Jeder Beitrag willkommen?

 

Eigentlich könnte ich mich freuen: Mein Artikel „Vom Vermeiden des Tango-Frusts“ hat die Zugriffsraten meines Blogs in ungeahnte Höhen transportiert: Gestern verzeichnete meine Seite an die 2000 Zugriffe! War das Thema so interessant? Ich finde schon. Trotzdem ist mir klar, dass es wohl eine andere Ursache gibt: die hohe Zahl von meist kontroversen Kommentaren. Derzeit gibt es davon 21 (inklusive meiner Antworten).

Obwohl nicht persönlich angesprochen, tat sich dabei besonders ein Tangoveranstalter hervor, mit dem ich schon manchen Strauß ausgefochten habe.

Obwohl sich der Kommentator (im Gegensatz zu früheren Äußerungen) diesmal halbwegs zurückhielt, konnte er doch Sprüche wie diese nicht lassen:

„Wer nicht in Unterricht investiert, wird für immer billig tanzen.“

„Das alles lernt man nicht durch Herumprobieren im Wohnzimmer.“

„Wohnzimmer-Tango bleibt dann eben genau das: gemütlich – aber begrenzt.“

„Bist Du überhaupt in der Lage, Unterricht so zu ‚lesen‘, dass Du das Gezeigte nicht nur als Schrittfolge reproduzierst, sondern die einzelnen körpersprachlichen Elemente wirklich verstehst – und in Deinen eigenen Tango integrierst?“

„Und genau dieses Niveau erreicht man eben nicht durch Wohnzimmer-Romantik oder freies Herumprobieren“

„Natürlich kann man auch einfach ‚eine Runde drehen‘. Das geht auch im Wohnzimmer. Aber auf einer Milonga mit Niveau – mit erfahrenen Tänzerinnen und Tänzern – wird es schwer, wenn man sich tänzerisch nicht entwickelt hat.“

„…wirkt eher wie der Versuch, dein Weltbild zu schützen, in dem abweichende Meinungen nicht vorgesehen sind“

Ich gestehe, dass mich die letzte Äußerung besonders ärgert. Ich habe sechs ziemlich lange Kommentare des Herrn geduldig und ausführlich beantwortet. Aber wahrscheinlich hätte ich seinen Argumenten zustimmen sollen. Alles andere gilt wohl nicht.

Weiterhin gab es jede Menge Eigenwerbung dieser Person. Na ja, wenn man schon mal auf einem viel gelesenen Blog schreibt, dann am besten über sich selber!

Als ich es wagte, dann auch mal kurz auf meine eigenen Tangoerfahrungen zahlenmäßig hinzuweisen, wurde ich hinsichtlich meiner Biografie streng ins Gebet genommen: Kann doch nicht sein, dass man so viele Milongas besucht hat, nebenbei auch noch zauberte und trotzdem beruflich tätig war! Zudem wurden mir noch Kinder unterschoben, um die ich mich ja auch noch kümmern müsse. Dass ich gar keine habe, war dem Kritiker offenbar unbekannt. Aber egal, man kann es ja einfach mal behaupten…

Das Ganze entwickelte sich dann eher zu einem Verhör über die Daten meiner Biografie. Klar, man will zwar nicht behaupten, dass ich lüge, aber so richtig glauben kann man es auch nicht. Und irgendwas wird schon hängenbleiben – vielleicht schwindelt der Riedl ja doch…

Fragen in die Gegenrichtung habe ich keine gestellt. Warum? Weil’s mir egal ist.

Neu ist, dass man im Duo kommentiert und sich so die gewünschten Bälle zuspielen kann.

Und warum der ganze Aufwand? Weil ich die Behauptung wagte, ohne Frust komme man im Tango weiter. Inzwischen weiß ich, dass man an das Gegenteil glaubt. Und nebenbei hat man mich ein wenig heruntergemacht.

Was bleibt nun von dem ganzen Aufwand, mit dem ich die vielen Einlassungen beantwortet habe? Kommen die ganzen Zugriffe wirklich von Leuten, die sich ernsthaft für dieses Thema interessieren? Oder stehen eher grölende Fans an der Seitenlinie und warten auf besonders spektakuläre Fouls? Ich fürchte, dass viele Klicks darauf zurückgehen. Und genau das möchte ich nicht.

Gegen Ende durfte ich noch das lesen:

„Du betonst selbst, dass auf deinem Blog jeder Beitrag willkommen ist, solange man mit Klarnamen schreibt. Man wird sehen, ob das so bleibt – oder ob die Stimmen anderer Leserinnen und Leser recht behalten, die sich über selektive Freischaltung beschwert haben.“

Gut, dass der Autor hier verschweigt, dass ich auch danach gehe, ob man zum Thema schreibt und halbwegs höflich bleibt. Und ob mir Beiträge, die hundertmal geäußerte Vorwürfe wiederkäuen, besonders willkommen sind, darf bezweifelt werden. Natürlich erhebt man verklausuliert den alten „Zensur-Vorwurf“. Vor allem aber meint man, für einen Kommentar reiche es, wenn einem irgendwas einfiele. Oder man lediglich auf andere Kommentare eingeht, was dann schnell von Hundertsten ins Tausendste führt. Und das Thema des eigentlichen Artikels verschwindet leise weinend am Horizont...

