Dienstag, 26. November 2013

„Der andere Sonderling im Tango“: Peter Ripota



So hat ihn ein (inzwischen nicht mehr ganz so bekannter) Tangoblogger einmal bezeichnet, und nachdem ich – in dessen Sichtweise – der eine Sonderling bin, müssen Peter und ich doch etwas gemeinsam haben. Typisch für diesen Internet-Kritiker: Wenn er schon mal Recht hat, weiß er gar nicht, wie sehr…

Meine früheste Erinnerung an Peter Ripota ist untrennbar verbunden mit einem Tangonachmittag, den er in den Jahren 2000 bis 2005 veranstaltete: Mitten im Münchner Stadtteil Schwabing steht ein herrlich verstaubtes altes Herrenhaus, und dort gab es jeden zweiten Sonntagnachmittag den „Tango in der Seidlvilla“. Irgendwie schaffte es der geborene Österreicher, auf dieser Milonga den Charme eines Wiener Caféhauses zu verbreiten. Insbesondere die letzte Tanda hat einen Ehrenplatz in meiner „Tangovitrine“: Peter legte da meistens herrlich schmalzige deutsche Titel aus den 30-er Jahren auf, und im Winter tanzte man dann in der Abenddämmerung, mit Blick auf den verschneiten Garten, zu Klängen wie „Macht rotes Licht, wir wollen Tango tanzen“ oder „Wenn vom Himmelszelt ein kleines Sternlein fällt“. Ein Zauber, der bleibt!

Monika Fischer kenne ich schon aus meiner Anfangszeit als Lehrer am Gymnasium, wo sie als frischgebackene Referendarin für Biologie und Chemie auftauchte. Als ich eines Tages aus Jux mein Goldenes Tanzsportabzeichen am Revers trug, identifizierte sie dieses sofort und fragte mich mit leuchtenden Augen, ob ich wohl tanze. Diese Betätigung hat Monika seit ihrer Kindheit fasziniert. Längere Zeit nahm sie Ballettunterricht, trainierte Rollkunstlauf und hätte sich gerne mehr mit den Standard- und Lateinamerikanischen Tänzen beschäftigt. Aber es fehlte wohl der feste Tanzpartner. (Ach, wie typisch!)

Als meine Frau und ich vom Turnierbetrieb zum Tango wechselten, erregte dies Monikas besonderes Interesse: Begierig ließ sie sich von uns die erlernten Schritte zeigen, begleitete uns zu etlichen Milongas und genoss es sehr, dass man dort als „alleinige Frau“ auffordern konnte. Als wir ihr dann zum Geburtstag einen Tangokurs schenkten, war die Abhängigkeit von den Klängen des Rio de la Plata besiegelt. Es kam, was offenbar kommen musste: Auf einem Tanzabend liefen sich Monika und Peter über den Weg, der ein gemeinsamer werden sollte. Letztes Jahr war die Hochzeit, natürlich inklusive einer rauschenden Milonga.

Ich muss gestehen: Der erste nähere Eindruck, den Peter auf mich machte, war ein ziemlich exzentrischer – irgendwie verbinde ich ihn bis heute mit weißem Anzug plus Hut sowie gleichfarbigen Bonvivant-Schleichern, halt so ein altmodischer „Tangokavalier“! Sein Faible ist die große Inszenierung, was man an seinen Auftritten mit der Gruppe „Tango de Oro“ sieht. Das Mondäne bricht er aber meist mit seiner Ironie, wenn er beispielsweise als Tangodetektiv  im Programm „Kriminaltango“ ein Tanzpaar aus dem Verkehr zieht, welches Piazzollas „Libertango“ mit Standardschritten interpretiert (vor zehn Jahren eine geradezu prophetische Nummer…). Mit Monika setzte er diese Bühnentradition in vielen Showauftritten fort.

Erstaunlicherweise kommen Peter und ich immer wieder, unabhängig voneinander, auf identische Ideen. So hörte ich von ihm Anfang 2010, dass er sein Buch „Tangosehnsucht“ herausbringen werde – und ich konnte ihm mitteilen, dass demnächst mein „Milongaführer“ auf den Markt komme. Dann vor kurzem die Neubearbeitung seiner „Metamorphosen der Liebe“, zeitgleich bei mir der „noch größere Milongaführer“. Der Höhepunkt war aber, dass wir beide im April 2007 unsere eigene Milonga aus der Taufe hoben, und im Gegensatz zum „Tango an der Ilm“ in Pfaffenhofen existiert der Freisinger „Tango de Neostalgia“ bis heute. Zum jährlichen Jubiläum inszeniert Monika stets eine Aufführung, bei der ich als Tänzer oder Zauberkünstler öfters mitwirken durfte.

