Freitag, 30. September 2016

Tango Voice III: Der Widerspruch wächst



In zwei Beiträgen habe ich mich schon mit dem „Tango-Manifest“ des US-amerikanischen Bloggers Tango Voice (so eine Art McCarthy-Cassiel) beschäftigt:


Grob zusammengefasst: Auch die Tangotänzer in den Erste Welt-Ländern hätten das Recht, Milongas so zu gestalten, wie sie glauben, dass es in Argentinien schon immer üblich gewesen sei: EdO, Tandas, Cortinas, Ronda, Códigos, Cabeceo - sicut erat in principio et nunc et semper et in saecula saeculorum, amen.

Mein Blogger-Kollege Yokoito hatte sich damals in die dortige Debatte eingemischt und wurde erwartungsgemäß von den Traditionalisten abgemeiert. Dann war erstmal Ruhe.

Seit Mitte September beginnt man dort aber plötzlich verstärkt, Widerworte zu geben. Die Debatte liefert schöne Einblicke in die aufeinander treffenden Vorstellungswelten, daher hier einige von mir übersetzte Zitate (können nur Kostproben sein, da insbesondere der Hausherr Kommentare mit Diplomarbeiten verwechselt):

New Mexico dancer (bezieht sich auf das Buch: “The Meaning of Tango – The Story of the Argentinian Dance” der britischen Tangoexpertin Christine Denniston):

„Nach Christine Denniston umfasste der traditionelle Tango in der EdO Ganchos, Boleos und Bewegungen, welche die Folgende aus der Achse lenkten. Ja, dies gab es nicht im Zentrum von Buenos Aires, es war nicht der Tanz der tonangebenden Größen, aber es war der aus der südlichen Umgebung der Stadt. Ich habe auch Freunde, deren Großeltern in den 40-er Jahren tanzten und von ihnen das Gleiche hörten.
Wieso ignorieren Sie anscheinend diese traditionellen Bewegungen? Insbesondere, weil diese, gut ausgeführt, keine Angeberei sein müssen, nicht notwendigerweise mehr Platz brauchen als ein Ocho cortado oder eine Molinette in enger Umarmung, nicht den Fluss in der Ronda unterbrechen oder die umgebenden Tänzer stören müssen – zumindest wenn diese auf ihre Partner achten und nicht einfach umherglotzen und Tangopolizei spielen.
Das Gleiche gilt für die weiblichen Verzierungen: Wenn sie innerhalb der Grenzen ihrer ‚Bodenfliese‘ bleiben, was ist daran falsch? Was kümmert Sie das? Warum bemühen Sie sich überhaupt, diese Aktionen zu erwähnen?
Ja, es gibt grobe Tänzer, welche die Ronda aufmischen, aber das letzte Mal, bei dem ich davon betroffen war, geschah es durch einen traditionellen Tänzer, der mit einem Rückwärtsschritt meine Partnerin rempelte. Passiert halt auch.“

Ellen Chrystal:

„Sehr gut gesagt, New Mexico dancer, ich stimme zu! Ich erfuhr es von recht alten Milongueros in Buenos Aires, die bekannt waren für ihre konservative Haltung zu Traditionen und Tanz. Sie verwendeten alle diese Bewegungen in ihrem Tanz auf den Milongas.“

Tango Voice will nun zunächst Namen und Videos – prima, aus den 40-er Jahren, da kann er hoffen, dass nicht viel kommt… Sicherheitshalber setzt er noch einen drauf:

„Falls tatsächlich Tangotänzer im Süden von Buenos Aires Ganchos, hohe Boleos und Achsenauslenkungen in ihren sozialen Tango während der Goldenen Epoche einbezogen, wie es von Denniston berichtet wird, wurden diese Bewegungen am Ende der EdO ausgeschlossen oder sozial geächtet. Sie tauchten mit dem Revival des Tango in den späten 80-er Jahren nicht wieder auf. (…)
Tatsächlich waren diese Moves Teil des Bühnentango, wurden von den Pionieren des Tango nuevo in den Neunzigern gefördert und später auf die Tanzflächen moderner Practica (re)importiert, in experimentelle Labors, wo man die Grenzen der Möglichkeiten von Tangobewegungen erforschte.
Viele Vertreter des Gebrauchs von Bühnentanz-Elementen auf den sozialen Tanzflächen der Erste Welt-Milongas verteidigen das damit: So lange diese Bewegungen andere Tänzer nicht beeinträchtigen, sollten sie als akzeptabel gelten. Dies missachtet den Aspekt des traditionellen Tango (wie er heute auf der Mehrzahl der Milongas in Buenos Aires praktiziert wird), dass Exhibitionismus und Wettbewerb auf dem Parkett generell geächtet sind.“

