Mittwoch, 24. Dezember 2014

Weihnachtsgedanken und überhaupst



I hab heut frei und sitz vorm Kaffee,
i blattlt durch Zeitung – denk – is Lebn wirklich sche?
Alles passiert im selbn Moment,
oana kafft si a 400 Euro Hemd,
a Obdachloser is grad verhungert,
da Jugendliche ebn am Bahnhof rumlungert,
bettlt, um a bissal Geld zu bekommen,
für Hasch und Alk a weng Meth – ganz benommen,
des ois geschieht zur gleichen Zeit – i sitz vorm Kaffee,
und denk ma so – is Leben wirklich sche?

De Frau do vorn – grad beim Bleame giaßn,
Extremisten soebn kloane Kinda daschiassn,
da Nachbar daschlagt sei Ehefrau,
und i sitz da – ausn Fensta i schau,
beobacht grad mei Voglhäusl – mei Jürgn hat’s ma baut,
Koch i heut liaba – Reis oder Kraut?
Und des ois gschiacht jetzt zur gleichen Zeit – i sitz vorm Kaffee,
und denk ma so – is Leben wirklich sche?

Was is eigentlich in Fukushima?
Wie wird denn des mit unsam Klima?
Wo dama denn de Flüchtling hi?
Tan de uns was – und überhaupst wie?
Da Vata, der grad sei Kind totschüttelt,
a oida Frau ihren Laubsack rüttelt
und si gfreit über’s Weihnachtsfest,
mit all ihre Liabn und all ihre Gäst!
Des ois passiert im selbn Moment, i sitz vorm Kaffee,
und denk ma dann – is Leben wirklich sche?

Was kann i denn doa für diese Welt?
Als kloana Pimpf, mit ned so vui Geld?
Macht der Mensch denn überhaupt an Sinn?
Ruiniert de Erdn – macht eh alles hin!
Des denk i ma grad – und sitz vorm Kaffee
Und gspiar dann ganz plötzlich – mei Leben is echt sche!!!!!


Jetzt ham a Weihnacht – was is des für mi?
Jetzt ham a Weihnacht – was is des für di?
Platzerl backen, Gschenke kaufen?
Vo oinam Gschäft ins andre laufen?
Sitz imma no da – mit meim Kaffee
und denk ma grad – is des wirklich sche?


Für mi is Weihnacht – a Augenblick,
koa Handy, koa Kochtopf, koa Internetstick!
Du gibst ma dei Hand, sagst „‘s wird scho wern“,
du kannst jetzat ruhig – no a bissal rean!
A Lächeln am Morgn von da Bäckersfrau,
und wenn i meina Freundin in d‘ Augn schau!
Zammasitzn – mit euch, liabe Leut,
des i füa mi de „Weihnachtszeit“!

A Augenblick,
koa Handy, koa Kochtopf, koa Internetstick!
Dankbar mecht i sein – in jedem Moment,
für’s Essen, für’d Wohnung, für meine Liabsten, füar‘s Hemd!
Des ganze Joahr soi Weihnacht sei,
im Augenblick, in jedem Moment – in allerlei!!!

I sitz so da – mit meinem Kaffee,
und denk ma grad – mei Lebn is echt sche!!!


Dieses Gedicht schrieb vor einigen Tagen meine Heilpraktikerin Martina Räpple und sandte es als Geburtstagsgeschenk an mich. Mit ihrer freundlichen Erlaubnis veröffentliche ich es hier. Der Text beantwortet auch die Frage, warum ich mich seit Jahren ihrer Behandlung anvertraue.
Nähere Infos: www.martina-raepple.de

Montag, 22. Dezember 2014

Was kann die Satire?



„Ich habe ja nichts gegen Satire, aber…“
(üblicher kleinbürgerlicher Reflex, wenn die Satire eine gewisse Güteklasse erreicht hat)

Die andere Frage, was denn diese Kunstform darf, hat schon längst ein Autor beantwortet, von dem sich heutige Schreiber eine Scheibe abschneiden könnten, verfügten sie nur über die nötige Schärfe – ich meine Kurt Tucholskys legendäres Bekenntnis: „Was darf die Satire? Alles.“ Ein oft bejahter oder abgelehnter, aber selten verstandener Satz: eben Satire in Reinkultur.

