Tanzverbot für Piazzolla


Ich bin stinksauer.

Das wird mich dennoch nicht von meinem Prinzip abhalten, bei Verrissen möglichst nicht persönlich zu kritisieren. Mir ist es jedoch wurstegal, ob jemand durch gewisse Rückschlüsse erkennt, welche Veranstaltung ich meine: Ich brauche die Details, weil man sonst den ganzen Wahnsinn nicht nachvollziehen kann.

Zur Vorgeschichte: Aufgrund negativer Erfahrungen besuche ich keine Veranstaltungen mehr, auf denen die Musik zweigeteilt wird – zunächst anspruchsvoller Tango lediglich zum Zuhören, dann Mainstream-Tanzmusik, auf die man brav musikalisch Kastriertes vertanzen darf. Es ist für mich eine Qual, bei tollen Tangoklängen sitzen bleiben zu müssen – und eine Zumutung, hinterher erst zu Zweitrangigem aufs Parkett zu sollen.

Die näheren Umstände habe ich schon einmal dargelegt:

Daher hätte ich nie und nimmer ein Event besucht, in dem man diese Aufteilung wieder einmal betreibt. Diesmal jedoch bot die Einladung auf einem Tangoserver Verlockendes:

„20 Uhr ‚Getanztes Konzert‘ mit Piazzolla´s zum Tanzen!!!“
Ab 22 Uhr sollte dann die Milonga anfangen, auf der neben Klängen vom DJ ebenfalls noch Livemusik angeboten würde.

Als es schließlich in der Einladungsmail abermals hieß 20 Uhr Getanztes Konzert mit der Möglichkeit ‚Piazzolla-Stücke‘ zu tanzen!“, war für mich die Sache klar: Man wollte wohl für den ersten (und teureren) Teil auch „normales Konzertpublikum“ anlocken, gleichzeitig aber „Aficionados“ die Möglichkeit geben, das auch schon tänzerisch zu erleben.

Als wir kurz nach 20 Uhr eintrafen, erblickten wir bei den ersten Stücken allerdings lediglich andächtig lauschendes Publikum und ein leeres Parkett. Auf unsere Nachfrage, ob man denn auch tanzen dürfe: Nein, man habe sich entschlossen, „im ersten Set“ nur ein Konzert anzubieten.

Das „erste Set“ dauerte 70 Minuten – und bot eine so mitreißende Tour durch Astor Piazzollas Schaffen, wie ich sie noch nie erlebt habe. Und da ich bei Lob sehr gerne konkret werde: Dies war das Verdienst der Gruppe Cuarteto Tangopianissimo“ (Fernando Bruguera, Piano, Christian Gerber, Bandoneón, Berhard von der Gabelentz, Violine, und Rodolpho Paccapelo, Kontrabass).

Das Video, welches ich gefunden habe, gibt nicht annähernd den Eindruck wieder, der sich mir vermittelte, ist aber gut genug, um es sich vielleicht vorstellen zu können:



Hinterher durften die Herren dann Traditionelles von sich geben – auch nicht schlecht, aber halt „tanzbar“, gell? Wir haben die Veranstaltung noch vor 22 Uhr verlassen. Zum Tanzen war mir nicht mehr zu Mute: Wenn mir Wim Wenders angekündigt wird und ich dann Rosamunde Pilcher kriege, könnte ich kotzen.

Damit wir uns nicht missverstehen: Jeder Organisator darf natürlich frei bestimmen, was er veranstaltet. Und sollte er beschließen, dass man ausschließlich auf den Händen zu tanzen habe, ist das zu akzeptieren – wenn es denn auf dem Zettel steht.

Einen jedoch unter Vorspiegelung falscher Tatsachen auf einen Event zu locken ist unterirdisch. Ich mag nun gar nicht den 35 € Eintritt oder den nutzlos verfahrenen 170 Kilometern hinterhertrauern oder gar „mein Eintrittsgeld zurückverlangen“, wie man es in der traditionellen Szene gerne formuliert.

