Das Comeback der offenen Umarmung
Die Facebook-Posts der Tangolehrerin Melina Sedó sind für mich stets ein Quell der Inspiration. Während ihr vor Jahren der Tango gar nicht konservativ genug sein konnte, überrascht sie mich seit einiger Zeit immer mehr mit Aussagen in der Preislage von: Traditioneller Tango – was soll denn das sein?
Kürzlich las ich auf Facebook einen Beitrag von ihr unter der Überschrift:
„Das Comeback der offenen Umarmung oder: Ist sie nie weggegangen?“
Hier der Text:
„Also... vor kurzem habe ich ein Video von einer Milonga gesehen, bei der alle in offener Umarmung tanzten. Versteht mich nicht falsch, es ist natürlich nichts falsch daran, in offener Umarmung zu tanzen. Wir machen das im Unterricht ständig.
Aber ich war überrascht, weil ich glaubte, das sei eine Sache der Vergangenheit. Wir reisen weit und breit, und ich sehe nur selten jemanden, der außerhalb des Unterrichts oder nach dem Erreichen des Anfängerniveaus in offener Umarmung tanzt. Selbst bei Marathons tanzen alle Close Embrace.
Täusche ich mich?“
Der erste Kommentar dazu:
„Eindeutig falsch. Viele tanzen offen, die meisten, soweit ich sehe, gemischt, und oft scheint es, als würden viele einfach geschlossen tanzen. Also......gemischt. Das hängt von der Veranstaltung ab. Optisch denke ich, dass ich meistens geschlossene mit teilweise offener Umarmung sehe. Verwirrend?“
Melinas Verblüffung nahm dadurch nicht ab:
„Na gut. Aber eine ganze Milonga, bei der alle in offener Umarmung tanzen? Ist das nicht ungewöhnlich?“
Sie möchte jedoch nicht missverstanden werden:
„Warum fügen alle weinende Gesichter hinzu? Mein Beitrag war nicht als Wehklagen gedacht, sondern nur als Feststellung. Wenn die Leute in offener Umarmung tanzen wollen, sollen sie das tun. Ich bevorzuge die enge Umarmung, aber ich muss nicht mit jedem auf der Welt tanzen.“
Bedenken wir also: Wer mit der Chefin tanzen will, solle dies in geringem Abstand tun, sonst wird das nix!
Teilweise waren die Lesenden schon irritiert:
„Das Problem ist dann, wie man den nächsten Tanzpartner auswählt, den man dann nur noch offen tanzen sieht. Es ist schon vorgekommen, dass sie auch nicht geschlossen mit mir tanzen wollten...“
Also, bei aller Toleranz: So geht das natürlich nicht!
Eine Auswahl der weiteren Kommentare:
„Viele (argentinische) Lehrer, die sich auf Figuren konzentrieren, lehren nie wirklich, wie man enge Umarmungen tanzt (besonders in Workshops). Was kaum jemand erzählt: Es ist so viel einfacher und schöner, in enger Umarmung zu kommunizieren.“
„Offene Umarmung ... Tänzerinnen und Tänzer schauen auf ihre Füße, um die ‚richtigen Schritte' zu machen? Ja, das kommt vor. Aber nicht alle auf einer Milonga... Mein ‚weinendes Gesicht', weil es meinen Augen und meinem ästhetischen und künstlerischen Empfinden weh tut. Ein Grund, mehr und mehr zu Encuentros zu gehen."
Eben, es gibt doch Milongas mit „Kuschelzwang“!
„Meine Beobachtung: Je mehr Anfänger, desto mehr offene Umarmungen. Es ist einfach nicht ‚normal’ in der westlichen Kultur, einer unbekannten Person so nahe zu sein und muss gelernt werden. Aber mehr Anfänger sind sehr gut – also würde ich mich nicht beschweren”.
Wir folgern daraus: Fortgeschrittene tanzen halt eng – basta!
Erstaunlich viele Leserinnen und Leser betonen allerdings die Vielfalt:
„Die Welt ist nicht schwarz und weiß, sondern hat tausend Grautöne. Ebenso gibt es unterschiedliche Umarmungsschichten zwischen ‚nur Hand‘ und ‚Ganzkörper‘. Ich war auch ein eifriger Verfechter der letzteren. Aber jetzt habe ich erkannt, dass, wenn man der Umarmung mehr Struktur und Zeit zum Atmen gibt, sich tatsächlich neue Empfindungen im Tanz einstellen. Und das ist es doch, wonach wir uns alle sehnen, nicht wahr? Momente der Harmonie und Empfindung mit unserem Tanzpartner zu erleben. Flexibel zu sein ist die nächste Stufe.“
„Auch die Stile und Bezeichnungen („milonguero“, „salon“, „nuevo“) werden immer flexibler und lehnen sich aneinander an.“
„Ich fing an, in enger Umarmung zu tanzen, und verstand lange Zeit nicht den Grund oder den Reiz der offenen Umarmung. Ich konnte es auch einfach nicht umsetzen. Als ich während der Pandemie mit Freunden zu Hause übte, machte es irgendwann bei mir klick und ich konnte die Verbindung in der offenen Umarmung finden, die ich vorher vermisst hatte. Jetzt genieße ich es sogar, mit so wenig Kontakt wie möglich zu tanzen – Milonga zu tanzen, während man nur die Finger des anderen hält, ist ein erstaunliches Gefühl der Verbindung.“
Ich finde es stets amüsant, wenn Tangueros den Pflichtkontakt einer rachitischen Männerbrust mit den weiblichen Milchdrüsen irgendwie technisch begründen wollen. Klar – welchen Grund könnte es auch sonst geben? Da sollen sich die Weiber mal nicht so anstellen!
