Donnerstag, 30. November 2017

A Schmarrn bleibt a Schmarrn



„Abends ging ich durch die Straßen,
und sah einen Schatten steh'n,
dann sind alle Lampen ausgegangen,
und was kam, das war so wunderschön.
Dich erkenn' ich mit verbund'nen Augen,
ohne Licht und in der Dunkelheit,
dich erkenn' ich mit verbund'nen Augen
nur an deiner Zärtlichkeit.“
(Kurt Hertha / Karl Götz: „Dich erkenn‘ ich mit verbund’nen Augen“, 1968)

Bayern hat seine neue Tangosensation: Auf der stets unter Satireverdacht stehenden Facebook-Seite „Tango München“ kündigte man kürzlich eine neue Weltsensation an:

MIlonga negra – Tanzen in absoluter Dunkelheit

You want it darker, we kill the flame'
...
Unter diesem Motto des ‚letzten Tangos‘ von Leonard Cohen steht meine erste ‚Milonga negra‘ in Baierbrunn in einem efeuumrankten Haus am Ortsrand.
Tanzen in absoluter Dunkelheit, sich einlassen auf Führen und auf Folgen, den Tanzpartner spüren und sich auf die gemeinsame Energie konzentrieren.
All das versuchen wir bei jedem Tango, doch im Dunkeln sind wir unbedingt darauf angewiesen: Die Wahrnehmung für den Partner, auch für die anderen Tanzpaare darf wacher und intensiver werden, wir lernen, ein Gefühl für den – nicht sichtbaren – Raum zu entwickeln, und uns auf unsere Präsenz, auf unser Körpergefühl zu verlassen.“

Abgekupfert hat Gastgeber das Konzept von einer gewissen Peggy aus Tübingen, welche übrigens etwas sauer ist, weil er schon zu viele Details ausplauderte. Natürlich gibt es hierfür ein argentinisches Vorbild, das „Teatro A Ciego in Buenos Aires“Teatro Ciego“ in Buenos Aires, wo man auch in völliger Dunkelheit speist oder musiziert. Ob das an den (kürzlich beklagten) horrend steigenden Strompreisen in der Tango-Metropole liegt? Egal, Hauptsache aus Argentinien!

Wie das im Einzelnen gehen soll, ist etwas schwierig zu erklären: So ganz ohne vorherige Einweisung wird es nicht klappen, daher müssen auch alle Gäste pünktlich erscheinen – für zu spät Kommende sieht der Veranstalter also schwarz. Ein Nebenraum für die Nahrungs- und Getränkeaufnahme bleibt erleuchtet. Und Desorientierte können sich jederzeit an die Gastgeber wenden – ein Vorzug, mit dem Münchner Milongas nicht unbedingt aufwarten können!

Anmeldung ist zur Wahrung der Geschlechterparität nötig – im Dunkeln ja eine besonders zwingende Voraussetzung. Dazu passt ideal, dass man auch die „Möglichkeit zur Übernachtung“ anbietet – „für schnell Entschlossene sogar im Bettchen“. Da ist doch an alles gedacht!

Man wäre nicht auf dieser FB-Seite, wenn nicht eine der beiden Administratorinnen (gemeint ist die mit Humor) das dort alles entscheidende Thema angesprochen hätte:
Cabeceo wird bestimmt spannend hier“

Nun, auch dafür gebe es Alternativen, so der Gastgeber, und deutet so etwas wie Fingerschnippen an – was wegen des Geheimnisverrats den Unwillen von Peggy erregt und daher wieder gelöscht wird. Parfümproben, so meine eigene Idee, wären doch ebenso möglich und gäben dem Begriff „Schnupperkurs“ endlich einmal eine realistische Bedeutung!

Kleinliche Bedenken wie die Unmöglichkeit der Einhaltung von Tanzspuren sowie die höhere Verletzungsgefahr spielen offenbar keine Rolle:
„Tanzen in absoluter Dunkelheit, sich einlassen auf den Partner/die Partnerin, den Raum erspüren, achtsam sein...die Musik neu hören, die Langsamkeit entdecken, Pausen genießen, das Tempo verlangsamen, die Hälfte… ein Viertel... still zu stehen scheinen im Takt der Musik...“

Spätestens ab da frage ich mich: Weniger als das sonst schon übliche Zeitlupen-Geschleiche geht doch nun wirklich kaum noch – oder möchte man dies jetzt durch Löschen der Lichter rechtfertigen?

