Tango: me too


„Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ist nur möglich, wenn die Frau sich unterordnet.“
(Marcus Valerius Martialis, 40-104 n. Chr.)

Die letzten Artikel über die Rolle der Frauen im Tango haben meinem Blog ungeahnte Zugriffsraten beschert: Allein gestern gab es insgesamt 700 Aufrufe, der Artikel „Allein unter Weibern“ von meiner Berliner Gastautorin liegt von allen 650 Blog-Veröffentlichungen jetzt auf Platz 3, der Text „Kreuz und Queer“ von derselben Verfasserin ist der meistgelesene in den letzten 30 Tagen und hat, wie berichtet, auf der FB-Seite von Thomas Kröter eine lange und heftige Debatte ausgelöst:

Wenn man das dortige Teilnehmerfeld einmal zahlenmäßig auswertet, ergibt sich Erstaunliches: Der Post erhielt 8 „Gefällt mir“-Angaben, davon 6 von weiblicher Seite (75 %). An der Diskussion beteiligten sich 23 Personen, davon jedoch nur 7 Frauen (30 %).

Grob gesagt standen sich folgende Ansichten gegenüber:

·         Gerade durch den Cabeceo seien Männer und Frauen im Tango gleichberechtigt, maßgebliche Probleme sähe man keine.
·         Die herrschenden Aufforderungsrituale begünstigten eher die Männer, von einer Chancengleichheit sei man noch deutlich entfernt.

Zur letzteren, kritischen Betrachtungsweise tendierten bei den Frauen 5 (also 71 %), während dieser Ansicht nur 5 von 16 Männern zuneigten (31 %).

Fazit: Für die Mehrheit der Herren ist die Gleichberechtigung im Tango erreicht, für die überwiegende Zahl der Frauen nicht!  

Bei dieser Diskussion wie auch in unserer Facebook-Gruppe (die letzten beiden Zitate) artikulieren sich Frauen weitgehend sehr deutlich:

„Wenn ich fremd bin irgendwo, greift der Cabeceo sowieso nicht, weil gute Tänzer dann an mir vorbeigucken, selbst wenn ich ein gute Tänzerin bin... denn sie haben ja genug gute Folgende um sich, die aufgefordert werden wollen.

„Meistens beobachte ich es auch so... meistens bestimmen die Männer das Geschehen... und wir Frauen müssen uns dem meistens unterordnen.

„Und an einem dieser 4 Tage regte sich wirklich ein Tänzer (der wohl auch unterrichtet) darüber auf, dass zu viele Frauen führen würden...und das 2018.

„Ich fordere als Frau / führende Frauen auf mit null Problemen, Männer nicht mehr, die Körbe sind oft echt unverschämt.

„Meine Erfahrung ist: Frauen sind dankbar, wenn sie aufgefordert werden, manche Männer lassen sich herab.“

„Ich empfinde den Cabeceo (…) als etwas sehr Unnatürliches, Aufgesetztes und unter erschwerten Bedingungen nicht wirklich Praktikables... und vermutlich habe ich ihn deshalb in 20 Jahren immer noch nicht wirklich drauf.

„Nach 10 Monaten wundere ich mir noch immer einen Wolf über die sonderbaren Auswahlszenarien, die ich über mich ergehen lassen muss.

„Mir hat mal ein Mann, den ich aufgefordert habe, gesagt, dass er nicht mit mir tanzen will, weil ich zu dick bin. Mein Appell an die ‚normalen‘ Frauen: Habt Spaß am Tanzen und kümmert euch um euch selbst. Manche Männer lohnen sich einfach nicht als Tanzpartner!

Na gut, wahrscheinlich habe ich wieder mal falsch zitiert oder Statistiken manipuliert… Aber Bilder sagen mehr als Worte: Thomas Kröter hat auf Facebook gestern ein Foto veröffentlicht, das beim „Riga Embrace 9, 2017“ anderthalb Reihen wartender Damen zeigt:

Da bei solchen Encuentros die Geschlechter getrennt einander gegenübersitzen, hat man den Gesamteindruck einer uniformiert wirkenden Frauenschar: alle gestylt, mit Tangoflatterkleidchen und Highheels. Die Assoziationen der Kommentatoren reichen von Hühnerstall bis Puff.

