Samstag, 14. Oktober 2017

Von der Mühsal des Fortschritts



In modernen Theaterstücken kann man die Schönheiten eines so gewaltigen Werkes das erste Mal gar nicht fassen. Und zum zweiten Mal sieht man sich so etwas nicht an.
(Curt Goetz)

In der heutigen Zeit sind Milongas mit moderner, abwechslungsreicher Musik selten und daher unter Naturschutz zu stellen: Enklaven, wo der Tango noch lebt, zweifellos. Jede einzelne unverwechselbar und daher einzigartig im Meer der gleichgeschalteten Veranstaltungen, bei denen einem landauf, landab nicht nur die gleichen, sondern oft genug auch dieselben Titel und Aufnahmen entgegenschallen.

Es ist sicher kein Zufall, dass sich auch die Gastgeber solcher Events oft wohltuend vom Rest mit dem glasigen Fischblick unterscheiden: aufgeschlossen, zugewandt, herzlich, jeden Gast einzeln begrüßend, mit ihm redend und sogar tanzend.

Na gut, sie haben es damit öfters auch leichter – sind ja eher weniger Besucher da. Die Mehrheit rennt halt in Viererreihen auf die Mainstream-Milongas, welche sich mit eindrucksvoller Chuzpe als „traditionell“ darstellen. Schlimm das… die Qualität, um welche sich „alternative“ Veranstalter bemühen, wird von der großen Masse einfach nicht gewürdigt!

Umso dringender muss man bunte, vom gängigen Geschmack abweichende Tangoveranstaltungen dann auch besuchen, schon durch seine Anwesenheit bekunden, dass man fortschrittlich ist und den gelackten Ringelreihn-Tango mit den zwanghaften Reglements und dem stereotypen, reduzierten Arschgewackel ablehnt: langweilig und öde, ganz ohne Zweifel.

Und man muss schon deshalb hin, weil sonst noch weniger Gäste da sind. Den Triumph, dass die nächste fortschrittliche Milonga stirbt, darf man den werten Gegnern aus der Traditionsliga nicht gönnen. Wäre ja noch schöner… Selbst wenn man vielleicht nicht immer Lust hat: Schnaps ist Schnaps, aber Dienst bleibt Dienst – und schon gar der am Guten!

Nein, und die Musik ist ja wirklich stets interessant: Bei manchen Stücken wäre man selber gar nicht drauf gekommen, dass man dazu tanzen kann… oder will. Aber bekanntlich sind ja auf fast alles Tangoschritte hinzukriegen, ist eh meistens ein Viervierteltakt. Oder allenfalls ein Dreiviertel-Rhythmus, dann wird es ein Vals – oder schlimmstenfalls ein Zweivierteltakt, da geht dann eine Milonga – auch wenn’s keine ist.

Schon eindrucksvoll, was man da an „ausgefallener Musik“ so alles geboten bekommt. Besonders stolz ist der DJ natürlich auf Stücke, die sicher weltweit noch keiner auf einer Tangoveranstaltung gespielt hat – auch wenn einem hinterher oft glasklar wird, wieso…

Und selbstredend verzichten wir auf eine feste Tandastruktur – brauchen wir als versierte Tänzer überhaupt nicht. Da kommt dann schon mal nach einem Streichquartett ein Calypso, gefolgt von einem depressiven Liedermacher zur Guitarre. Oder haufenweise kontemplative Klaviersoli. Wenn man da noch Buckelwal-Gesänge drunterlegen täte, wären es die idealen Begleitklänge für natürliche Geburten! (Obwohl dies konservative Hebammen strikt ablehnen: Man hätte dann im Kreißsaal zwar stundenlange Popkonzerte, die Niederkunft allerdings komme keinen Millimeter voran…)