Ein spezieller „Dresscode“, so der Organisator, sei „nicht so enorm wichtig“. Man solle jedoch auf weiße Sachen verzichten, da die „im Dunkeln dann aufgrund der überall vorhandenen Aufheller“ nachleuchteten. Das leuchtet ein. Aber das Beste kommt noch: „Gilt auch für Unterwäsche bei durchscheinenden Oberstoffen!“  Das übersteigt nun sogar meine erotische Fantasie: zu Tangomusik umherschaukelnde weiße Büstenhalter vor nachtschwarzem Hintergrund! Wow!

All das schien einen wegen seiner holzschnittartigen Meinungsäußerungen gefürchteten Tanguero nicht zu beeindrucken. In deutlich süddeutschem Timbre kommentierte er: „Auch so ein Schmarrn wie eine Silent Milonga. Tut mir leid... aber das ist Quatsch.“

Dies ergab die in der Münchner Szene gerne ergriffene Gelegenheit, sich zu kloppen wie die Kesselflicker. Auszüge des folgenden Dialogs:

„... aber mit ‚Quatsch‘ musst Du mich nicht beschimpfen, egal wie gut oder nicht du oder ich Tango tanzen. Höflichkeit ist das Gebot der Stunde.“

„Dass Du Deinen Kommentar von wegen ‚Quatsch‘ und ‚Schmarrn‘ allerdings direkt zur Veranstaltung (…) hinzufügst, finde ich unfreundlich. Wenn Du das – vielleicht im Anschluss an eine persönliche Erfahrung – unabhängig postest, ist das in meinen Augen eine andere Geschichte.“

„Und auf bairisch: Ein Schmarrn ist kein Schimpfwort.“

„Da ich des Bayrischen nicht besonders mächtig bin: Was bedeutet denn ‚Schmarrn‘? Der Duden übersetzt das mit ‚Unsinn‘.“

„Es ist Unsinn...“

„Und ‚Unsinn‘ ist in Deinen Augen keine Abwertung?“

„A Schmarrn bleibt a Schmarrn...

Da es offenbar bei einigen Diskutanten etwas preißelt: In Ober- und Niederbayern ist die korrekte Reaktion auf die Feststellung „A soa Schmarrn“ die Frage „Basst dir was ned?“, was von beiden Parteien gemeinhin als Signal aufgefasst wird, dem Kontrahenten den Filzhut über die Glubscher zu ziehen und ihm eins auf die Nase zu hauen – möglichst vice versa: Wer nicht sehen will, muss fühlen.

Insofern ist die Aussage eines Kommentators vielleicht zutreffender, als sein Legastheniker-Smartphone meint: „Also, jedem Tierchen sein Blessierchen.“

Na gut, selbst wenn das Umhertappen in einer Tangonacht, wo alle Katzen grau sind, ein „Pläsierchen“ werden sollte: Was kommt nach der Milonga für Taube und Blinde als Nächstes? Eine für Lahme? Tschuldigung, die gibt’s ja schon… Ein Erfolg wird die Sause bestimmt werden – im Münchner Tango gibt es ja Blinde genug…


Mich erinnert die Chose halt ein wenig an die Kellerpartys meiner Pubertät. Nach dem letzten Kontrollbesuch der Eltern drehte irgendwann einer das Licht aus, und es erklang ein ultimativer Schmusesong. Nach einem feststehenden Código hatten die Mädchen alsdann zu kreischen.

Immerhin endet die Debatte auf der Münchner Tangoseite denn doch noch friedlich:

„Lieber (…) du kaufst die Katze nicht im Sack, gell?“
„Liebe (…), dich würde ich auch im Dunklen erkennen, du bist einzigartig.“

So wollen wir uns denn auf den voradventlichen Weihnachtsfrieden einstimmen und zum Schluss noch einmal den Serben-Gardel Bata Illic das Leitmotiv anstimmen lassen:

Dienstag, 28. November 2017

Ein Neandertaler



„Ein Neandertaler, ein Neandertaler
Den ich kämmen kann auf seinem Schulterblatt -
Ein Neandertaler, ein Neandertaler
Der so'n richt'gen Meisterringerkörper hat!

Er malt Höhlenbilder ohne jeden '-ismus'
Ohne Schnorchel holt er Fische aus dem See
Kennt nicht Bandscheibe und kennt nicht Rheumatismus -
Aus drei Felsen kloppt der Mann mir ein Buffet!“
(Günter Neumann: „Ein Neandertaler“)

Es hat wirklich keinen Sinn, tage- oder gar wochenlang für einen Blogartikel zu recherchieren – das Erfolgsrezept lautet: In drei Minuten etwas hinhauen, und gut ist…

So ging es mir vor einigen Tagen, als Facebook mir ein Video anbot, das sich auf Youtube fast 90000 und in der FB-Gruppe „Objective Tango“ sogar 3,9 Millionen Aufrufe erfreut. Dort stehen auch 235 meist hymnisch lobende Kommentare und knapp 600 „Gefällt mir“-Angaben. Es zeigt einen Tanz von Mariano Otero und Alejandra Heredia.