Ellen Chrystal:

In meiner Vierte Welt-Szene sind wir ein Sammelsurium von Typen mit allen möglichen seltsamen Ideen zum Tango – traditionell oder anders –  irgendwie findet jeder Tänzer seinen Weg, und wir können die Diskussion ohne Detonationen genießen – bis jetzt wenigstens.“

NM Dancer zitiert zunächst aus Christine Dennistons Buch:

“Ein anderer Stil, oft von Leuten, die in den Vierzigern getanzt haben, als ‘Stil der Fünfziger’ bezeichnet, scheint in einer kleinen Zahl von Milongas populär gewesen zu sein… in den letzten Jahren der EdO. Er wurde mit kurzen Schritten und relativ simplen choreografischen Figuren getanzt… Dieser Stil war ideal geeignet für kleine, überfüllte Tanzflächen. Einige mir bekannte Tänzer aus dem Goldenen Zeitalter sagten, sie sahen diesen Stil erstmals in den Siebzigern, als die wenigen Milongas klein und Practicas verschwunden waren.
Einige Tänzer aus der EdO betrachteten diesen Stil als Rückschritt in der Tangoentwicklung. Ein guter Freund von mir beschrieb ihn als ‚den Stil eines Mannes, der eine Freundin sucht‘.“

Der Kommentator fährt dann fort:

„Ein argentinischer Bekannter von mir, der in den 80-er Jahren zu tanzen begann und es direkt von den Leuten lernte, die in den 40-ern und frühen 50-ern tanzten, behauptete, dass dieser ‚Milonguero-Stil‘ in den 80-ern vor allem die Domäne der alten Argentinier war, welche nicht mehr fähig waren, den sozialen Tanz ihrer Jugend auszuführen (…) und dass – nach seiner Sicht unglücklicherweise – ihr ‚Milonguero-Stil‘ eine treibende Kraft beim Revival des Tango war.“

In seiner ellenlangen Replik unterläuft Tango Voice ein erstaunliches Bekenntnis:

„Vielleicht war der Tango milonguero tatsächlich für einen Mann gemacht, ‚der eine Freundin sucht‘, was sicher Teil der menschlichen Natur und daher nicht zu verunglimpfen ist.“

Aha, mein sonstiger Freund der 50-er Nierentisch-Moral: Aber a bissele Exhibitionismus beim Tanzen ist kein allzu menschliches Motiv, oder?

El Polaco:

„Der Grund, warum der ‚Tango for export‘ Erfolg hat, ist ganz einfach seine Anpassung an das Vermarkten und Unterrichten. Tatsächlich stimme ich Steve Jobs zu, wenn er sagt, dass die Leute nicht wissen, was sie wollen, bis man es ihnen verkauft. Wenn der Tango for export nachgefragt wird, dann deshalb, weil er erfolgreich vermarktet wird (…) während die Menschen, welche den Tango milonguero vorziehen, zu weich und überängstlich darin waren, das zu promoten, was sie wollen.
Yokoito ist dafür die typische Person, und man muss sich fragen, warum diese Menschen so aggressiv gegen die Tradition sind. Nach meiner persönlichen Beobachtung begegnet Traditionalismus aggressiver Opposition, und es wäre ein Fehler, deren ideologische Wurzeln zu ignorieren.
In anderen Worten gibt es tiefere Motivationen hinter dieser Ablehnung, verwurzelt in einem Weltbild und einem Persönlichkeitstypus, welcher die vom Tango geschaffene patriarchalische Kultur nicht mag. Bedenken Sie nur: Wenn Sie die 40-er oder 50-er Jahre verherrlichen, rühmen Sie eine Zeit, deren Einstellungen aggressiv abgelehnt und geächtet werden – von der typischen studierten Person in den größeren Städten der USA oder Europas, das heißt, von einer Person mit ‚liberalen‘ Ansichten."

