Die alten Wilden


Die Namen Eduardo und Gloria Arquimbau lernte ich schon bei meinem ersten Tangolehrerpaar kennen: In der von dieser Spezies gern verwendeten Genealogie gehabter, berühmter Lehrer tauchten sie ebenso auf wie heute noch auf vielen Webseiten ihrer Kollegen.

Neulich stieß ich auf ein Tanzvideo der beiden, das mich staunen ließ:



Aha, „tanzen wie in den Vierzigern“ (wie Armando Pontiers Titel „Milongueando en el 40“ übersetzt heißt) – ganz schön flott!

Ob die beiden heute in konservativen Tangokreisen bestehen könnten? Mir fiel die Rezension eines Tanzes auf, welcher von mir auf YouTube zu sehen ist. Kollege Cassiel schrieb dazu unter anderem:

„Was präsentiert uns Gerhard da als ‚Umarmung‘? Seine Partnerin steht fast durchgängig mit mindestens einer halben Körperbreite Versatz in starker V-Form vor ihm. Ihr Sternum befindet sich also gegenüber dem unteren äußeren rechten Rippenbogen von Gerhard. Diese ‚Umarmung‘ schränkt natürlich stark ein (und zwar viel stärker als die geschlossene Umarmung). Ein Gehen im Paar auf zwei Spuren ist faktisch unmöglich. Das geht biomechanisch überhaupt nicht. Was möglich ist, ist ein Gehen auf drei Spuren im gekreuzten System (das wird sogar vergleichsweise einfach) und beim Gehen auf vier Spuren (er geht links an ihr vorbei) wird es wiederum zu Problemen kommen, weil – bedingt durch die starke V-Form – ein lineares Gehen beinahe unmöglich wird. Und vom Gehen auf drei oder vier Spuren rechts an ihr vorbei wollen wir jetzt gar nicht reden. Das geht so überhaupt nicht.“

Na ja, ein wenig versetzt stehen Gloria und Eduardo ja schon auch – lustigerweise bei genau demselben Titel, den Manuela und ich damals interpretierten. Mit dem Unterschied: Herr Arquimbau (geboren 1936) war 2013 bereits 76…



Kommt da der Bannfluch aus Buenos Aires? Aber nein, selbst im dortigen, legendären „Club Sunderland“ (quasi der Kaaba von Mekka) durften sie 2009 unter großem Jubel vortanzen. Besonders beeindruckt hat mich dabei das erste Stück, welches ein traditioneller DJ hierzulande niemals auflegen würde: „Taquito Militar“ von Mariano Mores:


Möglicherweise liegt es auch an ihrem Renommee: Gloria und Eduardo stammen aus dem Tangoviertel Pompeya und kennen sich seit ihrer Kindheit. Alles um sie herum war damals Tango, Anregungen gab es in Hülle und Fülle. Übrigens lernten die Frauen die Anfangsgründe prinzipiell in der Familie, und die Männer mussten sich zunächst mit der folgenden Rolle beschäftigen – geführt von fortgeschrittenen Tangueros – wie sich das Paar erinnert. So viel zum hiesigen Lehrpersonal, welches verkündet, den „authentischen“ Tango zu unterrichten…

Übrigens lernten die beiden auch eine Vielzahl anderer Tänze, was ich für besonders bemerkenswert halte.

Eduardo tanzt Tango seit seinem 13. Lebensjahr. Später traf man sich bei denselben Lehrern, und als die knapp zehn Jahre jüngere Gloria groß genug war, wurde man für die ersten Tangoshows gebucht – sie war 14, er Anfang 20. Sie traten Anfang der 1960-er Jahre zusammen mit den Orchestern von Francisco Canaro und Juan D’Arienzo auf – vorwiegend im Fernsehen, das es schon 1961 in Farbe gab. Im selben Jahr begleiteten sie Canaro auf einer Japan-Tournee.

Sie arbeiteten mit zirka 20 der führenden Orchester zusammen, unter anderem Troilo, Pugliese, Mariano Mores, Florindo Sassone, José Basso, De Angelis, Caló, Laurenz und Piazzolla. 25 Jahre waren sie Stammgäste der TV-Show „Grandes valores del tango" („Große Tango-Talente“).

Bei den großen Bühnenproduktionen, die in den 70-er und 80-er Jahren weltweit das neue Interesse am Tango begründeten (wie „Tango argentino“ und „Forever Tango“) waren sie meist beteiligt – als Tänzer und Choreografen.

Auch in Filmen traten sie auf. Hier eine Szene, welche das aufweist, was ich im bundesdeutschen Tango schmerzlich vermisse: Humor. Und nebenbei wundert es mich, was der gute Francisco Canaro (neben den auf Milongas totgetretenen Langweilern) für aufregende Arrangements hinbekam – hier sein „Halcón negro“ („Schwarzer Habicht“):


Wahrlich kann man bei Gloria und Eduardo den Begriff „Zeitzeugen“ verwenden: Sie kannten das ausgehende „Goldene Zeitalter“ noch aus eigenem Erleben und nicht nur von Internet-Playlisten. Wenn man die wenigen Interviews mit ihnen liest, ist es erstaunlich, wie wenig sie sie von einer verengten Sicht auf den Tango halten. Sicherlich, sie betonen den „Respekt vor den Wurzeln“ – in ihrem Alter verständlich und ja auch richtig.

Insgesamt jedoch sehen sie den Tango im Wandel. So manches Detail hat mich schmunzeln lassen: So habe es die enge Umarmung erst seit den 1950-er Jahren gegeben – vorher sei sie sozial nicht akzeptiert worden. Ebenso entstanden die hohen Fußaktionen (Boleos, Ganchos) in den 40-er Jahren: nicht aus Rücksichtslosigkeit, sondern wegen der abnehmenden weiblichen Rocklänge.

Die Arquimbaus haben das ganze Tango-Spektrum erlebt: Im Zentrum tanzte man braver als in der Vorstadt – und man konnte bei einem Tanzpaar sogar erkennen, aus welchem Viertel es stammte. Die Regeln waren sehr unterschiedlich: Hätte man in einer City-Milonga Figuren aus den Barrios getanzt, wäre man rausgeflogen. Übrigens reichte bei Männern dort schon gelegentlich ein blaues Hemd, wenn weiß vorgeschrieben war…

„Der Tango passt sich dem an, wo man ihn tanzt.“ Diesen Satz sollten sich alle überlegen, die vom „wahren Tango“ faseln. Überhaupt hat es Eduardo Arquimbau nicht so mit „Besitzverhältnissen“:

“Keiner ist der Eigentümer des Tango. Das Höchste, was man für ihn tun kann, ist, ihn zu lieben. Wenn einer glaubt, den Tango zu besitzen, ist er sehr verloren. Wir schicken uns nicht an, Eigentümer der Wahrheit zu sein, wir haben nur unsere Perspektive. Andere sind Wahrheitseigentümer (lacht). Es ist nur gut, Dinge zur Kenntnis zu nehmen, welche Leute, die nicht tanzen können, nicht bemerken. Das ist alles.“

Jedenfalls waren sich die damals noch „jungen Wilden“ nicht zu schade (und wohl auch nicht reich genug), auf einen blühenden Unsinn wie den folgenden zu verzichten. Ihre Interpretation einer ziemlich europäisch klingenden Version der „Cumparsita“ stammt aus der sowjetischen Filmkomödie „Эта веселая планета („Dieser lustige Planet“) von 1973. Es kann sich dabei nicht um die Tango-Erde handeln, da fehlte der Spaß!


Quellen:
http://www.totango.net/Arquimbaus.html

 

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