Japan und die Abschaffung Beethovens
In seinem neuesten Beitrag geht es dem Blogger-Kollegen Klaus Wendel vordergründig um Japan, seine besondere Rolle in der Tango-Entwicklung. Aber keine Sorge: Im Endeffekt wurde es wieder einmal eine Darlegung der haushohen publikumstauglichen Überlegenheit der traditionellen Tangomusik!
Als der Tango in den 1970er Jahren in Argentinien fast am Aussterben war, wurde Japan zu einem wichtigen Absatzmarkt – vor allem für die alte Tangomusik. Verständlich, wenn man das japanische Traditionsbewusstsein bedenkt.
In Europa ging die Faszination dieses Tanzes vor fast 50 Jahren eher von den modernen Entwicklungen aus. Klar, wissen wir alle – oder könnten es nachlesen.
Da fehle – so der Autor – die „Hierarchie des Verstehens“: Japan sei ein „Vorbild im Umgang mit fremder Kultur“. Ich finde aber, jeden Export des Tangos in die restliche Welt würde man heute in „progressiven“ Kreisen als „kulturelle Aneignung“ bezeichnen. Aber gut – wir müssen ja kein wokes Gedöns verbreiten.
Ich meine halt, jede Nation sucht sich bei kulturellen Importen das heraus, was Interesse erzeugt. Ob nun Walzer, Rock 'n' Roll oder Hiphop. Kulturhistorische Erwägungen werden meist nicht angestellt.
Entwicklung sei „kein Freibrief für Substanzverlust“. Nein: Entwicklung geht ihre eigenen Wege. Die kann man von der Seitenlinie aus kommentieren, aber nicht ändern.
„Wenn alles gleich gültig ist, muss man nichts mehr unterscheiden.“ Im Gegenteil, Herr Kollege: Gerade bei ähnlich Gültigem zählen die Unterschiede!
Nun ist Wendel bei seinem Lieblingsthema: Tango nuevo und warum er auf dem Parkett als „Massenbewegung“ nichts tauge. Ich wäre mit dem Begriff vorsichtig: Man schätzt in Deutschland die Zahl der aktiv Tango Tanzenden auf eine höhere fünfstellige Zahl. Weltweit sind es vielleicht eine Million. Zum Vergleich: In unserem Land gibt es zirka eine Million Mitglieder von Trachtenvereinen, fast die gleiche Zahl organisierter Angler und fast 700000 in Clubs aktive Golfspieler. Ein „breites soziales Phänomen“ war Tango in Deutschland höchstens in den 1930er und 40er Jahren, als man zu einheimischen Schnulzen tanzte. Mit dem Tango-Hype zur gleichen Zeit in Argentinien ist die momentane Situation bei uns kein bisschen vergleichbar!
Tango ist heute ein mickriges Nischenprodukt. Da schlagen Moden und Zwänge sehr schnell durch.
Das allgemeine Tanzniveau sei bei seinem deutschen Tango-Revival schlecht gewesen. Nun, das behauptete Wendel auch schon hinsichtlich späterer Phasen – bis heute. Obwohl man da doch wieder vorwiegend zu historischer Musik tanzt!
Wendel meint in der Überschrift: „Alt? Dann schaffen wir Beethoven gleich mit ab“. Die klassische Konzertmusik oder die Oper werden in Deutschland mit durchschnittlich 70 € pro Karte subventioniert. Die Öffentliche Hand gibt für Subventionen jährlich knapp 10 Milliarden Euro aus – 80 Prozent davon fließen in den klassischen Bereich. Und der auf Milongas gebotene Tango ist Tanzmusik, keine Hochkultur. Daher wäre ich mit Vergleichen vorsichtig!
Wendels Behauptung, es gebe „nur einige wenige“ zeitgenössische Tango-Ensembles, beweist vor allem, dass er von diesem Sektor kaum Ahnung hat. Ein Blick in meine Playlists (oder in aktuelle Veranstaltungs-Kalender) beweist das Gegenteil.
Und klar: Warum sollte man Oper- und Konzertbesucher als „rückwärtsgewandt“ abwerten? Das Publikum hat ja die freie Auswahl: Popmusik (nicht subventioniert) macht Riesen-Umsätze. Die Klassik kommt auf einen Marktanteil von höchstens 5 Prozent.
Im Tango hat man diese Auswahl kaum. In weiten Landstrichen kriegt man flächendeckend die Musik von Anno Tobak aufgedrückt – meist, ohne gefragt zu werden. Klar, die Tanzenden wurden von der ersten Unterrichtsstunde an auf das Historien-Programm konditioniert. In den Kursen wimmert, so weit man überhaupt Musik bietet, Di Sarli. Wundert uns das Ergebnis?
Man sollte nicht von „kultureller Kontinuität“ faseln, wenn man in Wirklichkeit Stillstand meint. Wie viele Jahrhunderte noch? Wir tanzen heute auch kaum noch Menuett oder Gavotte!
