Oktoberfest-Milonga: von der Dirne zum Dirndl



Der Tango argentino hat in seiner mehr als hundertjährigen Geschichte wahrlich schon vieles ausgehalten: Messerstechereien, Prostitution, Geschlechtskrankheiten, Diktaturen und langweilige Musik.

Er wird es daher vermutlich auch verkraften, nun wirklich für jeden erdenklichen Anlass von umtriebigen Veranstaltern jahreszeitlich zurechtgeschustert zu werden: Seit einigen Jahren schon sind zur Münchner Wies’n „Oktoberfest-Milongas“ im Schwange. Ein aktuelles Beispiel:

„Oktoberfestmilonga – unsere wunderbare klassische Milonga heute mit Trachtentoleranz
Für unsere Gäste aus aller Welt veranstalten wir dieses Jahr erstmals eine zünftige Oktoberfest-Milonga!
Ihr könnt mit Dirndl und Lederhose reinspazieren aber auch eleganter Tangodress oder einfach lässiges Outfit sind an dem Abend genau so gern gesehen.
Natürlich gibt es klassische Tandas mit erlesenen Tangos – für etwas Festzeltstimmung sorgen dann die Cortinas ….
Der fantastische (…) aus Italien wird für uns auflegen. Er ist Resident-DJ auf den größten Milongas (…) und begeistert auch immer wieder das Publikum auf internationalen Festivals und Marathons. Wir sind sehr glücklich, ihn für unseren Event nach München locken zu können!“

Na prima, dann bringt man im traditionellen Tango wenigstens Toleranz für Trachten auf… Freilich bleibt erklärungsbedürftig, was an einer Milonga „klassisch“ sein soll, wenn dann (im Gegensatz zu den Dirnen von anno Tobak) nun Dirndl und Tangueros mit Sepplhut übers Parkett schleichen und als Cortina nach säuselnden Klängen dann „ein Prosit der Gemütlichkeit“ aus den Boxen donnert...

Das Engagement eines italienischen DJ freilich passt zum Anlass, wird doch in der zeitlichen Mitte der Wies’n das so genannte „Italiener-Wochenende“ gefeiert – meist mit einer deutlichen Steigerung der Polizeieinsätze.

Schön ist auch das hierbei angebotene „Wiesnkulinarium: gebrannte Mandeln, Radi & Brezn solange der Vorrat reicht“ – angesichts der im Rettich enthaltenen Senfölglykoside möchte man hinzufügen: und es der Atem der Tänzer aushält… Aber man kann ja gebrannte Mandeln hinterherwerfen!
(Edit: Inzwischen wurden die Mandeln durch "Obazdn" ersetzt - nun zwiebelt's auch noch...)

Da möchte doch die Konkurrenz nicht nachstehen:

„Wiesn-Deko, Bier vom Fass, Brezen, Empanadas... Dirndl- und Lederhosen-Prämierung“

„Wie immer gibt es traditionelle Musik unter Palmen - diesmal mit einem Schuss Wiesn. Wer mag, kommt in Dirndl und Lederhosen.“

„O´zapft is, liebe Freunde des Tango! Heute tanzen wir im frechen Dirndl – jede Lederhose ist herzlich willkommen, genauso wie echter Tangochic (…) Passend zur Wiesn Milonga gibt´s ein frisch-süffiges Oktoberfestbier im alteingesessenen Löwenbräu Wirtshaus, erbaut im Jahr 1875! Feiert mit uns die 5. Jahreszeit – die Krüge hoch, bienvenidos!“

Außerhalb Bayerns, insbesondere im „Nahen Osten“, klingt bei entsprechenden Einladungen schon etwas mehr Reserviertheit durch:

„Milonga ‚Oktoberfest‘:
Da es sich diesen Monat anbietet lautet unser Motto: Oktoberfest!, aber keine Angst, wir verwandeln den Abend nicht in ein Saufgelage ;). Gerne dürft ihr in Dirndl und Lederhosen erscheinen, aber das ist natürlich kein Muss!“

I wo, ist doch klar!

