Dienstag, 30. Januar 2018

Ganz schön auf Vifzack!



Derzeit verfolgen mich die Themen geradezu! Eigentlich wollte ich ja heute nichts mehr schreiben, aber…

Der Reihe nach: Es begann vor einiger Zeit auf dem Tangoforum „tanzmitmir“, in dem Hauen und Stechen geradezu ein Volkssport ist. Unter der Themenzeile „Es muss wohl mal was Durchschlagendes passieren…“ forderte ein Kommentator den Rauswurf eines anderen Teilnehmers:

„Was macht eine Gemeinschaft – sei es eine WG oder eine Hausgemeinschaft –  wenn ein Mitglied dauernd Ärger und Streitgespräche provoziert? Man setzt die betreffende Person vor die Tür – notfalls sogar durch Gerichtsbeschluß. Auch dann – wenn zu vermuten ist, dass diese an einer therapiebedürftigen Persönlichkeitsstörung leidet also in gewisser Weise ‚schuldlos‘ ist. Aber die Gemeinschaft hat auch ihre Rechtsansprüche und wenn es nur der nach Ruhe ist.“

Der hier angesprochene, schon lange unter dem Pseudonym „Tanzliebhaber“ Schreibende ist nach meiner Einschätzung ein vielleicht etwas kauziger älterer Herr, welcher bei weitem nicht so wüst zuhaut wie manche andere. Daher beschloss ich, dem Attackierten zu Hilfe zu eilen und bezeichnete obige Zeilen als eine wirklich unappetitliche Aufforderung zum Mobbing“.

Wie auf dieser Seite üblich, wogte die Debatte hin und her sowie vor allem vom Thema weg. Schließlich bekam ich von einem Kommentator mit dem Pseudonym „Tango Vifzack“, der sich schon länger als Forentroll betätigt, auch mein Fett ab. Der Betreffende schredderte nicht nur dort verschiedene Debatten – im Moment versucht er auch bei den „Berlin Tango Vibes“ Unfrieden zu stiften, welchen die Damen derzeit noch weglächeln. Bin gespannt, wie lange das gutgeht…

Ich reagiere auf solche Attacken inzwischen gar nicht oder nur kurz und freundlich – alles andere führt ja nur zur dem, was ein Troll sich wünscht. Sein neuester Provokationsversuch ist allerdings ein derartiges Muster der Psychopathologisierung des Gegners, wie man ihn als Satiriker nur unter größten Anstrengungen hinbekäme. Daher bin ich froh, mit der Basisarbeit des „copy & paste“ auszukommen und bedanke mich beim Autor herzlich für die geleistete Vorarbeit:

„Werter Riedl, eigentlich gehoert es nicht in ein Tangoforum, aber da Du leider das Thema selbst angeschnitten hast, sehe ich mich widerwillig dazu gezwungen, darauf eingehen.
(…)
Nun zum Begriff der Eitelkeit: Ich bedauere, dass Du dich mit dieser ungenauen Nomenklatur bezeichnest. Ich wuerde den Begriff einer narzisstischen Persoenlichkeitsstoerung verwenden wollen.

Obwohl aus der Stadt Sigmund Freuds schreibend, gilt es hier festzuhalten, dass Freud im Laufe der Zeit verschiedene Korrekturen bei seiner Begriffsbildung zur narzisstischen Persoenlichkeitsstoerung vorgenommen hat, und um Dich nicht weiter mit der Genese der Freud'schen Taxonomie zu ueberfordern, sollten wir -damit es auch fuer Dich verstaendlich bleibt- mit der einfacheren Definition nach R. Bonelli arbeiten.

Die genannte Stoerung laesst sich anhand der drei Kriterien Selbstidealisierung, Fremdabwertung und Selbstimmanenz bestimmen. Lass uns nun unvoreingenommen pruefen inwieweit das auf Dich zutrifft.

Der Gestoerte ...
(Bonelli hat folgendes geschrieben:)       

... macht sich selbst zum Ideal und ist begeistert von allem, was mit dem Ich in Zusammenhang steht. Was man ist, was man war, was man sein wird. ...
Diese Selbstidealisierung laesst keine Korrektur zu.

