Montag, 30. April 2018

Die Profilbild-Aktualisierer


„Ich versuche zurzeit, auch ohne Facebook neue Freunde zu gewinnen!
Täglich laufe ich also auf die Straße und schreie herum, was ich gekocht habe, was ich gegessen habe, was ich eingekauft habe, wo ich bin, was ich gerade mache, wie ich mich fühle…
Ich stupse jeden an, der mir über den Weg läuft, und gröle laufend 'Gefällt mir'.
Nicht ohne Erfolg.
Zurzeit habe ich drei Followers: zwei Polizisten und einen Psychiater!!!!!
Nicht schlecht, oder?“
(facebook.com/patrickmillerofficial)

Derzeit sind ja Skepsis bis Ablehnung gegenüber sozialen Netzwerken riesig. Speziell der Datenskandal bei Facebook hat die im Internet stets vorhandene Empörungsenergie wieder einmal so richtig entfesselt.

Ich bin seit 2012 Mitglied dieses Forums und tue mich, ehrlich gesagt, ziemlich schwer mit Wehklagen, im Gegenteil: Viele Kontakte zu anderen Menschen hätte ich in diesen sechs Jahren im realen Leben nicht hinbekommen – und habe dabei eine Menge Wissenswertes erfahren. Sicherlich zwei Drittel meiner Blogtexte wären ohne diese Plattform nicht entstanden – und erst recht nicht annähernd häufig gelesen worden.

Aber was ist mit dem so vehement beklagten „Datenklau“, der Angst, in die Fangarme der „Datenkrake“ zu geraten?

Zur Vorbereitung dieses Artikels habe ich mich nochmal einige Stündchen auf Facebook herumgetrieben und zumindest eine Antwort darauf gefunden:

Wenn man Angst vor Tintenfischen hat, sollte man beim Schwimmen im Meer vorsichtig sein!

Sprich: Es ist unglaublich, was die Nutzer alles aus ihrem Leben und dem nahestehender Menschen veröffentlichen!

Wer auch nur ein bisschen sucht, kann die ganze Bandbreite von Beziehungsproblemen, Ärger mit dem Nachwuchs, Ess- und Lebensgewohnheiten, politischen Einstellungen und Erkrankungen finden:

Motto: „Also eins muss ich ja sagen... mein Mann putzt die Klobrille nicht nach Gebrauch!“ (Originalzitat aus FB)

Meine Einstellung ist da etwas anders: Mein Privatleben geht nur die (wenigen) Menschen etwas an, welche es mit mir teilen! Darüber veröffentliche ich nichts – und ich bin dankbar, dass dies die mir nahestehenden Menschen genauso halten.

Und wenn ich nach einem Waldspaziergang einen roten Fleck am Bein habe und mir deswegen Sorgen mache, gehe ich zum Hautarzt, anstatt ein Foto des Schadens auf Facebook zu posten und um Rat zu fragen. (Wobei man auf gewissen Seiten eh weiß, was als Tipp kommt: Darmsanierung"...)

Ebenfalls verschicke ich keine Urlaubsgrüße, um den Sportsfreunden von der osteuropäischen Einbrecherfront nicht mitzuteilen, wann unser Haus leer steht.

Falls es jemand noch nicht wissen sollte: Ich hasse lustige Tierfotos", speziell die von Katzen!!! Da halte ich es eher mit Alf...

Apropos: Warum soll ich ein Essen, das mir schmeckt, als „Foodie“ der ganzen Welt mitteilen (die eh nichts davon abbekommt), und mir zum Dank vielleicht noch einen veganen Shitstorm zuposten? (Absolut lustig fand ich zum Beispiel die „Schinkenbrettl-Affäre“ eines Tangoveranstalters, welcher mit einem entsprechenden Brotzeitfoto den gigantischen Shitstorm einer „Ernährungsberaterin“ auf sich zog, die übrigens angesichts ihres muskelbepackten Tangopartners privat nicht so ganz fleischlos zu leben scheint…)

Was die Texte anbetrifft, ist es offenbar den meisten Schreibern unbekannt, dass es eine „Bearbeiten“-Funktion gibt, um peinliche (vielleicht auch Smartphone-bedingte) Fehler zu korrigieren. Auf die Gefahr hin, mir wieder einmal „Oberlehrer-Schelte“ einzufangen: Es gibt hierzulande schon noch Kreise, in denen man mit Dummdödeldeutsch nicht ernst genommen wird…  

Insofern ist es eigentlich eine Gnade, dass die große Mehrzahl der User gar keine eigenen Geistesprodukte anbietet: „Teilen“ ist das Gebot der Stunde – warum selber originell oder gar kreativ sein, wenn es jemand anderer schon war? Dass man dann denselben Käse dutzende Male hintereinander präsentiert bekommt, dient ja nur der besseren Einprägung!