Natürlich geht man vom selbstverständlichen Recht aus, auf meinem Blog kommentieren zu dürfen:

„Und klar: Wenn mich künftig etwas triggert, werde ich wieder kommentieren – sachlich, direkt und im Rahmen dessen, was eine öffentliche Debatte ausmacht.“

Tja, das kann der Betreffende sicher machen. Und er wird dann sehen, ob ich es auch veröffentliche. Mein Blog ist keine „freie Rednerbühne“, auf der jeder aufbaumen und irgendwelchen Käse zu irgendwas verzapfen kann. Die Entscheidung, ob ich einen Beitrag für interessant und relevant halte, liegt bei mir.

Bei Bedarf bieten ja die Privatsender genügend prollige Streitereien, gerne auch schon im Nachmittagsprogramm. Zumal Gerichtsshows, wo böse Buben sich mit voreingenommenen Zeugen und dem Staatsanwalt zoffen. Notfalls würden sich zu dem Zweck sogar vor sich hin kränkelnde andere Tangoblogs anbieten.

Also, liebe Kommentatorinnen und Kommentatoren: Schreiben Sie ruhig und schicken Sie mir ihre Ausarbeitungen! Sie sehen ja dann, ob ich sie veröffentliche.

Und wenn nicht: Frust fördert ja das Lernen!

P.S. Uralter Zoologen-Witz: Ein Prüfling hofft, dass als Thema der Regenwurm drankäme. Leider will der Professor Näheres über die Elefanten wissen. Nach einigem Grübeln kommt die Antwort: Der Elefant hat einen Rüssel, der aussieht wie ein Regenwurm. Die Regenwürmer..."

Illustration: www.tangofish.de

Kommentare

  1. Ein Wort aus dem Publikum

    Also wenn das hier kein Lehrstück in Sachen Tango-Frust war, weiß ich auch nicht. Da schreibt jemand, wie wunderbar man sich auch ohne Unterricht entwickeln kann – und als Reaktion darauf tanzt der Blogbetreiber verbal erst mal eine zünftige Runde gekränkten Stolz.

    Dabei fing alles ganz harmlos an: Ein paar Leute haben widersprochen, höflich übrigens – und sogar mit Argumenten. Man hat sich getraut, Fragen zu stellen. Über Zahlen. Über Aussagen. Über das Tanzen im Wohnzimmer.

    Und plötzlich war’s dann kein Meinungsaustausch mehr, sondern ein vermeintliches Verhör, ein „Duo“, eine Intrige, vielleicht sogar eine Verschwörung gegen den heiligen Gral des selbstgelebten Tangoverständnisses.

    Jetzt gibt’s neue Regeln: Kommentare bitte nur noch freundlich, kurz, thematisch passend und möglichst zustimmend. Denn Tango darf alles sein – nur bitte nicht kontrovers. Und wehe, jemand hat eigene Erfahrungen gemacht! Das ist dann sofort Eigenwerbung. Oder Majestätsbeleidigung.

    Dabei wäre es doch ganz einfach: Wer Tango ernst nimmt, darf auch streiten. Mit Haltung, mit Leidenschaft – und manchmal sogar mit einem Augenzwinkern.
    Aber gut. Vielleicht war der Regenwurm einfach zu lang.

    Mit besten Grüßen
    Ein einfacher Tänzer mit Meinung

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    1. Lieber Meinungsinhaber,
      Sie schreiben:
      „Da schreibt jemand, wie wunderbar man sich auch ohne Unterricht entwickeln kann – und als Reaktion darauf tanzt der Blogbetreiber verbal erst mal eine zünftige Runde gekränkten Stolz.“
      Da haben Sie leider etwas durcheinandergebracht:
      Dass man sich im Tango auch ohne Unterrichts-Frust gut entwickeln kann, habe ich geschrieben.
      Aber bei diesem ganzen Kommentar-Wirrwarr kann man schon mal durcheinanderkommen…

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  2. Herr Riedl,

    Sie haben völlig recht – die Aussage, dass man sich im Tango auch ohne Unterricht entwickeln kann, stammt tatsächlich von Ihnen. Und genau deshalb war die eigentliche Pointe meines Kommentars ja auch nicht Ihre These, sondern Ihre Reaktion auf die Kritik daran.

    Denn statt sich über die Diskussion zu freuen oder sachlich zu bleiben, haben Sie gleich mehrere Beiträge genutzt, um über angebliche Eigenwerbung, „Kommentarduette“, Majestätsbeleidigungen und jetzt auch noch zu lange Regenwürmer zu schreiben.

    Wenn man das Thema „Frust im Tango“ also an einem praktischen Beispiel veranschaulichen wollte, war das, was folgte, ein ziemlich gutes Live-Experiment.

    Mit bestem Gruß
    Ein Blogleser mit Gedächtnis

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    1. "Ein Blogleser mit Gedächtnis" - Spitze, der Gag war gut! Vielleicht fällt Ihnen zukünftig sogar Ihr wahrer Name ein.
      Auch im Herausreden sind Sie stark! Nehmen Sie sich zukünftig beim Lesen der Texte einfach mehr Zeit, dann passieren Ihnen solche Klopfer vielleicht nicht mehr.
      Ja, der Frust im Tango...
      Aber den Witz mit dem Regenwurm erkläre ich Ihnen jetzt nicht auch noch.

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