Ich frage mich schon einmal: Wieso sitzt da keine einzige Dame in Hosen, Sneakers oder Ähnlichem? Haben die zufällig alle denselben Modegeschmack? Keine, die ein zivileres Outfit bequemer findet? Oder geht es schlicht darum, dem Geschmack der Kerle zu entsprechen, die es übrigens durchaus salopper angehen lassen:

Na klar: Nicht der Freier muss sich aufrüschen… Und, noch schlimmer: Auch die Kleidergrößen scheinen genormt - so zwischen 40 und 42. Wird alles Abweichende ausselektiert?

Mich erinnert die ganze Geschichte schon ein wenig an die „Me too“-Debatte: Während die Herren der Schöpfung sich ihre Verhaltensweisen schön reden, leiden die Damen oft genug stumm. Wieso? Sie halten es für eigene Unzulänglichkeit, wenn sie beim Tango wieder einmal übersehen, zurückgewiesen oder hochnäsig belehrt werden: zu dick, zu alt, zu hässlich, tänzerisch zu schlecht.

Wie wäre es, den Spieß einmal umzudrehen? Vielleicht sind die betreffenden Kerle noch fetter, noch älter, noch hässlicher, tänzerisch nicht halb so gut, wie sie meinen – und vor allem: abgrundtief borniert?

Mir liegt es natürlich fern, Männer zu kriminalisieren, gar noch namentlich zu verurteilen – und klar gibt es viele Tänzer, die absolut respektvoll und zuvorkommend mit den Tangueras umgehen. Es ist auch keine Straftat, sich auf einer Milonga wie der letzte Depp zu benehmen. Klar benennen sollte man es allerdings – sonst wird sich nichts ändern, und bekanntlich kann ein fauler Fisch das ganze Fass verderben.

Aus meiner Sicht muss ein beim Tango ein No Go werden, eine weibliche Aufforderung, egal, wie sie erfolgt, zurückzuweisen (Ausnahmen bei argen Zumutungen natürlich eingeschlossen). Und Tänzer, welche nach Alter, Schönheit und Cliquenzugehörigkeit auffordern, sollten der sozialen Verachtung anheimfallen.  

Daher werde ich weiterhin auf der Suche nach „O-Tönen“ betroffener Frauen bleiben – möglichst nicht anonym, sondern unter voller Namensnennung. Meine Damen, es wird sich nichts ändern, wenn ihr weiterhin vornehm bis verschämt schweigt oder euch erst nach einer zweistelligen Jahreszahl outet – weder bei sexuellen Übergriffen noch bei sozialer Diskriminierung!

Daher mein Angebot: Ich veröffentliche auf meinem Blog zum Thema „Umgang mit Frauen beim Tango“ gerne jeden weiblichen Gastbeitrag, der genau zwei Kriterien genügt:

·         Zumindest ich muss den Namen der Autorin kennen.
·         Der Stil sollte das notwendige Minimum an Respekt zeigen.

Eine inhaltliche Zensur findet nicht statt: Wer mit den angesprochenen Verhältnissen im Tango zufrieden bis glücklich ist, darf dies genauso dartun wie das Gegenteil. Und selbstverständlich sind dann auch Männer zu Kommentaren dazu aufgerufen.

Seit Langem schon vergeht kaum eine  Woche, wo ich nicht Geschichten zum Thema erzählt bekomme. Ich würde sie halt gern veröffentlichen. (Am einfachsten per Mail an mich, siehe Infos bei Kommentare"!)

Und als Motivation noch ein hübsches Video:

Kommentare

  1. Lieber Gerhard,

    ich bin mir sicher, dass es mir nicht guttun würde, über unschöne Erfahrungen beim Tango zu schreiben: ich würde damit gedanklich Altes aufwühlen und erneut erleben und mit dem Text nach außen als Opfer dastehen. Aufwühlen will ich nicht, Opfer bin ich nicht!

    Ich habe nach einer für mich geeigneten "Lösung" gesucht, sie für mich beim Contango gefunden und darüber auf meinem Blog ichtich geschrieben. Wer in meinem Contango-Beitrag die positiven Elemente genau anschaut, kann dahinter das Negativ-Element entdecken, das ich im Tango erlebt hatte. Für mich war es gut und richtig, das Neu-Entdeckte positiv zu beschreiben.

    Wichtiger als über zurückliegende negative Erlebnisse zu schreiben, erscheint es mir, nach dem Positiven zu fragen und zu verstärken:
    Wann und wodurch wurde eine ungute Situation in etwas Gutes verwandelt?
    Was hat geholfen, eine unschöne Situation zu vermeiden oder zu verändern?
    Was kann ich selbst aktiv ändern? ...