In manchen Kreisen beliebt sind Veröffentlichungen, welche zuverlässig täglich die Welt untergehen lassen: Ob nun durch politische Skandale, messerstechende Ausländer, Abschlachten von prospektiven Schweineschnitzeln oder das Silvesterfeuerwerk – schlimmer kann es nicht mehr werden. Jedenfalls bis zum nächsten Katastrophen-Post. Eine Lösung der Probleme ist nicht unbedingt erforderlich (schon gar nicht durch eigenes, analoges Engagement) – Hauptsache, die hauseigene Liker-Community zeigt den Daumen hoch und nicht den Stinkefinger.

Manche Seiten, gerade solche weiblichen Ursprungs, lassen es friedlicher angehen: Außer Fotos und Geburtstagswünschen findet sich da nicht viel – Hauptsache, Profil- und Titelbilder werden in regelmäßigen Abständen aktualisiert. So finden sich in jahreszeitlichem Wechsel schneebedeckte Berggipfel, blühende Primeln, der Sonnenuntergang auf Tahiti respektive fermentierendes Herbstlaub – natürlich stets garniert mit einem neuen Portrait der Seiteneignerin in der jeweils aktuellen Haarfarbe.

Schrecklicher Verdacht: Muss man ständig sein Profilbild ändern, wenn man nicht weiß, wer man wirklich ist?

Die Qualität der Aufnahmen geht selten über das hinaus, was man früher bei Besuchen als „Urlaubsfotos“ per Diaserie an die Birne geworfen bekam. Ein Tipp: Es nützt nichts, die Bilder auszutauschen, wenn man beim gleichen Fotografen bleibt! Der Jubel des zugehörigen Bekanntenkreises ist natürlich garantiert – und insbesondere die Freundinnen sind beruhigt, dass nicht nur an ihnen selber das Alter Spuren hinterlassen hat…

Männer hingegen – speziell, wenn sie Tango tanzen – präsentieren sich gerne mit einer Polygamie-Serie schöner Frauen, welche versunken in ihren Armen träumen. Wenn sie dann noch der „Generation me“ angehören, erreicht ihre Jahressammlung bereits Ende April mehr als 50 verschiedene Haarbüschel, welche die Indianer früher als Skalp am Gürtel trugen.

Gerade im Tango beliebt sind ganze Serien von Milonga-Aufnahmen, wozu sicherlich alle Abgebildeten auf ihr Recht am eigenen Bild verzichtet haben. Tja, wie war das gleich noch mit dem „Datenklau“?

Auf das Risiko hin, digital als gigantisch naiv zu gelten: Persönlich habe ich bislang die Saugnäpfe der „Datenkrake Facebook“ noch nicht verspürt. Mein Kaufverhalten hat sich – typisch für die Generation der „Silver Surfer“ – wenig verändert. Zugeben muss ich, dass ich es inzwischen angenehmer finde, ein ausgefallenes Produkt bei „Amazon“ zu erwerben, anstatt mir, wie früher, die Füße in x Geschäften wundzulaufen. Und dass mir im Internet zunehmend Treppenlifte und Hörgeräte angedient werden, kann ja nicht schaden – vielleicht brauch ich solche Produkte eher, als ich mir jetzt noch vorstellen kann.

Und ich betätige mich ja selbst als „Big Data-Sammler“, da ich Facebook in erster Linie zur Werbung verwende: Für meine Bücher (sowie die anderer Autoren, welche mir gefallen), die Veranstaltungen der Familie Riedl und meine Ansichten zum Tango und gelegentlich zu anderen Themen, von denen ich etwas zu verstehen glaube. Da finde ich es nur fair, wenn Facebook auch mich zur Werbung benützen darf.

Ansonsten: Einfach nicht zum Munde (respektive zur Maus) heraus posten!

Und mein Profilbild ändere ich zirka alle fünf Jahre – aber nur, damit mir keiner vorwirft, mit „Jugendfotos“ die Interessenten zu täuschen!

