Freitag, 23. September 2016

Was Ihnen Ihr Tangolehrer nicht erzählt… 1



Die Idee entstand in einem Gespräch nach einer Milonga: Einmal mehr erfreute ich mein persönliches Umfeld mit der Verwunderung darüber, dass heute viele Tanzpaare elementare Grundsätze der Bewegung miteinander nicht umsetzen. Mein in diesem Kreis schon allzu bekanntes Lamento:

„Ich versteh‘ das nicht! Sagt ihnen das keiner? Es werden doch heute so viele Tangokurse, Workshops und Tralala angeboten wie nie zuvor! Halb Argentinien ist bekanntlich ständig bei uns auf der Rundreise. Ist es diesen „maestros“ auch nicht klar, oder enthalten sie ihren Schüler bewusst irgendwelches „Herrschaftswissen“ vor, auf dass niemand so göttlich tanze wie sie selber? Oder meinen sie, die Lernenden seien zu blöd für eigentlich sehr simple Tipps?“

Irgendwann verfielen wir – nicht ganz unerwartet – auf ein Motto, dem ich viele meiner Erfolge verdanke: „Wer macht’s denn, wenn wir’s nicht machen?“ Also die in Lehrerkreisen(!) verpönte Devise: „Nicht jammern, sondern handeln!“ Schließlich kennen wir doch genug Leute, die seit vielen Jahren intensiv auf Milongas tanzen, daher große Erfahrung im Tango (in allen erdenklichen Lebenslagen) haben und dennoch so vernünftig sind, nicht die üblichen Tangokurse zu veranstalten. Die hätten doch sicher irgendwelche „Insider-Geheimtipps“, die sie eventuell preisgeben würden, wenn man sie nett fragt…

Na gut, wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Ich werde also (neben meiner „Liebes Tagebuch“-Serie) in lockerer Folge Artikel zum Thema „Was Ihnen Ihr Tangolehrer nicht erzählt“ veröffentlichen. Der erste kommt gleich hier. Ich hoffe, in meinem Umfeld auch Gastautoren zu gewinnen, die Texte dazu beisteuern, was ihnen als der Schlüssel zum tänzerischen Erfolg erscheint. Überschneidungen oder Widersprüche kalkuliere ich gerne ein.

Liebe Leser, betrachten Sie diese kostenlose Alternative zu teurem Unterricht (in München bekanntlich bis zu 100 Euro pro Stunde) als Service meines Blogs: Er kostet Sie weder Geld noch brauchen Sie einen Tanzpartner oder müssen eine weite Anfahrt in Kauf nehmen. Ebenso wenig quälen Sie Terminprobleme – studieren Sie die Texte einfach, wenn Sie Zeit haben!

Drei Dinge allerdings kann ich Ihnen nicht ersparen:
Üben, üben, üben!
Am besten natürlich auf Milongas oder Practicas, oft reicht aber auch das heimische Parkett und der Solotanz darauf. Bei Bedarf halten Sie sich an einer Stuhllehne fest oder greifen zu einem Tanzpartner wie einem Besenstiel: Der hat nämlich durchaus die Qualitäten eines Metropolen-Tango-VIPS: gute Achse, null Empathie… Oft genügt es sogar, über die Ratschläge im Sitzen nachzudenken, vielleicht mit einem guten Getränk und einer noch besseren Tango-CD.

Nun denn, für heute habe ich ein Thema gewählt, das ich auf dem Parkett ständig vermisse. Wenn Sie es beachten, gehören Sie bereits zu den „oberen fünf Prozent“:

Die Energieerhaltung

Die meisten Tanzpaare kommen in dreieinhalb Minuten sehr häufig zum Stillstand – oft nach jedem Schritt oder einer „Figur“, spätestens in einer Pause (weil die Musik diese macht respektive der Dödel vor ihnen ein Vorankommen verhindert). Nach diesem Stopp beginnen sie wieder mit dem Tanzen.

Was bedeutet das physikalisch? Ihre Muskeln haben (über die Hebelwirkung der Knochen und Gelenke) Bewegungsenergie (kinetische Energie) erzeugt. Bei einer „Pause“ wird diese wieder „gekillt“ und sozusagen in den Boden abgeleitet (Reibungsenergie), zu Verwindungen des Gestells missbraucht oder – im „Idealfall“ – durch erhöhte Muskelanspannung blockiert. Wenn’s besonders toll läuft, bleibt noch ein Rest Power übrig, welche das Paar beim Stopp ein wenig ins Schlingern bringt und eventuell einen zusätzlichen Stellschritt zur Stabilisierung erzwingt.

Diese ständige Energie-Vernichtung und Neuerzeugung ist natürlich sehr anstrengend – kein Wunder, dass die eigentlichen Bewegungsmomente dann eher klein und langsam ausfallen: „traditioneller Tango“ halt.