Und auch inhärente Bekleidungsprobleme kann man weiblicherseits ja auf den zahlreichen Tangoforen lösen:

„Liebe Tangueras,
gibt es jemand in (…), der mir für Samstag (…) ein Dirndl ausleihen kann für die Oktoberfestmilonga in (…), habe eher Größe 36 als Größe 38. Das wäre wunderbar.“
Na, da dürfte das Angebot eng ausfallen!

An dieser Stelle einmal ein herzlicher Dank an die obigen Autoren: Sie machen mir die satirische Arbeit leicht. Anstatt mir selber irgendwelche saukomischen Formulierungen abzuringen, kriege ich sie frei Internet geliefert… Die Krüge hoch, bienvenidos!“ beispielsweise halte ich für Weltliteratur!

Jetzt aber im Ernst: Wenn ein irrlichternder Tangofreak wie Levent Göksu auf solche Ideen käme (oder hat er sie schon?), würde ich das mit Sympathie und einem Schmunzeln begleiten. Viele der obigen Veranstalter jedoch werden sonst nicht müde, die stilechte „traditionelle Milonga“ zu propagieren, auf welcher bekanntlich schon eine einzige Tanda mit „Otros Aires“ nicht hinnehmbar wäre. Und aus diesem Munde dann diese krude Mixtur aus Palmen, Lederhosen, Blasmusik, Empanadas, Bier und Radi plus Brezen?

Eines jedoch haben Dirndl, Schuhplattler und traditionelle Milongas gemein: Es handelt sich um „erfundene Traditionen“. Siehe:

Dennoch stimmt es natürlich, was mir ein Tangofreund eben per Mail zum Thema mitgeteilt hat: „Das ist eben das Schöne am Tango: Er entwickelt sich weiter und schafft es, andere Folklore zu integrieren...“ Ja, schon, aber wie wäre es mal – als Ergänzung zu Chacarera und Blasmusik – mit Piazzolla? Aber der ist wahrscheinlich zu weit weg…

Als satirische Schlusskurve wollte ich eigentlich – als Ergänzung zum Dirndl-Schmus – noch Weihnachts-, Oster-, Pfingst-, Faschings- und Halloween-Milongas vorschlagen. Der jeweilige Einwurf in die Suchmaschine ergab aber: Zu spät, gibt es alles schon - wieder einmal hat mich die Realsatire überholt:

„Weihnachts-Milonga „… … tanz weg die Gans … …“

„OsterHASEN-TANGO diesmal eine SAMSTAGS-Milonga!!! Musik und Eierlikör (in Schokobechern!!!) sind reichlich vorhanden - und für das Abend-Buffet fallen Euch bestimmt wieder leckere Osterkreationen mit und ohne Ei, Huhn und Hase ein.“

Na sicher, vielleicht das tangotypische Motto: „Wer keine Eier hat, sucht sich welche.“

Manche Tangolehrer schaffen es auch, den kalendermäßigen Anlass organisch mit ihrem Unterricht zu verknüpfen:

„Der Osterhase bringt Milonga-Schritte:
Am Ostermontag, 1. April, werden wir eine schöne Milonga-Kombination zeigen. Dabei werden wir intensiv auf ein typisches Milonga-Charakteristikum, Traspié genannt, eingehen.
Eine kleine Anmerkung vom Osterhasen: der Osterhase darf hoppeln, Milonga-Tänzer sollten dies vermeiden ;-)“

Ja, und schönen Gruß vom Weihnachtsengel: Er schwebt, statt zu ruckeln!