Wer noch ein wenig satirische Restempörung benötigt:

Samstag, 28. April 2018

Tango: me too


„Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ist nur möglich, wenn die Frau sich unterordnet.“
(Marcus Valerius Martialis, 40-104 n. Chr.)

Die letzten Artikel über die Rolle der Frauen im Tango haben meinem Blog ungeahnte Zugriffsraten beschert: Allein gestern gab es insgesamt 700 Aufrufe, der Artikel „Allein unter Weibern“ von meiner Berliner Gastautorin liegt von allen 650 Blog-Veröffentlichungen jetzt auf Platz 3, der Text „Kreuz und Queer“ von derselben Verfasserin ist der meistgelesene in den letzten 30 Tagen und hat, wie berichtet, auf der FB-Seite von Thomas Kröter eine lange und heftige Debatte ausgelöst:

Wenn man das dortige Teilnehmerfeld einmal zahlenmäßig auswertet, ergibt sich Erstaunliches: Der Post erhielt 8 „Gefällt mir“-Angaben, davon 6 von weiblicher Seite (75 %). An der Diskussion beteiligten sich 23 Personen, davon jedoch nur 7 Frauen (30 %).

Grob gesagt standen sich folgende Ansichten gegenüber:

·         Gerade durch den Cabeceo seien Männer und Frauen im Tango gleichberechtigt, maßgebliche Probleme sähe man keine.
·         Die herrschenden Aufforderungsrituale begünstigten eher die Männer, von einer Chancengleichheit sei man noch deutlich entfernt.

Zur letzteren, kritischen Betrachtungsweise tendierten bei den Frauen 5 (also 71 %), während dieser Ansicht nur 5 von 16 Männern zuneigten (31 %).

Fazit: Für die Mehrheit der Herren ist die Gleichberechtigung im Tango erreicht, für die überwiegende Zahl der Frauen nicht!  

Bei dieser Diskussion wie auch in unserer Facebook-Gruppe (die letzten beiden Zitate) artikulieren sich Frauen weitgehend sehr deutlich:

„Wenn ich fremd bin irgendwo, greift der Cabeceo sowieso nicht, weil gute Tänzer dann an mir vorbeigucken, selbst wenn ich ein gute Tänzerin bin... denn sie haben ja genug gute Folgende um sich, die aufgefordert werden wollen.

„Meistens beobachte ich es auch so... meistens bestimmen die Männer das Geschehen... und wir Frauen müssen uns dem meistens unterordnen.

„Und an einem dieser 4 Tage regte sich wirklich ein Tänzer (der wohl auch unterrichtet) darüber auf, dass zu viele Frauen führen würden...und das 2018.

„Ich fordere als Frau / führende Frauen auf mit null Problemen, Männer nicht mehr, die Körbe sind oft echt unverschämt.

„Meine Erfahrung ist: Frauen sind dankbar, wenn sie aufgefordert werden, manche Männer lassen sich herab.“

„Ich empfinde den Cabeceo (…) als etwas sehr Unnatürliches, Aufgesetztes und unter erschwerten Bedingungen nicht wirklich Praktikables... und vermutlich habe ich ihn deshalb in 20 Jahren immer noch nicht wirklich drauf.

„Nach 10 Monaten wundere ich mir noch immer einen Wolf über die sonderbaren Auswahlszenarien, die ich über mich ergehen lassen muss.

„Mir hat mal ein Mann, den ich aufgefordert habe, gesagt, dass er nicht mit mir tanzen will, weil ich zu dick bin. Mein Appell an die ‚normalen‘ Frauen: Habt Spaß am Tanzen und kümmert euch um euch selbst. Manche Männer lohnen sich einfach nicht als Tanzpartner!

Na gut, wahrscheinlich habe ich wieder mal falsch zitiert oder Statistiken manipuliert… Aber Bilder sagen mehr als Worte: Thomas Kröter hat auf Facebook gestern ein Foto veröffentlicht, das beim „Riga Embrace 9, 2017“ anderthalb Reihen wartender Damen zeigt:

Da bei solchen Encuentros die Geschlechter getrennt einander gegenübersitzen, hat man den Gesamteindruck einer uniformiert wirkenden Frauenschar: alle gestylt, mit Tangoflatterkleidchen und Highheels. Die Assoziationen der Kommentatoren reichen von Hühnerstall bis Puff.