Nun erinnere Dich mal daran, wie oft Du uns mit Deinem Blog, Deinen famosen Einfaellen (auch wenn sie immer wieder plagiiert waren), Deiner Facebookgruppe, Deiner glorreichen Vergangenheit als Oberschulkommissar (was sollte die eigentlich mit Tango zu tun haben?) .... Man koennte die Liste beliebig lange fortsetzen.
Sicher, Korrekturen nimmst Du gerne vor, allerdings bei anderen und natuerlich sind diese dann nur formaler, z.B. orthographischer Natur, da Du ja mit den inhaltlichen Themen nicht aufwarten kannst.

Damit hast Du die erste Huerde problemlos genommen, und wir koennen nun weitersehen, ob es Dir moeglich sein wird, auch die naechsten Hindernisse zu meistern.
Kommen wir zur Fremdabwertung.

(Bonelli hat folgendes geschrieben:)

Die Fremdabwertung ist ein logischer Schritt, denn wer sich selbst idealisiert, muss andere abwerten....
Ein Narzisst sieht den anderen als Sprosse und nicht als Menschen auf gleicher Augenhoehe. Er wirkt quaelend auf seine Umwelt, weil er den anderen nicht großwerden laesst: ‚So groß wie ich koennt ihr gar nicht werden.' Die ‚Nummer Eins‘ in seinem Weltbild ist er selbst.

Als ob Bonelli Deine Beitraege im Forum mitgelesen haette!
Nein, nicht als Menschen auf gleicher Augenhoehe, sondern kleiner, viel kleiner.
So in Kindergroesse etwa. Vielleicht so gross wie ein Schueler?
Also wenn man bedenkt, dass Du einmal Lehrer warst, und hier andere wie ungehorsame Schueler zu massregeln versuchst, dann kann man zusammenfassen: Auch diese Huerde hast Du mit Bravour hinter Dir gelassen.

Nur noch eine letzte Pruefung wartet auf Dich: die Selbstimmanenz.

(Bonelli hat folgendes geschrieben:)      

Und schließlich die Selbstimmanenz. Der Mensch bleibt in sich selbst stecken.
...
Das Heiligste, das der Narzisst kennt, ist er selbst

Du hast gewonnen ! Das ewige Wiederkaeuen von Non-Tango als Tango, das fehlende Hinterfragen der eigenen Position.... Dass Du Dich zum Thema Heiligsten' hier auch noch gerne als Geistlicher Rat' ansprechen laesst, validiert auch noch diesen Punkt.

Aber damit nicht genug: Unter den typischen Gestoerten ...

(Bonelli hat folgendes geschrieben:)      

... sind viele Politiker, Geschaeftsleute, Schauspieler und Lehrer dabei. Denn da gibt es eine Buehne. ueberall dort, wo man unhinterfragt seine Brillanz praesentieren kann und von vielen bewundert wird.

Lieber G.R., damit hast Du alle moeglichen Punkte erreicht und solltest Dich uebergluecklich fuehlen und Dein phantastisches Resultat in einem Blogeintrag aller Welt kundtun.“

Na, das mach ich doch glatt!

Übrigens ist  Raphael M. Bonelli ein österreichischer Neurowissenschaftler, Psychiater und systemischer Psychotherapeut:
Seine Forschungsgebiete sind Perfektionismus, Narzissmus und Chorea Huntington („erblicher Veitstanz“ – die Pointe verkneife ich mir jetzt schweren Herzens).

Tango Vifzack ist ausweislich seines Forumsprofils (das natürlich ein Fake sein kann) ein „Wiener Milonguero“, 47 Jahre alt, 1,86 cm groß und gibt als Tanzschule „La Academia del Tango Argentino“ an. Nach eigener Aussage hat er im Tango „Showtanz-Niveau“.

Da ich keine psychiatrische Ausbildung habe, möchte ich zu dieser Person eine Diagnose nicht wagen – schon gar auf die Ferne und ohne ein persönliches Kennen, was einem ja bei pseudonymen Herrschaften verwehrt bleibt.