Mein Tipp ist daher sehr einfach:
Versuchen Sie während eines Tanzes, die Energie zu erhalten!

Im Wesentlichen geschieht dies durch drei Manöver:

·         Umwandlung von Raumbewegungen in binnenkörperliche Aktionen
·         Verwandlung von Bewegungsenergie in Lageenergie
·         Energieaustausch zwischen den Partnern

Im Einzelnen:

Auch bei einem Stopp tanzen Sie weiter – allerdings ohne Raumgewinn, sondern, indem Sie sich innerhalb ihres Körpers bewegen, zum Beispiel leichte Drehungen der Oberkörper (nicht in der Hüfte abknicken!), Aktionen mit dem freien Bein („lapiz") oder Ähnliches.

Oft ist es nützlich, bei einem Stillstand die Energie nach oben zu leiten, indem beide Tänzer über das Sprunggelenk anheben (nicht die Knie völlig durchstrecken, das erzeugt die bekannte „Totenstarre“ im Tango!). Sie verwandeln also Bewegungsenergie (kinetische) in Lageenergie (potenzielle). Bei der nächsten schönen „Eins“ geht es dann abwärts, es erfolgt also die Rückverwandlung der Energieformen, was kaum eine neue Anstrengung erfordert – es geht ja bergab!

Leider sieht man auf den Tanzflächen häufig das Gegenteil. Bei völliger Energievernichtung in einer Pause geht es logischerweise abwärts, danach mit viel neuer Mühe bergauf, und ist der Gipfel endlich erreicht, bleibt beispielsweise für eine Drehung kaum noch Kraft. Man „erstarrt“ also in der Höhe, was natürlich instabil ist: Darum wackelt’s dann auch so schön…

Ein schönes Bild zur Impulsübertragung ist das bekannte physikalische Spielzeug: Einander berührende Metallkugeln sind in einer Reihe aufgehängt. Lenkt man die äußerste an einer Seite aus und lässt sie auf die anderen prallen, fliegt das Pendant auf der anderen Seite weg, dann wieder die erste usw.

Bei einem Stopp können Sie die Energie auf Ihre Tanzpartnerin übertragen, welche daraus hoffentlich etwas Schönes macht, beispielsweise einen Boleo, Verzierungen etc. Passen Sie den Moment ab, wo deren Bein wieder zurückkommt, und übernehmen Sie die Energie zu einer neuen Bewegung Ihrerseits oder im Paar. Das gleiche Phänomen beschreibt der Satz: „Der eine stabilisiert eine Bewegung, der andere verkauft sie.“

Beachten Sie dies gerade bei schnellen bzw. raumgreifenden Aktionen: Einer macht die simpleren Bewegungen (Stabilisierung), während der andere freie Bahn für allen Schnack dieser Welt hat! Leider sieht man auch hier oft das Gegenteil: Beide in parallelen, ziemlich schwierigen Schrittkombinationen – sie müssen sich die Energie teilen, daher wird es langsamer bzw. weniger stabil.

Fazit:

Kein „Stopp and Go“ wie im Autobahnstau – bleiben Sie im Flow, und lassen Sie sich von ihm dorthin treiben, wohin es möglichst mühelos geht!

Werbung: Nähere Hintergründe finden Sie in meinem "Milonga-Führer" zum Beispiel auf den Seiten 150-152, 158-161 und 166-168.

Ein schönes (wenn auch tangofernes) Beispiel:


Keep on swingin‘!

P.S. Bevor ich's vergesse: Wenn Sie beim Tanzen die Energie erhalten wollen, müssten Sie natürlich zuerst mal welche erzeugen, gell? 

Kommentare:

  1. Den folgenden Kommentar erhielt ich gestern per Mail von Peter Ripota; er bezieht sich auf das Video. Den Namen der Tänzerin habe ich allerdings gelöscht:

    „Dürfen wir das in deinem Wohnzimmer ausprobieren? Ich und (…) ??“

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    1. Lieber Peter,

      aber natürlich gerne! Ich vertraue darauf, dass Du als ordentlicher Bürger eine Haftpflichtversicherung hast und Deine Tanzpartnerin ja per konkludentem Verhalten (sie tanzt mit Dir freiwillig und ohne Zwang) auf Schadenersatz und Schmerzensgeld verzichtet.

      Es gibt nur ein Problem: Ihr braucht ja noch einen zweiten Mann! Ob ich hier aushelfen könnte, müsste ich erst mit meinen Heilpraktikerinnen klären...

      Herzliche Grüße
      Gerhard

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    2. Gut erkannt - die andere tanzt nämlich (noch) keinen Tango!

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