Dienstag, 10. Juni 2014

Piazzolla und die "Tanzbarkeit"



Gestern fand ich auf einem anderen Tangoblog einen Beitrag unter dem Pseudonym „Freebornman“, den ich hundertprozentig unterschreiben kann. Da ich finde, dass der Text für obiges Forum allein viel zu schade ist, erlaube ich mir, ihn nachfolgend wiederzugeben.
Ob man per Decknamen einen Copyright-Anspruch etablieren kann, weiß ich nicht. Der Verfasser kann sich aber gerne – unter Klarnamen – bei mir melden, falls er mit der Übernahme hier nicht einverstanden ist. Ich würde den Eintrag dann sofort löschen. Brillant allerdings bleibt er auf alle Fälle!

„Für mich ist Piazzolla der bedeutendste Tangomusiker des 20. Jahrhunderts – und darüber hinaus (da beißen auch Carlos Gardel und Annibal Troilo gemeinsam keinen Faden ab). Aber wir haben ihn ziehen lassen in die Konzertsäle oder zu niederländischen Königshochzeiten. Untanzbar! Das Etikett haftet Piazzolla an, seit die Hohepriester der Orthodoxie in Buenos Aires den jungen Wilden Ende in den 50-er Jahren als Ketzer gebrandmarkt haben.

Astor P. ist aus einer Welt ausgebrochen, in der er als Tanzmusiker immer wieder dieselben Hits live runternudeln sollte, deren knarzende Konserven wir heute verehren. Und der Mann hat immerhin für Anibal Troilo gearbeitet! Zu seiner Musik aus dieser Zeit tanzen wir sogar, in der Regel ohne es zu wissen. Denn da war der junge Astor nur Ensemblemitglied und Arrangeur – nicht die Weltmarke Piazzolla. Der alte Meister hat dem jungen Meister in spe damals Grenzen für seine Experimentierfreude gesetzt – nach seinem Begriff von ‚Tanzbarkeit’ am Ende der goldenen Zeiten.

Piazzollas Antwort waren sein Ausstieg aus der Tanzmusikszene und die 'Zehn Gebote' seines ‚Octeto de Buenos Aires’, deren siebentes lautet: ‚Wenn das Ensemble in der Öffentlichkeit zu hören ist, wird es nicht auf Tanzveranstaltungen spielen.’ Insofern trägt er Mitschuld am Klischee der Untanzbarkeit. Aber hatte er lebenslang etwas dagegen, dass zu seiner Musik getanzt wurde? Seine Witwe Laura Escalada Piazzolla erinnert sich anders: ‚Astor sagte eines Tages zu mir: Ich verstehe das nicht, hier in Argentinien behaupten sie, man kann zu meiner Musik nicht tanzen, aber auf der ganzen Welt tun es alle.’

Zugegeben, dieser Tanz fand zunächst auf der Bühne statt. Aber was die Profis von Ballett und Show für sich erobert haben, ist in vereinfachter ‚Volksausgabe’  doch für die ‚Pista’ der Amateure zu kapern. Wir sind Piazzolla den Tanz schuldig. Denn ohne den Siegeszug seiner Musik in den Konzertsälen und die Broadway tauglichen Shows von Juan Carlos Copes und Co. in den 80er Jahren würden die selbst Orthodoxen von heute (wenn überhaupt) Discofox tanzen, weil sie vom Tango nichts gehört hätten.

Wer aktuellen Tangoformationen zuhört, die ganz selbstverständlich zum Tanz spielen, wird schnell feststellen: Fast überall sind - ob in Harmonien, Rhythmik oder Phrasierung - Piazollas ‚Spuren’ deutlich wahrnehmbar. Ist es schlimm, wenn die musikalisch gebildeteren unter uns beim Tanzen Anklänge an Bela Bartok, Igor Stravinski oder den Jazz der klassischen Moderne wahrnehmen? Mich stört auch nicht, wenn ein Vals von Francisco Canaro mich an Johann Strauß erinnert.

Und überhaupt, was heißt ‚tanzbar’? Haben die Fans der ‚Epoca d'oro’ einen ungefähren Begriff davon, wie die goldigen Herrschaften im Buenos Aires der 1940er Jahre sich über das Parkett bewegt haben? Nach allem, was ich darüber gelesen habe, blieben die Füße weitgehend am Boden – nix mit Boleos, Ganchos & Co. Wer Piazzolla verschmäht, sollte sich mindestens die Hälfte seiner teuer erkauften Figuren verkneifen, will er zu „klassischer“ Musik wirklich klassisch tanzen.

Die Scheu vor Piazzollas Musik hängt meiner Meinung nach auch mit der falschen Unterstellung zusammen, zu ‚komplizierter’ Musik müsse man kompliziert tanzen. Wer es kann, darf, aber er/sie muss es nicht. Auch ausladende Neo-Figuren sind nicht nötig. Nur gutes Zuhören. Was für eine wunderbare Erfahrung, sich in so ein komplexes Stück langsam, aber immer sicherer gemeinsam hinein zu tasten. Wenn wir dann den sprichwörtlichen ‚Flow’ finden - der pure Traum, mag auch die persönliche Choreografie zunächst noch unterkomplex sein. Ich weiß in solchen Momente sowieso nicht mehr, welche Schritte oder Kombinationen ich tanze. Ich spüre nur die Symbiose zwischen der Musik, meiner Partnerin und mir. ‚Die Musik führt mich’, hat der alte Milonguero Tete Rusconi gesagt. Vom Metronom war nicht die Rede.“