Nur ganz allgemein: Ich habe schon früher Tanzpartnerinnen nach einer Milonga aus Höflichkeit zu ihrem Auto begleitet. Inzwischen sehe ich dies als dringendes Erfordernis!

Quelle:

P.S. Als Student war ich in einem „Sozialarbeitskreis“ der Katholischen Hochschulgemeinde bei der Betreuung von Kindern aus „Obdachlosenwohnungen“ aktiv. Eine der Mütter, um deren zahlreiche Sprösslinge wir uns kümmerten, war eine sehenswerte Erscheinung: abgerissen, ungepflegt, maximal noch drei Zähne im Mund, von weitem nach Alkohol riechend. Als sie hörte, dass wir uns auch des Nachwuchses der Nachbarn annahmen, war sie entsetzt: „Naa, des derfen’s fei net machen, des sind doch Asoziale…“

P.P.S. Da meine Frau Herrn Vifzack" in einem Kommentar (siehe unten) kritisierte, kam nun das erwartbare Verhaltensmuster: Frauen stimmen mir deshalb zu, da sie von mir abhängig sind. Als ich das dementierte, kam (ebenfalls Standard) der Umschwung: Ich stünde unter dem Pantoffel:

„Zum Punkt der weiblichen Verteidigung moechte ich bemerken, dass es psychologisch uebrigens aeusserst interessant waere, ob da ein fruehkindliches Verhaltensmuster vorliegt, wenn ein vorlauter, besserwisserischer Bub, der seine Kameraden stets unertraeglich provoziert und darob nunmehr verdroschen wurde, die Frau, welche ihn unter dem Pantoffel haelt (i.d.R die Mutter, im Erwachsenenalter dann die Ehefrau), um Hilfe ruft und entsprechendes Verhalten auch noch als Erwachsener an den Tag legt.“ 

Männer und Frauen auf Augenhöhe gibt es für solche Zeitgenossen nicht...

Sonntag, 28. Januar 2018

Vor dem Jubiläum



Demnächst wird es bei uns drei Jahre, dass wir zu unserer ersten „Wohnzimmer-Milonga“ einluden. Zudem wird es die 40. Veranstaltung dieser Art sein. Da meine Frau ein (natürlich streng geheimes) „Milonga-Tagebuch“ führt, konnte ich viele längst vergessene Tatsachen recherchieren. Als Naturwissenschaftler mag ich es nicht lassen, eine kleine Statistik zu erstellen:

Auf unseren bislang 39 Milongas nahmen insgesamt 590 Personen teil, das entspricht im Schnitt ziemlich genau 15 pro Termin. Die Quote der Frauen beträgt 57 Prozent.
Insgesamt waren bislang 83 verschiedene Besucher in Pörnbach – aus dieser Perspektive ergibt sich ein ähnlicher Frauenanteil von 54 Prozent.
Das bestätigt meinen Eindruck, den ich auch von den Milongas habe, welche ich öfters besuche: Das Geschlechterverhältnis ist relativ ausgeglichen – allenfalls ein paar Prozent mehr Frauen.

Vor diesem Hintergrund frage ich mich wirklich, was das aktuelle Gedöns um die „Gender-Balance“ (inklusive komplizierter Anmeldeverfahren plus Diskriminierung weiblicher Singles) eigentlich soll. Wenn Frauen auf Milongas lange herumsitzen, liegt es nicht an der zahlenmäßigen Relation, sondern am oft sehr selektiven Aufforderungsverhalten der Männer! Und auf Veranstaltungen, wo das anders ist, gibt es nicht zu viele Damen, sondern zu wenige Herren. Vielleicht sollte man gerade Anfängern unter ihnen nicht mit Körben kommen…

Mit alldem haben wir in Pörnbach kein Problem: Noch nie habe ich beobachtet, dass Tänzer bei uns Tangueras länger warten lassen. Im Gegenteil: Es wird sehr viel gewechselt – jede(r) kommt zum Tanzen. Zudem sind stets mindestens zwei Frauen anwesend, welche auch sehr gut führen können, was den leichten Männermangel mehr als ausgleicht.