In der Folge schießt sich der Kommentator auf die Tango-Lehrer ein, welche ihren Schülern Export-Tango” beibrächten:

„In unserer Gegend beherrschen den Markt falsche Tangolehrer. Ohne Werbung und Unterricht hätten wir keine Milongas, nur falsche Milongas. (…)
Und dennoch:
„Es sieht so aus, als gäbe es eine Anzahl von Milonguero-Lehrern in den USA, und ich meine, wenn Sie die unterstützen statt das ganze Blabla und den Tango-Tourismus, Tangotherapie, das Hochjubeln des Nuevo und des ganzen Rests, sehe ich klar, dass Sie offensichtlich eine breitere Milonguero-Szene entwickeln können.“

Übrigens gibt der wohl in Asien beheimatete Herr auch selber Unterricht – siehe ein besonders aufschlussreiches Video:

Felicity:

Es ist traurig, wenn das Urteilsvermögen von klugen, klar denkenden und engagierten Menschen durch Annahmen und Spekulationen vernebelt wird. Ich habe erlebt, wie viele Lehrer den Leuten nicht nur erzählen, was sie zu denken haben, sondern glauben, sie hätten eine allmächtige Röntgenblick-Vision, die ihnen besser als die Leute selber erzählt, was diese wirklich denken – an Stelle von simpleren und hergebrachten Wegen, herauszufinden, was die Menschen tatsächlich denken.“
    
Anglo-Neo-Marxism In Tango greift schließlich zum Sarkasmus:

„Am Ende gibt es nur eine Erklärung: Anglo-Neo-Marxismus im Tango. All das Blabla verschleiert eine stillschweigende und nicht so stillschweigende Feindseligkeit, die völlig irrational erscheint, wenn man nicht die Tatsache einführt, dass die studierten Angloamerikaner einer Gehirnwäsche in Neo-Marxismus unterzogen wurden. Dann macht das total Sinn. All das Gerede über ‚Rechte‘ und ‚Manifeste‘ der Milongueros passt genau zur Standard-Opferschilderung des Marxismus. Feindseligkeit gegenüber Lehrern und Unterricht passt zum anarchistischen Zug dieser kranken Ideologie. Nun, gut zu wissen, womit wir es zu tun haben: Eine kranke nihilistische Ideologie.“

Last, but not least: Was ich einmal die „Feinsinnigkeit traditioneller Tangovertreter“ nannte, bricht sich schließlich bei El Polaco auch hier wieder Bahn:

„Ich kam hierher, weil Meinungen vertreten wurden, mit denen ich übereinstimme, dass Lehren und der Versuch, mich selber im Tango milonguero weiterzuentwickeln, zumindest als lohnendes Projekt angesehen würden. Stattdessen bin ich allem zwischen totaler Ignoranz von Tango Voice (…) und einigem im Bereich der anderen begegnet, die offenbar meinen, dass Tangolehrer verachtenswerter Abschaum oder nur Zeitverschwendung sind.
Ich habe Tango Voice gebeten, meine Kommentare aus dieser toxischen Kongregation von Pseudo-Aficionados zu entfernen. Da er es nicht getan hat, will ich euch Bande direkt sagen, was ich von euch denke: Ihr bringt mich dazu, dass ich kotzen möchte!“  
    
Wer sich das ganze Palaver antun möchte:

Ich fasse mal zusammen:

Tango Voice möchte in den Industrieländern Milongas mit den Traditionen etablieren, welche er für richtig hält. Welche Sitten und Tanzstile wann und wo wirklich herrschten, ist nebensächlich.
Es reicht nicht, nachzuweisen, dass fantasievolleres Tanzen ungefährlich, ja nicht einmal irritierend sein muss – nein, es gehört sich einfach nicht (das Argument war übrigens fester Bestandteil meiner 50-er Jahre-Kindheit).
Eine gewisse Grundgeilheit auf dem Parkett ist als Teil der menschlichen Natur zu akzeptieren, nicht jedoch Wettbewerb und Selbstdarstellung.
Der traditionelle Tango leidet an der aggressiven Ablehnung durch die typischen linksliberalen intellektuellen Stänkerer, denen nichts Hergebrachtes heilig ist.
Da ihm wirtschaftliches Gewinnstreben fern liegt, gerät er oft unter die Räder des bestens vermarkteten Neotango (sieht man ja bei jedem Tangofestival).

…und übrigens: Im nicht übersetzen Teil der Debatte wird wieder mal längelang behauptet, was mir auch schon persönlich vorgeworfen wurde: Leute wie ich würden sich im Tango nicht weiterentwickeln wollen – hin zu rudimentärem Getrippel.

Ist doch schön, dass dies nun endlich klar ist!