Im Kreissaal ohne Ronda überkommen mich gelegentlich Wehen ganz anderer Art: Ist schon eine rechte Katzenmusik, zu der ich mich da manchmal bewegen soll. Aber von der Tanzfläche gehen? Damit würde man sich ja dem Verdacht aussetzen, auf solch progressive Klänge nicht tanzen zu können. Oder gar zu wollen. Ist ja auch eigentlich nicht direkt ein Tanz, sondern eine Demonstration für die Freiheit des DJ, aufzulegen zu dürfen, was ihm beliebt:
„Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“ (Eine im Tango sogar choreografische Maxime, welche übrigens nicht auf Erich Honecker zurückgeht, sondern der Titel eines Militärmarsches von Carl Latann ist. Mit Sicherheit könnte man da ebenfalls Tango drauf tanzen, vielleicht mal so als Anregung…)

Die Revolution liebt halt keinen Revisionismus, auch wenn ich mich im richtigen Alter für reaktionäre Anwandlungen befände. Daher unterdrücke ich auf solchen Milongas heldenhaft meine kleinbürgerlichen Fantasien, mal zu drei Fresedos hintereinander übers Parkett schweben zu dürfen – weiß ich doch: Sollte mal eine solche Schnulze ertönen, kriege ich mit Sicherheit sofort hinterher ein wildes karibisches Trommelsolo in die Eustachische Röhre geschraubt. „Gelobt sei, was hart macht“, sprach schon Zarathustra.

Nein, und gerade solche Stilbrüche (sicherlich beabsichtigt und von einem klugen, mir allerdings völlig unbekannten Plan beseelt) machen auch Schluss mit einem uniformen, öden Tanzstil: Völlig basisdemokratisch kann man auf dem Parkett treiben, was Fantasie und Gelenke hergeben! Sacha Guitry  fragte zwar einst angesichts eines Tangos:  „Sehr schön, aber warum machen die Leute das im Stehen?" Wer je auf einer modernen Milonga war, weiß aber: Tun die ja gar nicht!

So wird auch beim nächsten einschlägigen Veranstaltungstermin bei mir ganz im Kantschen Sinne wohl wieder die Pflicht über die Neigung siegen. Muss man einfach hingehen, gehört dazu wie in den 70-er Jahren das Che Guevara-Poster statt dem röhrenden Hirsch über der Couch. Schließlich sind wir emanzipierte Tangomenschen – da ist das ebenso unausweichlich wie für meine Altersgenossinnen zu Cordjeanszeiten das „Emma“-Abonnement, mochte man auch heimlich deren Herausgeberin für eine ultimative Nervensäge halten. Und für uns Nicht-Frauen steht eh fest: Der Mann führt nicht!




Das Alternative ist eben alternativlos.

Und wenn wir dann nach einem solchen Abend – durchgeschüttelt von Musikauswahl und Tänzen – wieder die sichere Heimstatt erreicht haben, finden wir immerhin bei Wilhelm Busch Trost für die erlittene Mühsal des Fortschritts:     

Es schwellen die Herzen,
Es blinkt der Stern.
Gehabte Schmerzen
Die hab ich gern.
                                („Abenteuer eines Junggesellen“)

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Pablo und Dennis



Eigentlich heißt die schon beinahe preisgekrönte Comedy-Krimi-Vorabendserie ja nach den beiden landpolizeilichen Zentralfiguren „Hubert und Staller“ – für die Münchner Tangoszene allerdings dürfte es weit interessanter sein, dass zwei der ihren mitspielen durften:

Esequiel Maiolo gibt bei dieser Produktion den Tangolehrer Pablo (!) Ritter, welcher allerdings zum Leidwesen seiner weiblichen Fans (auch denen meines privaten Umfelds) bereits in der Eingangssequenz ermordet wird, nachdem er einige Figuren getanzt hat, mit denen er aus jeder traditionellen Milonga geflogen wäre. Tangotypischerweise erschlägt ihn dann ein herabfallender Deckenlautsprecher, als er gerade den Abschlussball seiner Tanzschule eröffnen will: Eine Metapher, die mir angesichts der in Oberbayern vorherrschenden Tangomusik durchaus einleuchtet – im speziellen Fall jedoch völlig unverdient, da in der gesamten Folge ausschließlich Non-EdO-Musik ertönt.