Ich frage mich schon einmal: Wieso sitzt da keine einzige Dame in Hosen, Sneakers oder Ähnlichem? Haben die zufällig alle denselben Modegeschmack? Keine, die ein zivileres Outfit bequemer findet? Oder geht es schlicht darum, dem Geschmack der Kerle zu entsprechen, die es übrigens durchaus salopper angehen lassen:

Na klar: Nicht der Freier muss sich aufrüschen… Und, noch schlimmer: Auch die Kleidergrößen scheinen genormt - so zwischen 40 und 42. Wird alles Abweichende ausselektiert?

Mich erinnert die ganze Geschichte schon ein wenig an die „Me too“-Debatte: Während die Herren der Schöpfung sich ihre Verhaltensweisen schön reden, leiden die Damen oft genug stumm. Wieso? Sie halten es für eigene Unzulänglichkeit, wenn sie beim Tango wieder einmal übersehen, zurückgewiesen oder hochnäsig belehrt werden: zu dick, zu alt, zu hässlich, tänzerisch zu schlecht.

Wie wäre es, den Spieß einmal umzudrehen? Vielleicht sind die betreffenden Kerle noch fetter, noch älter, noch hässlicher, tänzerisch nicht halb so gut, wie sie meinen – und vor allem: abgrundtief borniert?

Mir liegt es natürlich fern, Männer zu kriminalisieren, gar noch namentlich zu verurteilen – und klar gibt es viele Tänzer, die absolut respektvoll und zuvorkommend mit den Tangueras umgehen. Es ist auch keine Straftat, sich auf einer Milonga wie der letzte Depp zu benehmen. Klar benennen sollte man es allerdings – sonst wird sich nichts ändern, und bekanntlich kann ein fauler Fisch das ganze Fass verderben.

Aus meiner Sicht muss ein beim Tango ein No Go werden, eine weibliche Aufforderung, egal, wie sie erfolgt, zurückzuweisen (Ausnahmen bei argen Zumutungen natürlich eingeschlossen). Und Tänzer, welche nach Alter, Schönheit und Cliquenzugehörigkeit auffordern, sollten der sozialen Verachtung anheimfallen.  

Daher werde ich weiterhin auf der Suche nach „O-Tönen“ betroffener Frauen bleiben – möglichst nicht anonym, sondern unter voller Namensnennung. Meine Damen, es wird sich nichts ändern, wenn ihr weiterhin vornehm bis verschämt schweigt oder euch erst nach einer zweistelligen Jahreszahl outet – weder bei sexuellen Übergriffen noch bei sozialer Diskriminierung!

Daher mein Angebot: Ich veröffentliche auf meinem Blog zum Thema „Umgang mit Frauen beim Tango“ gerne jeden weiblichen Gastbeitrag, der genau zwei Kriterien genügt:

·         Zumindest ich muss den Namen der Autorin kennen.
·         Der Stil sollte das notwendige Minimum an Respekt zeigen.

Eine inhaltliche Zensur findet nicht statt: Wer mit den angesprochenen Verhältnissen im Tango zufrieden bis glücklich ist, darf dies genauso dartun wie das Gegenteil. Und selbstverständlich sind dann auch Männer zu Kommentaren dazu aufgerufen.

Seit Langem schon vergeht kaum eine  Woche, wo ich nicht Geschichten zum Thema erzählt bekomme. Ich würde sie halt gern veröffentlichen. (Am einfachsten per Mail an mich, siehe Infos bei Kommentare"!)

Und als Motivation noch ein hübsches Video:

Freitag, 27. April 2018

Karin Law Robinson-Riedl: Meine Tanzografie


Die im Internet derzeit laufenden Diskussionen kann man so zusammenfassen: Männlicherseits überwiegt der Standpunkt, es sei ja im heutigen (vorwiegend traditionellen) Tango alles in Ordnung. Die Mehrzahl der Damen sieht es kritischer: Die Herren würden schon dominieren, die Frauen müssten sich eher anpassen.