    Daher bekommst du von mir kein "Me too", stattdessen ein "Me - no longer" (oder wie man das auf Englisch korrekt sagen würde).

    Hilfreich für mich waren und sind die Milongas, bei denen möglichst alle in guter, freundlicher Atmosphäre zum Tanzen kommen - so, wie wir es bei euch in Pörnbach immer wieder erleben. Bis bald,

    Mirjam

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    1. Liebe Mirjam,

      ich respektiere natürlich deine Entscheidung.

      Aus meiner Sicht kann es aber durchaus zur Bewältigung einer Situation beitragen, wenn man sich im Rückblick klar macht, dass es (zumindest nicht nur) an eigenen Unzulänglichkeiten lag, warum man irgendwo ausgestiegen ist, sondern (auch) am Verhalten anderer. Gerade dann fühlt man sich nicht als Opfer, sondern als jemand, der eine Situation autonom, also positiv bewältigt hat.

      Es ist natürlich schön, wenn du beim Contango nun eine entgegenkommendere, freundlichere Heimat gefunden hast – obwohl es schade ist, dass mal wieder jemand den „klassischen“ Tango verlässt – aus Gründen, die meiner Ansicht nach vermeidbar gewesen wären.

      Es freut mich, dass du von unserer Wohnzimmer-Milonga einen besseren Eindruck hast. Das gibt mir Gelegenheit, wieder einmal zu betonen, dass es sich dabei um eine private Veranstaltung handelt. Gäste, die eine elitäre, cliquenhafte Atmosphäre verbreiten würden oder anderen das Gefühl gäben, sie seien einen Tanz nicht wert, kämen nicht rein bzw. würden nie mehr eingeladen. Das sind unsere „Códigos“.

      Gerne empfehle ich dein Blog, mittels dem man deine Gedanken und Vorlieben noch besser kennen lernen kann: https://www.ichtich.de/

      Liebe Grüße
      Gerhard

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  2. Hallo Gerhard,
    hallo liebe Veranstalterinnen,

    das „wer mit wem“, bzw. das „wer mit wem nicht“ ist und bleibt vermutlich die am meisten begrübelte/besprochene/bespottete Angelegenheit im Tango.
    Nach meiner eigenen Beobachtung stelle ich fest, dass dieses Thema von Männern weniger gewälzt wird als von Frauen. Deswegen deutet dies für mich darauf, dass sich Männer offenbar in einer relativen Position der Stärke befinden. Daran ändert offenbar auch die Gepflogenheit von Mirada/Cabeceo nichts - insbesondere dort nicht, wo diese Fertigkeiten lediglich unterentwickelt vorhanden sind.
    Die Überlegung, es müsse beim Tango ein No Go werden, eine weibliche Aufforderung, egal, wie sie erfolgt, zurückzuweisen, halte ich daher für eine gute - nein sogar für eine sehr gute Sache.
    Da ich sehr gerne ein Teilnehmer (ausnahmsloser Verfechter wäre vielleicht zu viel gesagt) jener Mirada/Cabeceo Kultur bin, frage ich mich oft, worin denn genau der „Vorteil“ für uns Männer, bei diesem Vorgang bestehen soll. Landauf landab wird immer geschrieben, diese Methode böte beiden Seiten die gleichen „Chancen“ auf einvernehmliche Tänze. Im Ansatz halte ich diese Behauptung sogar für richtig. Einvernehmlichkeit ist somit jedenfalls garantiert - immerhin ein sehr hoch zu schätzender Pluspunkt.
    EINEN signifikanten Unterschied in den Rollenverteilungen zwischen Mann und Frau gibt es im System Mirada/Cabeceo aber eben doch - und ich frage mich, ob dieser Unterschied für die „Benachteiligung“ der Frauen verantwortlich sein könnte. Der große Unterschied ist ja der, dass die Dame sessil auf das Eintreffen des vagilen Tänzers zu werten hat. Würde man diesen Spieß nun einfach umdrehen, so sollte sich doch in einer „gleichberechtigten Welt“ ansonsten nichts ändern…
    Ich würde sehr gerne einmal eine Milonga/ein Festival/einen Marathon/ein Encuentro besuchen, auf dem genau dieser Feldversuch durchgeführt wird!
    Besonders für die Veranstalter von geschlossenen Encuentros, sollte es doch ein Leichtes sein, diese „Regeländerung“ in die Teilnahmebedingungen aufzunehmen. Es wäre gleichzeitig ein Kompliment für die geistige Flexibilität aller Teilnehmer.
    Schon gut, … ich weiß, … bei Encuentros sind ja immer ALLE mit der WIRKLICH gleichberechtigten Gleichberechtigung zufrieden. Auch mir als Mann geht das dort schließlich immer so.
    Aber in einer wöchentlichen Milonga einer großen Stadt?! Dort könnte es sich doch als ein richtiges Alleinstellungsmerkmal entwickeln.
    Oder?