P.S. Mein Manuskript war schon in Arbeit, als ich entdeckte, dass Kollege Yokoito heute genau mit demselben Thema herauskam. Ich freue mich sehr, dass unsere Leser nun zwei Blickwinkel vergleichen können:

https://tangoblogblog.wordpress.com/2016/09/30/tv-lehrer-und-video/

Donnerstag, 29. September 2016

Was Ihnen Ihr Tangolehrer nicht erzählt… 4



Noch ein Artikel über die „Führen und Folgen“ genannte Illusion beim Tango? Ich weiß, dass ich hierzu schon öfters geschrieben habe, zum Beispiel:


Einen Trost fand ich jedoch neulich beim Blogger-Kollegen Yokoito: „Außerdem soll es ja bei Western auch nur 7 verschiedene Basis-Plots geben. Das hat auch noch keinen Filmemacher davon abgehalten, einen neuen zu drehen.“

Na eben! Mir fallen sogar zwei weitere Gründe ein: Für mich ist die Kommunikation der „Dreh- und Angelpunkt“ für besseres Tanzen – und außerdem plappert man in Kursen und erst gar im Internet dazu immer noch den gleichen Blödsinn nach.

Ich habe einmal bei Google den Suchbegriff „Der Mann führt beim Tango“ eingegeben. Hier Resultate auf der ersten Seite der Suchmaschine:

„Für manche setzen gar erste euphorische Momente ein, wenn sie hören, dass beim Tango noch eine ausgesprochen klassische Rollenverteilung gilt. Der Mann führt, die Frau folgt. Das gefällt. Endlich wieder Chef sein.“

„Der Mann hat dabei die Aufgabe einen eigenen guten Führungsstil zu entwickeln, während die Frau Freude daran hat, sich führen zu lassen. Beide akzeptieren diese polaren Vorgaben. Würden sie bei jedem Tanz neu diskutieren, wer die Führung übernimmt, gäbe es ein ziemliches Chaos – und die Freude wäre dahin.“

Man muss es sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen: Die Website nennt sich „Weiblichkeit leben“ und bietet eine Fülle von Bonbon-Semantik wie die folgende: Es ist die ganz natürliche Schönheit, Eleganz und Würde einer Frau, die sich jeden Moment ihrer Weiblichkeit gewahr ist, und diese selbst genießt und ausdrückt. Es ist das Strahlen ihrer inneren Sonne, die den Mann blendet und stehen bleiben lässt.“

Na gut, aber wie soll er dann noch tanzen?

„Die Essenz des Tango Argentino ist das spannende Mysterium des Zusammentreffens von Mann und Frau in ihren ursprünglichen, klar definierten Rollen. Der Mann führt die Bewegungen, gibt Richtung und Figuren vor, improvisiert, bestimmt das Tempo. Er trägt die Verantwortung, dass die Frau den Tanz genießen kann, dass keiner sie anstößt, sie die Augen schließen kann. Die Frau folgt den Signalen des Mannes. Sie komplettiert den Tanz und verziert ihn.“

Chocolate statt Bonbons – auch nicht schlecht!

„‚Beim Tango führt der Mann als Macho‘, verdeutlicht Erwin Neander die Rollenverteilung. ‚Die Frau überlässt dem Partner die Oberhand, er muss eindeutige Signale geben.‘“

Um die gebotene Steilvorlage zu verwandeln: Da der Herr aus Düsseldorf stammt, dürfte sein Wohnsitz das Neandertal sein…

Nein, um es einmal ganz freundlich und zartfühlend zu formulieren:

Wer heute immer noch undifferenziert die Mär vom „Führen und Folgen“ verbreitet, hat vom Tango keine Ahnung – aber davon jede Menge!

Erst gestern habe ich eine mir unbekannte Tänzerin aufgefordert, welche sich Gott sei Dank nicht an diesen Quatsch hielt. An Eides Statt kann ich versichern: Hätte ich diese Tanguera gezwungen, nur das zu tanzen, was ich führte – mir wäre ein riesen Spaß entgangen!

Alsdann, zum hundertsten Mal und mit bescheidener Hoffnung auf Erfolg:

Die gegenseitige Verständigung im Paartanz erfolgt durch eine Körpersprache, also einen nonverbalen Dialog!

Voraussetzung für ein sinnvolles Gespräch ist schon mal, dass einer redet, während der andere bei gleichzeitigem Schließen der Klappe die Ohren aufmacht und die Verbindung zum Hirn freischaltet. Damit daraus aber kein Monolog wird, müssen die Rollen wechseln: Mal führt also der eine, mal die andere!