Ich sage lediglich: Wer mich mit dem Verzehr eines saftigen Steaks von einem Sternekoch anlockt, mir das sogar vorsetzt, jedoch meine Hände gleichzeitig hinten am Stuhl festbindet und mir hinterher Kantinenessen anbietet, macht mich sehr, sehr böse. Meine Laune wird auch nicht dadurch besser, dass es sich hier um einen äußerst verdienstvollen Veranstalter handelt, der seinen Gästen ansonsten ein wundervoll vielgestaltiges Musikprogramm liefert – im Gegenteil: Wenn andere vom „nicht tanzbaren Piazzolla“ schwafeln, kann man ihre Dämlichkeit immerhin als mildernden Umstand berücksichtigen. Hier nicht.

Und es mag ja Gründe für dieses Herumgeeiere zwischen „Konzert“ und „Tanzveranstaltung“ geben. Offenbar ist es dem kommunalen Träger des Veranstaltungszentrums wichtig, „Konzertpublikum“ anzulocken (habe ich allerdings kaum erblickt, eher die üblichen Tangoleute). Zu frühes Rumgetanze könnte da stören. Aber: Dieses Problem besteht wohl schon lange. Man hätte also Zeit gehabt, eine Lösung zu finden – oder eben den Mut, auszusteigen. Aus meiner Zaubertätigkeit kenne ich diesen Typus des kommunalen Kulturbeauftragten –  für mich gibt es an meinem Duschvorhang intelligenteres Leben.

Absagen ist halt Charaktersache – dann wäre es eben nicht das feine Ambiente geworden, sondern der Pfarrsaal in Dingskirchen. Na und? Für mich wieder einmal ein Beispiel dafür, dass man beim Tango spätestens dann ins Klo greift, wenn wirtschaftliche Kriterien entscheiden.

Und wäre, wenn schon zwingende Umstände eine Programmänderung in letzter Minute erzwingen, nicht wenigstens eine ehrliche und deutliche Entschuldigung vonnöten?

Zudem greife ich da zu einem Wort des Hausjuristen" von uns Satirikern, Dr. Kurt Tucholsky:
Es ist ein bemerkenswerter deutscher Aberglaube, eine Sache damit zu entschuldigen, dass man ihren technischen Hergang erklärt."

Als ich gestern über eine Stunde lang gezwungen war, auf ein leeres Parkett zu glotzen, während die wundervolle Musik eines Astor Piazzolla an meinen Füßen zerrte, sind mir zwei Dinge klar geworden:

Im Gegensatz zu fast allen anderen Freizeitbeschäftigungen ist es im Tango ein großer Nachteil, zu gut zu tanzen. Menschen dieser Art gelten inzwischen als lästig, da sie ständig anspruchsvollere Musik einfordern und so diejenigen düpieren, die es nicht besser können – peinlich zumal für Tangolehrer, die vielleicht hinterher gefragt würden, wie und wo man so tanzen lerne… Beim Briefmarkensammeln oder in der Taubenzucht bist du der Crack, wenn du mehr kannst – beim Tango dagegen unangenehmes Prekariat. „Inklusion“ ist da nicht angesagt.

Und noch schlimmer: Man schraubt durch solche Veranstaltungsformate endgültig in den Schädeln fest, dass Piazzollas wunderbare Musik eben nur fürs Konzert taugt – keinesfalls zum Tanzen. Nach Aussage seiner Witwe soll der Schöpfer des Tango nuevo einmal gesagt haben: „Ich verstehe das nicht, hier in Argentinien behaupten sie, man kann zu meiner Musik nicht tanzen, aber auf der ganzen Welt tun es alle.“

Nun, inzwischen sagen das weltweit sehr viele und tanzen es immer weniger – Veranstaltungen wie diese tragen maßgeblich dazu bei. Wenn man diese Musik auf ein Konzertpodium verbannt, entzieht man ihr einen entscheidenden Lebensnerv. Denn ich kenne wenig Musik, welche im Gegenteil derart zum Tanzen animiert!

Bin ich ungerecht, mache ich zu viel Aufheben um diese „Kleinigkeit“? Und vielleicht hat man ja gegen Mitternacht schnell noch als Alibi „Libertango“ aufgelegt…

Ehrlich gesagt ist mir das völlig egal. Piazzolla ist doch schon tot. Daher werde ich mich an einem Requiem wie diesem sicher nicht mehr beteiligen.