Da ich die Darbietung ebenfalls hinreißend fand, teilte ich sie kurz entschlossen auf meiner FB-Seite und in unserer FB-Gruppe mit der schlichten Bemerkung:
Na also, geht doch - wenn ma's tänzerisch drauf hat…“



Ich ahnte nicht, welches Beben ich damit auslösen sollte:

Zunächst kamen, wie erwartet, einige „Gefällt mir“-Angaben – bald schon jedoch erntete ich die massive Kritik eines Lesers, den ich hier einmal „Hubert“ nennen will: Geht doch, wenn man es tänzerisch drauf hat? Ich sehe hier einen langweiligen Tanz mit heftigem Gezerre und Geschiebe an der Tanguera.“

Dies stieß zunächst doch auf einigen Widerspruch, beispielsweise:

Ach nee, jeder sieht halt, was er sehen kann. Nur weil die Bewegungen groß und schnell mit der Musik fließen und fliegen, ist da für mich nichts Grobes zu sehen. Die sind wunderbar in sich selbst balanciert und er tanzt raumgreifend klar, aber nutzt den Schwung mit sehr kleinen eher unsichtbaren Impulsen, und sie macht daraus ganz durchlässig ihre großen Bewegungen.“

„Ich sehe hier vor allem einen Tänzer, der was draufhat... und: welches Gezerre???“

„Kann mich meiner Vorrednerin nur anschließen. Ich habe den Mann nicht einmal zerren gesehen. Die einzige Stelle, an der man kurzzeitig diesen Verdacht haben kann, befindet sich ca. im ersten Drittel. Die Dame geht dabei Normaltempo, der Herr Doppelzeit. Da ergeben sich im Rumpf biomechanische Dynamiken, die für Nichttänzer diesen Verdacht erwecken können.“
Wo wird so etwas getanzt, dort würde ich Workshops wieder mal belegen. Geil, so viel Rhythmus und Ausdruck überwältigen mich.“

Eine Tangolehrerin fand schließlich das entscheidende Haar in der Suppe: „Das Einzige, was mich persönlich schon immer bei Otero irritiert hat, ist sein ausgeprägtes ‚Herumgerudere‘ mit dem linken Arm, aber das ist meines Erachtens nach sein persönlicher Stil.Auf Nachfrage wollte sie sich dem weitgehenden Gefallen doch nicht mehr anschließen und reklamierte für sich eine „neutrale“ Position.

Dies bestätigte umgehend ein eher traditionell eingestellter DJ: „Ob man den Tanzstil mit dem Gerudere' mag oder nicht, ist nun mal Geschmacksache. Ich fände es etwas weniger raumgreifend' und mit weniger Gezerre' etc. auch schöner...“

Dies war der Moment des Oberwassers beim eingangs erwähnten Hubert:
„Du scheinst der einzige der bisherigen Kommentatoren zu sein, der das doch offensichtliche Gezerre und Geschiebe Marianos erkennt. Dabei geht es nicht um den Tangostil (raumgreifend oder nicht, in enger Umarmung oder in weiter Tanzhaltung, oder Neotango), der unterschiedlich bevorzugt werden kann. Es geht bei dem Tanz im Video um den Umgang mit der Tanzpartnerin. Eine meiner Tanzpartnerinnen mit jahrzehntelanger Erfahrung und fortwährender Praxis in unterschiedlichen Tangostilen, mit der ich dieses Video angeschaut habe, war entsetzt über die ‚Führung‘ Marianos. Sie störte nicht nur das Gezerre und Geschiebe. Ganz besonders stieß ihr auf, dass Mariano seine Tanzpartnerin offenbar lediglich zu seiner Selbstdarstellung benötigt. Auch dem kann ich zustimmen, denn man ‚sieht‘ die Tänzerin kaum, während er wild stampfend in den Vordergrund tritt.“

Na gut, da hätten’s wir mal wieder, das Totschlagargument von der „Selbstdarstellung“… Aber ich tröstete mich mit der Vorstellung, Hubert mal beim Neotango zu erleben.

