Sonntag, 13. November 2016

Die Birne kann kein' Tango



Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen,
Wenn es nicht aus der Seele dringt
Und mit urkräftigem Behagen
Die Herzen aller Hörer zwingt.
Sitzt ihr nur immer! leimt zusammen,
Braut ein Ragout von andrer Schmaus
Und blast die kümmerlichen Flammen
Aus eurem Aschenhäufchen 'raus!
Bewundrung von Kindern und Affen,
Wenn euch darnach der Gaumen steht -
Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen,
Wenn es euch nicht von Herzen geht.
(Goethe: Faust I)


Bekanntlich war der Tango ursprünglich ein Tanz einfacher (und meist auch ziemlich armer) Menschen: der Einwanderer, welche ab etwa 1870 an den Rio de la Plata kamen. Der Traum vom preiswerten Landbesitz war schnell verflogen, und sie landeten in den Mietskasernen der Vororte von Buenos Aires und Montevideo, bekamen bestenfalls mies bezahlte Jobs und wurden sozial verachtet. Aus der Melange ihrer unterschiedlichen Volksmusiken, den Liedern der Gauchos und der Tänze der schwarzen Bevölkerung entstand der Tango. Die berühmte „Goldene Epoche“ der Tangomusik begann erst ab 1935, als der Tango im gehobenen Bürgertum angekommen war.

Heute sind solche Menschen aus der „Unterschicht“ in der Bussi-Gesellschaft die absolute Ausnahme (die würden wohl bereits geruchlich durch den Código-Rost fallen). Schon längst wurde der Tango von akademisch geprägten Kreisen gekapert, es tummeln sich vor allem Sozial- und Medizinberufler, welchen man teure Tangoreisen, Festivalbesuche und Workshops verhökern kann: pecunia non olet. Die bejahrte Schülergeneration hat sowohl Zeit wie Geld: Die Kinder sind aus dem Haus, die Einkommensverhältnisse daher stabil. Am ehesten lernt man in der Szene das Prekariat noch in Gestalt südamerikanischen Lehrpersonals kennen, welches wegen der desolaten Lage in ihrem Heimatland bereit ist, den Erste-Welt-Gringos gegen Entgelt das beizubringen, was die gerade für Tango halten (Authentizitäts-Zertifikat garantiert).

In grauer Tangovorzeit konnte das Publikum oft weder schreiben noch lesen (und schon gar keine Noten): Zu Gitarre, Querflöte, Fiedel oder gar Kamm hüpfte und schob man an den Straßenecken herum – und Tanzpartnerinnen bekam man ganz ohne Cabeceo, falls man die paar Pesos für eine „Taxi-Tänzerin“ aufbrachte. Ansonsten übte man halt unter Männern.

Heute bucht man sich tänzerische Fertigkeiten durch Belegung eines Tangokurses, welcher auf dem basiert, was Intellektuelle am besten können: Demonstrationen und Erklärungen verstehen. Von Gefühl ist dabei weniger die Rede: Zu Herz-Schmerz-Klängen eiert das Großhirn über die Bretter, welche die Welt bedeuten könnten:

Erst wenn ich die neuen Bewegungsmuster soweit sicher habe, dass ich sie mit meiner Tanzpartnerin sauber und "in time" ausführen kann, will ich sie mit einer anderen Tänzerin möglichst auf einem ähnlichen oder höheren Niveau tanzen, dann vielleicht mit einer etwas weniger erfahrenen Tänzerin und später dann versuche ich es vielleicht mit Tänzerinnen, die diese Muster vielleicht überhaupt nicht kennen. Der Sinn von Unterricht ist für mich in erster Linie, etwas Neues zu lernen und nicht, mit anderen Spaß zu haben.“

Na klar: Nur wenn man vom „Spaß“ befreit ist, kann man einen „schmutzigen Tanz“ „sauber“ interpretieren… Anders wären ja bei einem „reinen Improvisationstanz“ Schrittmuster-Bögen wie der folgende nicht möglich:

Milonga (= schneller Tango, wenige und verkürzte Figuren)
Ocho vorw: normal
Ocho rückw: LF seit - RF vorkreuz (li neben Dame / Dame kleine Drehung, Fersen zusammen)
    LF platz (Dame Drehung zurück) ... RF vor + LF Ocho vorw (vorkreuz re neben Dame) ...
    oder Dame schnell begleiten: RF vorkreuz + LF platz - RF seit + LF platz ...
Ansonsten nur Gehschritte, Wiegen und einfache Seit-Schluß-Seit-Schluß-Kombinationen.
Schrittfolge: Basse (nicht schließen sondern RF seit) - LF schluß - RF rück - LF rück
    (1/4 RD) RF seit (Dame gelaufener Ocho) - LF platz - RF schluß
Schrittfolge: Basse - Wiege LF(Q)vor - RF(Q)platz - LF(S)rück |
    Wiege RF(Q)rück - LF(Q)platz - RF(S)vor | (oder gelaufener Ocho)
Wiegen: vorkreuz (Dame rück) + platz - seit / rück (Dame vorkreuz) + platz - seit
Seitschritte: RF vorkreuz (1/8 LD diagonal iTr, li neben Dame) + LF schluß (1/8 RD)
    RF rück (1/8 LD diagonal iTr / Dame vor oder re vorbei) - LF schluß (1/8 RD) ...
Verdoppelungen (in sehr enger Tanzhaltung)
   - Basse mit verhindertem Kreuzen (LF vor) (1/4 LD) RF re + LF schluß - (1/4 RD) RF vor
   - Basse mit Kreuzen - LF seit + RF platz + LF schluß - RF vor (li vorbei)