Als ich gestern darüber mit der liebsten Ehefrau von allen sprach, meinte ich: „Deshalb ist es so wichtig, O-Töne von Tänzerinnen wie ‚Quotenfrau‘ zu bekommen. Wenn ich Kritik übe, heißt es nur wieder: ‚Typisch!‘“

Als meine Gattin dann einige nicht sehr schöne Erlebnisse im Tango Revue passieren ließ, schlug ich ihr vor: „Warum schreibst du das nicht auf? Ich finde es ganz wichtig, dass sich Frauen zu diesen Problemen artikulieren!“

Glücklicherweise ging sie darauf ein. Meinen werten Kritikern sei gesagt: Das ist nicht selbstverständlich – meine Ehefrau entscheidet sehr souverän, ob, worüber und was sie schreibt. Daher freue ich mich sehr, ihren Gastbeitrag veröffentlichen zu dürfen:

Karin Law Robinson-Riedl: Meine Tanzografie  

Das Tanzen fasziniert und begleitet mich seit frühester Kindheit. Die Tanzstunden mit 16 Jahren sehnte ich herbei. Die ersten Schritte in den „klassischen“ Tänzen hatte ich mir davor schon längst von älteren Mädchen abgeschaut.
Natürlich lernte man in der Tanzschule damals auch gesellschaftlich korrekten Benimm – passendes, selbstverständlich verbales Auffordern (schließlich hat man einen Mund zum Reden) und an den Platz Zurückbringen übten die Herren, freundliches Reagieren die Damen, (weibliche und besonders männliche) Körbe waren verpönt, Damenwahl gab es einmal am Abend.

Zunächst wurden Tanzfiguren und -schritte meist getrennt einstudiert.

Unvergesslich (komisch im Rückblick), als zum ersten Mal die Männer beim „Kommando“ auf die in einer bunten Reihe wartenden Damen nur mühsam beherrscht losstürmten, um sich das Objekt der Begierde so schnell wie möglich zu sichern. Nicht immer erfüllten sich dabei die weiblichen Wünsche und Sehnsüchte. Aber man hatte ja gelernt, höflich zu bleiben, und so tanzte man eben mit dem, der auf einen zukam. Und siehe da, manchmal wurde der Zufallstreffer sogar erfreulicher als gedacht!
Natürlich gab es besonders begehrte Tänzerinnen und Tänzer, die das auch wussten und ausspielten – oft sehr zum Ärger der „Beta-Fraktion“.
Es zählten Aussehen und tänzerische Qualitäten. Wer in beiden Kategorien punkten konnte, war ein Star. Jugendlichkeit (heute bei Milongas durchaus ein männliches Auswahlkriterium) war kein Thema, denn es war ja eh keiner älter als 20!

Nach der Tanzstundenzeit folgte viele Jahre später, nach einer Phase in einem Tanzkreis der Tanzsport, dem ich mit dem besten aller Ehemänner frönte.

Nun ging es richtig anstrengend zu: Irgendwelche Aufforderungsrituale spielten hier keine Rolle, denn man tanzte ohnehin immer mit dem Partner, mit dem man sich schließlich im (Breitensport-)Turnier möglichst gut platzieren wollte.
Mit anderen Tänzern drehte man höchstens bei geselligen Veranstaltungen des Vereins eine Runde. Das war manchmal nicht einfach, denn jeder war auf seine choreografischen Spezialitäten eingefuchst, die man – auf diesem doch einigermaßen elaborierten Niveau – einfach kennen musste, um sie hinzukriegen. Meist blieb es daher bei einfachen tänzerischen Grundmustern, wenn man mit einem fremden Partner tanzte, denn dieser war es außerdem gewöhnt, dass seine Partnerin Figuren und Abfolgen kannte, so dass er sie auch nicht mehr so klar führen musste!

Nach einigen Jahren erheblichen Kraftaufwands beim Training und bei Turnieren waren wir es irgendwie leid, unseren Bewegungsdrang in Schrittfolgen für die kurze und lange Seite des Raumes, nach exakten Vorgaben, die in den Turnieren Punkte bringen konnten, einzwängen zu müssen. Auch vermissten wir die Harmonisierung von Musik und Bewegung. Die Musik diente hauptsächlich der Vermittlung von Takt, Rhythmus und Charakter des jeweiligen Tanzes. Wie aber wäre es, wenn man Stücke mit wechselndem Tempo, „unberechenbarer“ Dynamik vertanzen könnte? Auch Stücke, die man nicht kennt?