Zugegeben, mit Glamour bis Kitsch tragen die beiden für meinen Geschmack schon dick auf. So erinnere ich mich an eine Show, wo Peter und ich eine lebensgroße Schaufensterpuppe per Striptease zu einem mehrfachen Kleiderwechsel veranlassten, und ich (einschließlich dem Publikum) auch ansonsten mit Laszivität nicht verschont wurde. Dennoch ist dieser Stil meilenweit vom üblichen „Erotikgeturne“ entfernt, denn solche Paare meinen es ernst – Peter nicht. Der reine Schabernack waren auch unsere Auftritte als Autorenduo, wo wir anhand unserer Bücher eine nur mäßig einstudierte Diskussion über diverse Tangothemen boten.

Peter ist ein Mensch, bei dem der erste Eindruck nicht reicht, und der zweite, dritte und die folgenden ergeben ebenfalls kaum mehr Klarheit: studierter Mathematiker und Physiker, hauptberuflich 23 Jahre Redakteur beim P.M.-Magazin, daneben aber Autor von Büchern nicht nur über diese Wissenschaften, sondern unter anderem auch Astrologie, Handlesen, Kartenlegen, Märchen – und natürlich Tango. Wie passt das zusammen?

Peter würde wahrscheinlich antworten: „Muss es doch gar nicht.“ Er ist ein Dialektiker, der erst bei Widerspruch so richtig in die Gänge kommt, Mainstream ist für ihn der Horror: Da wird schon mal Einsteins Relativitätstheorie oder die Evolutionslehre in Frage gestellt – und erst recht im Tango! „Das Schlimmste beim Tango Argentino ist es, so zu tanzen wie alle anderen“, so ein Zitat aus seinem Buch, und der Standardtango ist für ihn „gut geeignet als Anfeuerungsmusik in Schlachten“. Kompromisslos tritt er bei unserem Tanz für Individualität und persönliche Freiheit ein – und empfiehlt denen, die „alles in Schubladen stecken“ müssen, den Wechsel zum Schuhplattler. Dass ihn genau solche Leute dann heftig attackieren, freut ihn wohl besonders.

Dieser Linie folgen Peter und Monika auch bei ihrer monatlichen Milonga. Es ist die einzige Tangoveranstaltung, bei der mir stets mehr als die Hälfte der gespielten Titel völlig unbekannt ist. (Angeblich sitzt Peter oft stundenlang vor dem Radio, um neue Musikbeispiele aufzunehmen – vom Radio – da wälzt sich doch der moderne TJ mit Schnappatmung auf dem Teppich!) Selbstredend ist nicht alles Tango, was da zu hören ist, und ich könnte Peter oft mit der flachen Hand erschlagen, wenn er meine Wachheit ab Mitternacht mit elegischen Klängen à la Wiener Südfriedhof auf eine harte Probe stellt. Tue ich aber nicht, denn dann würde die letzte Milonga verschwinden, bei der man mich noch verblüffen kann. Trotz seiner inzwischen 70 Jahre ist Peter Ripota der jüngste und unkonventionellste DJ, den ich kenne.

An die 25 Jahre ist er nun im Tango aktiv, was wenige von sich behaupten können – und, wichtiger noch: Er hat nie seine individuelle Linie aufgegeben. Dies ist gerade jetzt, wo die Szene immer mehr von Modeerscheinungen, angepassten Rezepteanwendern und Wahrheitseignern bestimmt wird, nicht hoch genug einzuschätzen. Auf ihren Milongas sorgt das Ehepaar Fischer-Ripota für eine tolle Dekoration, kümmert sich aufopfernd um jeden einzelnen Besucher, steht mit bewundernswerter Energie auch Durststrecken mit wenigen Gästen durch – und das Angebot ist stets hausgemacht und nicht importiert, weder aus Buenos Aires noch sonst woher.

Und obwohl Peter in seiner bescheidenen Schüchternheit wohl meinen wird, mein Beitrag sei eher ein Nachruf – im Gegenteil: Ich hoffe, dass die beiden mir und anderen noch lange eine Oase ohne Geschrammel, Workshops, argentinische Showpaare und Tanzschuhverkauf bieten werden!