Und viele Tangolehrer unterrichten ja nach wie vor die berühmte „Basse“, damit man im Voraus weiß, wo man nach acht Taktschlägen landet. Interessant, woher diese stammt:

„Argentinische Showtänzer aus der Gruppe um Antonio Todaro und Raul Bravo (möglicherweise insbesondere der Tänzer Juan Copis) lehrten tangobegeisterte Touristen eine einfach zu unterrichtende Schrittkombination, die „Paso basico“ (oder „Base“) genannt wurde. Sie besteht aus acht Schritten bzw. Positionen entsprechend den acht Zählzeiten eines Tango-Liedteiles. Sehr schnell wurde diese Figur von Lehrern adaptiert, die mit Touristen arbeiteten, um den Erwartungen gerecht zu werden. Heutzutage werden im Salon und auf der Bühne nur Ausschnitte des Paso Basico angewendet (wenn überhaupt) und vielfältig kombiniert.“

Bei so viel Bewegung dürfen selbstredend die entsprechenden medizinischen Experten nicht fehlen:

„Die Arbeit der Rückenstrecker zeigt sich eindrücklich am Verhältnis der Lasthebel. Zieht der Schwerpunkt des Vorderkörpers nach unten, so muss der Rückenstrecker eine enorme Zugkraft aufbringen, da er am kürzeren Hebel angreift. Bei einem schlanken Menschen mag das Verhältnis noch 1:4 betragen, aber wenn er etwas korpulenter ist (…) kann sich das Verhältnis rasch auf 1:5 oder mehr steigern. In diesem Fall muss, wenn der Vorderkörper 20 kg wiegt, der Rückenstrecker eine Zugkraft von mindestens 100 kg (2 Zentnern!) aufbringen, um zu verhindern, dass der Mensch vorne zusammensackt!“
(Quelle: Dr. Michael Groß: „Gesund tanzen – Rückenschmerzen“ in Tangodanza Nr. 4/2015)
Nur nebenbei, da ich ja kein Experte bin: Ich dachte immer, Kräfte würden in Newton und nicht in Kilogramm (Masseneinheit) gemessen – man lernt nie aus…

Ich muss immer wieder darüber schmunzeln, wenn ich zu diesem Thema an die Worte des argentinischen Showtänzers und Choreografen Carlos Copello denke:

“Denn er fängt an, über die Art der Muskulatur und die Technik zu reden, die einzelnen Muskeln hier und dort... und ich schaue zurück auf meine frühen Tage, als ich einen Schritt lernte: Ich konnte nicht mal gehen, verdammt nochmal! Was konnte ich da über Muskeln, Energie und Technik wissen? Keine Ahnung, über was alles die reden! Ich versteh’s gar nicht! Und dann geht einer tanzen und hat überhaupt nichts kapiert! Glauben Sie mir, er versteht nichts! Weil der Junge, der tanzen geht – so war es bei mir – hört den Anfang und das Ende eines Stücks, alles dazwischen war für mich nur Geräusch, nur Lärm. Und ich tanzte einfach, verstehen Sie?”


Im Konzert der Neunmalklugen dürfen natürlich die DJs nicht fehlen. Fürs Auflegen gibt es selbstredend klare Regeln, welche man aber notfalls in zehn Minuten verinnerlichen kann:

10 minutes tango DJing guide:
Structure your milonga – As a first step you will have to learn the basic structure of the tango DJing set. It goes like this:
tango tanda – tango tanda – vals tanda – tango tanda – tango tanda – milonga tanda – tango tanda – tango tanda – vals tanda – …
Tango tandas have 4 songs, milonga and vals tandas have 3 songs (check the recommendations in point 3). If you have DJing set of 15 tandas, you will have to play 10 tango tandas, and 2 vals and 1 milonga tandas (or vice versa)”

Leuchtet mir jetzt rechnerisch nicht ganz ein - ich käme auf 10 Tango-, 3 Vals- und 2 Milonga-Tandas, ergäbe dann in der Summe auch 15...
Na egal, muss jedenfalls alles seine Ordnung haben!

Da der Rest ja kinderleicht ist, gilt das Interesse von Platten-Jockeys vor allem der Wiedergabetechnik: Zum Thema „DJ Kurs für angehende Tango DJs“ geht es auf einem Tangoforum fast ausschließlich darum:

„Ich verwende für meine Arbeit einen I7 Notebook mit 2xSSD Raid-Array als Systemdisk und 1 TB Festplatte für die Musik. Das wird per USB an eine externe Soundkarte Z1 von Native Instruments weitergereicht, die auch die AD-Wandlung und die Vorhörmöglichkeit übernimmt. Nebenbei bemerkt steckt da auch ein 24bit/96kHz DAC drin. Von da aus geht es analog ins Mischpult (Behringer DJX9000USB), das die Signale von meinem Zweitnotebook für die VJ Seite, und das Mikrofon (für den Veranstalter) hinzufügt (sowie den iPod Eingang für die ggf. darauf bestehenden Gastlehrer). Vom Mischpult geht es wieder analog weiter zum EQ (Behringer DEQ 2496 mit angeschlossenem Messmikrofon ECM8000, der neben EQ auch die Spektrumanalyse und ggf. parametrische und dynamische EQs, sowie ggf. Kompressor/Expander übernehmen kann, obwohl ich persönlich nie mittels Kompressor oder Limiter am Dynamikumfang meiner Musik schrauben werde), von dort digital mittels AES/EBU zum LS Management System DCX2496 und von dort analog und balanciert zu den 4 aktiven Lautsprechern und dem Subwoofer.“

Und ich Depp schieb einfach ‘ne CD rein…

Derzeit läuft gerade wieder eine Diskussion unter Musikexperten, bei welcher mir einfach das nötige Fachwissen fehlt:

„Der argentinische Tango folgt prinzipiell dem Habanera-Rhythmus 1(+2)+3(+)4(+), aber schon bei Piazolla finden sich viele Stücke, die schlichtweg einen 4/4 zugrunde liegen haben.“ (Herzliche, oft wiederholte Bitte: „Piazzolla bzw. Riedl“)
„Der europäische Tango z.B. das (4) + 1, wobei die Achtel vor der 1 eben dann oft schon die ‚Betonung‘ der 1 hat, der diese eigentlich ‚gehört‘.“
Die Habanera spielt in ihren Variationen in der Tat eine große Rolle mit ‚1___3_4_‘, ‚1+_+3_4‘ oder auch dem 3-3-2-Rhythmus.“
„von Vals sowieso, weil es ein Dreir-Rhythmus ist, und von Milonga, weil sie den festen Rhythmus ‚1 - - und 3 -4‘ hat.“
„Wer hier nur das Um-Pa-Pa des 3/4-Takts walzt, tanzt völlig an der Musik vorbei.“

(Quelle: https://www.facebook.com/groups/1561200534159741/?fref=ts)

Mei‘, schad‘ – und ich hatte erst wieder am Wochenende einen solchen Erfolg bei meinen Tänzerinnen, weil die das „Um-Pa-Pa“ so mögen… 

Eine Tangofreundin von mir würde - in bestem Schwäbisch - den Habanera-Rhythmus so erklären: Horchschdu? Machschdu. Darfschdu!"

Aber stimmt schon, ich sollte auf der Piste meine Birne nicht mehr dimmen – so wie ein Kollege bei der obigen Diskussion auf www.tanzmitmir.net:

„Ich tanze (hoffentlich) zur Musik von D'Arienzo oder Tanturi anders als zur Musik von Di Sarli und wieder anders zur Musik von Piazzolla - wobei das natürlich auch von der Zeit bzw. der Schaffensphase des Orchesterleiters abhängt, aus welcher die Stücke jeweils stammen - aber das brauche ich dir ja sicherlich nicht zu sagen. (…) „Ein paar Zentimeter nach links oder rechts oder etwas mehr Torsion etc. machen nicht selten einen großen Unterschied“

Na klar, bei Männern immer! Aber ich verspreche dir, lieber Kollege: Wenn es mir demnächst wieder mal gelingt, die schönste und beste Tanguera auf der Milonga aufzufordern, ich sie in den Arm nehme und mich der Duft ihres dezenten Parfüms umhüllt… wenn dann die ersten Takte der Musik erklingen, werde ich mich lediglich auf zwei Überlegungen konzentrieren:
„Ist meine Torsion korrekt?“
„Ist das jetzt Tanturi mit Castillo oder mit Campos?“

Und ich gelobe: Der Ententanz wird mich nicht mehr faszinieren!

La colegiala = La milonga del treno
(Enríque Rodriguez, Sänger: Roberto "El Chato" Flores, 1938)
P.S.
Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit
Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.
Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln.
(Goethe: Faust I)

P.P.S.
Gerade hat Manuela Bößel auf ihrem Blog zum selben Thema einen ähnlichen, aber doch ganz anderen Text veröffentlicht: http://im-prinzip-tango.blogspot.de/2016/11/hefezopf-im-walzertakt.html
 

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