lassen sich die Sorgen von morgen vergessen.
Ach, könnte ich doch nur dieses sagenumwobene Land finden,
dann würde ich es nie verlassen, wie ein Vogel.
Aber da ich keine Flügel habe, kann ich nicht fliegen.
Ich bin an die Erde gefesselt,
nur wenn meine Gedanken in die Ferne schweifen,
kann ich dorthin gelangen.“

Doch der inzwischen 76-jährige Sänger bekennt, obwohl er den Titel über 8000 Mal gesungen habe, wisse er immer noch nicht, wo dieses Märchenland liege…

Ich weiß nicht, ob alle Finnen (und Argentinier!) so schräg drauf sind wie die im Film. Wenn ich allein an die Szene denke, wo Spaßmacher M.A. Numminen in ein Hasenkostüm steigt (und sein Akkordeonspieler in ein Katzenoutfit), um als „tierisches Duo“ Tangos darzubieten, kennt mein Vergnügen keine Grenzen – zumal, wenn ich mir diesen Auftritt auf einer hiesigen „Bierernst-Milonga“ vorstelle…

Aber mit Schubladen vergeht einem halt das Lachen. Dieser Film dagegen hat mich erschlagen durch seine Bandbreite zwischen Realismus, Romantik, ästhetischen Ernst und wunderbarer Blödelei.

Die anfangs gestellte „Ricola-Frage“ („Wer hat’s erfunden?“) erübrigt sich vollends. Eine gewisse Antwort darauf hat einer der Argentinier am Schluss:

„Es gibt ihn also doch, den verdammten finnischen Tango!“

P.S. Noch kann man den Film in der ZDF-Mediathek sehen:
Nicht verpassen!

Dienstag, 28. Juni 2016

Liebes Tagebuch… 22



„So einen Scheiß kann ich nicht mehr hören, also da werd‘ ich… das ist für mich das Allerletzte, das muss ich ehrlich sagen – ich wechsel den Beruf, is‘ besser!“
(Fußball-Teamchef Rudi Völler zum Sportreporter Waldemar Hartmann am 6.9.2003 nach dem 0:0 gegen Island in der EM-Qualifikation)

Liebe Tango-DJs,

heute wende ich mich einmal an eine absolute Minderheit unter euch: Diejenigen, welche wirklich was können und nicht nur die ewig gleichen EdO-Endlosschleifen auflegen:

Warum verspüre ich bei euch oft diese völlig unnötige Achselnässe? Lasst’s doch die Ankündigung irgendwelcher komischer Aufteilungsschlüssel („Ödo/modern = 70/30“), die nachher eh nicht stimmen (was seltsamerweise immer auf Kosten des Neo-Anteils geht). Und was soll die Versicherung, auch die aufgelegte neuere Musik sei „aber garantiert gut tanzbar“? Na, was denn sonst? Steht auf der Restaurant-Speisekarte bei einem T-Bone-Steak, es sei „aber garantiert gut essbar“? Oder könntet ihr bei euren „schönsten traditionellen Tangos, Valses und Milongas“ wenigstens (was ja stimmen kann) hinzufügen, sie seien „aber garantiert nicht langweilig“?

Und auch die folgende Bitte werde ich solange (in steigender Unfreundlichkeit) wiederholen, bis sich mal einer dran hält: Wenn ihr nicht den Hintern in der Hose habt, wirklich mal Piazzolla aufzulegen, lasst bitte die Sprüche von den „Nuevo-Stücken“ – das ist Leichenfledderei!

Wieso erzeugt ihr eigentlich den Eindruck, man müsse sich vorab dafür entschuldigen, wenn man nicht denselben Käse spielt wie der Rest der Bildschirmgucker? Ja, ich weiß, ihr habt alle schon mal die Ellbogen der konservativen Fraktion verspürt, welche ihr unverbrüchliches Recht auf schrammelige Beschallung gelegentlich ziemlich aggressiv einfordert (oder anschließend hinter den Kulissen die Falltür betätigt). Daher plant man lieber eine „Sicherheitsmarge“ der ewig abgenudelten Titel aus der Talmi-Ära ein.

Wie wäre es einmal mit einer ganz simplen Logik: Das, was jeder Dödel auflegt, kann man weglassen, wenn man kein Dödel ist! Oder, ins Kochtechnische übersetzt: „Tofu kann man genießbar machen, indem man es kurz vor dem Servieren durch Schweineschnitzel ersetzt.“

Und wenn sich dann nach einer Runde mit „Verano porteño“ oder gar „Years of solitude“ der aggressive Rentnerpulk vor dem DJ-Pult drängt und lautstark „Salontango“ fordert, wäre es vielleicht Zeit für das obige Zitat von Rudi Völler – oder wahlweise den Satz, mit dem man Senioren selbst aus Autobahnraststätten entfernen kann: „Bus fährt“!

Da ich bei dem Thema von euch keine Kommentare erwarte (bereits das Bekenntnis, mein Blog zu lesen, könnte eventuell den nächsten Gig gefährden): Ja, ich weiß, ihr legt diese „Konzessionsmusik“ deshalb auf, weil sie euch wirklich gefällt – nur spreche ich da halt mit eurem Großhirn – und das kann den Tango zwar erklären, aber nicht fühlen.

Und nein, ein DJ ist kein Dienstleister, sondern ein Künstler. Ich möchte seine persönliche Handschrift kennenlernen die Erwartungshaltung des üblichen Tangopublikums ist mir leider nur zu vertraut!