Mit etwas Sorge sehe ich allerdings ein anderes Thema: Immer wieder höre ich bei Fragen nach unserer „Wohnzimmer-Milonga“ den Satz: „Ihr seid ja eh immer ausverkauft“ – sprich, Anmeldungen brächten nichts. Auch hierzu habe ich die Statistik bemüht: An 20 von 39 Terminen hätten wir bis zur letzten Minute noch Gäste akzeptieren können. Ansonsten klappt es fast immer, wenn man sich ein bis zwei Tage nach der Einladung auf Facebook https://www.facebook.com/gerhard.riedl/?ref=bookmarks oder www.tangobayern.de
bei uns meldet. Die Termine werden meist auch auf meinem Blog angekündigt.

Ansonsten kommt man auf eine Warteliste und wird sofort benachrichtigt, wenn durch Absagen Plätze frei werden. Insgesamt mussten wir aus Platzgründen (20 qm Parkett) nur 25 Gäste zurückweisen.
Also, nur Mut!

Ein größeres Problem sind für uns Absagen, welche im Normalfall sehr kurzfristig (oft in den letzten 24 Stunden) eingehen: Insgesamt erhielten wir bislang 54, also eine Quote von 8,4 Prozent. Wenn wir dann Leute von der Warteliste informieren, hilft das kaum noch: So kurzfristig können die meisten nicht reagieren, zumal sie sich inzwischen vielleicht etwas anderes vorgenommen haben.

Ich sehe natürlich die Zwickmühle: Da muss man sich schon zirka drei Wochen vorher anmelden und kann daher nicht immer überblicken, dass es am Termin denn doch zu knapp wird – plötzliche Erkrankungen sowie Unfälle natürlich eingeschlossen. Dennoch wären wir dankbar, rechtzeitig informiert zu werden, dass die Teilnahme unsicher ist und wir so schon mal Nachrücker darauf aufmerksam machen könnten!

Nachdenklich hat mich die Aussage eines Gastes gemacht, unsere Milonga sei alles andere als ein „gemütlicher Sonntagnachmittag bei Kaffee und Kuchen mit dekorativem Tänzchen außenrum“, sondern eher ein „sehr ambitioniertes Musikseminar, bei dem man/frau sich zum engagiert dargebotenen Wissen auch auf Wegen abseits des Mainstreamrepertoires tänzerisch-kreativ ausdrücken darf.“

In diesem Fall war das sehr positiv gemeint – ich zweifle jedoch nicht daran, dass uns dieser Ruf etliche Gäste kostet. Auch aus anderen Quellen weiß ich, dass man fürchtet, bei uns durch zu „schwierige“ Musik tänzerisch überfordert zu sein. Unsere werte Konkurrenz dürfte diese Botschaft gerne verbreiten helfen…

Richtig daran ist, dass ich oft ein bestimmtes Tangoensemble oder einen Solisten vorstelle – inklusive eines kleinen Textes in der Einladung sowie bei meinen Begrüßungsworten. Ich meine, dass gerade moderne Interpreten in der Szene fast völlig unbekannt sind. Und ja, ich finde, man sollte sich für die Musik interessieren, auf die man tanzt.

Übrigens: Kaffee und Kuchen gibt es bei uns durchaus!

Zugeben muss ich jedoch: Wer lieber auf tausend Mal gespielte Mainstream-Aufnahmen tanzt, weil ihn neue Musikerfahrungen verwirren, ist bei uns nicht gut aufgehoben. 
Immer wieder beobachte ich, dass unsere Gäste besser tanzen als der Durchschnitt – sicher auch wegen der Herausforderungen einer Musik, welche nicht gleichförmig dahinplempert. Ob man sich diesen stellen will, ist die Entscheidung jedes einzelnen.

Keinesfalls ist das aber so zu verstehen, dass Anfänger bei uns unerwünscht seien respektive eh keine Chance hätten. Im Gegenteil: Diese werden freundlich integriert und betanzt. Sollte ich bei uns jemals Ansätze von Hochnäsigkeit gegenüber weniger routinierten Besuchern bemerken, wäre der Urheber nicht länger Gast in Pörnbach. Bislang konnte ich dies jedoch nie erkennen.

