Den Cabeceo herrklärt

Mit dem Tango scheint es derzeit aufwärts zu gehen. Der beste Beweis dafür: Die Regelbewahrer schreiben neue Texte.

Heute erhielt ich den Newsletter der Seite „Tango am Bodensee“ (diesmal die Nummer 274). Neben der Information, dass man beim Tangofestival in Münster demnächst wieder an Zehnertischen untereinander auffordern darf, findet man einen Aufsatz des Tangolehrers Wolfram Berger über die Segnungen des Cabeceo.

Er beginnt mit einer lustigen Anekdote. Auf einer Milonga habe er „bei einem schönen Bierchen“ gerade das Treiben auf der Tanzfläche beobachtet, als eine „resolute Dame“ an ihn mit den Worten herangetreten sei: „Ich hab´s die ganze Zeit mit Cabeceo probiert, aber du hast es nicht gemerkt!“ Seine spontane Antwort: „Das ist die Gnade des Cabeceo, dass ich ihn nicht merken muss!“ 

Die Arme habe einfach dafür büßen müssen, dass dem Autor Ähnliches schon ein paar Mal zuvor zugestoßen sei (ob von derselben Dame, wird nicht klar). Aber er habe dann doch brav mit ihr getanzt.

Ich finde, der Schreiber hatte bei einer solch unhöflichen Antwort Glück, dass die Frau noch mit ihm tanzte und sich der Rest des Bierchens immer noch im Glas anstatt in seinem Antlitz befand. Aber ich weiß von vielen weiblichen Geschichten: Das ist Milonga-Realität. Die Frauen machen meist gute Miene zu solch bösem Spiel.   

Anschließend kriegen wir die Vorzüge der Códigos erklärt, die „in Argentinien und der Tangowelt“ (?) ein „gedeihliches und möglichst konfliktfreies Miteinander“ fördern sollten.

Zu deren Verbreitung und Verbindlichkeit trifft der Autor allerdings widersprüchliche Feststellungen. Einerseits spielten sie „dummerweise in den meisten hiesigen Tangolehranstalten eine sehr untergeordnete Rolle“, andererseits fände der Cabeceo „immer mehr Freunde“ und werde „bei einer Vielzahl von Events von den Veranstaltern bereits eingefordert“. Ja, was denn nun? Für mich ist es stets eine gute Strategie, wenn ich mir über eine Aussage erst selber klar werde, bevor ich sie formuliere.

Natürlich darf der Knüller nicht fehlen: 

„Das schlagendste Argument für den Cabeceo ist aber wohl schlicht die Verwirklichung von Gleichberechtigung.“

Nun gut, ich will nun nicht wieder die Argumentationen herunterbeten, die ich unter dem Label „Aufordern / Cabeceo“ in 12 Texten auf meinem Blog schon veröffentlicht habe – und zusätzlich noch einiges zum Thema „Frauen und Männer“ (73 Artikel). 

Überdies ist es mir egal, wenn andere per Blickkontakt auffordern, weil sie dies für richtig halten. Tue ich manchmal auch, wenn es passt. Und ich nehme es gelassen zur Kenntnis, dass man über eine angeblich so überlegene Aufforderungsweise seit einem Jahrzehnt verbissen debattiert.

Ich möchte mich nur nicht belehren lassen, was „man“ beim Tango tut oder lässt. 

Ich habe den Text im Newsletter mehrfach genau durchgelesen und dabei nicht eine Andeutung entdeckt, dass der Schreiber seine Weisheiten als persönliche Ansicht darstellt. Nein – und das ist typisch für solche Verkündigungen. Es ist einfach so. Basta. 

Am deutlichsten wird dies, wenn uns der Autor Ausnahmen vom Cabeceo erlaubt: Wenn man sich eh gut kennt oder jedenfalls länger beisammensitzt. (Was er nicht erwähnt: Sich extra zu einer Frau zu setzen und sie erst vollzulabern, um dann nach einem Tanz zu fragen.) Er fährt fort: 

„Im Folgenden allerdings gibt es für mich kein Relativieren: Ein unbekanntes Gegenüber anders als mit Cabeceo zum Tanz bewegen zu wollen, zeugt von einem deutlichen Mangel an Anstand oder mindestens Gespür. Das macht man einfach nicht!“

Ich fürchte, was man tatsächlich nicht machen sollte, ist: Sich zum Moralapostel aufzuschwingen und anderen Gespür und Anstand abzusprechen, wenn sie so auffordern wie in der Tanzschule. Da tue auch ich mich mit dem Relativieren schwer. 