    @ Mirjam: Gestern besuchte ich in Freiburg die Abschlussmilonga eines „Festivalitos“. Dort habe ich tanzen sehen: Das berühmte internationale Lehrerundprofitanzpaar (Kravattennadel, Manschettenknöpfe, …); etliche von Damen geführte Damen; wenige von Männern geführte Männer; MINDESTENS eine Dame, die einen Mann geführt hat; MINDESTENS ein eher Contango-inspirierter Mann, der viele verschiedene Damen führte (musikalisch, elegant und barfuß!); …
    Noch waren es LEIDER nicht genügend führende Damen, um den Disproporz der Geschlechter auszugleichen. Deswegen ist es vielleicht bald wieder Zeit, um zu einem „Me - again“ zurückzukehren?

    Viele Grüße,
    Matthias Botzenhardt

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    1. Lieber Matthias Botzenhardt,

      mit der „Einvernehmlichkeit“ beim Cabeceo ist das so eine Sache: Woher weißt du, ob ein Partner die visuelle Einladung annimmt, weil er wirklich will – oder ihm das ständige Geglotze irgendwann zu dumm wird respektive da sich halt (gerade für die in Überzahl befindlichen Frauen) nichts Gescheiteres bietet – der Teufel frisst in der Not bekanntlich Fliegen.

      Gerade wenn du auch findest, Körbe (gerade an Frauen) sollten die Ausnahme sein, kann man doch auch einfach hingehen und freundlich fragen – sowie notfalls eine höfliche Ablehnung einstecken.

      Dein Vorschlag, dass nun die Frauen nach Einigung zu den Männern hingehen sollen, ändert im Grundsatz nichts – aber mehr Aktivität des weiblichen Geschlechts ist immer gut, wenn’s denn „der Wahrheitsfindung dient“, okay…

      Ich sage nur voraus, die meisten Veranstalter werden einen Deibel tun und irgendwas einführen, was die „freie Partnerwahl“ der Männer einschränken könnte: Wenn dann nämlich zehn beleidigte Herren wegbleiben, ist das eine größere Katastrophe als wenn sich die eh meist in Überzahl befindlichen Frauen reduzieren. Zudem ist die Gefahr, dass Frauen einen Bogen um eine Milonga machen, deutlich geringer, da ihr Leidensvermögen höher ist.

      Ich wette darauf: Würde der Cabeceo den Damen Vorteile bringen, hätten ihn die Männer von vornherein massenhaft bekämpft!