Samstag, 7. Juni 2014

Ein „Lagerhäusle“ für die Tangovielfalt



Vor ein paar Jahren waren wir, auf einer „Milonga-Erkundungsreise“ in der Bodensee-Region, schon einmal da – und es war so schön gewesen, dass wir damals beschlossen, bald wieder zu kommen. Allerdings ist die Anreise für uns ziemlich umständlich, liegt das „Lagerhäusle“ doch mitten im „Nirgendwo“, nur auf weiten und verschlungenen Wegen erreichbar, in der wunderbaren Landschaft Oberschwabens – oder, wie Harald Schmidt diese öfters nannte: „im Lande des Pietkong“. Und dort sollen sich Tangoträume verwirklichen – gewissermaßen in „Kleinbonum“, und nicht auf notablen Schlössern und Festivals im umgebenden „römisch-orthodoxen Reich“? Verrückt, aber wahr!

Gestern haben wir endlich, nach einigen Jahren nicht so bald wie erhofft, die fast 250 Kilometer über schwäbische Barock- und andere Straßen überwunden. Wenn man dann per Umfahrung diverser Baustellen im Dörfchen Altheim endlich vor dem Gebäude steht, sieht es auch bei Ignorierung der nebenan spielenden Blaskapelle gar nicht nach Tango aus: Ein ehemaliges Raiffeisen-Lagerhaus wurde 1995 umgebaut und enthält nun ein kleines Restaurant und einen Veranstaltungsraum mit sehr gutem Parkett. Betrieben wird das im besten schwäbischen Diminutiv „Lagerhäusle“ genannte Etablissement von den „Camphill Schulgemeinschaften“, in denen behinderte und nicht behinderte Menschen ausgebildet werden und dort einen sozialen Treffpunkt vorfinden. Neben der Gastronomie bietet man Musik-, Film- und Theatervorführungen an bzw. richtet Familien- und Betriebsfeiern aus.

Die Milonga findet unter der Ägide von Barbara Dintinger und Michael Schnell statt. Die Tanzpädagogin und Dozentin für Tanz sowie Rhythmik gibt zusammen mit dem Dozenten für Heilpädagogik, Architekten und Künstler auch Tangounterricht. Für Michael ist „Tangotanzen die schönste und verrückteste Art, die ‚Unmöglichkeit’ einer harmonischen Mann/Fraubeziehung zu wagen“. Treffender kann man es nicht sagen!

„Tango con brio“ nennen die beiden ihr Projekt, und wahrlich packt einen der Schwung, wenn man die Treppenstufen zum Tanzsaal hinuntergeht. Es ist unglaublich, welche Vielfalt an Klängen die beiden den Tanzpaaren zu Füßen legen. Wiederum reicht es völlig, die Ankündigung zu zitieren: „Es erwarten euch spannende Abende auf dem Fundament traditioneller Tangomusik, mit der Frische neuer Tangokompositionen, der Wärme schönster World ‚Tangos’ und den Glanzlichtern aus der Tango-Avantgarde.“ Ich rate jedem, der die Unterschiede einmal erleben möchte, auf einer „normalen“ Milonga (oder dem, was man heute für normal hält) den Anteil der Paare auf dem Parkett öfters abzuzählen – im „Lagerhäusle“ waren es über neunzig Prozent! (Encuentros lassen wir nicht gelten, da hier der Tanz Ausdruck einer Ideologie und nicht von Lebensfreude ist.) Und dann wird das Publikum sogar nach Musikwünschen gefragt – doch was sollte ich wollen angesichts der Tatsache, dass ich mich bereits nach zwei Stunden dem Zustand grenzwertiger Erschöpfung näherte, weil mich eigentlich fast jedes Stück zum Tanz animierte! Als wir uns schließlich auf Titel von „Las Sombras“  wie „Habanera“, „Sala vacia“ und „Gallo ciego“  (hier eine Milonga!) bewegen durften, war die allseitige Begeisterung nicht mehr steigerbar.

„Das ist hier noch wie in den alten Zeiten, als wir mit dem Tango anfingen“, ging es mir durch den Kopf, und das betraf nicht nur die Musik: Endlich wieder einmal die völlige Abwesenheit von schwarz-weißen Männerschuhen, Tango-Rangordnungsgedudel und alienmäßiger Unnahbarkeit. Kein Zweifel: Den Gästen dort geht es ausschließlich ums Tanzen, und über diese Betätigung bekommt man ganz schnell freundliche Kontakte – auf dem Parkett und außerhalb. Wieder einmal fand ich bestätigt, dass alle sich energievoller, eleganter und kreativer bewegen, wenn man ihnen musikalische Herausforderungen bietet und nicht ihre Fantasie mit dem sich immer mehr ausbreitenden Geplemper abtötet.

Kurz vor Mitternacht leider schon die abschließende „Cumparsita“ (Tradition – na eben, geht doch…). Ein sehr schnelles Erwachen aus dem Tangotraum – und auf dem Weg zum Hotel kreisten meine Gedanken um die Frage: Wieviel Tango hat doch in vier Stunden Platz – vergleichsweise hätte ich dazu sonst Dutzende von Milongas besuchen müssen…

Schleichwerbung:
Milonga „Lagerhäusle“ einmal monatlich von 20 bis 24 Uhr, Schulstr. 4, 88699 Frickingen-Altheim

Weitere Infos: