Yin und Kang


Im Zusammenhang mit der Diskussion meines gestrigen Artikels bin ich auf eine bemerkenswerte Tangoseite gestoßen. Autorin ist die aus Deutschland stammende Stefani Kang – ihres Zeichens „Künstlerin, Tänzerin, Lehrerin für argentinischen Tango, Architektin und Unternehmerin in der Freizeitbranche. Eine Spezialistin, die lebenswichtiges Training anbietet, um verborgene Talente freizusetzen und Fähigkeiten für ein glückliches Leben aufzubauen.“

Schwerpunkt ihrer geschäftlichen Tätigkeit scheint Bali zu sein, wo sie ein Tango-Gästehaus betreibt – mit reichhaltigen Angeboten für Tangourlaub und Kurse aller Art.

In ihrem Blog äußert sie sich zu verschiedenen Tangothemen, von denen mir eines besonders satirewürdig erscheint: 

„Climb Up The Social Ladder in an Argentine Tango Community”

Es geht also darum, wie man in einer Tangoszene die „soziale Leiter” erklimmt – mithin in der Rangordnung aufsteigt, wobei sie trefflicherweise den Begriff „Tango-Dschungel“ verwendet. Ich habe nicht den Eindruck, dass sie diesen nur auf das Klima Indonesiens bezieht.

Die soziale Struktur einer Tangogemeinschaft beschreibt sie als vierteilige Pyramide:

Ganz unten das Heer der Anfänger respektive die „sozialen Tänzer niedrigen Levels“: Viele wiesen keinen Ehrgeiz auf, sich weiterzuentwickeln, da sie das Gesuchte schon gefunden hätten: „Geselligkeit, Verabredung, Trinken und Spaß mit ein bisschen Tango tanzen. Tanzen ist nur ein Mittel zum Zweck.“

Nur diejenigen, welche damit nicht zufrieden seien und weitere Kurse besuchten, landeten schließlich im „mittleren Level“. Auch hier überwiege der gesellschaftliche Aspekt, aber immerhin:  

„Es ist schön, mit ihnen zu tanzen, sie haben normalerweise eine nette Umarmung und ein gut entwickeltes Grundverständnis der Musik.
Von dieser Gruppe wiederum werden einige für immer dort bleiben, andere werden sich weiterentwickeln.“


Somit erklimmen sie die dritte Stufe der Pyramide: Den „Level der fortgeschrittenen sozialen Tänzer und der Tangolehrer“.

„Die fortgeschrittenen Tänzer sind sehr ehrgeizig und leidenschaftlich im Tango. In der Regel recherchieren sie viel über alles, was mit Tango zu tun hat.
Sie gehen hauptsächlich auf Milongas, um auf hohem Niveau zu tanzen.
Soziale Aspekte sind manchmal weniger wichtig und ihre Ambitionen sind stark.
Ihr Verhalten erscheint manchmal selbstsüchtig und arrogant, vielleicht, weil sie den Tango sehr ernst nehmen.“

Wenn sie die Berufung hierfür verspürten, entwickelten sich dann manche von ihnen zu Tangolehrern.

Zum Level 4 allerdings ist ein Aufstieg nur genetisch möglich, den „argentinischen TangolehrerInnen“, schlicht gesagt den „Maestros“ und „Maestras“:

„Die Argentinier stehen im Tango ganz oben auf der sozialen Leiter – in einer Tango argentino-Gemeinschaft für den Rest unerreichbar. Wir schulden ihnen Respekt, da es ihre Kultur ist. Wir sollten niemals vergessen, dass wir uns ihre Kultur leihen oder einen Teil ihrer Kultur in unsere übernommen haben. Aber der echte Tango ist immer bei ihnen.“
„Der unendliche Tango ist kulturell in die Persönlichkeit der argentinischen Tänzer eingebettet. Diese Qualität fehlt mir oft bei Tänzern mit anderen kulturellen Hintergründen.“

Daher seien alle Gringos gewarnt:

„Ich möchte meine Mittänzer daran erinnern, immer wieder zum Original zurückkehren, da wir die Tendenz haben, davon abzuweichen. Wenn Sie beabsichtigen, Ihre eigene Tango-Interpretation zu haben, ist dies völlig in Ordnung, aber nennen Sie es bitte nicht Tango argentino. Wenn wir argentinischen Tango tanzen wollen, müssen wir die argentinische Interpretation, ihre Códigos, respektieren. Wenn wir das Label ‚Tango argentino‘ verwenden, verpflichtet uns das zur Authentizität.“

Aber Achtung: „Nicht jeder mit einem argentinischen Pass ist ein Maestro.“

Dissidenten (die „dunkle Seite des Tango“) sollte man ausblenden:

„Heuchlerische Menschen, die nicht autorisierten Tango für ihre Zwecke verwenden, Menschen, die sich schlecht benehmen. Diese Leute findest du in jeder Community, auch im Tango. Nimm Sie lediglich zur Kenntnis und lasse sie links liegen, gib dich nicht mit ihnen ab.“

Gewarnt wird noch davor, dass nahezu jeder heute Tangolehrer sei. Daher solle man lediglich Lehrpersonal aus etablierten Schulen wählen, am besten natürlich Argentinier.

Wie bewerkstelligt man nun den „sozialen Aufstieg“ in der Tangoszene? Ganz einfach – durch erhöhte Bildungs-Anstrengungen – seien es Kurse, Milonga-Praxis, Privatstunden, Technikkurse oder am besten argentinische Lehrer. Vor selbstständigem Rumprobieren oder dem Lernen von Freunden dagegen wird dringend abgeraten. Ach ja – das Erlernen des Cabeceo sei ebenfalls wichtig, schließlich müsse man nicht mit jedem tanzen. Eine direkte Aufforderung hingegen sei stillos.

Der Tango-Privatlehrer werde einen dann auch zu höherklassigen Veranstaltungen begleiten und dort mit einem tanzen. Das eröffne ganz andere Möglichkeiten. Und Technikkurse seien vor allem für Frauen wichtig, um mit dem Balancieren auf Highheels klarzukommen.

Dann kann doch nix mehr schiefgehen!

Hier der Originaltext:

Fazit:

Obwohl ich bei vielem, was die gute Frau von sich gibt, winselnd unter den Teppich kriechen könnte, muss man ihr immerhin eines lassen: Sie sagt wenigstens, wie es ist! Kein Gefasel über die „große Tangofamilie“ auf Augenhöhe – nein, eine glasklar hierarchisch durchstrukturierte geschlossene Gesellschaft, Zutritt nur auf allen Vieren.

Ein Satz in ihrem Artikel bildet für mich den Schlüssel zum Verständnis:

„Ein Freund von mir meinte einmal: ‚Eine Milonga ist purer Kapitalismus.‘ Und er hat verdammt recht damit.“

Meinem Eindruck nach ist die Dame eine knallharte Geschäftsfrau, der eines völlig klar ist: Am Tango kannst du nur verdienen, wenn du ihn eiskalt als Marke verscherbelst – nur echt mit dem „Original-Argentino-Stempel“ auf der Keule. Nix da mit „selber probieren“, „einen eigenen Stil“ oder gar „Weg zum Tango“ finden… Mit Subkultur und Individualität verdienst du keinen müden Euro. Folglich kapitalistisch investieren, Tangoausbildung einkaufen – mehr Knete bringt mehr Erfolg. Anpassung ans Bestehende ist Voraussetzung, ja nichts hinterfragen, Grübler und Querdenker ignorieren!

„Yang“ ist bekanntlich das Helle, Harte, Aktive“. Kang wohl auch.

Dass nicht die Argentinier den Tango erfunden haben, sondern die auf niedrigstem sozialem Level angesiedelten Einwanderer aus aller Herren Länder, hat in diesem Gedankengebäude keinen Platz. Und diese Leute konnten kein Geld in den Tango investieren, sondern nur ihre Sehnsüchte nach einem bisschen Sympathie, Zärtlichkeit und Nestwärme.

„Die Füße im Schlamm der Straße und die Augen zu den Sternen gerichtet“ – so habe ich einmal das Gefühl ausgedrückt, welches „meinen Tango“ beschreibt. Und der ist für mich ziemlich authentisch, auch ohne Bali und Buenos Aires!

Hier noch das zugehörige Schulungsvideo:

Kommentare

  1. Die Wiener Tangofreundin Alessandra Seitz hat zu meinem Text einen sehr empfehlenswerten Beitrag verfasst:
    http://tan-do.net/atango/2018/11/20/die-tangopyramide/?fbclid=IwAR1MitGFUB7JcFNEXjlwUPL_LS3pKNA-hWFkNuPAZA8oETx9EkN3tAs6pVA

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