Der Kollege schreibt: „Wer stehen kann, kann sich auch bewegen.“ Da bin ich mir nicht so sicher…
Quelle: https://www.tangocompas.co/japan-und-sein-umgang-mit-fremder-traditioneller-kultur/
Unterm Strich glaube ich nicht mehr daran, dass man den konservativen Trend im Tango noch umkehren kann. Ebenso wenig werde ich verhindern können, dass man über meine Musikauswahl puren Quatsch verbreitet.
Es wird so getan, als hätte ich als DJ vorwiegend Piazzolla aufgelegt. Wer sich die 84 Playlists ansieht, die ich auf meinem Blog veröffentlicht habe (Sidebar links unter „Labels“), könnte mitkriegen, dass ich im Schnitt pro Milonga vielleicht zwei oder drei Piazzolla-Titel gespielt habe. Viele Stücke sind traditionell, wenngleich öfters in modernen Versionen.
Ein schönes Beispiel:
Wendel geißelte meine Playlists einmal mit den Worten: „„Ein Blogger aus Pörnbach spricht gern von einer Vielzahl moderner Tangos, die es ‚ja gäbe‘. Nein – viele davon sind musikalisch belanglos, mitunter sogar grauenhaft – oft auf dem Schlagerniveau der 60er-Jahre, als sentimentale Verklärung der ‚guten alten Zeit'."
Und wieder musste das Argument herhalten: „Es gibt bisher nur wenige zeitgenössische Orchester mit einer kleinen Auswahl tanzbarer Musik – das reicht bei Weitem nicht, um das Repertoire der klassischen Orchester zu ersetzen.“
https://www.tangocompas.co/gedanken-ueber-tango-unterricht-10-teil-3/
Das wurde dann sogar einem Blogger-Freund zu viel: „„Dem möchte ich doch stark widersprechen. Ich habe bestimmt nicht den vollständigen Überblick über die modernen Tango Orchester. Aber selbst mit meinem eingeschränkten Horizont sind mir schon etliche Orchester begegnet, die sehr gute, sehr tanzbare, eigene Kompositionen spielen.“
Als Beispiele nannte er: Sexteto Cristal, Solo Tango Orquesta, Cuarteto Rotterdam und Bandonegro – was Wendel zu einer „Klarstellung“ anregte: „Ich habe hier ausschließlich ‚Gerhards Playlisten‘ als grauenhaft kritisiert. Das war wohl nicht klar genug kommuniziert, wenn Du das, zu Recht, monierst.“
Ich wies dann nach, dass diese Ensembles öfters in meinen Playlists erscheinen. Aber das nützte nichts: Wenn es von mir kommt, muss es schlecht sein…
https://milongafuehrer.blogspot.com/2025/06/gut-wenns-nicht-von-mir-kommt.html
An solcher Borniertheit ist wohl nicht zu rütteln…
Es dürfte auch weiterhin der Blödsinn verbreitet werden, ich wolle so gut wie ausschließlich zu Piazzolla oder Non Tangos tanzen. Nein – selbst wenn sich mir die Möglichkeit bieten würde! Es gibt auch alte Stücke, vor allem Valses und Milongas, die viel Spaß machen können – mehr als manches Popmusik-Gedudel von Neolongas. Aber Musik deshalb nicht aufzulegen, weil sie nach 1960 eingespielt wurde, halte ich für pure Ideologie.
Ich besuche öfters Veranstaltungen, die vorwiegend oder ausschließlich die alten Sachen anbieten – da ist das Angebot halt größer als von Milongas mit einem bunteren Programm. Daher kenne ich beide Tangowelten. Klaus Wendel kennt höchstens eine – und auch die wohl eher vom Sitzen: Tangolehrer tanzen ja nicht gerne…
Gut, nun wissen wir, dass die Japaner eher traditionelle Tangomusik mögen. Die Finnen eher hauseigene Produktionen. Ob sich in diesen Ländern etwas weiterentwickelt, steht in den Sternen. Tango ist halt ein Welt-Kulturerbe. Aber das verpflichtet uns nicht dazu, nun Teezeremonien einzuführen oder uns in Saunas mit Birkenzweigen zu geißeln. Auch wenn es die Verehrung von Traditionen ausdrücken würde.
Entscheidend ist für mich, was sich vor unserer Haustür abspielt – und nicht in Argentinien, Finnland oder Japan. Und ich werde weiterhin auf das Publikum achten, das andere als „johlende, schenkel-schlagende Klatschvieh-Gruppe“ bezeichnen.
https://www.tangocompas.co/aufmerksamkeit-ohne-inhalt/#comments
Auch, wenn meine Ideen dann mit Heckenscheren und Kachelöfen bedroht werden.
Zum besprochenen Artikel: https://www.tangocompas.co/japan-und-sein-umgang-mit-fremder-traditioneller-kultur/
Doch lassen wir Japaner mal tanzen: Technisch sind sie uns sicher überlegen – und der Rest… aber urteilen Sie selbst!
https://www.youtube.com/watch?v=Niyz2iCoolQ&list=PLK4vL6U-1huVyJWv6IV2esZAalH2biqna
P.S. Gestern gab es auf meinem Blog 1588 Zugriffe. Einen herzlichen Dank an meine Leserinnen und Leser!
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