Werbung:
Tango de Neostalgia, Tanzschule TWS, Am Lohmühlbach 10, 85356 Freising
 

Sonntag, 17. November 2013

Süßer die Tangos nie klingen – meine Weihnachtswünsche an DJs



Liebes Christkind,

ich bin immer brav gewesen, ehrlich! Bei meinen gut zweieinhalbtausend Milongabesuchen hab ich mich noch nie beim DJ über die Musik beschwert, ihm meine Wunschtitel vorgesummt oder vom Veranstalter das Eintrittsgeld zurückverlangt. Na gut, ich kann nicht wirklich singen (oder summen), zudem erschien es mir oft zwecklos, mich zu beklagen – aber vor allem hab’ ich versucht, mich als guter Gast zu benehmen, wie’s mir Mutti einst beigebracht hat. Lediglich meine engste Umgebung bekam öfters meine Verzweiflung mit, auf langweiliges Gedudel tanzen zu müssen, statt auf g’scheide Musik…

Okay, ich hab’ ein Tangobuch geschrieben, in dem einiges über Aufleger und Gastgeber vorkommt, was manchen nicht recht sein könnt’, aber das muss ja keiner lesen (und kaufen schon gar ned, wo so viel davon im Internet steht – und glei’ mit der Meinung, die man dazu haben muss). Aber so ein Werk stört doch keine Milonga, wenn’s da ned so langweilig ist, dass man lieber liest statt tanzt, oder?

Aber bitte, liebe DJs (oder „TJs“, des is’ mir wurscht), könntet ihr im Verlauf des Abends öfters auf der Tanzfläche rumgehen und euch einen Eindruck davon verschaffen, was wir Tänzer so hören? (Tipp: Da müsstet ihr sogar kabellose Kopfhörer abnehmen, sonst kriegt ihr des ned mit!) Ich bin bestimmt weder ein Koaxialkabel-Fetischist noch ein Klirrfaktor-Neurotiker, aber das klingt manchmal schon ziemlich blechern oder schrill, vielleicht nach „komprimierten Dateien“ – ich bin da kein Experte. (Sieht man schon daran, dass ich meine Musik noch von CDs abspiel’.) Außerdem ändert sich doch die Akustik, wenn mehr Leute da sind – zumal, falls Highclass-Tangoladies wieder ihre Kreischanfälle kriegen (stehen meist in eurer Nähe, solltet ihr doch merken).

Und auch wenn ihr durch irgendeine Erweckungserfahrung vom Neo-Saulus zum EdO-Paulus mutiert seid und meint, jetzt nur noch konventionell auflegen zu müssen, werd’ ich das den ganzen Abend aushalten, ohne mich daneben zu benehmen, versprochen! Aber versprecht’s mir bitte auch was? Es gibt so schöne, wenig bekannte alte Titel – verschont’s mich wenigstens gelegentlich mit „Muñeca brava“ von Tanturi, di Sarlis „Bahia Blanca“ und der allfälligen Vals-Tanda von de Angelis, gell? Und wenn ich mich einmal (wegen der Kreislaufanregung) auf eine der seltenen Milonga-Runden freue, möcht’ ich – bitte, bitte – nicht jedes Mal zu den bekannten Geronto-Versionen von „Silueta porteña“ plus „Mil-hon-ga-sen-ti-men-tal“ rumdackeln. Da ist’s sonst für mich von der Reha zur Rea nicht weit… Am besten wär’s, ihr tätet selber mal wieder auf andere Milongas gehen und hören, dass dort sechzig Prozent der Musik mit eurer übereinstimmt!

Ach ja, und wenn euch moderne Tangomusik nicht gefällt, dann dürft ihr gern die eine Elektro-Alibi-Tanda nachts um halb zwölf streichen. Weil, wisst ihr, auch von dieser Sparte sollt’ man was verstehen! Das würd’ dann dazu führen, dass man nicht Tango nuevo, Neotango und gar keinen Tango miteinander verwechselt. Nur so als Fortbildungsanregung: Piazzollas „Triunfal“ hat mit „Sin Rumbo“ von Otros Aires wenig, und beides mit irgendwelchem Chillout-Gesäusel für natürliche Geburtsbegleitung gar nix zu tun!  Bei Letzterem krieg ich dann das Augenflackern ganz ohne Cabeceo, aber vielleicht passt es ja in euer Konzept, durch solche Stücke zu beweisen, dass neuere Kompositionen wertlos sind? Und no’ was: Lasst’s doch eure Prozentangaben der Musikrichtungen in der Einladung! Erstens stimmt’s hinterher so gut wie nie, zweitens braucht’s ihr für eure Kreativität ned no a weitere Einschränkung, und vor allem sagt’s mir nix. Oder hilft’s euch was, wenn ein Supermarkt in der Werbung verspricht: achtzig Prozent Gemüse, zwanzig Prozent Obst? 