Immerhin, „Nötigung“ oder gar „Gewalt“ sei es, so die Expertise, nicht. Da dank ich auch recht schön! Und man könne auch durch ständiges Anstarren nötigen. Ja, es gibt ganz viele Gründe, keinen Tango zu tanzen. Dies bildet die Grundstruktur solcher Texte. 

Eine Milonga ist in dieser Perspektive ein Hort der Gefahren: Die „Losstürmer und VordiedamenoderherrenhindapperInnen“ laufen Gefahr, eine „öffentliche Watschen“ einzufangen, indem sie „nach einem Korb wie ein geprügelter Hund“ an ihren Platz zurückschleichen müssen. Da darf dann die Drohung nicht fehlen: „Ihr könnt euch sicher sein, dass ihr es damit zu einer gewissen Popularität bringt. Ja, man redet über euch!“ 

Sorry, das ist nicht meine Welt. Ich besuche eine Milonga, weil ich gerne Tango tanzen möchte, und ich setze dies auch bei den anderen Besuchern voraus. Dass nicht jeder Tanz ein reines Vergnügen darstellt, liegt an der Ungerechtigkeit der Welt. Deshalb hocke ich aber nicht hinter meinem Bierglas und sehe gelassen zu, wie manche Frauen stundenlang nicht aufgefordert werden. Und wenn sich dann eine hertraut, lasse ich keinen dummen Spruch ab, sondern sage höflich ja. Ich hoffe, damit mehr zur weiblichen Emanzipation beizutragen als bräsige Tango-Promis. 

Es gibt da nämlich die für mich immer noch maßgebliche Rolle des Gentleman. In früheren Zeiten verstand man darunter einen höflichen und wohlerzogenen Herrn, den auch ein weiblicher Fauxpas (wenn er denn dies so sah) nicht die Contenance (auch so ein schönes Wort) raubte. Der im Gegenteil so tat, als sei alles wunderbar. Und natürlich mit den Damen in Gesellschaft tanzte, wenn sie dies wollten.

Der jedenfalls nicht „Mansplaining“ (zu Deutsch „Herrklären“) betrieb und genau wusste, was gut für die Frauen ist und wie sich zu emanzipieren hätten. Was das Schönste am Cabeceo sei? „Ich kann mir sicher sein, dass mein Gegenüber gerne mit mir tanzt, wenigstens für diese Tanda!“

Ja, das mag aus männlicher Sicht so wirken. Vielleicht aber hat es für manche Tänzerinnen auch nur diesen Grund: Lieber mit diesem Trottel aufs Parkett statt noch länger herumzusitzen.

Daher rate ich dringend zu der Erkenntnis: Was gut für sie ist, wissen Frauen üblicherweise besser. Auch, wie sie aufgefordert werden wollen.  

Schon Sigmund Freud, wohl kein Tangotänzer, übte sich bei diesem Thema in Bescheidenheit: 

„Die große Frage, die ich trotz meines dreißigjährigen Studiums der weiblichen Seele nicht zu beantworten vermag, lautet: ‚Was will eine Frau eigentlich?‘“

Immerhin schließt der Autor seinen Artikel versöhnlich: 

„Aber wovon reden wir eigentlich? Wer würde sich in diesen tangolosen Zeiten nicht sehnlichst wünschen, einfach mal wieder aufgefordert zu werden, gerne plump, und ganz ohne Cabeceo!“

Da könnte man hoffen, dass Corona noch etwas bliebe…  

P.S. Den ganzen Text erhalten Sie wahrscheinlich, wenn Sie den Newsletter bestellen:

https://www.tangoambodensee.info/index.php/newsletter-neu


Kommentare

  1. Robert Wachinger6. Oktober 2020 um 12:46

    Nur so allgemein zum Freud-Zitat angemerkt. Ludwig Bernhard kennt die Antwort, siehe https://www.youtube.com/watch?v=QAp7PmrjP7I ;-)

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    1. Was Frauen wirklich wollen: "more"... Eine herrliche Kabarett-Szene - herzlichen Dank!

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  2. Natürlich habe ich den Verantwortlichen der Seite "Tango am Bodensee" umgehend per Mail über meinen Artikel informiert.

    Ebenso trat das Erwartete ein: Man hüllte sich in Schweigen.

    Ich sage halt voraus: Der Tango wird durch ein solches Verhalten nicht attraktiver. Wenn man über Regeln nicht diskutieren will, wirken sie kaum überzeugend. Und auch nicht deren Verkünder.

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