Schön ist auch, wie sich in der folgenden Einladung überschäumende Faschingsstimmung mit der spröden norddeutschen Lebensart verbinden:

„Pappnasentango:
Ok, Osnabrück ist nicht wirklich eine Karnevalshochburg. Oder vielleicht doch? Seit Jahren treffen sich am Faschingsdienstag Hexen, Prinzessinnen, Ritter, Piraten und allerlei sonstige illustre Gestalten im Piesberger Gesellschaftshaus, um Tango zu tanzen…  Wer Lust hat sich zu verkleiden kommt verkleidet, wer keine Lust hat sich zu verkleiden kommt nicht verkleidet. Die besten Kostüme werden prämiert!“

Genau – und wer überhaupt keine Lust hat, kommt gar nicht…

Ein Problem habe ich allerdings mit folgendem Anlass:

„Halloween Milonga: Für gruseliges Ambiente in einer riesigen leerstehenden Altbauwohnung mit Buenos Aires Feeling ist gesorgt! Stylingmäßig könnt Ihr Euch gerne austoben!!!! Kostüme: zur Vertreibung böser Geister - wie an Halloween üblich - sind alle Milongagäste, die mögen, herzlich eingeladen, sich zu kostümieren!“

Es dürfte jedoch eine große Herausforderung werden, beim derzeitigen Zustand des Tangos hierzulande den Gruselfaktor eines solchen Events von einer handelsüblichen Tangoveranstaltung abzuheben!

Am meisten Mut macht mir noch dieses Angebot:

„PENTECOST TANGO – PFINGST-Tango“

Beinhaltet es doch die Hoffnung, in diesen trostlosen Zeiten möge dennoch der Heilige Geist des Tango über dessen Veranstalter kommen.

Amen.

Kommentare

  1. Sehr schöner Text. Mich (gerade fällt mir ein Begriff aus einem alten Witz ein: ich bin ja dann sowas wie ein Saupreiß, ein japanischer) hat es wiesn-mäßig leider dieses Jahr auch erwischt: Schuhschachtel-Hotelzimmer zum Viersternepreis. Naja, die Firma zahlts. Aber dafür durfte ich mir am Flughafen einige sehr nette Outfits aus der Lederhosen-Ecke anschauen. Jedenfalls - Dirndl mit Highheels als Milonga-Standard ist doch gar nicht so weit weg...

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  2. Vielleicht fürs nächste Mal ein Tipp:

    In Pfaffenhofen gibt es - zirka zwei Wochen vor der Wiesn - ein nettes kleines Volksfest. Ich besuche es jährlich einmal mit meiner Frau: Wir schauen uns das Feuerwerk an und kaufen uns einen Käs und eine große Brezn.

    Gegessen wird dann zu Hause!

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  3. Nachdem gerade die zweitausend-xte Sexismusdebatte durch die Republik gejagt wird, finde ich Deinen letzten Satz, lieber Gerhard ("Gegessen wird zu Hause") ungewöhnlich tradi-lastig. Auch wenn er sich vordergründig nur auf Käs' und Brezn bezieht. Aber natürlich hat Sexismus in der asexuellen deutschen Tangoszene auch nix verloren. Oder doch?: Just heute Abend hat mein Tangolehrer angemerkt, da gäbe es doch Tangotänzer, die sich in der engen Umarmung holten, was sie sonst so nicht bekämen... Oh, oh, Cassiel läßt grüßen...

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    1. Na, wenn das ein Tangolehrer sagt – wer würde es wagen, da zu widersprechen…

      Beim derzeitigen Durchschnittsalter im Tango ist ja auch die Sorge berechtigt, die nächste körperliche Berührung könnte vom Pflegepersonal kommen!

      Mein Satz bezieht sich auch hintergründig auf Käs und Brezn – ich esse nicht gern mit Menschen, die dummes Zeug erzählen und schlechte Musik machen. (Daher bevorzuge ich Milongas ohne Verköstigung!)

      Vor Sexismus darf man sich als Blogger nicht scheuen. Beiträge mit Sex & Crime werden stets besonders viel gelesen: Daher ist Cassiel gut, Dirndl auch, der Kracher wäre Cassiel im Dirndl!

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