Anlässlich unseres „Rollatora-Schabernacks“ wurde in meinem Umfeld wieder einmal die Frage nach der Grenze dieser literarischen Gattung aufgeworfen: Haben wir uns hier „politisch unkorrekt“ über gehbehinderte Menschen lustig gemacht? Aber leiden diese angesichts der Missstände im Pflegebereich nicht weit mehr unter „unkorrekter Politik“ – und selbst wenn wir uns nicht in eine solche Aufrechnung begeben: Wie viele kranke oder alte Leute sind real mit Gehwägelchen unterwegs, welche mit rotem Röckchen plus Netzstrümpfen garniert sind? Und wären ihnen diese nicht sogar lieber als das gängige „Kassenmodell“?

Bleibt der häufig gegen mich geführte Vorwurf, ich würde die „Menschen im Tango“ – hier also ältere, sich zähflüssig bewegende Tanzpaare – „niedermachen“. Da treffen meine Kritiker unwissentlich den Kern der Satire: Sie richtet sich stets nach oben, denn nur dann kann es abwärts gehen, ist die satirische Fallhöhe ausreichend für eine "Herabsetzung". Würde man beim Tango nur gelegentlich bejahrte, schleppend agierende Tänzer finden (wobei ich hier stets eher das mentale als das chronologische Alter im Blick habe), hätten wir den Unfug auf vier Rädern nicht veröffentlicht. Aber nachdem diese Fraktion längst flächendeckend die Milongas besetzt hält und Tanzlehrer, Veranstalter sowie DJs in Anpassung daran den Tango ins Langeweile-Ghetto verfrachtet haben, leiden kreative, fantasievolle Tänzer darunter wie ein Hund. Nicht nur vom griechischen „kynos“ her darf man dann sogar einmal zynisch werden – satirisch jedenfalls allemal.

Der Schmerz beutelt ja primär den Satiriker, welcher jenen lediglich seinem Publikum zu verkosten gibt: Komik ist somit keine zwingende Zutat – und der Vorwurf, das Lachen sei ihnen im Halse stecken geblieben, stammt ja gemeinhin von Zeitgenossen, bei denen der Spaß schon in weit tieferen Regionen stecken bleibt. Generell belastet den Satiriker das Dilemma, dass witzige Pointen zwar das Interesse für seine Botschaft erhöhen, seiner Kundschaft jedoch auch ein Alibi liefern, sich an ihr vorbeizumogeln. Aber sei’s drum: Die größten Dummheiten macht der Mensch erst, wenn er ernst wird.

Doch wenn es zu ernst wird, möchte er wieder etwas zu lachen haben. Bezeichnenderweise leitet sich die Satire vom griechischen Satyrspiel ab, in welchem nach der antiken Tragödie wieder Heiteres geliefert wurde. So geht es dem Kritiker oft genug: Publikum findet er erst nach der Katastrophe. Vorher kann er immerhin warnen. Im Anfang war das Wort, und wo es fehlte, sieht es am Ende danach aus. Das ist die Satire, die alles darf – und dort, wo sie nicht alles darf, ist sie umso nötiger.

Unsere sich aufgeklärt gebende Gesellschaft billigt dieser Kunst einen festen Platz zu – auf der Bühne oder dem Papier. Im realen Leben kann man sie eher nicht brauchen. Insofern kann man den Satiriker mit Lob wirkungsvoller vernichten denn mit Kritik oder gar Verfolgung: Bleibt er mit seinen Wortspielen und Pointen im ästhetischen Raum, so zollt man ihm durchaus Anerkennung für seine „witzige, geistreiche“ Darbietung. Gelingt es ihm aber durch klare Bezüge zur Wirklichkeit, vielleicht sogar zu Einzelpersonen, sein Publikum zu überzeugen, dass er es ernst meint, setzt die eingangs zitierte spießige Resistenz ein, welche vielen Zeitgenossen die sonst mangelnde Röte ins Gesicht treibt: „Also, das ist doch keine Satire mehr!“ Irrtum, liebe enttäuschte Schenkelklopfer: Da fängt sie gerade erst an! Ein Trost bleibt dieser umfangreichen Klientel: Satire kann viel weniger, als sie darf.