Wenn Fans wie wir auf Tangoveranstaltungen derart abgefrühstückt werden, gehen wir halt in den „Untergrund“: Ich hatte gar nicht vor, bei unserer morgigen „Wohnzimmer-Milonga“ Piazzolla aufzulegen. Jetzt muss es dringend eine Tanda sein, zur Frustbewältigung. Und auch Tangofreund Christoph Bos wird am 29.8. am Ingolstädter Rathausplatz (ab 18 Uhr) wohl das „Tanzverbot für Piazzolla“ nicht beeindrucken. Es gibt noch DJs, die sich das trauen.

Aber Tänzer mit vollem Herzen und Veranstalter mit voller Hose sind halt nicht kompatibel.

Kommentare

  1. Lieber Gerhard,
    Frank und ich, Alfredo „El Farolito“ möchten wir uns für deine klare Kritik bedanken.
    Nach die „Triología del Ángel“ hätte das Orchester, bei „Invierno Porteño“, die Tänzer aufs Parkett einladen können. Obwohl mit dem Quartett ein erster kurzer Teil mit 35 bis 40 Minuten vereinbart war, hat das Ensemble viel länger gespielt. Es war hart zu solch einer spitzen Musikqualität zu zuhören ohne zu tanzen, wegen des Respekts zu den herrlichen Künstlern.
    Nach der getanzten Pause ging es natürlich weiter, wo die Tänzer sich auch zu live gespielten Piazzollas-Stücken amüsieren konnten. Schade, dass dich dein Frust erobert hat, da das „Cuarteto Tangopianíssimo“ ein drittes Set bis 0.45 Uhr gespielt hat.
    Zum Glück sind viele Tänzer zu diesem Event in PUC gekommen und sie haben sich für die „hohe Musikqualität“ bedankt.
    Wir werden am 13. Oktober wieder ein „getanztes Konzert“ veranstalten, diesmal mit „Quarteto Rotterdam“, und wir möchten dich und deine liebe Frau Karin für diese besondere Event herzlich einladen y „muchas gracias por tu crítica“.

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    1. Lieber Alfredo, lieber Frank,

      es ehrt Euch, dass Ihr mit meiner Kritik so umgeht.

      Wie Ihr wisst, bin ich ein absoluter Fan Eurer Arbeit, aber ich möchte nicht in den Ruf kommen, dass ich bei Tangofreunden andere Maßstäbe anlege als bei Veranstaltern, die mir nicht so lieb sind.

      Eure guten Absichten und Planungen (ich kann mir vorstellen, wieviel Arbeit drinsteckt) erkenne ich voll an. Aber vom „Duo Tango Varieté“, an dessen Auftritten ich oft mitwirke und stets in die Vorbereitung einbezogen bin, weiß ich, dass es klare Absprachen mit dem Veranstalter braucht: Welche Art von Musik, wie viele Stücke bzw. Sets, wie soll der Zeitablauf sein? Und genauso muss es in der Werbung angekündigt werden und dann auch stattfinden. Wenn ich mir vorstelle, dass sich Karin und Bettina oft einen Kopf deswegen machen, ob ihr Programm vielleicht 5 Minuten länger dauern könnte als verabredet, kann ich den Ablauf gestern nicht professionell nennen – da mögen die Musiker noch so begnadet sein.

      Klar ist die Musikqualität bei Euch wesentlich höher als auf vielen anderen Veranstaltungen. Da reicht es ja schon, wenn Alfredo einen Abend lang auflegt. Und ich habe mir schon gedacht, dass Ihr später versucht, manche Fehler wieder auszubügeln. Aber Ihr wisst selber: Zum Tango tanzen braucht man eine gewisse Stimmung – und nicht den Ärger über 70 verlorene Minuten.

      Herzlichen Dank auch für die erneute Einladung (bei anderen Veranstaltern hätte ich mir mit dem Artikel ein Hausverbot eingehandelt). Ich warte mal die konkrete Ankündigung ab – und wie Ihr wisst, sitze ich zu toller Musik nicht gerne herum.

      Nochmals danke und herzliche Grüße
      Gerhard

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