#MeTango 2


Der Artikel „Männer, wir müssen reden“ und mein Beitrag „#MeTango“ haben einigen Staub aufgewirbelt. Selbstredend aber kam von den Tangolehrern fast nichts dazu – ich kann mir gut vorstellen, dass sich da in Berlin und anderswo die Hasen (nicht: Häsinnen) mit angelegten Ohren in die Ackerfurchen ducken und warten, bis das Thema durch ist. Auch daher gibt es nun einen Teil zwei:

Das Spektrum der Meinungen ist breit: Von „Das hat mit Tango nichts mehr zu tun“ (was ich beim „Tanz aus den Bordellen“ bezweifle) bis hin zur schlichten Erkenntnis, dies sei eben eine Folge von Angebot und Nachfrage – sprich wenig gut tanzenden Männern, aber vielen Frauen auf der Suche nach dem aktuellen Rodolfo Valentino.

So schreibt der tangomäßig sicher nicht unerfahrene Berliner Buchautor Arnold Voss auf der FB-Seite von Thomas Kröter:

„Der Tango ist, was Führungsqualitäten betrifft, eine Mangelwirtschaft. Da lassen sich die Folgenden von den wenigen wirklich guten Angeboten viel mehr blenden als ihnen gut tut. Obendrein wird Mangel in der Regel durch einen überhöhten Preis ausgenutzt. Bezahlt wird er beim Tango von den Folgenden, mehr oder weniger freiwillig, in der Körperwährung des Sich Fügens jenseits der tänzerischen Notwendigkeit und Hingabe. Nicht, dass ich das gut finde. Aber das ist die objektive Lage auf vielen Milongas.

Wie sich das auf dem Parkett dann konkretisiert, beschreibt eine Kommentatorin bei den „Berlin Tango Vibes“:

Ein schmissiger, rhythmischer Tango erklingt. Mein Tanzpartner bewegt sich nicht, verharrt in der Umarmung. Ich tipple schon mit den Füßen, ich will tanzen. Nichts passiert. Eine halbe Minute vergeht. Ich sage: ‚Tanzen wir jetzt oder nicht?‘ Er sagt: ‚Kannst Du denn nicht verstehen, dass ich Dich einfach nur im Arm halten möchte?‘“

Tja, da kann man doch Propagandisten wie dem verehrten Kollegen Cassiel nur gratulieren, dass sie mit dem Begriff „umarmungsfokussierter Tango“ (im Gegensatz zum „bewegungsfokussierten“) hausieren gingen! Ohne ihnen natürlich Beihilfe zur sexuellen Belästigung zu unterstellen (welche sie ja eher bei der verbalen Aufforderung verorten): Seit man sich beim Tango nicht mehr groß bewegen muss, ist es für gewisse Naturen das „Stehkuscheln“ weit einfacher geworden! So direkt tanzen zu können ist ja inzwischen nicht mehr Voraussetzung…

Was kann Frau in solchen Situationen tun? Die obige Autorin hatte sich für deutliche Botschaften entschieden:

Ich habe in dieser Situation tatsächlich zuerst mit der klaren Ansage: ‚Ich für meinen Teil möchte aber tanzen' reagiert und nach diesem Tango (also nicht Tanda!) die Tanzfläche verlassen (die verbliebenen zweieinhalb Minuten hätte ich mir aber auch sparen können).“

Chapeau!

Leider wird jedoch aus ihren weiteren Aussagen klar, dass dies noch keine endgültige Problemlösung sein kann:

„Mittlerweile habe ich erfahren und beobachte, dass er diese Masche' immer wieder fährt, vorzugsweise bei den eher unerfahreneren Tänzerinnen… (…) Dann werden halt die ‚Neuen‘ angebaggert. Bis die es wieder schnallen, vergehen zum Teil Monate.“

Sagen wir es einmal peinlich direkt: Der Tango argentino ist für gewisse notgeile Existenzen ein Paradies. Auf der Basis ständiger „Frischfleich-Zufuhr“ (sprich: unerfahrene Anfängerinnen) kann man dieselbe miese Tour immer wieder durchziehen – mit minimalem Risiko: Wenn es nicht klappt, ist meist Diskretion angesagt – sofern die Damen den „Fehler“ nicht eh bei sich suchen. Vielleicht wird im Hintergrund ein wenig getuschelt, aber das kriegen die Neulinge – jedenfalls zunächst – kaum mit.   

Dies gilt natürlich erst recht für manche Tangolehrer. Hierzu hat der auf Tangoforen ubiquitäre Martin Ziemer selbstredend auch eine Meinung:

„Tangolehrer sind zumeist auch wichtige Schlüsselpersonen und Funktionsträger in der lokalen Community und können das ausspielen. Mal ganz abgesehen davon, dass es auch auf Tangoreisen zu Problemen kommen könnte...