Daher ist meinerseits im neuen Jahr damit zu rechnen, dass ich meinen Spaß am „Tangohnsinn“ nicht verliere – auch wenn ich zur einen oder anderen Milonga nicht mehr eingeladen werde. Bei dem Konglomerat aus Rangordnungsgewese, skurrilen Typen, argentinischem Schmonzes, fader Beschallung, hispanisierter Bescheidwisserei, unglaublicher Bewegungskomik und Seniorenheim-Gesprächsführung wäre es für mich eine Qual, nix dazu sagen zu dürfen. Ist der Tango also eine grandiose Szenerie für Satire? Der Kabarettist Werner Schneyder hat vor solchen Einschätzungen allerdings gewarnt: „Die ideale Zeit für die Satire war das Paradies. Da reichte es zu sagen: ‚Die Sache mit dem Apfel wird noch böse enden.‘“

Wenn man aber bedenkt, dass der Satiriker gegen etwas anschreibt, das von einer Mehrheit gebilligt oder wenigstens hingenommen wird, freut man sich schon über kleine Erfolge dieser Kunst, Gegebenes unmöglich zu machen, indem man das Unmögliche für gegeben hält.

Was kann die Satire? Alles Mögliche.




"Dass diese Zeit uns wieder singen lehre
Die guten Lieder eines bösen Spotts
Selbst wenn uns Herz und Sinn nicht danach wäre
nur euch zum Trotz, nur euch zum Trotz!"
(Walter Mehring)
  

Mittwoch, 17. Dezember 2014

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Samstag, 13. Dezember 2014

Vida – The great Dance of Argentina (Nicole Nau & Luis Pereyra)



Unter diesem Motto veranstaltet das Ensemble um Nicole Nau und Luis Pereyra von Mitte Oktober bis Mitte Februar eine Tournee mit zirka 70 Auftritten im deutschsprachigen Raum – schon das ist eine Energieleistung! Gestern sah ich die Darbietung in der sehr gut besuchten Stadthalle Gersthofen. Um den Fans das hektische Herunterscrollen bis zum Ende meines Artikels zu ersparen: Es war eine durch und durch professionelle Show, die ihr Geld sicherlich wert ist.

Nun sollte man aber wissen, dass mit dem „großen Tanz Argentiniens“ beileibe nicht nur der Tango gemeint ist. Knapp die Hälfte des Programms ist der Folklore gewidmet und damit Tänzen wie Chacarera, Zamba, Gato oder Malambo – und gerade bei diesen Rhythmen kommt das Titelthema „Vida“ (Leben) heftigst zur Geltung.

Bewundernswert ist der oft fliegende Rollen- und Kostümwechsel in diesem nur achtköpfigen Ensemble (drei Tanzpaare sowie zwei Musiker). Doch wenn es sein muss, greifen auch die Tänzer zur Trommel, der Gitarrist singt sehr schön, und das Multitalent Luis Pereyra liefert sowieso die gesamte Bandbreite: tanzen, Gitarre spielen, singen, Percussion aller Art sowie die gekonnt artistische Beherrschung der Boleodoras (an Seilen befestigte Kugeln als Kampf- und Fanginstrument).

Beim Studium des Programmheftes wunderte ich mich zunächst, warum man den Tango überwiegend im ersten Teil der Vorstellung zusammengefasst hatte. Nachher wusste ich, dass dies zu Recht geschah, denn es war der deutlich schwächere Teil. An der Musik lag es nicht: Offenbar wissen zumindest professionelle Showveranstalter um die dynamische Kraft moderner Tangointerpretationen, und so blieben dem Publikum Einspielungen aus EdO-Zeiten erspart. Die Musiker Daniel Rubén Gómez (Bandoneon) und Javier Tommasi (Gitarre) interpretierten Klassiker sowie auch Tango nuevo derartig schön, dass man für mein Empfinden auf die gelegentlichen Einspielungen aus der Konserve hätte verzichten können (so toll beispielsweise „Tanguera“ in der Originalversion von Mariano Mores auch ist).

