Mittwoch, 31. Mai 2017

Liebes Tagebuch... 40

Gerade erreichte mich die Nachricht eines meiner Leser. Kommentare dieser Art, gerade von Anfängern, bekomme ich immer wieder. In dem Fall ist der Text besonders interessant, da es sich bei dem Schreiber um einen Menschen handelt, der gerade auf musikalischem Gebiet (wenn auch nicht speziell im Tango) hoch gebildet ist. Seinem Wunsch entsprechend habe ich den Beitrag anonymisiert:

Lieber Gerhard, ich tanze erst seit (kürzerer Zeit) Tango Argentino, aber ich kann viele deiner Gedanken nachvollziehen. Vielleicht schießt du manchmal ein wenig übers Ziel, aber das muss manchmal sein.

Mein Erlebnis: Das Orchester La Juan D'Arienzo aus Buenos Aires spielte in (…), und ich ging hin, allein. Sonst wage ich mich derzeit nur mit Tanzpartnerin auf Milongas. Erster Eindruck: Ca. 200 Leute, von denen sich 190 gut kennen und mit Bussi-Bussi begrüßen. Dann spielt das Orchester, natürlich im D'Arienzo-Stil, schrumm schrumm, immer im selben Rhythmus, man glaubt nach fünf, sechs Nummern, immer dasselbe gehört zu haben. Dazu Tänzerinnen und Tänzer mit zugegebenermaßen professionellem Tango-Tanzen.

Aber dieses Insidergehabe erinnert mich an meine Zeit im Golfclub, wo es ähnlich zuging. Kein Zugehen auf neue Mitglieder, neue Gäste, neue Tänzer – immer schön unter sich bleiben. Das Fass zum Überlaufen brachte eine Kommentar, den ich zufällig belauschen durfte: 'Ich war in Italien, tolles Encuentro, die Frauen ein Traum, wie sich die haben führen lassen!'

Hallo, geht's noch?

Du kannst meine Erfahrungen gerne verwenden, aber bitte anonymisieren, denn ich will doch noch ab und zu auf der Tanzfläche willkommen sein!“

Meine Antwort hierauf:

Vielen Dank, ich werde den Text noch ein wenig verfremden und dann als Kommentar auf meinem Blog verwenden mit dem Hinweis, dass ich den Autor kenne. Übrigens zur Beruhigung: Ich bin nun seit sieben Jahren frech und werde (gerade deshalb?) im realen Tangoleben immer netter behandelt!“

Liebe Anfänger,

dieses schnöselige Verhalten vor allem auf Tango-Großevents beobachte ich nun seit mindestens zehn Jahren mit der Tendenz zur Verschlimmerung. Der Tango hat derzeit von allen Tänzen, die ich kenne, die verheerendste „Willkommenskultur“.

Als ich vor 18 Jahren anfing, war eine solche „Golfclub-Atmosphäre“ noch die rare Ausnahme. Zudem schützten mich wohl meine Jahrzehnte Standardtanz sowie zirka 40 Tanzturniere davor, in Ehrfurcht zu erstarren oder gar Minderwertigkeitskomplexe zu entwickeln.

Was mir umgehend klar war: Es hilft nur eins – viel tanzen und dadurch immer besser werden! Und Tanzen lernt man vor allem auf den Milongas, nicht im Kurs! Irgendwann können sie dich nicht mehr ignorieren, und es liegt dann an deiner Großzügigkeit, auf Kontakte einzugehen.

Leider suchen gerade Anfänger ihr Glück auf Monster-Veranstaltungen „bedeutender“ Tangoschulen. Dort erleben sie genau das, was mein Leser schilderte. Und ob es in einem solchen Gewühl entgegenkommende Tanzpartner oder wenigstens genug Platz gibt, ist mehr als fraglich.

Ich würde zu Beginn erst dann Milongas besuchen, wenn ich einigermaßen navigieren kann. Und dann eher die kleinen Practicas und Tanzabende, wo man froh um jeden Gast ist und ihn vernünftig behandelt, ja sogar in seiner Tanzentwicklung fördert.

Und ganz wichtig – aufschreiben und auswendig lernen: Ein hoher „Zickenfaktor“ (geschlechtsübergreifend gemeint) ist selten ein Ausweis bedeutender tänzerischer Fähigkeiten. (Insofern dürfte die Beurteilung „professionelles Tangotanzen" wohl dem Anfängerblick geschuldet sein...)  Könnten diese Herrschaften nämlich wirklich etwas auf dem Parkett, hätten sie dieses Hochtragen der Nase nicht nötig. In Wahrheit haben sie irgendwann auf allen Vieren den Zugang zu einer „bedeutenden Tangogschwerl-Gang" erlangt und profitieren dort vom Ruhm anderer. Und sie sind so „authentisch“ wie ein Spanisch-Volkshochschulkurs...

Und wie kommt man eigentlich darauf, auf solchen Veranstaltungen wirklich inspirierende Musik finden zu wollen? „Live-Musik" muss nicht lebendig sein. Schließlich gibt es dort keine Setlist, sondern einen Kodex. Und wie Nationalhymnen dient dies nicht der musikalischen Unterhaltung, sondern dem Zusammenhalt Gleichgesinnter und der Abgrenzung gegen den Rest der Welt.

Draußen in den Vororten, bei den einfachen Menschen, ist dieser Tanz einmal entstanden – und dort findet man seine Wurzeln mehr denn je. Es treffen sich in solchen Nischen heute nämlich zunehmend Tänzer/innen, welche ebenfalls keine Lust mehr haben, in den „feinen Salons“ der Metropolen das Sozialverhalten von Küchenschaben zu studieren.

Der Weg, den ich allen Beginnern vorschlage, ist daher langwierig und sicher nicht frei von Frust – ganz tangotypisch halt. Aber er beginnt mit dem Vorsatz, der mich – ob Milonga, Bücher oder Blog, stets angespornt hat:

Wir kriegen sie alle!

P.S. Der unten stehende Kommentar von Peter Ripota bezieht sich auf eine ähnliche Geschichte – und das ist nur die Spitze des Eisbergs... Leider kriege ich selten die Erlaubnis zur Veröffentlichung!
http://milongafuehrer.blogspot.de/2015/07/peter-ripota-eine-ansteckende-krankheit.html 

P.P.S. Und schon kommt die nächste Erfahrung dieser Art – diesmal in unserer FB-Gruppe „Was Sie schon immer über Tango wissen wollten..."

Montag, 29. Mai 2017

Echters Werte



Authentizität (von gr. αὐθεντικός authentikós „echt“; spätlateinisch authenticus „verbürgt, zuverlässig“) bedeutet Echtheit im Sinne von „als Original befunden“. (…) Als authentisch gilt ein solcher Inhalt, wenn beide Aspekte der Wahrnehmung, unmittelbarer Schein und eigentliches Sein, in Übereinstimmung befunden werden.

Im Netz wirbt derzeit wieder einmal ein argentinisches Tangopaar für seine Tangokurse in München. Zusätzlich zum Herkunftsland wird natürlich ein Begriff verwendet, welcher marketingmäßig kaum zu übertreffen ist: „Authentischer Tango Argentino“.

Seltsamerweise wird das Vorhaben in englischer Sprache beschrieben – will man damit Kunden ausschließen, welche keiner Fremdsprache mächtig sind? Wäre dann aber Spanisch nicht authentischer gewesen? Zur Beruhigung: Die Kenntnis des Textes bringt einen nicht wirklich weiter – irgendwas mit Technik, Eleganz und Dynamik inklusive Boleos, Sacadas, tralala…


Zu den Unterrichtsinhalten hält man sich auch auf der eigenen Website eher bedeckt; mehr als einige Stichworte gibt es nicht:

„Gewichtswechsel, Körperhaltung, Grundschritte, Kreuz-system, das Kreuz.
Vertiefung von Musikalität, Arbeit an Sacadas, Ganchos und Boleos. Milonga und Valz“

(Da muss ich meine Spanischkenntnisse noch verbessern – ich dachte immer, der Tango-Dreivierteltakter schriebe sich „Vals“… Das kommt halt davon, wenn es einem an Authentizität gebricht!)

Dafür auch hier wieder:
« TANGO ARGENTINO, AUTHENTISCH, AUS BUENOS AIRES »

Als Beleg die übliche Aufzählung einiger Tangolehrer, die Anfang der 80-er Jahre den Tango wieder zum Leben erweckten – zumeist eher Bühnentänzer. Aus dieser Quelle kommt ja auch – wie schon beschrieben – der „Grundschritt“ für die Gringos.

Zur eigenen Lehrbefähigung erfahren wir: Leonel und Natalia werden gerne Ihre persönliche Tangoreise mit individueller Herangehensweise, starker Didaktik und einem südamerikanischem Gemüt unterstützen.“

Anerkennen will ich gerne, dass die beiden hervorragende Tänzer sind, welche (zumindest früher mal) auch moderne Spielweisen interpretierten:



Ich frage mich nur, wieso sie es dann nötig haben, diesen wolkigen Echtsheitskäse zu verbreiten, anstatt lieber konkretere Angaben zu ihrem Unterrichtsprogramm und der Methodik zu liefern!

Der Duden erklärt den Begriff „authentisch“ wie folgt:
„echt; den Tatsachen entsprechend und daher glaubwürdig“
Als Synonyme werden vorgeschlagen:
„beglaubigt, belegt, dokumentiert, echt, gesichert, glaubwürdig, sicher, ungeschönt, unverfälscht, verbürgt, verlässlich, wahr, zuverlässig“

Wie aus dem Eingangszitat hervorgeht, müsste aber schon mal ein Original vorliegen, an dem sich die Echtheit des Gebotenen bemisst. Nur – wo und wann bitte? Heutzutage in Buenos Aires, und wenn ja, auf welchen Veranstaltungen bzw. auf welche Tänzer bezogen? Und falls früher: Zu welcher Zeit, an welchem Ort, welcher Tangostil ist gemeint (der ja, wie wir inzwischen von „Villa Urquiza“ wissen, schon je nach Stadtteil variierte)?

Will man an berühmten Tanzpaaren aus der Tangofrühzeit wie El Cachafaz und Carmencita Calderón gemessen werden?



Eine solche Performance könnte man heute höchstens noch als Parodie auf die Bretter legen – und warum? Ah ja, der Tangotanz hat sich weiterentwickelt… Und daher ist ein Storch halt kein „authentischer Archaeopteryx“, wenngleich dieser Urvogel beweist, dass die Dinosaurier nicht ausgestorben sind – aber wer wüsste das besser als wir Tangoleute?

Ich habe einmal gegoogelt, ob dieses Echtheitsgedudel auch bei anderen Tänzen vorkommt: weitestgehend Fehlanzeige! Einen authentischen Rumbatanz habe ich nicht entdeckt – und gibt man „authentischer Quickstep“ ein, landet man da:


Authentisch ist eher das Material des Tanzbodens als das, was sich darauf abspielt!

Sucht man gar nach „authentischem Tanz“ generell, wird es ziemlich esoterisch: Die Tanzweise müsse zur „wahren Persönlichkeit“ passen. So wird eher ein Schuh draus: Unser argentinisches Meisterpaar tanzt hoffentlich so, wie es innerlich gestrickt ist. Und nur so als Tipp für den Unterricht: Dies sollte man dann aber nicht als Schablone auf die Schüler pressen – wahrscheinlich sind die nämlich ebenfalls individuelle Wesen!

Ich bin jedoch realistisch genug, nicht zu erwarten, dass solche Erkenntnisse an dieser Marketing-Masche etwas ändern – schließlich lebt auch die katholische Kirche seit Jahrhunderten ganz gut mit ihren Reliquien – oder der Islam mit den Barthaaren des Propheten.

Kein Zweifel – das klebrige Bonbon mit der „Authentizität“ wird weiterhin am Tango haften wie die Storckschen Kalorienbomben an der Plombe. Immerhin ist hier aber die Werbung mit der Echtheit nachvollziehbar: Der Opa macht’s mit dem Enkel ebenso wie der eigene Großvater sintemalen mit ihm:




P.S. Gerade fand ich eine Quelle, nach der es eine ähnliche Diskussion schon vor gut 100 Jahren gab: Der „echte“ Tango habe von 1880 bis 1910 existiert, danach nur noch der „unechte“.
Man verstand darunter den Gegensatz zwischen dem Tango der Vorstadt, der einfachen Argentinier und dem in den vornehmen Cabarets des Zentrums , welche stark vom französischen Einfluss geprägt waren.
Man habe die Musik, den Tanz und die Texte „französisiert“: Die kurzen, pointierten Schritte wie im ländlichen Messerkampf seien langem, melodischem Geschleiche gewichen (da man in den mondänen Cabarets auch mehr Platz habe als in den Eckkneipen), die Texte handelten nicht mehr vom sozialen Elend, sondern seien romantisch verkitscht. Die Musik entstehe nicht mehr spontan und improvisiert, sondern stamme von studierten Komponisten.

Also, alles schon mal dagewesen!