So kam 1999 der Tango zu uns. Wir lernten ihn als einen Tanz kennen, der ein Arsenal an Bewegungsmustern anbietet, das man der jeweiligen Musik anpassen kann. Wir hatten schlichtweg auch keine Lust mehr, uns in den Kategorien „falsch und richtig“ vor Wertungsrichtern zu bewegen. Hier öffnete sich ein gigantisch großes Feld an musikalischen und tänzerischen Herausforderungen. Und was erst die Tanzpartner betraf: Faszination total, denn plötzlich klappten Tänze mit wildfremden Menschen, nur weil man völlig aufeinander konzentriert, im stummen Dialog den Tanz gemeinsam entstehen ließ.
Bis es aber so weit war, durchlebte ich (wie wohl so manche andere) viele Höhen und Tiefen. Klar, dass man von den Insidern sofort als Anfänger(in) identifiziert wurde. Hinzu kam, dass wir beide in unserer Tangoanfangszeit auch nicht mehr zu den Jugendlichen gehörten.

Frauen aber nehmen ein etwas gesetzteres Alter von Männern leicht hin, umgekehrt ist es eher nicht so.

So wird diese Phase besonders für Frauen oft zum absoluten Test für ihr Selbstbewusstsein, Durchhaltevermögen und den Grad ihrer Begeisterung für das (Tango-)Tanzen!

Wie viele Abende schaffe ich es noch, meine Zeit damit zu „verplempern“, vorbeischwebenden Paaren zuzuschauen, auch meinem eigenen Mann (der oft ohne Pause von anderen Frauen aufgefordert wird – damals noch ziemlich direkt ohne Geblinzel)? Die Seelenlage schwankt zwischen Wut und Resignation, wenn weder ein Gast geschweige denn der Tangolehrer respektive Veranstalter einen auch nur eines Blickes würdigen. Auch die Partner der Frauen, mit denen mein Mann tanzt, haben es nicht nötig, einen Tanz mit mir zu „wagen“.

Aber: In solch einer Situation erlebte ich es vor Jahren, dass ich von einem Mann aufgefordert wurde – fast zu meinem Schrecken, denn ich hatte ihn als sehr versierten und temperamentvollen Tänzer beobachtet. Viele Runden „schenkte“ er mir (damals noch nicht durch Tandas begrenzt – zu meinem Glück) und brachte mir, völlig nonverbal und unarrogant, ohne jede Lehrerattitüde, beim Tanzen bestimmte Techniken bei, von denen ich heute noch zehre. Er hat offenbar inzwischen die Tangoszene verlassen – schade! Und: danke nochmal!

Nach ein paar tausend Milongas und vielen Jahren habe ich solchen Frust und Zweifel nun gänzlich überwunden.

Warum? Ich nehme die Tangoabende, wie sie sind, ohne Erwartungshaltung. Und ich habe unter anderem gelernt, ein wenig zu führen. Damit unterhalte und amüsiere ich mich (und inzwischen sogar erklärtermaßen einige Frauen), wenn der berühmte „Männermangel“ herrscht oder die Tänzer sich um wenige auserwählte Tangueras scharen und das sonstige „Material“ ignorieren.

Mögliche missbilligende und misstrauische Blicke von Männern, denen führende Frauen (aus den verschiedensten Gründen) nicht passen, sind mir – ehrlich gesagt – egal! Denn ich weiß, dass ich inzwischen nach einer führenden Runde wieder völlig problemlos in die geführte Rolle umschalten kann. Wer’s nicht glaubt, darf’s gerne ausprobieren …!

Ich mag gerne: die Impulse eines/r Führenden „lesen“, mich darauf einlassen, sie umsetzen, aber sie auch gelegentlich ergänzen oder vielleicht sogar in eine unerwartete Richtung lenken. So wird es spannender.

Der Tango bedeutet für mich keine „weihevolle“ Angelegenheit.
Aber er ist ein berührender Tanz, der Musik und Bewegung bei den Tanzenden äußerst emotional in Einklang bringen kann. Jedoch sicher nicht im Schwarz-Rot-Erotik-Highheel-Pferdeschwanz-Bauch- und Schulterfrei-Nase-hoch-Modus und sonstigen Klischees, sondern sehr individuell.
Rituale und Regeln, die über die allgemeinen und notwendigen zwischenmenschlichen Kodizes hinausgehen, überfrachten den Tango. Arrogantes und ausgrenzendes Benehmen schaden ihm.

Foto: www. tangofish. de




Herzlichen Dank für den Text! Weder Karin und ich haben den Anspruch, „letzte Wahrheiten“ zu verkünden. Aber vielleicht können diese Erfahrungen Frauen helfen, die mit dem Tango anfangen und ähnliche Erfahrungen machen.

Die Botschaft lautet: Leicht wird es nicht. Aber es ist zu schaffen!