Schon in dieser Szene werden die Tango-Klischees kübelweise ausgegossen: Auf dem Parkett als Tanzschüler ausschließlich schöne, gut angezogene Menschen, welche überdies alle auch noch tanzen können, mit Sektgläsern anstatt Mineralwasserflaschen bewaffnet – völlig unrealistisch. Und erst der Tangolehrer himself: keine Spur von speckigen, runtergetretenen Jeans – a schöne Leich…

Der andere Kollege, David Tobias Schneider, darf im Film den etwas begriffsstutzigen Tanzschüler Dennis Herzer geben, dem es im Wesentlichen um sein abhanden gekommenes, güldenes 600 Euro-Feuerzeug geht und der bis zum Schluss nicht kapiert, dass es sich bei seiner Tangopartnerin Claudia in Wahrheit um die undercover in einem knallroten Tangofummel gegen Taschendiebe ermittelnde Polizeimeisterin Annett Fleischer (Sonja Wirth) handelt. Und die hat an Dennis – was der überhaupt nicht verstehen kann – null Interesse.

Da hatte der Ermordete wahrlich einen anderen Schlag bei den Damen! Gerade Polizeiobermeister Hubert Staller (Helmfried von Lüttichau) hat sofort den Dreh- und Angelpunkt in der Szene erkannt: „Leidenschaft, des is die Urkraft vom Tangotanzen! Da ist die Frau eine rollige Katze.“

Davon hatte Tanzschulbesitzer Pablo wohl gleich mehrere am Wickel: Der ersten machte er ein Kind, mit der zweiten lebt er zusammen, und aktuell hat er ein Verhältnis mit seiner Tanzlehrerin Marcella Torres (Verena Altenberger), welcher er eh schon die Hälfte seines pleitebedrohten Instituts verkaufen musste. Daher gerät diese sehr bald in Verdacht, war es dann aber doch nicht. Auch hier kann ich nur sagen: Reines Klischee – wer hätte je von einem erhöhten Frauenverschleiß bei Münchner Tangolehrern gehört?

Ersatzweise verknallt sich nun ausgerechnet Staller in die schöne Tanzlehrerin, mit welcher er eine hinreißend dämliche Tanzszene aufs Parkett legen muss und die auch alleine eine Einstellung mit Tango-Rückbildungsgymnastik durchzustehen hat, welche eindrucksvoll beweist: Tanzen können beide nicht – aber Marcella gibt die Tangozicke derartig überzeugend, dass sie bei Bedarf wohl sofort als Tangolehrerin verpflichtet würde…

Für die Szene völlig untypisch ist allerdings ihre Ehrlichkeit, mit der sie Staller abschließend attestiert, er sei der schlechteste Tänzer, den sie jemals kennengelernt habe – er solle es doch einfach lassen. Hallo, wo man dem Herrn doch sicherlich ein Dutzend Kurse und Workshops verscherbeln könnte?

Nebenbei: Die Taschendiebin wird natürlich gefasst, und als Mörder entpuppt sich der Vater der einst schwangeren Ex-Partnerin, welche wegen eines Herzfehlers die Abtreibung leider nicht überlebt hat. (Ja, als Drehbuchautor muss man sowohl fantasiebegabt als auch völlig schmerzfrei sein…) Der Cafébesitzerin Monika Gruber alias Barabara Hansen gelingt es schließlich, den Täter per Besenstiel im Rücken dingfest zu machen.

Die Folge wird dank der Mixtur aus Klischee, Sex und Crime dem Tango in der Region sicherlich neue Kundschaft verschaffen. Die Darsteller agieren weitgehend witzig und machen aus dem schwachen Skript mehr als es verdient. Besonders amüsiert hat mich allerdings der Kontrast zwischen der Betonung des „in sich gekehrten, authentischen Tango“ gerade in dieser Szene und der Bereitschaft, an einem Machwerk teilzunehmen, in dem wirklich nur noch die rote Rose zwischen den Kiefern fehlt.