Natürlich ist ein „quotengerechter“ beiderseitiger Redeanteil von fünfzig Prozent nicht Bedingung. Der hängt vom Anlass der Unterredung und dem Informationslevel der Beteiligten ab: Wollte der Partner nur einen kurzen Überblick oder eine ausführliche Darlegung? Wenn ein Erfahrener einem Anfänger etwas erklärt, wird Ersterer mehr sprechen. Dennoch sollte er auf Zwischenfragen sowie darauf achten, ob der andere noch mitkommt oder bereits den Faden verloren hat.

Lassen die äußeren Umstände überhaupt Zeit für ausführliche Erklärungen oder hat man ganz schnell eine Botschaft zu überbringen?

Auf jeden Fall muss aber der mehr Redende (irrtümlich „Führender“ genannt) auch Fragen stellen und auf die Antworten achten, beispielsweise:

·         Passt das so für Dich oder soll ich Dir mehr Zeit lassen?
·         Kannst Du Dich entspannen?
·         Bist Du noch gut in der Balance?
·         Empfindest Du die Musik so wie ich?
·         Was hältst Du von mehr Dynamik – oder sind Dir Ruhe und Sanftheit lieber?
·         Willst Du ein wenig enger tanzen oder ist der Abstand so in Ordnung?
·         Magst Du auch einmal einen Vorschlag machen? Jetzt würde es gerade passen!

Ich empfinde „Führung“ stets als Anregung für den Tanzpartner. Da der Größere eher den verfügbaren Platz überblickt, eröffnet er freie Räume. Wie die Partnerin diese genau nutzt, ist ihre Sache – und sehr spannend! Wenn ich es dann merke, kann ich entsprechend reagieren. Daher mein Standardsatz an unsichere Anfängerinnen: „Mach, was Du willst, ich tanze es dann mit!“

Je mehr Routine beide Tanzenden haben, desto sinnloser wird der immer noch für wahr gehaltene Grundsatz, nach welchem der Mann bestimmt, was getanzt wird, und die Frau es lediglich ausführt! Das Ziel ist auf jeden Fall eine ausgewogene Mischung beider Rollen – und deren möglichst häufiger Wechsel!

Dieser Grundsatz gilt selbstredend auch für die Kommunikation aller Paare auf dem Parkett untereinander. Wie in der konservativen Tangofraktion gelegentlich in seltener Erleuchtung festgestellt wird, tanzt man ja mit allen auf der Fläche!

Es ist nur ein Unterschied, welche Äußerungen bei Platzproblemen ausgetauscht werden:
·         Das ist mein Revier – komm mir ja nicht zu nahe!
·         Du hast die Spur gewechselt – schäm Dich!
·         Diese Figur ist nicht erlaubt!
·         Schon wieder einer, der die Ronda durcheinander bringt!
·         Ich muss jetzt hier an meiner Drehung schrauben – warte gefälligst!

Oder, wie es die Bloggerin Vio TangoForge einmal ausgedrückt hat:

„Wenn Paare einander berührten, war die Haltung generell: ‚Bitte unterbrich mich nicht mit einer Entschuldigung‘.
Wenn man auf dieser Veranstaltung etwas Außergewöhnliches machte, lächelten die Leute dich an. Anstatt einer egozentrischen Haltung zum wahren Besitzstand auf dem Parkett war die Reaktion: ‚Oh, das sieht cool aus. Braucht ihr ein bisschen mehr Platz? Dann gehen wir hier hinüber.‘”

Man muss es kaum dazu sagen: Vio berichtete von einer Neo-Milonga:

Regeln zur Parkettbenutzung braucht man halt nur, wenn choreografische Routine oder geistige Beweglichkeit zum Ausweichen fehlen!

Auch die Kommunikation mit dem DJ (oder gar den Live-Musikern) könnte so funktionieren: Gute Vertreter dieser Spezies sehen und fühlen es, wenn ihr Spiel die Tänzer auf die Piste lockt und fasziniert – falls sie es fertig bringen, nicht ständig auf den Bildschirm oder die Noten zu starren. Und Tanzende können dem DJ oder der Kapelle zeigen, ob sie ein Stück inspiriert. Nur falls man nicht über diese Körpersprache verfügt, muss man anschließend zum Pult kommen und die Betreffenden verbal anranzen!

Ein letzter Tipp:

Als schöne Vorübung zur nonverbalen Kommunikation könnten gerade fest verbunden Paare etwas ganz Außergewöhnliches probieren: Zuerst einmal außerhalb des Tango mit dem Partner sprechen – hierbei gerne auch mit Worten. Erst wenn das dann klappt: Tango lernen!