Wie darf ich das bitte verstehen? Haben sie daher Sonderrechte – oder können gar aufmüpfige Tangueras der kollektiven Ignorierung überantworten?

Als einziger Tangolehrer hat sich übrigens Wolfgang Sandt zu Wort gemeldet:

„Gut, wenn jemand unbedingt zu einer bestimmten Gruppe (Tangoschule) gehören will, weil er diese als besonders attraktiv, cool, was immer empfindet, ist ein gewisses Druckpotential da. Aber überall, wo es mehr als eine Tangoschule gibt, geht man halt zur Konkurrenz. (…)
Lehrer, die ihren Job mangels Nachfrage nicht mehr ausüben können und Konsequenzen ihres Handelns an/in der eigenen Brieftasche spüren, kommen vielleicht auch mal ins Grübeln...“

Ein ehrenwerter Gedanke, nur: Wer muss da eigentlich wen oder was meiden? Wer nur den Lehrer wechselt, verhindert halt nicht, dass der sein mieses Spiel bei anderen fortsetzen kann!

Ich bin daher schon dafür, hier mehr in die Offensive zu gehen und den entsprechenden Herrschaften nötigenfalls klarzumachen, dass ein guter Ruf schnell ruiniert ist. Öffentlichkeit ist hierbei die schärfste Waffe. Natürlich bin ich nicht dafür, dass solche Männer ihren Namen gleich im Internet lesen können. Zudem gilt auch hier die Unschuldsvermutung. Ich meine aber, schon die Drohung, man könnte gewisse Praktiken einmal publizieren, würde Wunder wirken. Man sollte daher das „Lass mich gefälligst in Ruhe“ in den Plural setzen: „…und andere auch“!

Was ich in dem Zusammenhang überhaupt nicht verstehen kann: Tango-VIPs wie Lehrer, Veranstalter oder DJs haben doch hinsichtlich ihrer Beiträge zum Genpool der nächsten Generation einen heftigen Selektionsvorteil, da die weibliche Paarungsbereitschaft sich an der männlichen Rangordnung orientiert. Man beobachte lediglich das Herumscharwenzeln der von mir als „DJS“ („DJ-Schnepfen“) titulierten Damen am Pult des Meisters, das man auf vielen Milongas live geboten erhält. Muss man wirklich die eh schon „g'mahte Wiesn“ noch mit unlauteren Mitteln bearbeiten?

Um Missverständnisse meines Textes ein wenig zu erschweren: Natürlich kann man sich beim Tango verlieben – ebenso wie im Büro oder beim VHS-Kochkurs. Ich würde nur als Frau bei eventuellem männlichem Minnebegehr die folgenden Dinge im Auge behalten:

·         Befinden Sie sich auf einer eher familiären Milonga, wo die meisten Gäste einander persönlich kennen, oder auf einer anonymen Großveranstaltung? Bei letzterer ist die Chance höher, einem „Pickup Artist“ in die Hände zu fallen!
·         Besteht er, auch gegen Ihre Aversion, auf einer engen Tanzhaltung – gerne auch mit dem Hinweis, dass diese auf jeden Fall zum Tango gehöre?
·         Labert er Ihnen während des Tanzens geblümelten Honigseim in die Lauscher oder hält er schlicht die Klappe?
·         Fragt er bereits nach kürzester Zeit nach der Telefonnummer oder ähnlichen privaten Details respektive möchte sich sofort verabreden?
·         Liegt der tänzerischen Begegnung ein Machtverhältnis zugrunde (z.B. Tangolehrer/Schülerin oder Alphatänzer/Anfängerin)? Erzählt Ihnen der Herr von seiner hervorragenden tänzerischen Karriere?
·         Erhalten Sie unerbetene Ratschläge zur tänzerischen Ausgestaltung – insbesondere, wenn es sich um erotischere Bewegungen handelt?
·         Geht er nach dem Tanz seiner Wege oder setzt er sich zum Behufe weiteren Zutextens neben Sie?
·         Haben Sie sich – was Ihnen als Anfängerin durchaus zusteht – schon bei erfahrenen Kolleginnen erkundigt, ob es ratsam sei, mit einem bestimmten Partner zu tanzen? Sie werden sich wundern, was Sie da manchmal zu hören kriegen!
Beobachten Sie das männliche Aufforderungsverhalten: Geht es überwiegend in die Richtung „jung, schlank und schön“?

Liebe Tangueras, letztlich ist es natürlich eure Entscheidung, welche Angebote ihr annehmt oder ablehnt. Selber muss ich ja männliche Annäherungen kaum einmal erdulden. Sollte es mir aber gelungen sein, einigen „Kollegen“ ihr Konzept zu vermasseln, wäre das mein schönster Lohn.

Denn nochmal: Öffentlichkeit hilft!

Quellen:




 

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