Daher hat mich die Botschaft erfreut, dass auch führende Tangovertreter nicht alles so bierernst nehmen. Die Folge ist noch bis 18.10. in der Mediathek zu sehen – ich kann sie nur empfehlen:


Hintergrund-Informationen:
https://www.fernsehserien.de/hubert-und-staller/folgen/94-der-letzte-tango-1133351

Montag, 9. Oktober 2017

Wie Códigos in die Hose gehen können



Das folgende Video stellt das Lustigste dar, was ich jemals zum Thema Tango gesehen und gehört habe. Ob die Geschichte wahr oder nur gut erfunden sein mag, ist für mich sekundär. Aber sie beschreibt wunderbar überspitzt die abstrusen Situationen, zu welchen die ganzen unsinnigen Reglements im traditionellen Bereich führen können.

Für die Leser, welche mit dem Englischen Probleme haben, gibt es nachher eine Übersetzung der Schilderung des Herrn mit der waffenscheinpflichtigen Aspirations-Lache.

Nun aber zunächst anschnallen, das Rauchen einstellen und kleinliche Peinlichkeits-Bedenken überwinden:




Ich habe auf einer Milonga in einem Restaurant getanzt. Ich forderte eine hinreißende Frau auf: „Hallo, Süße, komm, tanz diese Tanda mit mir! Sitzt du immer noch? Beeil dich!“
Wir gingen aufs Parkett. Ich war ein bisschen unruhig, weil ich keine Zeit hatte, mein Jackett zu schließen. In der Mitte der Tanzrunde musste ich aufs Klo.
Mein Tangolehrer hat mir immer erzählt: NIE eine Tanda unterbrechen! Ich fühlte mich ein bisschen unwohl, weil ich keine Milonga-Regel verletzen wollte, aber unglücklicherweise kriegte es meine Tanzpartnerin mit und sagte: „Hey, wenn du willst, kannst du auf die Toilette gehen!“ Aber mein Tangolehrer saß da und machte mir mit einer Geste klar: NEIN! Besser pinkelst du auf der Tanzfläche! Er wollte nicht, dass ich die Ronda unterbrach.
Ich bat ihn: „Bring mir ein leeres Glas!“ Die Dame half mir, in das Glas zu pinkeln. Mein Tangolehrer gratulierte mir am Ende der Runde dazu, die Regeln befolgt zu haben: „Du wirst immer besser!“ Er bot mir ein Glas Weißwein an.
Ich gehe nicht mehr zu seinen Kursen. Und jetzt… wenn ich eine Milonga besuche, vergewissere ich mich, dass es keine traditionelle ist – weil die leben wie im Mittelalter, in der Steinzeit.
Es ist nicht einfach, Tango zu tanzen!

Am Schluss des Videos ein Spruch von Pablo Picasso:
„Lerne die Regeln wie ein Profi, dann kannst du sie brechen wie ein Künstler!“

Biologisch gesehen übrigens ein sehr schönes Beispiel für die Wirkungsweise des Vegetativen (also unbewussten) Nervensystems: Während dessen Alarmbereich (Sympathicus) die Blasenmuskulatur erschlaffen lässt, sorgt das Ruhesystem (Parasympathicus) ab einer gewissen Füllmenge für die Blasenentleerung.

Daher ist anzunehmen, dass die langweilige Musik den Harndrang verstärkt hat. Bei aufregenderen Klängen dagegen wäre unser Tänzer sicherlich noch über die Tanda und hernach rechtzeitig aufs Klo gekommen!

Merke:
Tanze zu moderner Musik, dann brauchst du keine Pampers!


P.S. Wie mir ein Leser mitgeteilt hat (siehe Kommentar), sieht man in dem Video den spanischen Komiker „El Risitas“ (Juan Joya Borja). Ursprünglich erzählt er in einer spanischen Talkshow von seinem Schicksal als Küchenhelfer, als er auf Geheiß des Kochs Paella-Pfannen im Meer einweichte, um sie besser reinigen zu können. Am nächsten Morgen hatte sie die Flut weggespült – und er verlor seinen Arbeitsplatz.


Der Clip entwickelte sich zu einem Internet-Phänomen, da stets wieder neue Texte zur Verulkung von Themen und Personen unterlegt wurden.

Hier das Originalvideo:
https://www.youtube.com/watch?v=WDiB4rtp1qw