      Beste Grüße
      Gerhard Riedl

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    2. Hallo Gerhard,
      zunächst überlasse ich es jeder/jedem selbst, WIE aufgefordert, angenommen oder abgelehnt wird.
      Aus meiner Sicht ergibt sich für keine Seite ein Problem daraus, wenn sich zwei Personen höflich im Gespräch darüber verständigen, ob sie miteinander tanzen wollen. Das Verständigen in holprigen Fremdsprachen, „mit Händen und Füßen“, anderen Gesten oder mit einem „genormten“ Mix aus Mimik & Gesten plus codierten Verhaltensweisen (Mirada, ggf. Cabeceo & Abholen der Dame) ist letztlich nur eine Erweiterung des muttersprachlichen Kommunikationskanals.
      In diesem Pluralismus der Kommunikationsformen sehe also eine positive Erweiterung und nicht etwa eine negative Verengung. Sollten sich dereinst noch weitere Kommunikationsformen breitmachen, so sollten sie mindestens ALLEN Teilnehmern offenstehen - und nicht etwa erst durch das Herunterladen einer entsprechenden App auf ein Mobiltelefon funktionieren (womöglich samt Passwortvergabe durch einen Administrator). Oder gibt es das etwa schon längst?
      Ich bin auch gegen jede Form von Losverfahren.
      Bereits auf die Verlosung von kleinen Nichtigkeiten durch die Milongaveranstalter kann ich im Grunde gut verzichten. Ich bin sogar froh, dass dies in Freiburg bislang nicht übernommen wird (ich kenne diese regelmäßige Sitte aber tatsächlich aus einigen Milongas in Buenos Aires, München und Amsterdam).
      In einer gerechten Welt spricht meiner Meinung auch nichts gegen das Verteilen von Körben (ungeachtet des Geschlechts). Warum finde ich aber dennoch, dass es den Herren besser anstünde, „Körbe“ an Damen zu ächten? Deswegen, weil es sich selten um Herren handelt, die große Teile des Abends unfreiwillig herumsitzen (müssen?). Solange dieser Umstand fortbesteht, solange es also nicht viel mehr führende Damen gibt, finde ich es durchaus respektabel, wenn sich Damen nicht genieren, einen Mann direkt verbal aufzufordern. Im Gegenteil. Ich finde, dass dieser „Mut“ belohnt werden sollte. Einer „Anfängerin“ oder eine Dame, mit der ich noch nie getanzt habe, gebe ich grundsätzlich keinen verbalen „Korb“.
      In der Kommunikationsform Mirada/Cabeceo finde ich hingegen, dass es einem Mann durchaus zusteht, das von Dir als »ständiges Geglotze« beschriebene Verhalten einer Dame NICHT positiv zu beantworten.
      Andernfalls würde (in meinen Augen) ein Großteil des Reizes dieser „Form“ verloren gehen.
      In diesem Zusammenhang kann ich natürlich nur hoffen, dass mein eigenes Mirada-Verhalten von keiner Dame als »Geglotze« empfunden wird. In persönlichen Gesprächen wurde mir zwar bislang eher ein zu subtiles Verhalten attestiert - aber das ist leider keinerlei Garantie.
      Am diesjährigen Karfreitag erlebte ich beispielsweise in der Schrannenhalle die wirklich sehr seltene Situation, dass einer Dame möglicherweise mein »Geglotze« auf den Zeiger ging. Ich entnahm ihren Blicken sowohl Zusage als auch Ablehnung. Ob dieser Ratlosigkeit ging ich direkt zur betreffenden Dame und wir klärten in einem netten Gespräch, dass sie eigentlich sehr gerne mit mir tanzen würde, jedoch DIESE Tanda zunächst noch pausieren wolle. Da sie mich daran hinderte, an meinen angestammten Platz zurückzukehren, erübrigte sich die Aufnahme eines erneuten Blickkontaktes zu einem späteren Zeitpunkt (war Sie am Ende also vielleicht doch nur unendlich galant?). Sowohl wegen dieser ungewöhnlichen „Mischkommunikation“ als auch wegen der darauffolgenden Piazzolla-Tanda wird mir dieser Abend und diese Dame jedenfalls unvergesslich bleiben.
      Verbale Aufforderungen von Damen lehne ich im Gegensatz zu »ständigem Geglotze« aber nie ab. Seltene Ausnahmen gibt es bei Damen, mit denen ich eher oft und eher regelmäßig tanze, gelegentlich verweise auch ich dann auf eine der nächsten Tandas.
      (Teil 1 von 2)

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    3. (Teil 2 von 2)
      Also Gerhard - ich bin ganz Deiner Meinung und finde: »Körbe (gerade an Frauen) sollten die Ausnahme sein, [wer will] kann […] auch einfach hingehen und freundlich fragen - sowie notfalls eine höfliche Ablehnung einstecken«.
      Aber außerdem vermute ich, dass es gerade den vor Selbstbewusstsein strotzenden, männlichen Startänzern (also genau diesen Leuten wie mir…) zu etwas mehr notwendiger Demut verhelfen würde, wenn sie die aktive Rolle im Cabeceo-Spiel an die Frauen abgeben müssten. Selbst wenn der Herr in der allerersten Sekunde als „first-pick“ einer Dame auserwählt würde, so wäre doch eben diese Dame noch bis zum Schluss dazu in der Lage, justament den Sitznachbar auszuwählen. Die hundertprozentige Situationskontrolle des Mannes wäre also zunächst perdü. Und die Tanda begönne stattdessen für den Mann mit dem Impetus, „von der Frau“ ausgewählt worden zu sein. Ich glaube, die Machbalance würde sich etwas verschieben.
      Sie würde sich wohl noch mehr verschieben, wenn der Mann ernsthaft damit rechnen müsste, dass die herannahende Dame unter Umständen die Führende Rolle beanspruchen wird.
      Ich bleibe also zunächst dabei: Es käme auf den Versuch an, genau diesen aktiv-passiv Spieß einmal umzudrehen!
      Zusätzliche Aktivität erhöht in jedem Fall die gefühlte Kontrolle über eine Situation. Passives Sitzen verstärkt hingegen eine empfundene Machtlosigkeit.
      Abschließend zu diesem Gedanken eine Verknüpfung [https://youtu.be/eFV0vAkevus?t=3171] zu einem sicherlich makaber-überspitzten Vergleich (mit Kriegstaktiken des ersten Weltkrieges):
      eine passive (=viktime) Grundkonstellation führt zu einer viel negativeren Perzeption der Teilnehmer als bei einer aktiven (= heroischen) Disposition der ihnen zukommenden Aufgaben.