Persönlich bräucht’ ich eigentlich keine Cortinas, weil ich zwar wegen mei’m Alter nimmer so gut hör’, aber schon noch mitbekomm’, dass spätestens nach vier D’Arienzo-Tangos ein anderes Orchester kommen muss, und ich erst recht den Wechsel zu Valses oder Milongas check’ – aber bitte, wenn’s die Ideologie verlangt… Auf traditionellen Veranstaltungen solltet ihr aber darauf schau’n, dass die Zwischenmusik noch langweiliger is’ wie der Rest, weil’s mich sonst jedes Mal nervt wie die Sau, ned in den einzig interessanten fünfzehn Sekunden pro Viertelstunde tanzen zu dürfen. Und wenn zum Programm experimentelle Non-Tangos gehören, ist jede Cortina-Musik verwirrend! In dem Fall besser das Pausenzeichen von Radio Luxemburg oder Edi Stoibers Flughafenrede, da weiß man, wo man dran ist.

Liebe DJs, solltet’s ihr nun (was ich nicht vermute) nach modernen Tango-Alternativen fragen, so wär’ es mir fast scho’ peinlich, auf die Seiten 192-226 meines „noch größeren Milonga-Führers“ hinzuweisen, wo ich kiloweise Musik angeboten hab’. Ich müsst’ auch jegliche Gewährleistung dafür ausschließen, da Sänger wie Ariel Ardit und Gruppen vom Typ „Sexteto Milonguero“ oder „Beltango“ zwar gerade Weltkarrieren hinlegen, allerdings auf dem Parkett eine mit Herzschrittmachern inkompatible Unruhe erzeugen könnten – ganz zu schweigen von „Las Sombras“, die einen Klassiker wie „Gallo ciego“ per Saxofonführung zu einer Milonga ummodeln, was sicher ebenfalls gegen irgendwelche Regeln verstößt. Und Musiker wie Luis und Lidia Borda, Daniel Melingo, Adriana Varela oder Roberto Goyeneche (is’ sogar scho’ tot) werdet’s ihr eh nicht kennen, also lass’ ma’s lieber. Weil zu meiner Zeit hab'n wir no' g'sagt: "Toll, a neues Stück" und ned: "Hilfe, des Stück kenn' i gar ned!"

Ein berühmter schweizer Musikexperte, der wo mit seiner 100 000 Franken-Anlage das hohe C noch viel höher spielen kann als alle anderen TJs und sogar a bissel Tango tanzt, hat sowieso geschrieben, meine Vorschläge seien eine „verquere Selektion“ – und der muss es schließlich wissen, weil er alles weiß. Daher sind für ihn moderne Tangointerpreten sowieso „inspirationslose Stümper“, ein „kulturelles Ärgernis“ und eine „milongale Lachnummer“. Aber ihr wisst’s ja: In der Hölle gibt's italienische Verwaltungsbeamte, englische Köche und  schweizer Liebhaber…

Ich werd’ kurz vor Weihnachten lieber in ein Konzert von Max Greger gehen. Der darf traditionelle Weihnachtslieder in a’m Riesensaal nach Lust und mit Laune (und ohne Hackbrett plus Zither) verswingen, wie er will. Aber vielleicht gibt’s ja im Weltweitnetz doch no’ an Schittstorm von de Volksmusikant’n? Is mir aba aa wurscht!

P.S. Nix für ungut, und man sollte nicht alle Gockel über einen Kamm scheren. Ganz selten mal gibt es DJs, die mich nach Vorschlägen fragen und diese dann sogar umsetzen. Danke, Atilio!

Samstag, 9. November 2013

Kräht der Hahn auf dem Mist – Trendsetter im Tango



„Mir san die Hautevolee, mir ham den Überschmäh. Mir san a Wahnsinn, mir san in.“
(Reinhard Fendrich: Schickeria)

„Sich zu trauen, alte Strukturen sowie eigenes Wissen in Frage zu stellen, spricht für den Mut von den Top-Lehrern.“
(Tangolehrer, Info im Internet)

Abgesehen davon, dass letztere Haltung natürlich nicht nur Tanzpädagogen, sondern schlichtweg jeden adelt, wundert man sich bei einer solchen Aussage aus jener Zunft schon über den Zusammenhang: Propagiert wird hier nämlich nicht etwa der Aufbruch zu neuer Musik oder bislang unbekannten Tanzstilen, sondern im Gegenteil die Rückkehr zum engen Tanzen à la Milonguero.