Ein weiterer Zweck der Musikvorstellung ist es, jeder Milonga etwas Besonderes zu verleihen. Manchmal sind es stattdessen auch andere „Specials“ wie Gast-DJs, eine Buchvorstellung, Zauberei oder sogar eine Breakdance-Vorführung. Aber stets nur in der Länge einer Tanda – das Tanzen soll im Mittelpunkt bleiben!

Besonderes Highlight ist natürlich die Live-Musik unserer „Hauskapelle“, dem „Duo Tango Varieté“, welches zweimal im Jahr bei uns auftritt – stets auch mit neuen Titeln, da die Damen konstant an der Erweiterung ihres Repertoires arbeiten.

Hinsichtlich der „Códigos“ bleiben wir weiterhin ultimativ liberal: Jeder darf bei uns spinnen, wie er will – ob er nun klassisch, „nuevo“ bzw. „contangomäßig“ tanzt, auf Rondakurs, im Zickzack oder auf allen Vieren. So haben wir das in unseren Tango-Anfangsjahren kennengelernt, und da gab es ebenso wenig „Unfälle“ wie heute. Und natürlich darf auch jede(r) auffordern, wie er (oder sie) will. Körbe konnte ich bislang keine beobachten.

Manch Außenstehender kann (oder will) sich nicht vorstellen, dass dies gelingt. So schrieb neulich einer meiner Leser:

„Aber Du wärst auch nicht begeistert, wenn sich Gäste Deiner Wohnzimmer Milonga wie Rotz am Ärmel benehmen würden, und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Du das dann einfach so laufen lassen würdest, weil‘s ja so schön wild und frei ist.“

Sorry, tut halt keiner! Das liegt wohl einerseits an der „privaten“ Atmosphäre, andererseits daran, dass sich ein bestimmter Menschenschlag gar nicht zu uns traut, da er hier keine Gleichgesinnten finden würde. Wir sind nämlich mit unseren paar Gästen in der Provinz uninteressant für Leute, denen es um „Machtspielchen“ geht. Die besuchen eher großstädtische Milongas oder geben Tanzunterricht. Daher bleibt unser Dorf-Tango" so klein, wie er ist!

Eines möchte ich aber in diesem Zusammenhang betonen: Wir betreiben keine öffentliche Veranstaltung. Zwar werden die Anmeldungen normalerweise in der Reihenfolge ihres Eingangs bestätigt – andererseits gibt es aber Personen, die ich bei uns nicht akzeptieren würde. Dies liegt aber nicht an Verstößen gegen „traditionelle Códigos“, sondern an einer elitären und asozialen Einstellung. Wer meint, ständig „Extrawürste“ bestellen zu können oder anderen das Gefühl gibt, sie seien eines Tanzes unwert, muss draußen bleiben. In der Praxis ist das aber kein Problem, da sich solche Zeitgenossen meist eh nicht um eine Einladung bei uns bemühen.

Ich bin inzwischen auch ziemlich immun gegenüber „Milonga-Gestaltungs-Bestimmern“. Sicherlich bedenke ich Anregungen und setze sie vielleicht auch eines Tages um – aber bei dieser Spezies kann man davon ausgehen, dass sie ihre „guten Ideen“ oft sehr schnell wieder vergessen und in keinem Fall zu ihrer Realisierung beitragen. Nein: Das Veranstalten einer gelungenen Milonga (von den Einladungen über die Bewirtung, Sozialkontakte, Tänze und Playlist) ist für mich ein „Gesamtkunstwerk“ und nicht das Ergebnis eines demokratischen Prozesses.

Die Musik steht im Mittelpunkt: Hier versuche ich, wieder „zusammenzuführen, was einst zusammengehörte“. Die Tangoszene driftet ja immer weiter auseinander: Auf dem Gros der Milongas bemüht man sich nach Kräften, eine stets wiederkehrende Zusammenstellung aus denselben 400 Titeln zu spielen – und „Neolonga“ bedeutet in der Regel Loungegesäusel mit dem Vorsatz, jede Ähnlichkeit zum Tango zu vermeiden. Veranstaltungen mit einer bunten Mischung von Tangostilen sind klar in der Minderheit.

