Von Lov-ern und Lov-sies

Mein letzter Artikel hat Leser von mir auf Facebook zur dringenden Empfehlung eines Werkes veranlasst, welches sich zum Tango-Erfolgsthema „Liebschaften im Tanz“ wesentlich süffiger äußert. „Wunderbar sehr verdichtet“ habe das Sujet die bekannte Berliner Autorin Lea Martin in ihrem Erzählband „Sind Tangotänzer die besseren Liebhaber?“ Na, das fragen wir uns doch alle… „Sehr treffend formuliert voll aus Herz & Verstand“ und „absolut lesenswert, tiefgründig und sprachlich schön anschaulich bebildert“ fand das Werk ein anderer Kommentator. 

Nun bin ich selbstredend kein bisschen eifersüchtig, wenn Schreiber zu einem Artikel von mir andere Texte empfehlen – und zudem mangelt meinem Schaffen die weibliche Perspektive erheblich. Zugegeben: Ich hatte von dem Buch längst gehört, mich aber weiter nicht dafür interessiert, da ich bereits mit dem Titel ziemliche Schwierigkeiten hatte:

„Sind Tangotänzer die besseren Liebhaber?“

Obwohl ich wahrlich kein Gender-Fanatiker bin, frage ich mich schon einmal, ob’s denn damit getan ist, wenn der Männe in Liebesdingen den Bogen raus hat. Beschränkt sich die Aufgabe des holden Weibs dann darin, sich – wie es in frivolen Schmökern sintemalen hieß – dem Eroberer „hinzugeben“? Ein wenig Mitarbeit könnte man im 21. Jahrhundert schon erwarten…

Und dazu das meist unglücklich machende Ranking: Nach welchen konkreten Kriterien wird denn die Qualität eines Lovers (oder einer Lovesie) beurteilt? Obwohl ich das Buch nur auszugsweise kenne, fürchte ich: Wir werden da in Unklarheit bleiben – schon deshalb, weil die Aufstellung einer solchen Skala ziemlich unmöglich erscheint.

Weiterhin muss ich bekennen, den Begriff „Liebhaber“ ziemlich daneben zu finden. Man hat also etwas Liebes – im Sinne von „besitzen“? Das käme jedenfalls der männlichen Sichtweise ziemlich apropos. Da gefiele mir das französische „Amoureux“ deutlich besser – im Deutschen geläufiger ist jedoch „Amateur“ – ein Wort, das im nicht nur im Tango eher von Geringschätzung zeugt. Dann lieber „Erotik-Profi“?

Wie immer, wenn man keine sprachlich zufriedenstellende Lösung findet, sollte man sich überlegen, ob die Frage an sich nicht schon Blödsinn ist. Ich fürchte: ja. Wobei ich nicht verkenne, dass ein solcher Titel Käufer anziehen dürfte.

Wenn Lea Martins Buch einfach zu beschaffen wäre – am besten in elektronischer Form – hätte ich es mir nun tatsächlich gekauft. Aber immerhin fand ich eine Reihe von Leseproben, die mich eher von dem Vorhaben abbrachten.

An sinnlicher Körperlichkeit in Softcore-Version herrscht jedenfalls kein Mangel – vor allem, wenn man das Klischee der erfahrungsfreien Jungfer bedient, welcher ihre ersten Erlebnisse im Reich der Tangoerotik zustoßen. So heißt es in der Geschichte „Der Doktorand“:

„Ein Oberarm liegt warm unter ihren Fingern. Vor ihren Augen streckt sich ein verlockender Hals. Noch weiß Julia nicht, dass viele Männer sich im Tango so anfühlen. (…)

Nach sanftem Auftakt prescht er stürmisch voran. Wow. Das fühlt sich phänomenal an.‘ 
‚Ja‘, bestätigt der Fremde zufrieden ‚So muss das sein.‘

Ihre Körper fügen sich ineinander, als seien sie füreinander gemacht, und Julia lässt sich fallen in eine Bewegung, die sich wie Fliegen anfühlt.“

Vergebung, aber beim „stürmisch voranpreschenden“ Tänzer kann ich angesichts der Tango-Wirklichkeit nur sagen: You made my day! 

In den Geschichten erlebt man auch mutige Frauen, die sich sehenden Auges in eine Gefahr begeben. Schön grauslich ist offenbar durchaus antörnend:

„Wie eine Käse witternde Maus lehnt sie sich lächelnd in eine Umarmung, die sich wie eine Falle um sie schließt. Die Musik setzt ein, es gibt kein Entrinnen. Obwohl die Neugier sie trieb, wissen zu wollen, wie es sich anfühlt, die Droge dieses hypnotisierten Mannes zu sein, ist die Innen-Ansicht beklemmend. Nora hat heftige Fluchtreflexe. Sie will raus aus dieser Enge, in die nun auch noch sein After Shave fließt.“ („Eindeutiges Angebot“)

Wobei man bedenken sollte: Oft kriegt erst die zweite Maus den Käse. 

Da darf es dann schon etwas heftiger zur Sache gehen. Wir wissen ja: Viele Frauen wollen das so – und fühlen sich noch geschmeichelt:

„Seine Hand gleitet über ihre Schulter, als wolle er sie verführen, sein Bein drängt sich zwischen ihre Beine, als wolle er mit ihr schlafen, die Pirouetten, die er sie drehen lässt, bringen sie fast zu Fall. (…)

‚Das war nicht schlecht‘, sagt er anerkennend, als die Tanda vorüber ist. ‚Du hast Talent.‘ Seine Stimme ist rau und hat einen Akzent, als komme er von weit her. Türkei. Russland. Iran. Irgendeine Ferne, von der wir träumen, wenn uns langweilig ist. 