Der weniger zwingende Eindruck ging von den Tänzern aus: Während Luis Pereyra bei den Folklorestücken wie ein Vulkan ausbricht und singt, tanzt, trommelt und steppt, was das Zeug hält (und dies auf beeindruckendem Niveau), bleibt er beim Tango seltsam angespannt und kühl. Sicherlich beherrscht er sein Hand- (oder Fuß-)werk, aber er läuft – oft auch etwas vor dem Takt – ziemlich ungerührt durch die Musik und zeigt dabei die zu erwartenden Bühnenbewegungen. Und Nicole Nau passt sich (leider) diesem Stil an. Dass sie es viel besser kann, sieht man vor allem im zweiten Teil, wenn sie allein (oder ganz selten einmal mit einem anderen Partner) tanzen darf. Sicherlich muss ein Paar in reiferem Alter nicht mit jüngeren Tänzern in Punkto Artistik und Tempo konkurrieren, dafür aber sollte es anderes bieten: Reife, Sinnlichkeit, Eleganz, Schweben. Gelegenheit dazu hätte es zum Beispiel beim Piazzolla-Highlight „Adiós Nonino“ gegeben, welche man aber verstreichen ließ: Nach einer kurzen „Damengymnastik“ zu Beginn überließ man die Musiker hinter durchscheinenden Gardinen bei leerer Bühne sich selbst. Dies ist auch insofern schade, da die Werbung für die Show natürlich vor allen Nicole Naus Ausnahmekarriere als Tangotänzerin hervorhebt. Ohne ihren Namen gäbe es sicherlich nur halb so viele Zuschauer.  

Die anderen beiden (deutlich jüngeren) Paare hätten bei ihrer Begabung diese Lücke füllen können, nur zwang man sie leider häufig in feste Choreografien (zum Teil sogar parallel quasi als „Formationstanz“). Nebenbei: Wieso muss man den Interpretationstanz Nummer eins, also den Tango argentino, überhaupt in so starre Formen pressen? Gerade dem großartigen Fernando Giménez mit seiner Partnerin Ivanna Carrizo hätte man hier viel mehr Entfaltungsmöglichkeiten geben sollen. Mehr Glück hatten seine Kollegen Heber Mallorquin und Sofia Orlando, die mit ihrem Tanz zu Piazzollas „Lo que vendrá“ nach meinem Geschmack den künstlerischen Höhepunkt des Abends ablieferten: In solchen leider zu seltenen Momenten konnte man fühlen, was Tango sein kann.

Danach ging es heftig ab mit argentinischer Folklore, die mit einer solchen Lebensfreude, Wucht und Dynamik dargeboten wurde, dass der Saal kochte. Dem Ensemble gelangen auch ausnehmend schöne Bilder wie beispielsweise beim Damentrio zur Zamba „Mientras bailas“. Für mein Laienempfinden hinsichtlich Volksmusik wurde mir das Getrommel und Gestampfe im letzten Drittel zwar schon etwas viel, insbesondere die männliche Anmach-Melange aus Stiefeln, verschwitzten Oberkörpern und Stakkato-Bewegungen so in Richtung "David Garrett ohne Geige". Wie das Gekreische im Saal bewies, war das andere Geschlecht aber wohl mehr als hingerissen, und immerhin hatte man vorher beim Tango auf den branchenüblichen Erotik-Schmus verzichtet. Wie schön!

Wie der Name schon sagt, gefällt Volksmusik dem Volk, und das Ensemble spielte hierbei gekonnt mit den Emotionen der Zuschauer, welche begeisterten Beifall spendeten. Der Versuch allerdings, in der Zugaben-Serie mit „Caminito“ und „Flor de lino“ wieder etwas Tangostimmung ins Spektakel zu reimportieren, erreichte mein schon halb ertaubtes Gehör und Gemüt dann kaum noch.

So bleibt mein Gesamteindruck der sicherlich imponierenden Show etwas zwiespältig: Ein großartiges Folklore-Ensemble, doch was die Faszination des Tango in seinen verschiedenen Spielarten ausmachen kann, musste man vorher schon wissen – gestern in Gersthofen war es nur ansatzweise zu erspüren.

Infos und Tourdaten: www.the-great-dance-of-argentina.de