Der Höhepunkt eines Trends, so lesen wir die geschichtsphilosophische Deutung, markiere oftmals schon dessen Untergang – will sagen, als der getanzte Tango nuevo um 2008 boomte, sei der Moment schon nahe gewesen, wo er nicht mehr unterrichtet, wenn auch (bedauerlicherweise?) zum Teil heute noch getanzt werde. Als Kronzeugen zitiert der Autor dieses Essays das Tanzpaar Sebastian Arce und „Marianne“ Montes. (Letztere hat sich wohl am meisten gewandelt und sogar ihren Vornamen gewechselt – hieß die nicht früher „Mariana“?)

Dass der „Mut, sich zu verändern“, der hier als Überschrift herhalten muss, generell löblich erscheint, wird niemand bestreiten – wenn allerdings der (gefühlte) allgemeine Trend synchron in die gleiche Richtung geht, darf man schon einmal über den Grad an Courage und individuellem Urteil diskutieren.

Welche Argumente sprechen nun plötzlich für den ausschließlich engen Tanzstil? Wortreich wird dargetan, er sei schwieriger umzusetzen als die offene Haltung. Nun liegen mir allerdings dutzendfach Äußerungen aus argentinischem (und daher selbstredend kompetentem) Mund vor, der Anfänger sei deshalb in der engen Umarmung zu schulen, da sich hierbei die Führungsimpulse direkter und somit einfacher vermitteln ließen. Und wenn das Gegenteil richtig wäre: Soll man hinfort den Tango in einer schwerer zu erlernenden Form unterrichten – und dies angesichts der chronischen Angst von Tanzlehrern, überforderte Schüler könnten sich Kursen (respektive deren Gebühren) entziehen?

Selbstredend ist nicht nachzuweisen, dass man dadurch von einer momentanen Moderichtung auch ein paar Interessenten abhaben möchte – widerlegt wird allerdings dieser Verdacht auch nicht gerade. Und der Vorzug, durch Beherrschung verschiedener Stile ein breiteres Spektrum von Musik interpretieren zu können, hat ein Manko: Man kann daraus keinen Trend basteln.

Seltsam mutet es auch an, wenn zeitgleich DJs, die bislang fast synonym für den Neotango standen, nun auf einmal die Schätze entdecken, welche in der traditionellen Tangomusik schlummern. Haben sie denn früher ihre Kopfhörer als Schallschutz verwendet, statt sich ihre Tonträger einmal genauer anzuhören? Nun kann ich es gut verstehen, wenn professionelle Aufleger das bieten, was der Veranstalter ordert. Wenn man dann aber selber Traditionsmilongas (inklusive Cabeceogeblinzel plus Boleoverbot) veranstaltet, ist schon von einem echten Persönlichkeitswandel auszugehen! Und falls die grassierenden Seminare zur Musik des „Goldenen Zeitalters“ wenigstens die allgemeine Erkenntnis befördern, dass beim 4/4-Takt die Eins und Drei betont sind, wäre dies ja durchaus zu begrüßen… 

Wenn allerdings der Mut zur Veränderung mit der Verleugnung des Bisherigen einhergeht, sollte man um den Matthäus 26,34 lieber einen Bogen machen und den Hahn nicht krähen lassen – wer weiß schon, was man erleben würde, bevor der Morgen graut?

Vielleicht ist der Hintergrund ja viel harmloser: Die heutigeTangoszene leidet ja nicht gerade an einer Überdosis Kreativität. Ob Schuh- und Kleiderverkauf, Workshops mit spanischen Namen, Pappnasentango oder Dirndlmilonga – was beim Konkurrenten ein paar Gäste mehr bringt, wird umgehend abgekupfert. Da erscheint die Frage nach Inhalten reichlich verstiegen.

In einem Monty-Python-Film gibt es eine Szene, in der eine riesige Menge skandiert: „Wir sind alle Individualisten!“ Schließlich hebt ein Einzelner die Hand und bekennt: „Ich nicht.“ Mit Sicherheit tanzt der nicht Tango. Wetten?