‚Danke‘, sagt Nele geschmeichelt und sieht ihm nach, wie er mit gebeugten Schultern aus dem Raum geht. („Frauen wollen immer reden“)

Auch Attentate von Terroristen können den erfahrenen Tänzer nicht von seinen Códigos abbringen – selbst, falls er sie nicht schreiben kann:

„Während in Paris der Terror zuschlägt, setzt der Mann am Tresen gekonnt die blickweise Aufforderung des Tangos ein. Doch ein Cabaceo macht noch keinen Tango.“ („Der Erdbeermann“)

Auch das natürliche Leistungsgefälle zwischen dem Lehrpersonal und Schülerinnen verdient Erwähnung:  

„‚Lass dein Bein einfach nach vorn fallen‘, hört sie die leise Stimme des Tangolehrers neben sich. Wie eine Raubkatze hat er sich angeschlichen. ‚Bleib locker, erzwinge keinen Schritt. Geh nur so weit, wie dein Körper es will.‘ 

Mira schießt das Blut in den Kopf, sie fühlt sich ertappt. Nicht einmal einfach laufen kann sie. („Das Versprechen“)

Doch wie könnte man ruhig und entspannt bleiben, wenn der Tangolehrer auf Raubtierpranken unterwegs ist – zweifellos ein Bild, das mich noch in meinen Träumen verfolgen dürfte…

Die schönsten Zitate lieferte mir die Begabung der Autorin, metaphorische Projekte als Stilblüten verenden zu lassen: 

„Der Fremde atmet tief ein, sie folgt seinem Atem. Was für eine Wohltat, aus Halloween aufzuerstehen in einer Blüte aus Atem, einer Tango-Orchidee.“ („So leicht, so schwer“)

„Ein Raum wie aus einem Märchenbuch, in dem sich nicht nur Tango, sondern auch warmer Apfelkuchen mit Milchkaffee genießen lässt. Das Loft treibt seine blühenden Wurzeln in den Wedding wie eine stumme Revolte.“ („Sind Tangotänzer die besseren Liebhaber?“)

„Sein Körper mit den vornübergebeugten Schultern gleicht der Sichel des Mondes, die vom Alexanderplatz über die ehemalige Stalin-Allee bis in die Fenster der Panoramico-Bar leuchtet. Revolution war gestern, heute wird getanzt.“ („Frauen wollen immer reden“)

Na ja, ein bisschen Revolution darf schon sein. Immerhin lässt die Autorin gelegentlich auch weibliches Aufbegehren zu:

„Männer sind dazu da, um Spaß zu haben, und für diesen Spaß bricht sie gern die albernen Regeln, die mit dem Tango Argentino nach Berlin importiert wurden, als sei dessen Ziel, emanzipierte Frauen neue Unterordnung zu lehren. Auf hohen Stöckelschuhen, in denen sie sich nur unsicher bewegen können, warten sie brav am Rand der Tanzfläche, bis Männer sie diskret per Augenzwinkern auffordern. Wer nicht aufgefordert wird, hat Pech, wer nicht in hohen Schuhen laufen will, auch.“ („Nüchterne Nächte“)

https://www.tango-argentino-online.com/buch-tango-liebhaber

Abschließend bitte ich die Autorin um Vergebung. Sie kann ja nichts dafür, dass ein gewisser Schreibstil bei mir stets Anfälle von Pennäler-Albernheit hervorruft. Das Buch ist bislang sehr gelobt worden und wird sicher seine Lerser/innen finden. Sollte ein Hörbuch geplant sein, empfehle ich dringend, es von Iwan Harlan einsprechen zu lassen!

Aber das alles beantwortet ja nicht die Ausgangsfrage! Glücklicherweise habe ich eine andere Quelle aufgetan, welche erfreuliche Aufklärung liefert:

„Die Behauptung: ‚Tänzer sind die besseren Liebhaber.‘

Fakt oder Fake?

Ob das stimmt, weiß Bestsellerautor Eric Hegmann. Er kennt sich bestens mit Männern, Frauen und Studien aus, und seine Einschätzung ist ziemlich eindeutig.

Das ist – in den allermeisten Fällen – richtig. Denn gute Tänzer haben ein positives Körpergefühl, und das ist ein Zeichen für ein stabiles Selbstwertgefühl. Das wiederum zeigt sich beim Sex.“

Und wir erhalten dort sogar noch Trost für durchschnittliche Tangotänzer:

„Es gibt natürlich auch Menschen, die keinen Takt halten können und dennoch gute Liebhaber sind.“

https://www.jumpradio.de/morningshow/fakt-oder-fake/sind-taenzer-bessere-liebhaber-100.html 

Wie schön! Dies bringt mich auch von dem quälenden Gedanken ab, mir beim Blick auf die üblichen Tanzflächen vorstellen zu müssen, wie sich das erst im Bett ausnehmen mag…

Für die Tänzer im Tango-Durchschnittsalter sei aber darauf hingewiesen, dass die Martin-Gänse im Buch schon eher jüngere Männer anziehend finden. Den Grund hat die skandalumwitterte Schauspielerin Mae West stocknüchtern so formuliert:

"Bei älteren Liebhabern weiß man nie genau, wo die Leidenschaft aufhört und das Asthma beginnt."


                                               
Illustration: www.tangofish.de

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