Der DJ lieferte dann noch das mir wohlbekannte Argument Nummer 2 in solchen Debatten: „Man sollte nicht vergessen: das ist Show und Choreografie. Wenn sich diese Paare auf der Piste bewegen (...ist ja leider eher selten) schaut das (gottseidank ;-)) ganz anders aus.“

Darauf konnte ich mir die Bemerkung nicht verkneifen: „Nur gut, dass wir die Ronda zur Qualitätsbegrenzung haben...“

Die knochentrockene Antwort: „...es erschließt sich mir nicht, inwiefern die ‚Ronda‘ Einfluss nimmt auf die ‚Qualität‘ des Tanzes.“

Was will man da noch sagen? Mir fällt dazu nix mehr ein!

Phasenweise begann die Diskussion auf Begriffe wie „einzig wahr“, „allein seligmachend“, „Extremisten“ und „Lager“ abzugleiten. Ich konnte dies mit einem alten Lehrerspruch abwenden: „Wenn ihr streiten müsst, zeige ich euch keinen Film mehr!“

Endlich schlug einer der Leser ein anderes, viel schöneres Tanzvideo vor, das Carlitos Espinoza und Noelia Hurtado zeigt und es auf Youtube immerhin auf 13 Prozent der Zugriffe bringt:



Bewertung des Vorschlagenden: „Die beiden, finde ich, halten den Ball wunderbar flach. Da wird auch alte Musik lebendig.“
Na gut, für mich ist der Ball auch deshalb flach, weil die Luft raus ist – und moderne Tangomusik müsste man nicht zuerst reanimieren…

Hubert jedoch war in seinem Element: „Es zeigt wunderbar den erheblichen Unterschied der beiden Führenden, Mariano und Carlitos (…). Carlitos setzt die Tanguera wunderschön in Szene und lässt sie damit nach außen strahlen.
Er selber zeigt sich dabei dezent, nicht ohne uns gleichzeitig auch seine Klasse genießen zu lassen.
Wie wir es von anderen Tänzen von Carlitos wissen, ist dies unabhängig von der Musikwahl.
Seine Klasse beweist Carlitos auch in jeder Ronda.
Im Gegenteil dazu tritt Mariano extrem in den Vordergrund und lässt Alejandra nur eine Nebenrolle im Rahmen seiner gut erkennbaren Selbstdarstellung.“

Nein, im Ernst: Sieht man eigentlich nicht, dass – unabhängig von der Bewertung der verschiedenen Stile – es das zehnfache technische Können erfordert, einen Tanz wie im ersten Video hinzulegen? Nein? Okay, dann vergesst es…

Übrigens fand der Tanz von Otero und Heredia 2010 in Leipzig (!), der andere 2015 in Stuttgart statt. Dies dokumentiert eindrucksvoll die erdrutschartigen Veränderungen der letzten Jahre!

Was mich am meisten amüsiert hat:

Der Vorwurf lautet ja, Mariano Otero würde die Partnerin herumschubsen und benutze sie lediglich zur Befriedigung seiner Eitelkeit. Allerdings zeigt sich hier ein geschlechtsspezifisch deutlicher Unterschied: Bei meinen FB-Veröffentlichungen sprechen sich 13 Frauen positiv bis begeistert über das Video aus, nur zwei eher kritisch, während es nur 8 Männern gefällt, drei sehen es ziemlich negativ. Die weibliche Zustimmungsrate liegt also mit 87 Prozent über der männlichen (73 Prozent).

Ich konnte mir eine Deutung nicht verkneifen:  
„Frauen würden gerne so tanzen, Männer aber haben eher Angst, dass sie hierbei mitmachen müssen… Vielleicht haben sich manche Männer schon lange darüber geärgert, dass sie nicht an Frauen rankommen, weil sie nicht tanzen können. Da bietet der heutige Tango argentino via ‚Stehkuscheln‘ doch eine echte Alternative! Und das noch mit dem Siegel von ‚Tradition und Weltkulturerbe‘…“

So wird die offizielle Doktrin vom „Tango-Softie“ ein wenig von der Realität unterlaufen – insgeheim wünschen sich die Damen doch etwas mehr „Neandertaler“:



Rechtsmittelbelehrung: Mir ist klar, dass ich hier Zitate aus einer geschlossenen FB-Gruppe verwende. Ich tue dies aber ohne Namensnennung, bin aber gerne bereit, diese nachzuholen, wenn einer der Diskutanten das wünscht. Mir wäre allerdings eine inhaltliche Auseinandersetzung lieber als der schon mehrfach durchgenudelte formaljuristische Käse…