      Viele Grüße,
      Matthias
      (Botzenhardt)

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    4. Lieber Matthias,

      da kann ich fast alles unterschreiben. Ja, die Vielfalt machts - lassen wir doch jede(n) so auffordern, wie er/sie es möchte.

      Insofern müsstest du natürlich damit rechnen, dass eine Dame, welche mit Anstarren bei dir nicht zum Ziel kommt, irgendwann hingeht und dich direkt fragt.

      Ich besuche gerne auch rein traditionelle Milongas, auch wenn mir die Musikauswahl dann nicht hundertprozentig zusagt. Schluss ist für mich aber, wenn es Verhaltensvorschriften gibt. "Nur Cabeceo"-Milongas müssen also leider ohne mich stattfinden.

      Herzliche Grüße
      Gerhard

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    5. "...dass eine Dame, welche mit Anstarren bei dir nicht zum Ziel kommt, irgendwann hingeht und dich direkt fragt." --> ja das passiert gelegentlich.

      M.B.

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  3. Die Damen auf dem Foto ruhen sich ja nur aus oder lauschen der tollen Musik. Schließlich könnten sie ja jederzeit per Cabeceo aktiv einen Herren auffordern. Oder...?

    Servus aus Wien
    Bernhard Mairinger

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    1. Na klar, in der Theorie ist das alles ganz einfach...

      Grüße nach Wien!
      Gerhard

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  4. Schade, daß Mirjam einfach das Feld geräumt hat. Somit darf offenbar nicht jede Frau beim Tango mitmachen. Wer lang genug von den Herren ignoriert wird, soll halt aussteigen. Es gibt ja ständig Nachschub.
    Wo hier die soziale Komponente liegen soll, die die Tradifraktion immer beschwört, möge mir diese bitte erläutern.
    Eine Anfängerbekannte hatte nacheinander 3 Tanzparter, die alle mehr wollten und als sie ablehnte, waren die jeweils sofort weg. Ein weiteres Ärgernis. Sie denkt auch ans Aufhören.
    Frauke Schmidt

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    Antworten
    1. Liebe Frauke Schmidt,

      ja, der Tango ist für einen bestimmten Männertyp ein Paradies: Mit ein paar rudimentären Tanzkenntnissen kommt man ganz nah an beliebige Frauen heran und kann auch austesten, ob nicht ein bisschen mehr geht.

      Und wenn eine Frau nicht dem Beuteschema entspricht, kann man ja wegschauen...

      Beste Grüße
      Gerhard Riedl

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  5. Hallo,

    vielleicht kam das nicht so klar rüber:
    Ich gehe weiterhin tanzen, Contango und Tango.

    Dabei ist es so:
    * Es gibt Milongas, die ich aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen lieber meide.
    ** Es gibt Milongas, bei denen ich mich überraschen lasse, wie es diesmal wohl sein wird.
    Und:
    *** Ich kenne eine Handvoll Tango-Milongas, zu denen ich gerne gehe und bei denen meine Hoffnung auf einen schönen Tanzabend meist erfüllt wird.

    Schöne Tänze allerseits,

    Mirjam

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    Antworten
    1. Liebe Mirjam,

      danke für die Klarstellung - ich war grad dabei, dies auch zu unternehmen.

      Ich finde es ganz wichtig, dass nun nicht der Tango insgesamt in Verruf gerät (hat bei Standardtänzern eh keine gute Reputation).

      Glücklicherweise gibt es eine ganze Zahl von Milongas, wo sich die Veranstalter große Mühe geben, eine freundliche und offene Atmosphäre zu schaffen.

      Liebe Grüße
      Gerhard

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