Von Regeln lasse ich mich lenken



„Regeln lenken den weisen Mann. Der Dummkopf befolgt sie."
(Oscar Wilde)


Zu meinem letzten Artikel „Au weia, Tango-Tupaja“ erhielt ich einen Kommentar, über den ich länger nachgedacht habe (übrigens keine Seltenheit):

„Ich finde es höflich und sehr entspannend, kurz mit dem/der ankommenden Führenden Blickkontakt aufzunehmen, auf das nahezu immer folgende freundliche Nicken oder ein Lächeln zu warten und mich dann ohne ‚Auffahrunfall‘ oder Verdrängungswettbewerb ins Tangovergnügen zu stürzen.“

Gemeint ist, was seit einiger Zeit als „Cabeceo unter Führenden“ durch die konservative Tangowelt geistert. Man solle sich nicht „einfach so“ in die Reihe der Tanzenden drängeln, sondern erst das Einverständnis des Hintermanns (bzw. der führenden Dame) abwarten. Ähnlich formuliert es ein Schreiber aus der Münchner Facebook-Gruppe:

„Es ist irritierend, wenn man erst einen gewissen Platz vor sich hat und damit ‚rechnet‘, aber plötzlich ein neues Tanzpaar vor einem auftaucht. Nervig wird es, wenn es mehrfach passiert und man sich mehr auf die herannahenden ‚Gefahren‘ konzentrieren muss als auf den eigentlichen Tanz.“

Vor einiger Zeit habe ich das Konzept sogar öfters ausprobiert. Ergebnis: In keinem Fall konnte ich dem Nachbarn die Bedeutung meines Blicks verständlich machen. Viele Tangueros sind eh völlig absorbiert von den zu drehenden Figuren, meist mit Blick zu den Füßen – und der Rest hat überhaupt nicht kapiert, was ich denn wolle: Ein neues Tanzpaar reiht sich ein – na und?

Daher ist es meine feste Überzeugung:
Mit solchen Tanzregeln erreicht man genau nichts!

Nun kann man mir natürlich vorhalten, bislang die falschen Veranstaltungen besucht zu haben – also solche, auf denen noch nicht eine erdrückende Mehrheit „tangomäßig Erleuchteter“ umhergeistert. Kann schon sein. Die Milongas, auf denen ich zwei- bis dreimal wöchentlich anzutreffen bin, werden von (in Tango-Maßstäben) relativ normalen Menschen frequentiert, bieten Musikstile von rein traditionell bis avantgardistisch – und vor allem: Platz. Überlaufene Events meide ich ebenso wie Supermärkte zur Rushhour und Hallenbäder, wo gerade das Wasser abgelassen wurde.

Die Gäste einer Milonga werden halt von einer Flut aus Sinneseindrücken, Gedanken und Emotionen überschwemmt. Daher irren sie öfters weitgehend besinnungslos übers Terrain. Mit Rücksichtslosigkeit hat das kaum etwas zu tun, sondern mit Überforderung. Sollen wir das alles wegnehmen? Was bliebe dann noch vom Faszinosum Tango?

Natürlich kann man Reglements von Cabeceo bis „Rondadisziplin“ durchdrücken – durch stalinistische Gästeauswahl, unspektakuläre Musik, Überwachung während des Tanzgeschehens und Rauswurf respektive Nichtmehreinladung von Dissidenten. Dies nennt man wohl „Encuentro“ – wie konsequent man da in der Praxis vorgeht, sei noch dahingestellt. Letztlich landet man wie in den politischen Terrorismusdebatten beim Ergebnis: Maximale Sicherheit ist nur mittels totaler Unfreiheit erreichbar – und selbst dann kann noch was passieren: Shit happens.

Was dergestalt übrig bleibt, beschreibt ein Kommentator in der Münchner FB-Gruppe so:
„Im Idealfall habe ich konstant vor und hinter mir den identischen Platz zu den Nachbarn.“

Selbst wenn wir gnädigerweise übersehen, dass es höchstens der gleiche Platz ist, nicht der identische, müssen wir halt zu Protokoll nehmen: Was somit bleibt, ist ein träges Rumgezuckel auf die stets ähnlichen dreieinhalb Schrittchen-Kombinationen, bei dem man froh sein kann, wenn ich dazu nicht die Frage aufwerfe, ob das denn noch Tango sei. Angeblich ist der ja ein reiner Improvisationstanz

Und genau da liegt die Lösung: Wer Behinderungen oder gar Zusammenstöße minimieren möchte, braucht keine Parkettbenutzungsregeln, sondern Improvisationstalent! Wenn ich tanze, richtet sich meine Konzentration am allerwenigsten auf die Schritte, welche ich führe oder mitmache. Das sind eher Automatismen, ebenso wie das Gespür, welche Antworten ich von der Tanzpartnerin erhalte. Je enger es auf dem Parkett zugeht, desto mehr liegt mein Hauptaugenmerk auf dem, was rund um mich passiert. Und dann merke ich halt, wohin ich mich weitgehend risikolos bewegen kann. Ob das im Einzelfall einmal gegen die Tanzrichtung geht oder auf eine andere „Spur“ führt, ist mir herzlich schnuppe: Ich habe jedenfalls vermieden, jemand zu nahe zu kommen oder gar zu rempeln. Ob einer dennoch einen Wutanfall bekommt, weil ich „vorschriftswidrig“ tanze, interessiert mich ungefähr so wie das sprichwörtliche umfallende Fahrrad in Peking…

Daher gehe ich bei den Paaren um mich herum sicherheitshalber davon aus, dass sie über das Navigationsvermögen eines Bachstrudelwurms verfügen (womit ich zumindest statistisch schon mal auf der sicheren Seite bin). Ich rechne also damit, dass sie aus unerfindlichen Gründen plötzlich anhalten, zur Seite ausscheren, vom Rand hereindrängen oder gar rückwärts auf mich zukommen (in letzterem Fall bleibe ich manchmal stehen und warte gemütlich, bis sie endlich auf uns draufgetanzt sind – die nachfolgenden Gesichter sind echt lustig). Im Normalfall aber bin ich rechtzeitig weg, bevor es ein Unglück gibt. Dazu muss man jedoch aus dem Moment heraus blitzschnell seine Bewegungsrichtung ändern können!