Eines gebe ich zu: Als ich früher öffentlich auflegte, waren natürlich (etwa zur Hälfte) auch die „großen Orchester“ der EdO im Programm. Nachdem man diese Aufnahmen heute aber auf den meisten Milongas in Dauerbeschallung geboten bekommt, spiele ich eher moderne Versionen traditioneller Titel, die von einer riesigen Zahl von Interpreten in teils hervorragender Qualität geboten werden. „Non Tangos“ lege ich nur in homöopathischen Dosen auf – ausgenommen die letzte Tanzrunde, wo ich unseren Gästen – statt der abgenudelten Cumparsita – berühmte Tanzmusik-Interpreten (von Nat King Cole über Vico Torriani bis Max Raabe) vorstelle. Das muss dann nicht immer Tango sein, kann aber. Und die Playlisten sind auf meinem Blog einzusehen. Jeder, der zu uns kommt, sollte daher wissen, worauf er sich einlässt.

Bereits nach unserer ersten Veranstaltung habe ich unsere Ziele zusammengefasst:
Im Kern hat sich daran bis heute nichts geändert. Und wir glauben, das ist gut so. Gerade in der letzten Stunde entsteht meist eine „zauberhafte Stimmung“, wenn alle noch einmal tanzen und dieses Gefühl mitnehmen wollen. Das bewirken unsere wunderbaren Gäste – herzlichen Dank dafür!

Daher wird es die „Pörnbacher Milonga“ wohl noch lange geben – vielleicht irgendwann mit dem DJ im Rollstuhl neben der Musikanlage. Da kann ich unglaublich stur sein!

P.S. Wer es noch nicht kennen sollte: eine kleine Momentaufnahme von unserem Parkett. Sie entstand ganz unvorbereitet, als Manuela spontan zu ihrem Smartphone griff. Die Musik ist die „Habanera“ von Las Sombras.

Samstag, 27. Januar 2018

Aufleger zu verleihen




Um einem dringenden Bedürfnis abzuhelfen, haben wir uns entschlossen, eine neue Organisation ins Leben zu rufen: den Deutschen Argentino-TJ-Verleih (DATV).

In Anbetracht der Tatsachen,

·         dass die deutsche Tangoszene nur gruppenweise vorkommt
·         dass diese Gruppen sich so lange spalten, bis sich die einzelnen Teile nur noch in ihrer Facebook-Werbung ähneln
·         dass es fernerhin die Hauptaufgabe all dieser Schulen, Vereine und Tangostudios ist, Milongas, Practicas, Kurse und Festivals abzuhalten
·         dass zu jeder dieser Veranstaltungen die Anwesenheit eines TJs („Tango Jockey“) südländischer Anmutung unerlässlich ist

macht es sich der DATV zur Aufgabe, die bisher ziellos nebeneinanderlaufenden Engagement-Bestrebungen einheitlich zu organisieren, wie folgt:

Es steht den Veranstaltern grundsätzlich nachstehende Standard-Garnitur zur Verfügung:

TJ mit spanisch klingendem Namen zur Darbietung des Musikprogramms. Er (oder sie) wird in sachgemäßer Ausstattung geliefert:

·         Haarfarbe und Kleidung in Schwarz
·         Pferdeschwanz (nur bei Männern)
·         Schuhe mit hohen Absätzen (auch bei Männern)
·         geheimnisvolle Ausstrahlung
·         Werbematerial mit Erotik-Kampfposen
·         nachgewiesene Teilnahme an mindestens einem Tangowettbewerb
·         mehr als 500 Facebook-Freunde
·         Smartphone

www.tangofish.de

Auf Wunsch geben unsere Verleihprodukte auch Tangounterricht und/oder bieten eine Tanzshow (drei leichtfassliche, völlig gleichförmige Stücke plus eine Zugabe, Retro-Kostümierung).

Gegen Aufpreis wird eine Partnerin mitgeliefert, welche Kleider, Schuhe und anderes Tangozubehör verkauft respektive beim Vortanzen behilflich ist. Bei Abnahme größerer Posten legen wir gratis noch einige weitere Familienmitglieder bei.

