Wie sich’s gehört

 

Mir ist klar, dass diese Gegenüberstellung die „Riedl find ich doof-Fraktion“ wieder einmal stärken wird. Dennoch sei versichert: Ich kann bei solchen Bildern nicht die Klappe halten.

Gelassen nehme ich auch Einwände zur Kenntnis, ich würde mal wieder Äpfel mit Birnen vergleichen. Aber nach einer Meldung des Satiremagazins „Der Postillon“ darf man das. Beide Früchte wüchsen auf Bäumen, hätten eine Schale und gehörten zu den Kernobstgewächsen. Apfel schmecke nach Apfel, Birne nach Birne.

https://www.der-postillon.com/2017/05/aepfel-birnen.html#more

Das schönere Video zuerst: Ich fand es bei meiner Recherche nach dem Sänger und Tänzer Fernando Serrano, zu dessen Musiktiteln wir neulich in Pörnbach getanzt haben.

In dem Ausschnitt aus einer Bühnenshow wirbelt Serrano ein wild-naturbelassenes Mädele durch eine ziemlich fetzige Cumparsita, dass mir der Atem stockt. Na sicher, das ist Bühnentango – und recht auffallend choreografiert. Aber dennoch: Welche Kraft und Sinnlichkeit! Passagenweise hat man Angst, Fernando könnte das süße Wesen noch auf der Bühne auffressen. Aber die Tänzerin geht mit Männern auch nicht eben zimperlich um. Kein Wunder, dass im Hintergrund der Rauch aufsteigt…   

Und ja, auch dazu benötige ich keine Belehrungen: Das ist reiner Kitsch, doch der gehört zum Tango wie das Bandoneón, die männlichen Hahnenkämpfe und die Kursgebühren.

Hier das Video – bitte anschnallen und das Rauchen einstellen:

https://www.youtube.com/watch?v=2MAFrQJ0L1c

Und nun bitte mit buddhistischem Gleichmut wappnen – gleich kommt das zweite Video!

Es zeigt zwei tanzende Tangolehrer – der Tatort ist die Berliner Schule „Nou Tango“. Die Beschreibung lautet: „Nach dem Basis Kurs zeigten Ilka und Hagen, wie schön Tango Argentino aussehen kann...“

Na gut, da muss man den Begriff „schön“ semantisch schon ein wenig weiten. Zweifellos können die beiden Tango – sie machen allerdings wenig Gebrauch davon.

Nun verlange ich gar nicht, dass der junge Mann seine Partnerin im Studentinnen-Outfit in Serrano-Schinken-Art durchschüttelt. Aber, Leute – kopfgesteuerter Tango-Tofu ist schlicht zu wenig! Tango ist halt nicht vegan, sondern karnivor! Sowas kann man in der Wohnküche einer Akademiker-WG tanzen, aber nicht in der La Plata-Tradition von Blut, Schweiß und Tränen.

Liebe Leserinnen und Leser, sehen Sie selbst:

https://www.youtube.com/watch?v=KrQFy5It9Zw&t=73s

Und natürlich muss es zum Zwecke der Demonstration kalorienarmes Di Sarli-Gedudel sein – gibt es auch Basiskurse, welche ohne diese Endlosschleifen auskommen? Ich fürchte: nein.

Tragischerweise heißt der Tango auch noch „Comme il Faut“. Mag schon sein, dass es sich so gehört – jedenfalls aus der Sicht der berühmten Tante, welche Kurt Tucholsky gerne zitierte. Goethe, so schrieb der Satiriker einmal, konnte den „Faust“ nur schreiben, weil er keine Tante hatte. Die hätte ihn nämlich „übertrieben gefunden“. Den Tanz von Serrano sicherlich auch.

https://de.wikisource.org/wiki/Die_Familie

Man komme mir auch nicht damit, es handle sich ja „nur“ um eine Demonstration für die Schülerinnen und Schüler. Aber die achten doch nicht nur auf die Schritte, sondern weit mehr auf die emotionale Botschaft des Tanzes. Welche Idee vom Tango setzt sich bei denen fest, wenn man sich zu glutenfreier Musik laktose-intolerant bewegt? Genau die, welche man hinterher landauf, landab auf den Milongas beobachten kann.

Sorry, aber das musste ich wieder mal sagen – sonst wäre ich dran erstickt!

Liebe Ilka, lieber Hagen,

ich hoffe, ihr vergebt mir meine Leidenschaft – ich hätte euch die eure auch gern verziehen… 

Kommentare

  1. es verdichtet sich immer mehr der eindruck, dass so mancher genuss, den das tango tanzen zu bieten hat, dir als erfahrung fern geblieben ist. denn dir bleibt der genuss, den ein solcher tanz, wie im zweiten video zu sehen, zu bieten hat, ganz offensichtlich verborgen.

    besser hättest du es uns gar nicht offenbaren können.

    lieben gruß
    andreas lange

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    1. Wenn Leute mir offenbaren, dass ihnen erhitzte Dosen-Ravioli schon als Sterneküche erscheinen, ist das bedauerlich, aber nicht zu ändern.

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  2. Guten Tag Herr Riedl,
    ich bin durch Zufall auf ein Tanz-Video gestosen und musste gleich an Ihre Artikel denken. Ich finde ein Beispiel, dass Tanzen im traditionellen Stiel auch sehr dynamic und interessant sein kann. Mich beeindruckt sehr die Präzision und der Tanz zur Musik.

    https://www.youtube.com/watch?v=5-77Y_hk3u8

    herzlich,

    Davide Utrotel

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    1. Lieber Davide Utrotel,

      klar kann auch Tanzen im traditionellen Stil dynamisch und interessant sein.

      Bei dem vorgeschlagenen Video handelt es sich allerdings um das Erlernen einer einzelnen Figur, die halt immer wieder gezeigt wird - und dies didaktisch und methodisch äußerst simpel am Prinzip "vormachen - nachmachen" orientiert.

      Zudem scheint mir die Musik nachträglich druntergelegt zu sein. Beim musikalischen Tanzen würde es mich mehr überzeugen, wenn ich den Original-Ton hören könnte.

      Vielen Dank und beste Grüße
      Gerhard Riedl

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    2. Weil es gerade um Videos geht, die rüberbringen (sollen), was Tango ist:
      Dazu fällt mir eine geniale Filmszene ein, aus dem Film "Tango libre". Ein Häftling, dessen Freundin tangobegeistert ist, will wissen, was sie daran findet und fragt einen argentinischen Mithäftling....und die Szene kommt sogar ohne Musik aus.
      https://m.youtube.com/watch?v=TvJj0NuLk3o

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    3. Ja, auch so kann Tango sein - eine großartige Szene! Mir war der Film bisher nur dem Namen nach bekannt.

      Hier noch der Link zum Trailer:
      https://www.youtube.com/watch?v=y7OVcya2Xc4

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