Sag mir, wo die Valses sind…


Nicht der EdO verpflichtete DJs stehen vor der Aufgabe, ihre Playlisten selber zu entwerfen – Vorlagen aus dem Internet gibt es nur sehr begrenzt. Zudem hat in dieser Personengruppe jeder seinen individuellen Geschmack und wird nicht von einem „Katechismus erlaubter und verbotener Titel“ eingeschränkt. Und selbstredend will man nicht immer wieder das Gleiche auflegen. Das machen ja schon die Tradi-Kollegen…Eine schöne, aber auch schwierige Herausforderung!

Und natürlich möchte man dem Publikum nicht nur Tangos, sondern auch eine satte Portion Milongas und Valses bieten – bekanntlich füllt nichts so schnell das Parkett wie eine Runde im Dreivierteltakt.

Für mich beginnt da jedes Mal die Sucherei: Moderne Tangoensembles bieten erstaunlich wenig Walzer-Stoff. Im Zweifel weichen viele Kollegen dann auf Musette aus oder bieten gar kalorienreduziertes Geblümel im Stil von „La valse d‘ Amelie“, schlimmstenfalls Kleinmädelchen-Stimmen vom Kaliber einer Annett Louisan. Und auch die paar Walzer von Shostakovich (es gäbe mehr als den bekannten Nr. 2) sind halt irgendwann abgenudelt…

Persönlich greife ich da gerne und völlig ideologiefrei in die „EdO-Kiste“: Es ist schon höchst eindrucksvoll, welch jubelnd-dynamische Kracher die ollen Säcke vor 80 Jahren hinbekommen haben – beispielsweise Rodolfo Biagi mit „Tú melodía“ oder „Por un beso de amor“. Heute scheint – auch im Dreivierteltakt – eher Depression angesagt.

Mein absoluter Favorit aus dieser Zeit ist der Orchesterleiter, Komponist und Bandoneónspieler Pedro Laurenz (Pedro Blanco Acosta, 1902-1972). Seit ich vor langer Zeit seinen Vals „Mascarita“ zum ersten Mal hörte, hält mich nichts auf dem Sitzplatz, wenn der DJ diese Energiebombe zündet.

Erfreulicherweise hat Alfredo Foulkes am vergangenen Samstag auf seiner Milonga „El Farolito“ eine anregende Laurenz-Auswahl präsentiert, welche mir einige berauschende Rundflüge übers Parkett ermöglichte. Seither geht mir ein Wurm nicht mehr aus dem Ohr, zu welchem Alfredo uns erzählte: Pedro Laurenz habe sich einst in eine Dame aus Mendoza verliebt – also eine „Mendocina“. Geblieben sei davon ein wunderbarer Vals gleichen Titels. Komponiert hat ihn Miguel Bruno, Laurenz nahm das Stück Ende 1944 mit den Sängern Jorge Linares und Carlos Bermúdez auf:



Hier der Text von Benigno Palmeiro:

Mendocina

Una casita en la loma
toda cubierta de flores
es el lugar de la cita
de los jilgueros cantores

Ahi hay una mendocina
tan hermosa como un sol
todos celosos le cantan
toda su trova de amor

Mendocina, tan sugestiva
y perfumada cual una flor
todas las noches suavemente
te brindan trinos tu ruisenor

Sos tan linda mi mendocina
mujer divina, gracia de Dios
si vos supieras como te adoro
mi mendocina, angel de amor

Man mag mich einen unverbesserlichen Nostalgiker schimpfen – aber dieser Vals hat alles, was mich auf dem Parkett in Hochstimmung versetzt: eine Ohrwurmmelodie, Schwung zum schwindlig Werden und zwei polierte Tenöre, die unisono geblümten Schwachsinn verbreiten:

Mädchen aus Mendoza   

Ein kleines Haus auf dem Hügel
ganz mit Blumen bedeckt.
Es ist der Ort des Stelldicheins
der singenden Goldfinken.

Dort wohnt eine Mendocina,
so schön wie eine Sonne,
ganz eifersüchtig singen sie
all ihre Lieder der Liebe.

Mädchen aus Mendoza, so reizvoll
und duftend wie eine Blume.
Ganz leise jede Nacht
bietet die Nachtigall dir ihren Gesang.

Du bist so süß, mein Mendocina,
göttliche Frau, Gnade Gottes.
Wenn sie wüssten, wie ich dich verehre,
meine Mendocina, Engel der Liebe
!

Vielleicht als kleine Anregung: Eventuell könnten die verehrten Ronda-Trödler sich dabei zumindest einem Drittel des Originaltempos nähern, welches 2012 noch von Showtanzpaaren erreicht wurde. Wir werden es auf unserer nächsten „Wohnzimmer-Milonga“ jedenfalls versuchen:



Und ich hoffe, auch moderne Tangoensembles werden uns zukünftig mit dem einen oder anderen Dreivierteltakter mehr erfreuen!

Quellen:
http://www.planet-tango.com/lyrics/mendocina.htm 

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