Die von uns zur Entleihung angebotenen Individuen sind darauf programmiert, die Veranstalter zweimal pro Abend unter spanischsprachigen Ausrufen zu herzen und zu kosen sowie einen Pflichttanz mit der Organisatorin zu vollführen. Weitere Parkettaktionen sind ihnen streng untersagt. Die Entleiher werden gebeten, unsere Leihobjekte pfleglich zu behandeln und sie in demselben Zustand zurückzuerstatten, wie man dieselben anzutreffen wünscht. Abgetanzte Exemplare werden nicht zurückgenommen!

Weitere Sozialkontakte sind ihnen ebenfalls grundsätzlich verboten. Unser Standard-Exemplar ist daher plombiert und wird normale Gäste vollständig ignorieren. Gegen Aufpreis liefern wir eine Version, welche einige in fast unverständlichem Hispano-Deutsch gehaltene Sätze programmiert hat. Dieses können wir speziell zu Unterrichtszwecken bestens empfehlen.

Dem TJ ist ein abgesperrter Winkel des Lokals mit mindestens einem Laptop zuzuweisen. Eine Annäherung und Platznahme dort ist lediglich zweien vom Veranstalter zu bestimmenden „DJS“ („DJ-Schnepfen“, Ausstattung: Highheels, Flatterkleidchen, Überbiss) zu gestatten, welche durch gackerndes Betragen die Bedeutung des Gaststars zu unterstreichen haben. Die Taxi-Aufleger sind einmal pro Abend namentlich vorzustellen. Hierzu ist ein Publikum vorzuhalten, welches dann in lauten Jubel ausbricht.

Unsere Verleihobjekte bieten ein garantiert einfach gehaltenes Musikprogramm mit Tandas, Cortinas und unseren werten Tangoklassikern (bis 1960). Eine Überforderung selbst einfachster Publikumsschichten ist daher ausgeschlossen. Genauere Angaben zur Musik wie Playlists etc. fallen unter unser Betriebsgeheimnis und sind daher streng untersagt!

Dem TJ ist in der ersten Arbeitsstunde ein warmes Abendessen zu servieren, welches der hinter seinem Computer zu verspeisen hat. Der sich dadurch auf der Tanzfläche ausbreitende, von der deutschen Gastronomie meist perfekt erzeugte ranzelnde Geruch passt somit hervorragend zur Ausstrahlung der aufgelegten Tangostücke.

Des Weiteren werden unsere Verleihprodukte öfters demonstrieren, wie leicht ihnen wegen ihrer hohen Fachkompetenz die Musikauswahl fällt, indem sie nebenher mit dem Smartphone surfen oder telefonieren. Nasebohrende Exemplare mit 10 Prozent Rabatt.

Wir hoffen, mit diesem Auszug aus unsern Betriebsvorschriften der deutschen Tangoszene sowie ihrem Verbandsleben einen unschätzbaren Dienst erwiesen zu haben: Gerade hinsichtlich der Aufleger-Auswahl kommt es immer wieder zu einer kräftezehrenden Konkurrenz, welche nicht nötig wäre, da sich die Musikprogramme realiter sowieso kaum unterscheiden.

Unser Motto lautet daher: Wieso einen DJ nach Maß, wenn’s auch von der Stange geht? Sparen Sie sich daher ihr Geld für wichtigere Dinge wie beispielsweise die Tombola!

Indem wir Sie bitten, uns in Ihrem gefl. Bekanntenkreise empfehlen zu wollen,
zeichnen wir

hochachtungsvoll
Deutscher Argentino-TJ-Verleih (DATV)

P.S.
Um einer Frage zuvorzukommen: Hat dieser Artikel einen aktuellen Anlass? Ja – und zuvor an die hundert Mal!

P.P.S. Kenner dürften es längst bemerkt haben – Vorbild meines Textes ist  eine Satire von Kurt Tucholsky: „Die Spitzen der Behörden“ (1928)
Hier das Original:
http://www.textlog.de/tucholsky-spitzen-behoerden.html