Ich weiß nicht, ob es Frauen besonders aufregend finden, wenn sie in einen Hemdkragen muffeln müssen – und Männer ihre Nase ins Friseur-Chemielabor zu stecken haben. Aber die Tradition verlangt es halt. Da ist Ekel kein Argument!
Dennoch muss ich anerkennen: Der Mann, welcher beim Tango die weibliche Pflicht erfand, auf diese Weise wildfremden Kerlen ihren Busen zu präsentieren, war ein Genie!
Selber finde ich halt, der geringe Abstand macht viele Bewegungen beim Tango ungleich schwieriger oder verhindert sie sogar. Klar, man kann solche Moves dann weglassen und den üblichen reduzierten Tanzstil praktizieren. Hauptsache eng…
Aber offenbar entfernen sich doch viele Tangoleute von solchen Auflagen. Persönlich meine ich, der Abstand sollte fließend veränderlich sein – je nach Musik, Bewegungsweise und persönlichem Geschmack.
Es gilt auch hier wieder: Zu viele starre Regeln machen den Tango kaputt!
Immerhin kommt sogar der große Murat Erdemsel bei diesem Post zu der Erkenntnis:
„In meinem Umfeld sehe ich meistens Menschen, die keine Grenze dazwischen ziehen. Auch ich höre mich im Unterricht nie über diese beiden sprechen.
Für mich geht es nicht darum, diese beiden Entitäten zu vermischen, denn ich glaube nicht, dass es zwei gibt. Musik zieht und drängt mich dazu, mich von meinem Partner zu entfernen oder ihm näher zu kommen, während ich keine Trennlinie zwischen den beiden fühle. Ähnlich wie die Musik uns manchmal dreht und dann wieder geht oder uns manchmal zum Bleiben zwingt. Ich kann mir den Tanz nicht vorstellen, wenn es nur eines oder zwei davon gibt.“
Ist die offene Umarmung nun zurückgekehrt oder nie weggegangen? Auch diese Grübelei ist eine echte Alternative zum Tanzen!
Anekdote: Eine Tangofreundin erzählte mir einst, ein Tänzer habe sie gleich zu Beginn stramm an seine Heldenbrust genietet. Als er ihr Widerstreben bemerkte, fragte er: „Nicht eng tanzen?“ „Schon, aber…“ Weiter kam sie nicht – rumms, flog sie zum zweiten Mal dorthin, wo es eng wird!
Allerdings – und nun wird es kompliziert – scheint es wohl 30 verschiedene Umarmungen zu geben. Sogar ohne Musik:
https://www.youtube.com/watch?v=YYlO0cAHCFU
Interessant, dass du meinen Kommentar in zwei Teile zerlegst und diese dann in umgekehrter Reihenfolge präsentierst.... um mir dann eine Schlussfolgerung zu unterstellen, die da weder steht, noch von mir beabsichtigt ist. Das ist schon eine rhetorische Hinterhältigtkeit, die ich nicht OK finde...
AntwortenLöschenWenn du in meiner Analyse, warum etwas so ist, ein allgeeines Werturteil siehst, dann ist das deine Sache. Aber dann verfälsche btte nicht meine Aussage, in dem du sie auseinander reißt. Da bitte ich um Korrektur.
Lieber Carsten,
Löschensoweit ich sehe, hast du in diesem Zusammenhang einen einzigen Kommentar gepostet, aus dem ich eine zusammenhängende Feststellung zitiert habe. Ich glaube, deren Sinn kommt klar heraus. Insofern kapiere ich deine Aufregung nicht.
Sollte ich etwas übersehen haben, bitte ich um ein genaues Zitat deines Kommentars und die diesbezügliche Begründung – per Mail: mamuta-kg@web.de Dann schaue ich mir das Ganze nochmal an.
Zudem weise ich darauf hin, dass ich die Autoren der Kommentare nicht genannt habe. Zum Nachschauen ist der FB-Post verlinkt. Interessierte können also den gesamten Kommentarverlauf nachlesen.
Beste Grüße
Gerhard