Neulich besuchte ich eine Milonga, bei der es für meine Begriffe relativ viele Rempler gab (übrigens zu rein traditioneller Musik in Tandas und Cortinas bei weitgehender Einhaltung der Ronda). Das gab mir Gelegenheit, einmal nach den Ursachen zu suchen. Erstens: Die kleine Tanzfläche war ziemlich voll. Zweitens: Es gab überdurchschnittlich viele ungeübte Tänzer. Das ansonsten sehr freundliche Klima ließ hingegen nicht vermuten, der rücksichtslose Teil der Menschheit habe sich dort versammelt.

Wie kam es zu den meisten Kollisionen? In der Regel mussten zwei Faktoren zusammentreffen: Der Führende bewegte sich in eine Richtung, die er nicht im Blick hatte, also meist nach hinten – und derjenige, auf welchen das Unglück zusteuerte, war unfähig, rechtzeitig auszuweichen. „Idealerweise“ war ihm gleichfalls der Blick versperrt – falls der nicht eh zu den Füßen ging.

Meist sah ich das Unglück schon frühzeitig kommen. Warum? Viele Tangotänzer haben eine unerklärliche Aversion dagegen, sich in eine Richtung zu bewegen, in der sie freien Blick hätten: nach vorne. Ewig wird auf der Stelle herumgedrechselt – um dann oft entschlossen nach hinten zu tanzen. Gerne führen auch Drehungen nicht nach vorne, sondern enden in einem Geeier rückwärts (wobei man dabei sogar die Chance zu einem „Rundumblick“ hätte).

Ein weiteres, nicht ungefährliches Phänomen: Wenn es irgendwo zu eng wird, weicht man nicht in weniger bevölkerte Räume aus (beispielsweise die Ecken oder die Mitte), sondern behält diese „Rudelbildung“ nach Kräften bei. Man kann dann förmlich darauf warten, dass es rumpelt! Überhaupt scheinen freie Flächenteile Tangotänzer nicht gerade anzulocken. In meinem Buch habe ich dazu den Tangolehrer Oscar Busso zitiert: „Wenn du vor dir eine leere Fläche siehst, ist hinter dir ein Stau.“

Immer wieder lese ich im Internet Berichte, man sei während einer einzigen Milonga öfters gerempelt worden (Kollege Cassiel ist da ein leuchtendes Beispiel). Ich kann dazu nur sagen: Dies ist lediglich bei unterirdischem Navigationsvermögen möglich! Und selbstverständlich ist in solchen Schilderungen stets der andere schuld. Meine Erfahrung weicht davon ab: Wie im Straßenverkehr haben meist beide nicht aufgepasst – vielleicht mit unterschiedlichen Anteilen. Zu „moralischer Empörung“ besteht jedenfalls kein Anlass – eher zu einer freundlichen, wechselseitigen Entschuldigung. Und überdies: In den äußerst seltenen Fällen, wo es auf der Tanzfläche wirklich zu wild hergeht (nach meinen Erfahrungen im Promillebereich), meidet ein routinierter Tänzer das Parkett – und schon gar nicht betritt er es mit einer Anfängerin.

Im Tango, so scheint es, wird derzeit mit Inbrunst das tänzerische Rad neu erfunden. Mein Tanzlehrer jedenfalls brachte uns vor 50 Jahren nicht den „Cabeceo unter Führenden“ bei, sondern sprach lediglich von Rücksichtnahme als höchster Tugend des Tänzers. Bei allem Spaß und jugendlichem Überschwang wussten wir: Wenn du jemand rempelst, auf den Fuß steigst oder gar vors Schienbein trittst, bist du die Pflaume. Und derartig uncool wollten wir natürlich nicht sein.

Von diesen Gedanken habe ich mich beim Tanzen stets leiten lassen. Dass daraus ziemlich wirklichkeitsferne, engstirnige Regeln werden könnten, habe ich erst viel später beim Tango erfahren.

Kürzlich bemerkte ein Tangofreund meiner Frau gegenüber, er bewundere es, wie ich mit immer neuen Texten dagegen anschriebe. Als ich von diesem Ausspruch hörte, fiel mir die Parallele zur katholischen Kirche ein, die ja seit zwei Jahrtausenden nicht ganz erfolglos ziemlich unveränderliche Standpunkte vertritt.

Das musste auch eine Mutter erfahren, die ihren Sprössling – zu dessen mäßiger Begeisterung jeden Sonntag in die Messe schickte und auch Wert darauf legte, dass Sohnemann die heiligen Botschaften zur Kenntnis nahm. „Worüber hat denn der Pfarrer heute gepredigt?“, wollte sie einmal wissen. „Na ja, von der Sünd‘.“ „Und was hat er dazu gesagt?“ „Er is‘ dagegen.“

Aus weiblicher Sicht folgend wie führend beleuchtet Kollegin Manuela Bößel das Thema:
https://im-prinzip-tango.blogspot.com/2018/11/rondaregeln-alternativ.html

P.S. Hier noch ein schönes Beispiel, wie man den Tango mit Katechismus-Gesetzlein zudeckeln kann:


 

Kommentare

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