Ja, sorry, klar ist es ungerecht, gerade diejenigen abzubürsten, die wenigstens noch gute Ansätze liefern (und durchaus Säle füllen und viel Beifall erhalten), aber manchmal muss man besonders streng mit seinen Lieblingskindern sein, weil man weiß: Mit dieser Begabung könnten sie noch viel mehr hinkriegen. Wenn sie sich denn trauten!

Zu eurer Beruhigung: Ich kenne diese Fehler deshalb so genau, weil ich sie – schon vor Jahren – alle selber gemacht habe. Und ich bedaure es heute noch, dass wir damals nicht auch unsere Ellbogen eingesetzt haben, um „unsere Musik“ zu erhalten – und eine gewisse Klientel nicht wieder im bayerischen Volkstanz entsorgt haben.

Motivationshalber daher nochmal das legendäre Interview mit „Rudi nationale“ – und wer würde seit gestern behaupten, es sei eine Schande, gegen Island unentschieden zu spielen?

Herzliche Grüße und nix für ungut!

Euer Gerhard

Sonntag, 26. Juni 2016

So ist der Tango!



Kürzlich fand ich ein schönes Gedicht über den Tango – daher nun zur Abwechslung wieder einmal ein Beitrag aus der Abteilung „sense of wonder“:

Der Tango ist ein rebellischer Vogel,
den niemand zähmen kann.
Und es ist völlig zwecklos, dass man ihn ruft.
Wenn es ihm passt, sich zu verweigern,
helfen keine Drohungen oder Bitten,
der eine spricht gut, der andere schweigt –
und ich bevorzuge den anderen.
Er hat nichts gesagt, aber er gefällt mir:
der Tango, der Tango…

Der Tango ist ein Kind der Bohème,
er hat niemals, niemals ein Gesetz gekannt.
Wenn du nicht mit mir tanzt, tanz‘ ich mit dir,
wenn ich mit dir tanze, nimm dich in Acht!

Den Tango, den du zu überlisten glaubtest,
schlug mit den Flügeln und flog fort…
Der Tango ist weit weg, du kannst ihn erwarten,
und wenn du nicht mehr auf ihn wartest, ist er da.
Um dich herum, ganz schnell,
kommt er, geht er, kommt er wieder…
Du glaubst ihn zu halten, er weicht dir aus,
du glaubst ihm auszuweichen, er hält dich fest:
der Tango, der Tango…

Schön, gell?

Aber geht es hier überhaupt um den Tango? Und wenn nein: Wo habe ich den Text abgekupfert?

Viel Spaß bei der Suche und dem vielleicht ziemlich überraschenden Ergebnis, welches durchaus etwas mit dem Tango zu tun hat!

Vorschläge nehme ich gerne per Kommentar entgegen! Wenn keiner vorher draufkommt, steht am kommenden Donnerstag dann hier die Auflösung.


Die Lösung kam via Facebook schon nach vier Minuten von Martin Derendorf:


Es handelt sich um den Text der Habanera aus „Carmen“ von Georges Bizet: „L'amour est un oiseau rebelle“. Ich hatte nur die Wörter „Liebe“ durch „Tango“ und „lieben“ durch „tanzen“ ersetzt. Eine schöne Parallele, wie ich finde!

Für die Opernfans: Da man den Text hier nicht singen muss, habe ich meine Frau um eine möglichst wörtliche Übersetzung gebeten – diese weicht daher vom üblichen Carmen-Libretto etwas ab. Zum Trost nun das französische Original:

L'amour est un oiseau rebelle
Que nul ne peut apprivoiser
Et c'est bien en vain qu'on l'appelle
S'il lui convient de refuser
Rien n'y fait, menaces ou prières
L'un parle bien, l'autre se tait :
Et c'est l'autre que je préfère
Il n'a rien dit mais il me plaît
L'amour ! L'amour ! L'amour ! L'amour !

L'amour est enfant de Bohême
Il n'a jamais, jamais connu de loi
Si tu ne m'aimes pas, je t'aime
Si je t'aime, prends garde à toi !
Si tu ne m’aimes pas
Si tu ne m’aimes pas, je t’aime !
Mais, si je t’aime
Si je t’aime, prends garde à toi !

L'oiseau que tu croyais surprendre
Battit de l'aile et s'envola ...
L'amour est loin, tu peux l'attendre
Tu ne l'attends plus, il est là !
Tout autour de toi, vite, vite
Il vient, s'en va, puis il revient...
Tu crois le tenir, il t'évite
Tu crois l'éviter, il te tient
L'amour ! L'amour ! L'amour ! L'amour !

Die Melodie ist übrigens nicht von Bizet, sondern von Sebastián de Yradier, der auch die Habanera „La Paloma“ schrieb. Bizet hielt die ursprünglich „El arreglito“ genannte Weise irrtümlich für ein Volksstück und baute sie in seine Oper ein.

Und die Habanera hat ihren Namen wohl von Havanna:
„Eine Habanera ist ein Tanz afrokubanischen Ursprungs, der im 2/4-Takt gespielt wird, wobei der erste Achtelschlag punktiert wird. Dieser langsame, mit dem Tango verwandte Tanz stammt aus Kubas Hauptstadt Havanna. Er wurde im frühen 19. Jahrhundert aus den europäischen Kontertänzen entwickelt.
Bis zum Ende dieses Jahrhunderts wurde er über Spanien auch in Europa bekannt.“
(Quelle: Wikipedia)

Die Habanera gilt somit als einer der Vorläufer des Tango!